Dortmund schlägt Bayern am Limit mit 3:2

Justin Trenner 10.11.2018

Die Favoritenrolle wurde hin- und hergeschoben, die Chancen und Risiken abgewogen. In den letzten Jahren war es vor diesem Duell selten so unklar, wohin sich das Spiel entwickeln würde. Spannung pur.

Falls Ihr es verpasst habt:

Dass Kovač vor dieser besonderen Partie etwas ändern würde, war die große Hoffnung der Fans.

Borussia Dortmund vs. FC Bayern MünchenGrundformationen: BVB – Bayern, 10.11.2018

Nur bestätigen sollte sie sich nicht. Auch in Dortmund hielt der Trainer an seinem 4-3-3 fest. Mit Goretzka, Martínez und Müller standen zwar vor allem drei Läufer und Arbeiter auf dem Platz und so war auch die taktische Ausrichtung schnell interpretiert. Doch wirklich Mut machte das den Anhängern des Rekordmeisters nicht.

Auf der anderen Seite brachte Favre vorne Bruun Larsen und im Mittelfeld Julian Weigl. Die Intention dahinter dürfte gewesen sein, dass Pulisic zuletzt einige Fehler in seinem Spiel hatte und mit Delaney und Witsel als Doppelsechs der Übergang nach vorn zäh war. Gegen Bayern setzte der BVB-Trainer also auf mehr Mittelfeldpräsenz in Ballbesitz und kombinative Optionen. Wahrscheinlich, um das löchrige Zentrum der Bayern zu bespielen.

Die Bayern begannen in einer sehr offensiven 2-4-4-Struktur, in der Goretzka sich viel bewegte. Mal als Sechser neben Martínez um den Spielaufbau zu stärken, mal als Achter in den Zwischenräumen und mal sogar in letzter Linie. Gerade im Pressing schoben die Münchner zu Beginn extrem aggressiv nach vorn. Neben einigen vielversprechenden Situationen bot dies aber auch Räume für die Borussia

Favres Mannschaft fühlte sich direkt wohl in der tiefen Grundausrichtung und den Kontern, die sie fahren konnten. Reus (10.) verpasste die frühe Führung alleinstehend vor Neuer und auch eine weitere gefährliche Aktion nach einem Gegenstoß führte nicht zum Tor (14.).

Das erzielten die Bayern in der 26. Minute. Gnabry fand Lewandowski, der die Kugel in den Kasten von Hitz beförderte. Zu diesem Zeitpunkt keinesfalls unverdient, wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand die Münchner in der Anfangsphase agierten.

Anschließend folgte eine Art Ruhephase, in der sich die Bayern in ein tieferes 4-4-2 fallen ließen. Dortmund bekam so mehr Ballbesitz, mitnichten allerdings mehr Chancen. Gerade im letzten Drittel fehlte es der Borussia hier noch an der entscheidenden Idee.

Die gab es dann in der zweiten Halbzeit. Nachdem die Borussia vielversprechend in den Bayernstrafraum kam, holte Neuer Reus von den Beinen. Die richtige Konsequenz: Elfmeter. Diesen verwandelte der Gefoulte selbst (48.).

Nur wenige Augenblicke später kombinierten sich die Bayern aber wieder über Gnabrys Seite mit Hilfe von Kimmich vor das BVB-Tor. Erneut vollstreckte Lewandowski und so wurde der Ausgleich sofort wieder egalisiert. Dortmund war nun aber wesentlich besser im Spiel.

Dass Reus nicht ein weiteres Mal den Ausgleich besorgte, lag nur daran, dass Kimmich in der 57. Minute kurz vor der Linie klärte. Hummels, der schon in der ersten Halbzeit eine Riesenchance der Borussia einleitete, brachte nach gut einer Stunde Sancho in eine gute Ausgangslage. Auch hier wieder viel Glück für die Bayern, dass weder der Flügelstürmer noch der kurz zuvor eingewechselte Alcácer trafen.

Dortmund lief nun Angriff für Angriff. Goretzka leitete mit dem nächsten Fehler eine weitere Chance für die Heimmannschaft ein. Reus traf den Ball nicht und so hatten die Münchner zum dritten Mal Glück. Die Partie schien nun erstmals richtig zu kippen.

Aller guten Dinge sind Vier, sagte sich der BVB und so gab es in der 67. Minute den folgerichtigen Ausgleich durch Marco Reus. Auch der Führungstreffer ließ nicht lange auf sich warten. Der FC Bayern hatte keine Idee, was er den nun stärkeren Borussen entgegensetzen konnte und geriet völlig verdient in Rückstand. Alcácer besorgte das 3:2 für die Heimmannschaft (73.).

In der Schlussphase spielte der BVB das Ding souverän runter. Bayern wurde hier und da zwar noch annähernd gefährlich, brachte sich allerdings bis auf ein Abseitstor Lewandowskis in keine gute Schussposition mehr. Und so erhöhten Favre und seine Mannschaft den Abstand auf den FC Bayern auf sieben Punkte. Sieben. Eine Zahl, die die Münchner bei aufeinanderfolgenden Meisterschaften erreichen wollen. Dieses Ziel wird allerdings zunehmend unwahrscheinlich.

Dinge, die auffielen:

1. Besseres Pressing

Beim Tabellenführer war von Beginn an klar, dass diese Münchner etwas vor hatten. Die ersten 25 Minuten absolvierte der Meister fast ohne Unterbrechungen im Angriffspressing und mit offensivem Gegenpressing. Nicht in Perfektion, wie die beiden Konter zwischen der zehnten und der fünfzehnten Minute zeigten, doch die resultierten eben vor allem aus ungünstigen Positionierungen in Ballbesitz.

Bayern lief nicht so wild an wie zuletzt, sondern bekam mehr Struktur in die eigene Formation. Weit vorne stellten sie die Dortmunder Schaltzentrale mit Mannorientierungen, dahinter wurde endlich mal wieder nachgeschoben. Martínez stand phasenweise weit in der gegnerischen Hälfte, während Goretzka und Müller Lewandowski zuarbeiteten. Es war ein Kollektiv zu erkennen.

Dortmund konnte so sein eigenes Spiel zunächst kaum entfalten und wurde zu leichtfertigen Ballverlusten gezwungen. Bayern hätte daraus fast noch mehr machen müssen, scheiterte aber an den letzten Aktionen.

Nach dem Führungstreffer ließ sich der FCB tiefer fallen. In einem 4-4-2 lauerten sie auf Kontergelegenheiten und standen auch dort recht passabel. Allerdings mit größeren Problemen als noch im Angriffspressing. Im Gegensatz zu Atlético gelang es der Mannschaft nicht, eine große Kompaktheit zu erzeugen. Das lag nicht zuletzt an vielen Mannorientierungen, die auch im Mittelfeld- oder Abwehrpressing weiterhin praktiziert wurden.

Dortmund konnte dadurch Räume öffnen und Gefahr erzeugen. Vor allem zu Beginn der zweiten Halbzeit zeigte sich das. Auch die Gegentore und die Druckphase der Borussia wurden durch die großen Abstände begünstigt. Kovač bekommt dieses Problem einfach nicht in den Griff.

Gerade im tiefen 4-4-2 sollten die Bayern mehr auf ihre Geschlossenheit achten und Gegenspieler eher übergeben, als sie hartnäckig zu verfolgen. Es war deshalb nur ein kleiner Fortschritt.

2. Bessere Struktur

Das gilt auch für die Struktur in Ballbesitz. Zwar war das Zentrum in einigen Phasen immer noch unbesetzt, doch die Unterstützung der beiden Flügel war durch Müller und Goretzka wieder besser. Auch Lewandowski wurde dank der Läufe seiner Mitspieler eingebunden. Gnabry und Ribéry wurden selten allein gelassen und hatten so auch immer die Option, einen Pass zu spielen, statt sich festzulaufen.

Gerade Goretzka brachte einen großen Mehrwert. Durch sein hohes Laufpensum schaffte er es, Martínez im ersten Drittel zu unterstützen, im zweiten Drittel eine Lösung zwischen Martínez und Müller anzubieten und im Angriffsdrittel Gefahr zu erzeugen.

Goretzka fehlt es hier und da noch an Ruhe am Ball, aber seine Läufe brachten Optionen in ein System, dem vor allem in den Zwischenräumen zuletzt viel fehlte. Auch Müller ist hier explizit ein Kompliment auszusprechen, weil er zuletzt zu Recht hart kritisiert wurde. In Dortmund war er vor allem dafür verantwortlich, dass das eigene Pressing besser funktionierte, aber auch, dass es auf der rechten Spielfeldseite mehr Optionen in Ballbesitz gab.

Es bleibt festzuhalten, dass der FC Bayern noch Fußball spielen kann. Auch gegen tiefstehende und kompakte Gegner. Nur wie nachhaltig das ist, bleibt weiterhin offen. Denn trotz guter Phasen gab es auch wieder viele schlechte Phasen. Und viel mehr klare Chancen als zuletzt gab es ebenfalls nicht.

3. Bessere Einstellung

Borussia Dortmund, Westfalenstadion, ausverkaufte Hütte, Flutlicht – es braucht derzeit ein bisschen was, um den FC Bayern zu motivieren. Am Samstagabend war die Einstellung aber herausragend. Auch wenn etwas nicht funktionierte, ließ man sich davon nicht umwerfen. Ob das auch so gewesen wäre, wenn Reus das frühe 1:0 gemacht hätte, wird sich nicht auflösen lassen.

Letztendlich zeigte die Mannschaft nach längerer Zeit mal wieder Biss. Als Ribéry in der Anfangsphase einen Zweikampf an der Mittellinie gewann, sprang die halbe Bayernbank auf, um die Mannschaft zu pushen. Nach dem Elfmeter ließ man sich nicht beirren und lief weiter hoch an und erzwang die erneute Führung. Szenen, die zuletzt in dieser Form vermisst wurden. Nun liegt es am gesamten Team, diese positive Stimmung über die Länderspielpause hinweg zu transportieren und wieder gemeinsam an den Zielen zu arbeiten. Das negative Ergebnis wird dabei allerdings nicht helfen.

4. Besser reicht halt nicht

Alles war an diesem Abend ein bisschen besser. Und doch gab es genügend Lücken in Ballbesitz, zu viele individuelle Fehler und erneut zu große Abstände. Für ein Spiel auf absolut höchstem Niveau ist das zu wenig. Dass die Einstellung der Bayern stimmte, ist deshalb nur ein schwacher Trost.

Denn letztendlich reicht das Ergebnis nicht, um in der Tabelle einen wichtigen Schritt zu machen. Die Fortschritte waren zu klein, die taktischen Ideen gegen die leichten Umstellungen des Gegners nicht vorhanden. Im zweiten Durchgang offenbarte sich der Unterschied zwischen einer Spitzenmannschaft der Bundesliga und einer guten Mannschaft aus München. Der FC Bayern zeigte vielleicht seine beste Leistung der letzten Wochen. Doch es reichte eben nicht.

5. Chapeau, Favre!

Doch die zwei verschiedenen Halbzeiten haben ihren Ursprung nicht etwa in einem akuten Leistungsabfall, den man beim FC Bayern zuletzt häufiger beobachten konnte. Die Münchner blieben in dieser Partie relativ leistungskonstant.

Der Ursprung liegt in einer herausragenden Borussia, die die Schwächen des FC Bayern im zweiten Durchgang gnadenlos offenbarte. In den ersten 45 Minuten gelang es dem BVB nicht, die großen Lücken zwischen den Ketten sowie die Mannorientierungen der Gäste für sich zu nutzen. Dann stellte Favre aber etwas um, brachte nicht nur einen echten Stürmer, sondern ließ Reus auch weiter in den Zwischenlinienraum abkippen.

Dortmund gewann plötzlich an Durchschlagskraft, bespielte immer wieder die Zentrale, um von dort dann die freien Halbräume zu nutzen. Favre hat Kovač hier auf dem falschen Fuß erwischt. Der wusste sich erneut nicht wirklich zu helfen und brachte zwar ein paar personelle Wechsel, jedoch keine Lösungen gegen stark verbesserte und auch veränderte Borussen.

Favre muss ein Kompliment ausgesprochen werden. Der Spielverlauf sprach lange klar für die Bayern, doch sein Team störte sich nicht an Rückschlägen und vergebenen Chancen. Sie spielte immer weiter und erzeugte eine Druckphase, in der die Münchner nichts entgegenzusetzen hatten. Eine große Leistung einer Mannschaft, die sich erst noch am Anfang eines Prozesses befindet. Das sollte als Warnsignal für den FC Bayern reichen.

6. Läuft, Lewy!

Um den Spielbericht mit einer positiven Perspektive zu beenden: Robert Lewandowski ist im Moment der(!) Spieler beim FC Bayern. Er trägt die Offensive, er sorgt immer für Gefahr, er gibt teilweise sogar dem Mittelfeld Struktur, indem er sich klug bewegt. Auch in Dortmund war er früh der Schlüsselspieler. Nicht nur wegen seines Tores.

Dem Polen wurde oft nachgesagt, dass er das allerhöchste Niveau nicht habe, weil er in großen Spielen nicht vernünftig abliefert. In dieser Saison ist die Offensivstruktur des FC Bayern gewiss nicht auf Top-Niveau. Das ist immer schwer für einen Stürmer. Aber Lewandowski ist es. Er strahlt absolute Weltklasse aus und geht mit starken Leistungen voran.

Wie gut ist Lewandowski erst, wenn der FCB ihn wieder optimal einbinden kann? In Dortmund zeigte er erneut, dass auf ihn Verlass ist. Und, dass er einer der besten Stürmer dieses Planeten ist.

7. Schmerz

Diese Niederlage tut deshalb so weh, weil man weiß, dass in dieser Konstellation einfach nicht mehr drin war. Es war die bestmögliche Leistung. Es war die bestmögliche Einstellung. Trotzdem war der BVB den Tick besser, der am Ende entscheidend war. Und während man bei der Borussia das Gefühl hat, dass sie noch besser werden, zeigt der Trend in München nach unten. An der individuellen Qualität der Spieler liegt dies jedoch nur zu Teilen. Das sollte an einem Abend, an dem vor allem auch die taktischen Anpassungen des Gegners den Unterschied machten, deutlich geworden sein.

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