Vorschau: FC Schalke 04 – FC Bayern München

Noch 90 Minuten, dann ist die erste englische Woche unter Niko Kovač vorbei. Souveräne Siege gegen Leverkusen und in Lissabon sorgen für eine hervorragende Ausgangslage. Doch Zeit, um sich auf die Schultern zu klopfen, gibt es nicht. Schon auf Schalke soll am Samstagabend der nächste Sieg folgen.

Dort wartet ein Gegner, der die Euphorie der Vizemeisterschaft nicht in die neue Saison bringen konnte. Oder war es zu viel Euphorie? In der Bundesliga steht Schalke nach drei Spielen auf dem vorletzten Tabellenplatz. Klingt nach einem gefundenen Fressen für den FC Bayern, oder?

Tedescos zweites Jahr

Am Dienstag wollte Schalke dann den ersten Schritt in die richtige Richtung machen. Zu Gast war der FC Porto. Ein Gegner der Fußball spielen kann und will. Endlich eine Mannschaft, die Schalke wieder etwas mehr in die Karten spielen könnte. Keinem war Anspannung und Motivation so sehr anzumerken wie Domenico Tedesco. Auch für den Trainer ist es eine wichtige Saison.

An der Seitenlinie ist der 33-Jährige immer sehr aktiv. Auch gegen Porto gab er Anweisungen, versuchte in jeder Szene Einfluss auf Mannschaft und die Schiedsrichter zu nehmen. Schalke kämpfte, Schalke rannte, Schalke versuchte, alles reinzuwerfen, um hinten nichts anbrennen zu lassen. Es war keine Augenweide, doch allein in der defensiven Ordnung ein erster Fortschritt.

Mitte der ersten Halbzeit gewinnt Tedescos Mannschaft an der Seitenlinie einen nicht allzu bedeutenden Zweikampf. Tedesco applaudiert wild, läuft entschlossen in Richtung Offensive und will seine Spieler mitnehmen. Doch den Einwurf kriegt der FC Porto. Tedesco bleibt stehen, sieht den Linienrichter ungläubig und grimmig an. Sein Gesicht sagt mehr als alle Worte, die er an diesem Abend noch äußern wird.

Schalke hat dieser Tage auch mit den äußeren Faktoren zu kämpfen. Unglückliche Schiedsrichterentscheidungen erschweren den Saisonstart, der schon aufgrund der internen Faktoren kompliziert genug ist. Gegen Porto hagelt es wieder zwei umstrittene Elfmeter gegen sie. Am Ende reicht es nur zu einem 1:1.

Während der letzten Saison wurde Tedesco mit vielen Vorschusslorbeeren geschmückt. Seine Mannschaft stellte nach Bayern und Stuttgart die beste Defensive der Liga – 37 Gegentore sind tatsächlich ein ordentlicher Wert. Meist verschob Schalke im 5-3-2, 5-2-3 oder 5-4-1 sehr Kompakt. Spielsituation und Gegner entschieden darüber, für welche Raumaufteilung Tedesco sich entschied und wann seine Spieler ins Pressing gehen sollten.

Es kommt ihm auf die Umschaltmomente an. Dort soll Schalke möglichst schnelle und richtige Entscheidungen treffen, in wenigen Sekunden Vorteile herausspielen. Er wird nicht müde, zu betonen, dass es im Pressing auf den richtigen Moment ankommt.

Im Interview mit Spielverlagerung.de stellte er folgende Fragen dafür in den Mittelpunkt: “Was ist der Pressingauslöser? Welche Bälle vom Gegner sind als Pressingsignal wahrzunehmen?” Es gäbe zwar auch allgemeine Auslöser, “aber das variiert schon stark von Gegner zu Gegner”, so Tedesco.

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Während der ersten Pflichtspiele stimmten die Pressingmomente häufig nicht. Tedescos Bemühungen an der Seitenlinie haben sich gefühlt nochmal vervielfacht. Immer wieder gibt er lautstarke Anweisungen, damit sein Team die Ordnung hält. Zu häufig gehen einzelne Spieler ins Pressing, obwohl der Auslöser aus Sicht des Trainers nicht gegeben war. Das Timing ist spürbar schlechter als im Vorjahr.

Spannend ist zudem, dass Schalke in dieser Saison deutlich effektiver mit den eigenen Schwächen konfrontiert wird. Bisher hatte die Mannschaft große Probleme damit, das Spiel selbst zu gestalten.

Gerade auf der Sechserposition und im Spielaufbau hat Königsblau große Schwierigkeiten. Oft sind die Abstände riesig, das Mittelfeld nicht gut besetzt und so kommt es vor, dass der Ball minutenlang ohne Raumgewinn in den eigenen Reihen bleibt.

Rudy soll dort in Zukunft Abhilfe schaffen. Der Neuzugang vom FC Bayern hat die Möglichkeit, sich als wichtiges Bindeglied und kreativer Spielmacher aus der Tiefe zu beweisen. Bisher gelang es ihm noch nicht, doch die Umstellung vom bayrischen Positionsspiel auf Tedescos Fußball ist nicht einfach. Zumal die Gegner sich auch auf den neuen Rudy-Fokus einstellen konnten.

Fakt ist, dass Tedesco sich nun als der Taktiktüftler beweisen muss, der in der Öffentlichkeit gerne dargestellt wird. Die Vorschusslorbeeren hat er sich mit einer starken Defensivtaktik verdient. Jetzt muss seine Mannschaft aber den nächsten Schritt gehen und sich in Ballbesitz weiterentwickeln. Die beiden Umschaltmomente sind viel wert. Doch wenn der Gegner kein Interesse daran hat, den Schalkern mit Offensivfußball in die Karten zu spielen, dann braucht es kreative Alternativen.

Für Spielgestalter Rudy wird er Lösungen finden müssen. In Hoffenheim war er damals der Taktgeber, den Bayern nur kurze Zeit bestaunen konnte und den Schalke jetzt braucht. Beim Rekordmeister verlor er seine Qualitäten auch deshalb, weil er nicht seinen Stärken entsprechend eingebunden wurde. Rudy braucht eine passende Rolle für sich mehr als viele andere Spieler.

Tedesco ist ein junger Trainer und zeigte sich bisher als kritikfähig. Das könnte ihm helfen, Schalke erneut zu stabilisieren. Er geht jetzt in seine zweite Saison. Wie erfolgreich diese wird, hängt vor allem davon ab, wie schnell er seine eigenen Vorstellungen hinterfragen und erweitern kann. Nur mit Defensivfußball wird er in den kommenden Monaten nicht mehr so erfolgreich sein wie im ersten Jahr.

Tedesco ist derzeit oft unzufrieden, wenn seine Mannschaft ins Pressing geht.
(Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

FC Bayern: Keine Zeit für Freude

Beim FC Bayern feierte man am Mittwoch ausgelassen den nächsten Sieg – im Vergleich zu Schalke ist das eine andere Welt. Auch den Neuzugang mit der Nummer 35 ließ man ordentlich hochleben. Renato Sanches scheint seine erste Saison in München mittlerweile entsorgt zu haben. Es ist ein Neuanfang für ihn. Mit neuem Selbstbewusstsein wagt er seinen zweiten Anlauf, der am Mittwochabend mit seinem ersten Startelfeinsatz der Saison begann.

Sanches überzeugte. Er traf sogar und genoss die Reaktionen von allen Seiten sichtlich. Nicht nur Mitspieler und Trainer überschütteten ihn mit Zärtlichkeiten, auch das sensible Publikum in Lissabon applaudierte für den ehemaligen Benfica-Spieler.

Doch damit musste am Donnerstag schon wieder Schluss sein. In München hat man keine Zeit, sich großartig über Teilerfolge zu freuen. “Du gewinnst beim FC Bayern nicht, damit du dich über den Sieg freuen kannst, sondern damit du am Sonntag deine Ruhe hast”, sagte Müller im Gespräch mit The Players’ Tribune.

Noch ist nichts erreicht. Der Rekordmeister ist souverän in die Saison gestartet – das ist die unaufgeregte Meldung der ersten Kovač-Wochen, die eigentlich nicht überraschen sollte.

Und doch ist in München deutlich zu spüren, dass es einen Hauch von Zufriedenheit gibt. Kovač rotiert in seiner ersten englischen Woche durch, trifft dabei viele richtige Entscheidungen. Ohne Thiago stand in Lissabon die große Frage im Raum, ob der FC Bayern spielerisch genug entgegensetzen würde.

Das gelang. Wie Sanches im Zusammenspiel mit James und Martínez für Kontrolle sorgte, war bemerkenswert. Hier und da fehlte die letzte Schärfe in den Aktionen der Bayern, doch insgesamt wirkte das alles sehr durchdacht, geplant und gewollt. Positionsspiel und Struktur sind erkennbar, die Ballzirkulation sah in vielen Phasen richtig gut aus. Auch weil die Mannschaft sich gegenseitig unterstützt, Dreiecke bildet und die Halbräume so stark überlädt wie in den besten Zeiten.

Doch es gibt auch andere Phasen. Dann wirken die Münchner etwas unkonzentrierter, spielen leichte Fehlpässe. Das kann und darf nicht ignoriert werden. Dafür sind die Ansprüche zu groß. Nicht immer kann die individuelle Klasse solche engen Situationen retten.

Welcher Ansatz gegen Schalke?

Gegen Benfica sah man einen weiteren Ansatz, der für die Zukunft sehr spannend sein dürfte. Bayern spielte durchaus viel auf Ballbesitz. In den längeren Phasen mit Ball war man auch immer in der Lage, das Tempo zu verschärfen und Gefahr zu erzeugen. So entstanden die meisten Chancen sowie die beiden Tore – in bester Guardiola-Manier.

Doch in vielen Phasen ließ sich der FC Bayern auch mal tiefer fallen. Unter Ancelotti gab es solche Momente ebenfalls zu beobachten. Dies war aber stets mit einem Kontrollverlust verbunden. Die Münchner schafften es nicht, den Gegner ohne Ball zu kontrollieren und zitterten sich so von Aktion zu Aktion. War der FCB nicht in Ballbesitz, gab es ständig das Gefühl, dass jeden Moment ein Gegentor fällt.

Dieses Gefühl gab es in Lissabon nur zwischen der 27. und der 32. Minute. Benfica kam dort einmal sehr gefährlich vor Neuers Tor. Sonst stand die Mannschaft aber sehr stabil und sicher. Dominanz mit und ohne Ball wechselten sich ab und immer war man Herr der Lage.

Will man das auch in Duellen mit größeren Mannschaften sein, braucht es noch mehr Präzision und Konzentration – vor allem in Ballbesitz muss das Spiel noch dominanter und kontrollierter werden. Doch die Ansätze sehen gut aus. Kovač hinterlässt ganz klar eine Handschrift, die zu Recht Vorfreude auslöst.

Gegen Schalke wird es vor allem auf die eigene Ballzirkulation ankommen. Die Tedesco-Elf wird auch mal ein etwas höheres Mittelfeldpressing wagen, sich größtenteils aber mit einer tiefen Fünferkette an den eigenen Sechzehner stellen, um dann auf Konter zu lauern. Dort fühlt sie sich weiterhin am wohlsten. Kovač wird diesmal Lösungen gegen eine Fünferkette finden müssen, die die sonst fokussierten Halbräume durchaus effektiver zustellen kann als eine Viererkette.

Schalke mag aktuell nicht so erfolgreich sein, doch das Spiel gegen die Bayern spielt ihnen zum jetzigen Zeitpunkt in die Karten. Für die Bayern kommt es am Samstagabend auf Ruhe, Tempo, Kontrolle und eine gute Konterabsicherung an. Sollte das alles passen, schaut Tedesco vielleicht wieder so grimmig wie am Dienstagabend, als er den Linienrichter am liebsten mit seinen Blicken aus dem Stadion befördert hätte. Denn dann hat kaum eine Mannschaft auf der Welt eine Chance gegen diesen FC Bayern.

Das Thesen-Duell

Die Regeln findet ihr hier. Die Zahl für These 3 wurde diesmal von Justin gewählt. Kurzfristige Änderungen sind bis zum Spieltag noch möglich.

Ergebnis des letzten Spieltags: Justin 1,8 : 3,4 Fatbardh

Zwischenstand insgesamt: Justin 16,6 : 12 Fatbardh

Justins Tipps

  1. Torschütze: Robert Lewandowski
  2. Freie These: Schalke trifft nicht.
  3. Über/Unter 2,5: Über!
  4. Aufstellung: Neuer – Kimmich, Süle, Hummels, Alaba – Thiago – Goretzka, Müller – James, Lewandowski, Ribéry

Fatbardhs Tipps

  1. Torschütze: Robert Lewandowski
  2. Freie These: Goretzka sammelt einen Scorerpunkt.
  3. Über/Unter 2,5: Über!
  4. Aufstellung: Neuer, Kimmich, Boateng, Süle, Alaba, Thiago, Goretzka, Müller, Robben, Lewandowski, Gnabry
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Leserkommentare
  1. cj

    Bin mal gespannt, was Kovac auf den Aussenbahn vorhat. Alaba und Kimmich können ja nicht jedes Spiel durchspielen. Er wird mindestens einen Spieler zum rotieren brauchen (Boateng, Goretzka, Sanches, Gnabry?). Vielleicht wissen wir morgen schon mehr (wahrscheinlich aber erst gegen Augsburg).

    1. Josef

      Ja, bin auch gespannt. Gleichzeitig aber entspannt:
      1) Kimmich und Alaba können nicht immer spielen, aber viel. Sehr viel. Und das werden sie.
      2) Einfach einen Amateur- / Jugendspieler ins kalte Wasser werfen. Was soll schon schief gehen?
      3) Jemanden temporär umschulen, z.B. die von dir angesprochenen.
      4) Dreier IV-Kette und dann Gnabry/Robben/Sanches als Wingback. Bin zwar an sich kein Freund der 3-IV-Kette, aber hey, als Überbrückung passt’s scho.

      Augsburg wäre natürlich perfekt, um jemanden von unten hochzuziehen, nicht zuletzt, weil die Amateure dann kein eigenes Spiel haben.

  2. Thomas

    Was überhaupt nicht thematisiert wurde:
    Goretzka sieht am Samstagabend seiner Wiederkehr auf Schalke entgegen. Es wird wohl viele Pfiffe geben. Auch Plakate und unflätige Gesten??

    Wie wird unser Neuer damit zurecht kommen?

    1. theres82

      “Wie wird unser Neuer damit zurecht kommen?”
      Neuer wird das egal sein, der checkt mal kurz sein Transfermarktprofil unter “Titel” dann läuft das :D

      Goretzka macht das schon. So heftig wie mit Götze damals, dass er sich im Spielertunnel aufwärmen musste wirds sicher nicht.
      So wie Sanches’ Rückkehr nach Lissabon wirds aber wohl auch nicht, wenn er treffen sollte…

    2. Ich habe das bewusst nicht thematisiert, weil es für mich kein relevantes Thema ist.

      1. jjs

        @ Justin: Verstehe ich.
        Aber wir dürfen.

      2. Absolut. Ihr dürft (fast) alles. :)

      3. Kurt74

        Aber im Stadion wird es ein Thema sein, wir werden es noch deutlich genug hören und sehen.

        Neuer hatte dazu eine tolle Aussage gemacht: “Je mehr Hass einem entgegenkommt, desto mehr weiß man, wie sehr man geliebt wurde”

  3. Osrig

    Mal von mir eine fussballtheoretische Kritik am Text:
    Da sprichst Du, Justin, davon, dass unsere Jungs es unter Ancelotti nicht geschafft hatten, “das Spiel ohne Ball zu kontrollieren”, was im Umkehrschluss ja bedeutet, dass es deiner Meinung nach möglich wäre, die Kontrolle über das Spiel auch ohne Ball zu erlangen. Etwas weiter im Text schreibst Du zum Benfica-Spiel, dass sich bei uns “Dominanz mit und ohne Ball” abgewechselt hätten, gibst also wieder den Hinweis, dass Spielkontrolle ohne Ballbesitz möglich sei.

    Das bestreite ich! Meiner Ansicht nach ist es nicht möglich, ohne Ball die Kontrolle über ein Spiel zu haben!
    Warum? Wenn ich den Ball habe, dann agiere ich, kann entscheiden, auf welchem Wege ich versuche, zum Torerfolg zu kommen! Habe ich den Ball aber nicht, dann kann ich nur reagieren! Hat derjenige, der im Spiel auf eine Situation reagieren muss, die Kontrolle über die Situation und somit über das Spiel? Nein, weil ich in der Reaktion immer nur dem Ball hinterherlaufen kann. Erst mit Ballgewinn ändert sich das!

    Wenn ich im Spiel ohne Ball eine gute defensive Ordnung habe und die Struktur halten kann, mache ich es dem Gegner schwer, seine Kontrolle über das Spiel und den Ball in eine Torchance umzumünzen, trotzdem bestimmt der Gegner das Geschehen. Selbst wenn es mir gelingt, den Gegner lange Zeit vom eigenen Tor wegzuhalten, kann ich nicht von Kontrolle über das Spiel reden, da ja jederzeit eine gelungene Gegneraktion Gefahr heraufbeschwören kann. Was wir selbst aus leidlicher Erfahrung wissen.
    Also, warum sollte es deiner Meinung nach möglich sein, ein Spiel auch ohne Ball zu kontrollieren? Da wäre ich neugierig! :-)

    1. Atlético Madrid kontrolliert Spiele seit Jahren ohne Ball.

    2. Vielleicht mache ich irgendwann mal einen Artikel daraus. Finde ohnehin, dass Konter- und Ballbesitzfußball viel zu sehr abgegrenzt werden. Es wird ja auch so getan, als hätten Guardiola und van Gaal sich überhaupt nicht für das Umschalten interessiert.

      1. Jo

        “Vielleicht mache ich irgendwann mal einen Artikel daraus.”
        Wäre ein schöne Idee. Das zeigen schon die Ansätze der Diskussion hier.
        Wie der gute Beitrag von Josef aufzeigt, ist dafür “ein halbwissenschaftlicher, methodischer Ansatz” sicher vonnöten, in dem man einige Dinge zu definieren versucht.
        Mein spontaner Ansatz: Kontrolle ist, wenn auf dem Spielfeld das passiert was ich will.

        Ein Beispiel dafür, dass jedem Bayernfan schmerzlich bekannt sein dürfte: CL-Finale 2010.
        Wer hatte da den Ball? Wer hat das Spiel kontrolliert?

    3. Josef

      Interessante Fragestellung. Meiner Meinung nach ist dein Blickwinkel voreingenommen, weil du a priori definierst, dass Kontrolle agieren statt reagieren erfordert.
      Ich sehe keinen Grund für diesen logischen Schluss. Lass uns einen Schritt zurückgehen und “Kontrolle” definieren. Kontrolle heißt doch, maßgeblich entscheiden zu können, welches Ereignis eintritt bzw. nicht eintritt.
      Das hier wesentliche Ereignis (welches verhindert werden soll) ist das Gegentor. Weil Tore / Chancenverwertung auch immer Zufall sind, gehe ich eine Ebene höher und definiere Torchance des Gegners als Ereignis, das ich verhindern will.

      Man könnte dann wie folgt definieren: “Kontrolle über ein Fußballspiel bedeutet, in den nächsten 10 Ballaktionen mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% keine Torchance für den Gegner zuzulassen.”
      (Absolute Kontrolle = absolute Sicherheit kann es im Fußball nie geben.)

      Und damit wäre ich auf Justins Seite.

      Dann wird auch schnell klar, dass dein Ansatz, Kontrolle erfordere Ballbesitz gleich auf zwei Ebenen falsch sein muss (false positive und false negative). Das Beispiel Atletico (false negative nach deiner Definition^^) wurde bereits genannt: Die machen es sehr oft vor, im Spiel gegen den Ball so gut zu stehen, dass die Gefahr einer Gegnertorchance verschwindend gering ist.
      Das andere Beispiel wäre ein Spiel mit Ballbesitz von z.B. Manchester City gegen Liverpool: scheinbare Kontrolle bei City durch Ballzirkulation in den eigenen Reihen, aber dann Blitzpressing von Pool –> Ballverlust und innerhalb weniger Aktionen/Sekunden Tor(chance) gegen City.

      Sorry für den halbwissenschaftlichen Ton, aber ich finde die Frage sehr spannend und wollte deshalb methodisch herangehen.

      1. Osrig

        Ich finde solche quasi wissenschaftliche dh. kontrollierte ;-) Herangehensweisen gut!
        Klar, im Fussball gibt es viele Zufälle, und niemals 100% Sicherheit für den Erfolg einer Aktion.
        Und Defensivaktionen sind immer einfacher als Offensivhandlungen.
        Tatsächlich wäre erst einmal zu definieren, was Kontrolle über Ball und Spiel denn bedeutet!
        Wenn es nach deiner, atletico-affinen Defintion geht, derjenigen Mannschaft die Spielkontrolle zu zugestehen, der es gelingt, über 10 Ballaktionen des Gegners mit 99% Wahrscheinlichkeit eine Torchance zu verhindern, dann würde ja grundsätzlich davon zu sprechen sein, dass die verteidigende Mannschaft die Spielkontrolle hält, weil es ihr gelingt, den Ball von eigenen Tor fernzuhalten. Jedenfalls die weit überwiegende Zeit der 90 Minuten, in denen ja selbst offensivstarke Mannschaften ja nun auch nicht im Minutentakt auf das Tor zielen können.
        Nein, diese Definition ist mir zu einseitig!

        Ich stelle die Frage, wodurch sich Kontrolle über das Spiel zeigt: Spielkontrolle zeigt sich doch dadurch, dass ich als Mannschaft den Gegner dazu bringe, in meinen Sinne zu handeln und ich dadurch meinen “Matchplan” umsetzen kann, mit dem ich zum Erfolg, dh. Torerfolg kommen will. Damit bin ich wieder bei Aktion und Reaktion, und ohne Ball kann ich eben nur reagieren, also auf die Tatsache, dass der Ball verloren wurde, handelnd antworten. Andersherum habe nur ich als der Ballbesitzende die Option, zu entscheiden, auf welche Weise ich versuchen möchte, dem Gegner mein Spiel aufzuzwingen und zu einem Fehler zu treiben, der mir eine Torchance ermöglicht.

        Die Frage wäre jetzt, wenn ich den Ball nicht habe, deswegen mit vier oder fünf Spielern ins Gegenpressing gehe, selbst mit der ganzen Mannschaft hochstehe, und auf diese Weise Druck aufbaue, um den Ball zurückzugewinnen – habe ich dann die Kontrolle über das Spiel? Nein, weil ich ja nicht wissen kann, ob meine Handlung auch tatsächlich zum Ballgewinn führt. Ich habe zwar selbst ein Ziel, nämlich Ballgewinn, kann aber selbst nur antworten also reagieren. Solange, bis ich selbst wieder Ballbesitz habe – und somit das Ziel, den jetzt zur Reaktion gezwungenen Gegner in einen Fehler zu treiben, den ich zum Torerfolg ausnutzen kann.
        Kann ich als Ballbesitzender wissen, dass meine Aktionen erfolgreich sind? Nein, aber ich weiss zumindest, dass nur ich jetzt im Moment die Möglichkeit habe, den Gegner in einen Fehler zu treiben, der für mich in eine Torchance münden kann! Somit habe ich den Vorteil auf meiner Seite und damit die Möglichkeit, das Spiel zu kontrollieren. Das ist Guardiola’s Gedanke, wonach der Gegner kein Tor schießen kann, wenn die eigene Mannschaft den Ball hat.

        Somit bedeutet Spielkontrolle doch, selbst Fehler zu vermeiden UND den Gegner in Fehler zu treiben.
        Wenn ich bei eigenem Ballbesitz mir die Pille nur hin und her schiebe, vermeide ich zwar Fehler, kann aber auch den Gegner nicht in Fehler treiben, habe somit nicht wirklich die Kontrolle über das Spiel! Allerdings ist Ballbesitz somit Voraussetzung dafür, die Kontrolle über das Spiel zu erringen.
        Andersherum, wenn ich versuche, den Gegner zum beispiel durch frühes Anlaufen in einen Fehler zu treiben, habe ich damit noch keine Kontrolle über das Spiel, weil ich selbst – mangels Ball – noch nicht in der Lage bin, hinsichtlich des Ziels Torerfolg die Initiative zu übernehmen. Das wäre ja erst nach Ballgewinn der Fall, womit ich wieder Gefahr laufe, selbst in einen Fehler getrieben zu werden beim Versuch, diesen Fehler beim Gegner zu erzwingen.

        Tja, je mehr ich darüber nachdenke, um so komplexer wird das Thema:
        Dabei ist es doch so einfach: Das Runde muss ins Eckige! ;-)

      2. cj

        @Osrig
        Spielkontrolle heisst, dass ich die Kontrolle über die Spielweise meines Gegners habe, ganz genau. Das Spiel läuft so wie ich es möchte. Echte Spielkontrolle ist für mich aber nur dann gegeben, wenn ich auch in der Lage bin gegebenenfalls das Spiel in eine Richtung zu lenken, d.h. zum Beispiel aus einer passiven in eine aktive Rolle zu schlüpfen. Ich finde Atletico deshalb auch nur teilweise richtig.

      3. cj

        …in eine andere Richtung…

  4. wipf1953

    Ich finde Justins Analyse zur Schalker Spielweise herausragend. Bei der Beurteilung des Bayernspiels vom Mittwoch erlaube ich mir eine abweichende Ansicht. Auch wenn es einige Szenen gab, in denen Neuer seine Qualitäten auf der Linie zeigen musste, hat Bayern eines geschafft: Es waren immer ausreichend viele Bayernspieler “hinter” dem Ball, also zwischen gegnerischen Angreifer und eigenem Torwart. Das ist IMHO einer der entscheidenden Faktoren, warum auch Großchancen des Gegners mal nicht reingehen. Die Kritik am “Ballbesitz” bzw. an Guardiola und van Gaal setzt doch daran an, dass aufgrund des Einschnürens des Gegners in dessen Hälfte (bzw. beim Ansetzen zu diesem Einschnüren) erstens die komplette eigene Spielfeldhälfte preisgegeben wird und zweitens zu wenige eigene Spieler “hinter” dem Ball sind, wenn der Gegner schnell kontert. Folge: Konter = Tor. Das war am Mittwoch eben in keiner Weise der Fall. Bayern war nie “offen”, und beide Bayerntore resultierten aus schnellen Bayern-Gegenangriffen.

    Im Gegensatz zu Mittwoch, der Werbung für den Fußball war, erwarte ich für morgen “ein Spiel zum Erbrechen”. Tedesco wird eine Riegeltaktik anordnen, gegen die der Catenaccio eines Helenio Herrera oder eines Giovanni Trappatoni wie verantwortungsloses Offensiv-va-banque wirkt. Die wahren Aufreger werden – wie immer in dieser Liga – rücksichtslose Fouls der Schalker gegen unsere Nicht-DFB-Nationalspieler sein. Wenn es für S04 optimal läuft, werden sie, mit am Schluss nur noch neun Feldspielern, ein torloses Remis ertrotzen und sich feiern lassen.

    An sich freue ich mich auf das Spiel, aber ich weiß trotzdem nicht ob ich’s mir anschaue.

    1. Das sehe ich anders. Beide Tore resultierten aus herausragendem Ballbesitzfußball.

      1. Osrig

        das sehe ich auch so! Allerdings finde ich nicht, dass Atletico Spiele kontrolliert, nur weil sie gut defensiv organisiert sind ^^

      2. GS

        Genau! Nicht alles, was schnell geht, ist ein Konter :-)

        Bei beiden Toren wurde der Ball aus der eigenen Abwehr heraus, Nähe der Grundlinie und trotz massiver Bedrängnis durch Benfica (da hätten alle anderen BL-Mannschaften den Ball garantiert planlos nach vorne gedroschen oder verstolpert …), über wenige Stationen schnell nach vorne befördert, wo jeweils Ribery zwei Verteidiger auf sich zieht, dann den jeweils hinterlaufenden Alaba bzw. James blind bedient, die wiederum perfekt nach innen spielen bzw. flanken – und dann auch noch je ein mustrgültiger Abschluss.
        Beim zweiten Tor als Sahnehäubchen ein Lothar-Matthäus-Gedächtnis-Sprint mit Ball über das halbe Feld durch Renato Sanches.

        Hätte Arien Robben nicht drei hundertprozentige vergeigt, wäre in Lissabon wohl doch der Fado angesagt gewesen …

        Leider steht tatsächlich zu befürchten, dass Schalke bei weitem nicht so mutig spielt wie Benfica, und wohl auch deutlich ruppiger in die Zweikämpfe gehen wird. Das wär doch mal eine Gelegenheit, Sandro Wagner am Anfang zu bringen, damit er die Verteidigung von Schalke aufreibt; wenn dann Lewandowski nach 60 Minuten kommt, hätte er leichtes Spiel ;-)

      3. wipf1953

        Ein Satz vorneweg: Es ist schwierig, Diskussionen mit Begriffen zu führen, die von den meisten Fußballfans unterschiedlich verstanden werden. Für mich ist “Positionsspiel” etwas anderes als “Ballbesitz”.Positionsspiel hat – für mich – etwas mit Raumaufteilung zu tun, während Ballbesitz einen ruhigen, abwartenden Spielaufbau meint (bis die Chance zum schnellen Vorstoß da ist) . Und ich halte es mit Kovac: “Ballbesitz alleine bringt nicht viel”.

        Die Tore waren perfekt ausgespielte Gegenangriffe (ich habe nicht “Konter” geschrieben) der sehr passsicheren Bayernmannschaft. ´Vielleicht beschreibt an das am besten mit “positions- und ballsicherem Umschalten”. Aber die Tore resultierten eindeutig nicht aus einem “ruhigen, abwartenden Spielaufbau”.

        Und eigentlich ging es in meinem Post um den angeblichen “Kontrollverlust”. Die Aussage ist zwar richtig, dass die Kontrolle nicht immer da war, so dass Benfica zu Chancen kam. Mir ist es trotzdem lieber, wenn Bayern in solchen Situationen mit neun bis zehn Feldspielern hinten steht (was es dem Gegner enorm erschwert, Tore zu machen), als dass sich beim Konter des Gegners acht Feldspielern in dessen Hälfte tummeln (und ja, letzteres gab es bei Guardiola, nämlich dann wenn mal ein – unvermeidbarer – Fehler passiert ist).

        Es ist schon witzig .. hier auf MSR macht man sich Gedanken über Dreiecke (wovon es am Mittwoch viele gab), während der Boulevard einen Renato Sanches feiert, der nach meiner Beobachtung nicht einmal an so einem Dreieck mitgewirkt hat. Er hat trotzdem gut gespielt, weil er bei beiden “Gegenstößen”, die zu den Toren geführt haben, passsicher war.

      4. Es waren halt keine Gegenstöße. Somit auch keine Konter. Kovač hält es übrigens mit van Gaal, van Gaal hält es mit 4 Phasen und Umschaltmomenten – passt zwar nicht in die Schubladen, die gerne bedient werden, ist aber so. Guardiola hält von Tiki Taka überhaupt nichts, weil der Begriff sebstverherrlichenden Ballbesitz meint. Ohne Raumgewinn, ohne Sinn. Nur, um den Ball zu haben.

        Guardiola steht zudem für Gegenpressing, Gegenpressing hat 2 Hauptfunktionen: schnelle Umschaltmomente, schnelle Ballgewinne…

        Ballbesitz bedeutet nichts anderes, als den Ball zu haben. Ruhiger Spielaufbau muss dort nicht unbedingt gegeben sein. Ballbesitzfußball braucht unbedingt Ruhe und Geduld, aber er braucht eben auch Tempo und Dynamik. UND: er braucht Elemente des Umschaltens. Konterfußball und Ballbesitzfußball strikt zu trennen, ist deshalb unnötig.

        Positionsspiel meint tatsächlich die Raumaufteilung. Das hat nicht zwingend mit Ballbesitz zu tun, wird aber häufig von Trainern angewandt, die gerne den Ball haben.

        Man macht es sich viel zu einfach, wenn man nur in den Schubladen Ballbesitz und Konter denkt. Oder die Schublade bedient, dass mit Ballbesitz die Konterabsicherung zwingend schwierig ist. Das widerlegte Guardiola bisher bei all seinen Stationen, wenn man sich seine Gegentorstatistiken ansieht.

        Kovač sagte sinngemäß, dass er die Linie, die van Gaal begann, fortführen wolle. Und das ist schonmal eine gute Sache. Mehr werde ich vielleicht mal in einem Artikel ausführen.

  5. Kurt74

    Vielleicht bin ich aufgrund der letzten Spiele ein wenig zu pessimistisch aber kann man schon Wetten abschließen ob wieder ein Bayernspieler im Lazarett landet? Schalke wird um jeden Preis ein Tor verhinden wollen, ein Unentschieden wäre schon wie ein Sieg…

  6. Rainer

    Okay. Wann kontrolliere ich das Spiel? Wenn ich den Ball habe, kontrolliere ich den Ball. Bei einer Führung bzw. in KO Spielen, wo ein Unentschieden reicht, kontrolliere ich damit auch das Spiel. Bei Rückständen oder Spielen in denen ich gewinnen muss, sieht das anders aus. Athletico Madrid beherscht das hervorragend. (Ergebnisorientierung) was interessant ist, ist die Hembilanz gg. Barça und Real Madrid. Während gg. eine Ballbesitz orientierte Elf wie Barça die Heimbilanz positiv ausfällt, sieht es bei einer Mannschaft wie Real, die verschiedene Systeme beherscht, anders aus. Real überlässt AM teilweise den Ball. Das verhindert m.M.n. die sogenannte Spielkontrolle ohne Ball von AM. Real bringt seine schnellen Spieler mit vertikalen Pässen in Position. Spielkontrolle….Wirklich ein interessantes Thema, das vielleicht mal einen eigenen Bericht verdient. Was erwarte ich von Schalke? Todesco will taktisch einen Schritt zurückgehen. D.h. er parkt den Bus vor dem Tor. Wahrscheinlich wird Schalke auch ziemlich (über) motiviert und hart zu Werke gehen. Hoffentlich bleiben uns weitere Verletzte erspart.
    1)Torschütze: Lewandowski
    2)Freie These: Über 65% Ballbesitz für Bayern
    3) unter 2,5
    4)Aufstellung: Neuer, Alaba, Süle, Hummels, Kimmich, Thiago, Goretzka, Müller, Gnabry, Ribéry, Lewandowski.

    1. wipf1953

      Sehr interessant, Deine Aussagen zu AM, RAINER!

  7. Mäx

    Torschütze: Goretzka
    Freie These: Schalke bekommt fünf oder mehr gelbe Karten
    Über/Unter 2,5: Über!
    Aufstellung: Neuer – Kimmich, Süle, Hummels, Alaba – Thiago – Goretzka, Müller – James, Lewandowski, Gnabry

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