Sanches überzeugt bei starkem Auftakt gegen Benfica

Justin Trenner 19.09.2018

Vor dem Spiel stand die Frage im Raum, wie weit der FC Bayern tatsächlich ist. Benfica sollte hier der erste Gradmesser der Saison werden.

Falls Ihr es verpasst habt:

Der Trainer des FC Bayern wusste durchaus zu überraschen.

SL Benfica vs. FC Bayern MünchenGrundformationen: Benfica – Bayern, 19.09.2018

Thiago war wohl angeschlagen und auch Goretzka bekam im Training einen Schlag ab. Da Tolisso sich gegen Leverkusen das Kreuzband riss, stand Renato Sanches erstmals in dieser Saison in der Startelf.

Kovač verzichtete sogar auf Thomas Müller, der in den letzten Wochen immer besser in Form zu kommen schien. So bestand das Zentrum aus Martínez, Sanches und James Rodríguez. Hinten und vorne war alles wie erwartet.

Erwartbar war auch die Ausrichtung der Heimmannschaft. Benfica startete im 4-3-3, das sich gegen den Ball zwischen 4-5-1, 4-4-2 und 4-3-3 einpendelte. Die Portugiesen störten mitunter sehr früh, ließen sich aber auch schnell nach hinten fallen, wenn der FC Bayern die erste Pressinglinie überspielte.

Das gelang den Bayern in der Anfangsphase mehrfach sehr gut. Schon nach gut zehn Minuten lösten Kimmich, Neuer und die Innenverteidiger eine Drucksituation sehr gut auf. Sanches ließ sich von der Mittellinie zurückfallen und bekam direkt das Zuspiel. Plötzlich war richtig Platz da. Über Ribéry gelangte der Ball zu Lewandowski, der technisch sehenswert die frühe Führung erzielte. Traumstart.

Doch Benfica blieb mutig und lief weiterhin sehr hoch an, um Bayern im Spielaufbau zu stören. Nach 27 Minuten gelang ihnen aus einem Konter heraus sogar beinahe der Ausgleich, doch Neuer parierte großartig.

Es war bis hier ein sehr souveräner Auftritt der Bayern, die unter Druck viele richtige Entscheidungen trafen. Doch die Chance war für die Portugiesen der Startschuss einer längeren Druckphase.

Robben hätte in der ersten Hälfte gleich zweimal für Ruhe sorgen können, scheiterte aber jeweils an Vlachodimos (13. und 40.). Gerade gegen Ende zog sich der Rekordmeister zunehmend an den eigenen Strafraum zurück, konnte aus den Kontern aber nichts machen. So ging es mit einer knappen 1:0-Führung in die Kabine.

In der zweiten Halbzeit ging das Spiel ähnlich weiter. Mal verteidigte Bayern tief, aber meist sicher, mal hatten sie über längere Zeit den Ball. In der 54. Minute löste der FCB erneut ein hohes Pressing der Portugiesen auf. Wieder war es Kimmich, der für die herausragende erste Aktion sorgte. Sanches bekam im Mittelfeld den Ball, trug diesen mit einem sehenswerten Dribbling nach vorn und war schließlich auch der Zielspieler im Strafraum, der das 2:0 nach butterweicher James-Vorlage erzielte.

Insgesamt blieb es aber dabei, dass Benfica durchaus wollte, aber nicht konnte. Das lag nicht zuletzt an einer sehr konzentrierten Defensivleistung der Bayern. Am Ende standen zwar 14 zu 14 Torschüsse in der Statistik, doch 1 zu 5 Großchancen sprechen da schon eine sehr klare Sprache. Benfica versuchte es häufig aus der Distanz oder über Standards, kam aber nur selten gefährlich vor das Tor von Manuel Neuer.

Ein gelungener Auftakt der Bayern, die mit dieser Leistung auf Platz zwei in ihrer Gruppe stehen, weil Ajax gegen Athen früher am Abend mit 3:0 gewinnen konnte.

5 Dinge, die auffielen:

1. Sanches wie ein Neuzugang

Renato Sanches war die größte Überraschung in der Startelf des FC Bayern. Umso gespannter waren Zuschauer, wie gut das Mittelfeld funktionieren würde. Der Portugiese spielte mal halbrechts in der Müller-Rolle, mal verschob er aber auch auf die James-Seite, um zu überladen oder zu tauschen.

Diese Dynamik in seiner Rolle fiel direkt auf. Sanches kam gut in die Partie, hatte gleich mehrere gute Momente, in denen er sich kurz fallen ließ, um dann in seine berühmten Dribblings zu gehen. Im Ansatz sah das richtig gut aus. Lediglich die letzte Aktion blieb manchmal aus.

Ein großer Unterschied zu früheren Tagen ist aber, dass der Portugiese es nicht mehr so sehr erzwingen möchte. Er wirkte klarer in seinen Aktionen, wusste zu jeder Zeit, was er als nächstes machen möchte. Oft agierte er als Zielspieler für den Spielaufbau, bot sich klug zwischen den Linien an und machte dies keinesfalls schlechter als Goretzka oder Tolisso in den Wochen zuvor.

Seine Dynamik kann insgesamt ein großer Mehrwert für das Bayern-Spiel werden. Beim 2:0 zeigte er in einer Aktion alles, wofür er an die Säbener Straße geholt wurde. Nach erneut großartigem Spielaufbau unter Druck setzte er sich im Dribbling durch und hatte schließlich das Auge für seine Mitspieler. Abschließend lief er aus dem Rückraum in den Strafraum, wo James ihn bediente.

Das Tor krönte eine sehr gute Leistung. Gerade in der Schärfe seiner letzten Aktionen muss Sanches aber immer noch arbeiten. In manchen Situationen wirkte er noch zu nervös und hektisch.

Wichtig ist es jetzt, die positive Entwicklung wahrzunehmen und darauf basierend die nächsten Schritte zu gehen. Zu hohe Erwartungen sind jetzt ebenso unangebracht wie die überharte Kritik an seinen schwachen Leistungen im Debüt-Jahr. Sanches sollte wie ein Neuzugang behandelt werden. Kovač ist sich dessen bewusst und zeigt sich dementsprechend optimistisch, ruhig, aber auch gelassen in der Öffentlichkeit.

Renato Sanches erzielte nicht nur ein Tor, sondern machte mit seiner Leistung viele Schritte in die richtige Richtung.
(Foto: Octavio Passos / Getty Images)

2. Stiche mit stumpfer Nadel

In einigen Phasen des Spiels zogen sich die Bayern tief in die eigene Hälfte zurück. Lewandowski verteidigte dann alleine an der Mittellinie, während sich Robben und Ribéry neben die drei zentralen Mittelfeldspieler fallen ließen. Es war aber keinesfalls so, dass die Gäste dort unsicher wirkten.

Zu fast keiner Zeit hatte man wirklich das Gefühl, dass Benfica zu ernsthaften Chancen kommen würde. Lediglich um die 30. Minute herum gab es ein, zwei Ansätze und eine große Möglichkeit zum Ausgleich. In den meisten Momenten wirkte die kompakte Formation der Bayern sehr stabil.

In den ersten Wochen unter Niko Kovač wurde deutlich, dass ein Fokus auf Robustheit, Physis und Zweikämpfen liegt. Das macht sich bisher bezahlt. Für jeden Gegner war es bisher schwer, vor das Tor von Manuel Neuer zu kommen, der im Notfall ebenfalls zur Stelle ist.

Was allerdings noch nicht klappt, sind die letzten Nuancen in Kontersituationen. Zwar schaffen es die Münchner, gut umzuschalten und sich somit auch in kürzester Zeit vor das gegnerische Tor zu kombinieren. Doch da fehlt dann die letzte Idee. Gegen Ende der ersten Halbzeit gab es mehrere Szenen, in denen Bayern leichtfertig den Ball hergab – trotz Gleich- oder Überzahl. Eine starke Tiefenverteidigung ist wichtig, doch ist die Nadel bei den Nadelstichen stumpf, fehlen Entlastung und Durchschlagskraft.

3. Geduld unter Druck

Die Frage, wie der FC Bayern unter hohem Druck agieren würde, war vor dem Spiel groß. Hoffenheim hatte zwar gute Ansätze, um die Münchner früh zu stören, doch letztendlich fehlte es an Qualität und Form. Benfica war nun erstmals in der Lage, den Spielaufbau der Kovač-Elf auf die Probe zu stellen.

Mit Martínez, Sanches und James war nicht wirklich klar, wie der FCB damit umgehen würde. Tatsächlich gelang es ihnen aber auffällig oft, das hohe Pressing zu überspielen. Mal war es ein präziser und langer Schlag auf Lewandowski, mal ein Diagonalblick auf die sich anbietenden Flügelspieler. Gerade beim Führungstreffer zeigten die Bayern aber ihre ganze Klasse. Die Mittelfeldspieler positionierten sich klug, besetzten die Räume zwischen den Ketten des Gegners gut.

Kimmichs überragende Auftaktbewegung sorgte für den Platz, um den ersten Vertikalpass zu spielen, den Sanches dank klugem Laufweg empfing. Resultat war viel Platz, den Bayern eiskalt ausnutzte. Gerade durch die individuelle Klasse der Einzelspieler ist Bayern immer in der Lage, auch bei schlechter Positionierung oder in Unterzahlsituationen Lösungen zu finden.

Es funktionierte zwar längst nicht alles, doch die Mischung aus Geduld und Präzision garantierte ein meist sicheres Aufbauspiel. Darauf kann Kovač in den nächsten Wochen – Achtung! – aufbauen.

4. Lahm-Gedächtnisleistung

Hervorzuheben war gegen Benfica die Leistung von Joshua Kimmich. Der Rechtsverteidiger rückte manchmal ein, besetzte dann die Zwischenräume im Mittelfeld. Manchmal bot er sich auch tief an, um eine Dreierkette im Aufbau zu erzeugen. Gerade unter Druck zeigte er aber, welch großartiges Verständnis für den Raum er besitzt.

Durch seine ständigen Schulterblicke war er zu jedem Zeitpunkt Herr der Lage und befreite sich mit scheinbar einfachen Körpertäuschungen aus dem Pressing des Gegners. Die Balance aus Offensive und Defensive wurde bei Kimmich ja häufig kritisiert. An diesem Abend glänzte er mit einer kleinen Lahm-Gedächtnisleistung.

5. Wo steht der FC Bayern?

Diese Frage stellten sich viele Fans des Rekordmeisters vor dem Duell mit Benfica. Die Portugiesen waren tatsächlich der erwartete Gradmesser. Fakt ist, dass Bayern mit dem hohen Druck insgesamt gut umging und stets Lösungen fand. Fakt ist auch, dass einige leichtfertige Ballverluste so einen Abend schnell vermiesen können.

Insgesamt bleibt aber das Fazit, dass der FC Bayern unter Kovač eine klare Handschrift erkennen lässt. Defensivarbeit, Intensität, Gegenpressing und Einstellung sind bereits auf aller höchstem Niveau. Die Ballzirkulation und das Positionsspiel sind wiederum in Nuancen zu verbessern. Gerade in der Präzision der einzelnen Aktionen gibt es noch einiges an Arbeit. Zieht man nach diesem Spiel aber einen ersten kleinen Strich, so bleibt ein sehr positives Zwischenfazit, das bei Bayernfans Vorfreude auf die kommenden Aufgaben auslösen dürfte.

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