März-Kolumne: Kann Bayern den Kovač-Ball?

Justin Trenner 05.04.2019

Er würde die Spieler nur verwirren, wenn er sie aus ihrer Wohlfühlzone herausholen und das System verändern würde. Aber er könne das! Zumindest versicherte Niko Kovač das allen erschienenen Pressevertretern, als er sich und seinen Ansatz auf der Pressekonferenz verteidigte.

Wen er weniger verteidigte: die Spieler. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison flüchtete der Trainer sich in mehr oder weniger plausiblen Ausreden. An der Taktik würde es jedenfalls nicht liegen – das konnte man zwischen den Zeilen sehr klar herauslesen. Doch ist der Kovač-Ball tatsächlich so anspruchsvoll, dass die Spieler ihn einfach nicht verstehen können?

Ich möchte an dieser Stelle versuchen, die bisher sichtbaren Ideen von Niko Kovač aufzuarbeiten und somit besser zu verstehen. Häufig wird der Kovač-Fußball zu sehr mit dem der vergangenen Jahre in eine Schublade gesteckt – übrigens auch von ihm selbst. Umso mehr frage ich mich, was eigentlich dahinter steckt. Es ist dementsprechend unabdingbar, zunächst zu resümieren, worin die Ansätze des Trainers bestehen.

Komponenten des Kovač-Balls

Der Kovač-Fußball lebt durch 6 wesentliche Komponenten: Aggressivität, Laufbereitschaft, Gedankenschnelligkeit, Vertikalität, Kontrolle in beide Richtungen und Kompaktheit. Während sich Aggressivität und Laufbereitschaft von allein erklären, wird es bei den anderen Eigenschaften schon schwieriger.

Zunächst aber: Woran mache ich diese Komponenten überhaupt fest? An den verschiedenen Auftritten in der Champions League und gegen die Top-Teams der Liga beispielsweise. Aber auch auf der Basis von Interviews und Informationen, die ich aus dem Umfeld erhalte. Nehmen wir das Hinspiel in Lissabon, dürfte jedem klar sein, wie der Fußball unter Niko Kovač idealerweise aussehen soll: schnell, direkt, gut im Gegenpressing, diszipliniert gegen den Ball, aggressiv, laufstark.

Auch die Anfangsphase in Liverpool zählt als positives Beispiel dazu. In diesen insgesamt 120 Minuten zeigten die Bayern gegen den Ball ein variables Pressing: Mal liefen sie ihren Gegner sehr hoch an, mal ließen sie sich fallen, ohne zu sehr in Passivität zu verfallen. Jeweils entstand der Eindruck, dass die Münchner ohne Ballbesitz sehr kontrolliert, kompakt, aggressiv und diszipliniert agierten, ohne sich hinten reindrücken zu lassen. Das Angriffspressing funktionierte, indem ein Spieler aus dem Mittelfeld die offensive Dreier- zu einer Viererkette werden ließ. In ruhigeren Verteidigungsphasen ließ sich ein Flügelstürmer ins Mittelfeld fallen und es entstand ein kompaktes 4-4-2.

Direktes Spiel in die Spitze

Neben Aggressivität und Laufbereitschaft kommen hier aber auch die Gedankenschnelligkeit und Kompaktheit zum Tragen. Kovač fordert von seinen Spielern, dass sie in Ballbesitz sehr schnell nach vorne kombinieren, sobald sie sich zum Initialpass im Spielaufbau entschieden haben.

Dafür nutzte er zu Beginn seiner Bayern-Zeit sehr hohe Achter, die sich zwischen den Linien positionierten. Mittlerweile ist es oft nur noch ein Spieler des Dreiermittelfelds, der sich in diesen Räumen bewegt – gegen Freiburg beispielsweise war die Positionierung beider Achter jedoch wieder sehr hoch. Nicht selten sah man dadurch in dieser Saison lange Laserpässe nach vorn oder halbhohe bis hohe Schläge ins letzte Drittel. Das Ziel: Den Ball zunächst mit weniger Kontrolle in das Angriffsdrittel befördern, um dann im Gegenpressing auf die zweiten Bälle zu gehen oder mit den intelligenten Spielern wie Lewandowski und Müller den Ball direkt zu behaupten. Nicht in jeder Phase des Spiels, aber durchaus dann, wenn die Aufbauspieler das Gefühl haben, dass das letzte Drittel ordentlich besetzt ist oder sie sich zu sehr unter Druck gesetzt fühlen.

Probleme lagen nach den langen Bällen häufig im Nachrückverhalten, dem schlecht organisierten und strukturierten Gegenpressing und der Ungenauigkeit im Passspiel. Erreicht der Pass nämlich nicht das letzte Drittel, wird die Besetzung der höheren Räume zum Nachteil. Zwischen den beiden Mannschaftsteilen entsteht ein Loch, das der Gegner gut bespielen kann – unabhängig davon, ob es Heidenheim, Düsseldorf oder Liverpool ist.

Kontrollverluste

Bayerns Spiel wurde gegen Liverpool, Dortmund und Leverkusen dadurch beispielsweise zu wild und so brachte man den Gegner mehr ins Spiel als sich selbst. Die Münchner schaffen es nicht, die Vertikalität und das Tempo in Ballbesitz zu gehen, ohne die Ballverluste adäquat abzusichern.

Das ist letztendlich der Balanceakt, den Niko Kovač bis heute nicht gemeistert hat: Ihm fehlt eine Grundstruktur, die einerseits ein vertikales und schnelles Ballbesitzspiel unterstützt und andererseits das Gegenpressing stärkt. Einfacher formuliert: Es fehlt ihm die Kontrolle über den Gegner.

Dabei ist Kovačs Grundidee gar nicht so verkehrt. Ballbesitzfußball hat sich in den letzten Jahren zunehmend in eine vertikalere Richtung entwickelt. Spieler suchen mit ihren Läufen und ihren Pässen schneller die Tiefe, um defensiv eingestellte Mannschaften auseinander zu spielen. Das Resultat sind Tore wie das 1:0 der Bayern in Lissabon, als viele von einer Kontersituation sprachen, obwohl der Rekordmeister sich aus einer kurzen Ballbesitzphase nach vorn kombinierte.

Können die Spieler die Ideen des Trainers nicht umsetzen?
(Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images)

Fehlen nur die Spieler dafür?

Genau das dürfte auch die Zukunft des FC Bayern sein: Mehr Tempo, mehr Risiko, mehr Gegenpressing, mehr Tiefe im Spiel. Kovač fehlen dafür im Moment zwei entscheidende Schlüssel: Einer davon ist der Kader. Auch er selbst hat das in seiner Argumentation mehrfach angeführt. Viele Spieler sind nicht (mehr) in der Lage, diesen Stil umzusetzen. Was dazu führen dürfte, dass der FCB im Sommer tief in die Tasche greift.

Hernández, Odoi, Pavard, Pépé und auch jemand wie Brandt oder Havertz sind Spieler, die diesem Stil eher entsprächen als beispielsweise Ribéry, Robben oder Rafinha. Und auch bei Hummels und Boateng muss nach der aktuellen Saison die Frage gestellt werden, ob sie die nötige Handlungsschnelligkeit noch mitbringen – wenngleich ihre Fehlbarkeit vor allem auch auf strukturelle und gruppentaktische Probleme zurückzuführen ist. Gerade Müller ist hingegen ein zwiespältiges Thema. Einerseits sind seine Läufe wie gemacht für eine solche Ausrichtung, andererseits schafft Kovač es bis heute zu oft nicht, ihn in eine Rolle zu bringen, die seine Stärken mehr fokussiert als seine Schwächen.

Und hier sind wir auch schon unweigerlich beim zweiten Schlüssel: die Flexibilität des Trainers. Kovač hatte gegen Dortmund, Liverpool und selbst in den Spielen gegen Ajax einen ordentlichen bis guten Plan A. Nicht perfekt, aber gut. Sobald sich Mannschaften auf diese Ausrichtung eingestellt haben, fehlt es jedoch an Lösungen. Kovač scheitert bereits daran, mit dem Vorhandenen zu arbeiten. Und ist es nicht genau das, was einen guten Trainer auszeichnen sollte?

Können sie das?

Nun kann darauf gehofft werden, dass Kovač mit den Neuzugängen im Sommer neu angreifen kann. Unberechtigt ist das nicht. Vielleicht lernt Kovač aus seinen Fehlern in den großen Spielen. Vielleicht schafft er es wirklich, den vertikalen und schnelleren Ballbesitzstil so zu balancieren, dass die Bayern ab Sommer wieder ihre gewohnte Wucht im Spiel entwickeln.

Gerade die fehlende Anpassungsfähigkeit auf die Umstände macht aber Sorgen – und die Schuldzuweisungen in Interviews bestätigen diese. Kovač gibt sich zu oft den äußeren Faktoren geschlagen. Will er Bayern-Trainer bleiben, muss er es schaffen, auf Rückschläge die richtigen Antworten zu finden. Andernfalls ist seine Reise bald vorbei. Und das, obwohl die Ansätze eines schnelleren, aggressiveren und vertikaleren Spiels nicht zwingend verkehrt sind.

Der Kovač-Ball kann die Zukunft des FC Bayern sein – beziehungsweise seine Ansätze. Aber nur, wenn er sich in der Umsetzung flexibler, balancierter, kontrollierter und gedankenschneller präsentiert. Neue Spieler werden diese Veränderung nicht von alleine bringen. Es braucht zusätzlich Änderungen im strategischen und taktischen Bereich.

Hier sind neben der sportlichen Führung vor allem der Trainer und sein Team gefragt. Und dementsprechend sollte die Frage nicht lauten, ob die Bayern den Kovač-Ball nicht können. Sie sollte fragen, wie der Trainer es schafft, dass seine Ideen umgesetzt werden können. Scheitert er daran, scheitert er in seinem Job. Und wer nach dem Motto „Lieber gar nichts ändern als falsch zu ändern“ an die Sache herangeht, ist schon längst gescheitert. Denn wenn jemand deine Ideen nicht umsetzen kann, solltest du dich erstmal fragen, wie du sie vermittelst. Immerhin besteht der Kader des FC Bayern nicht aus Kreisliga-Spielern, sondern aus welchen, die in ihrer Karriere alles erlebt haben. Sogar Trainer, die Systeme verändern.

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