Szenenanalyse – DFB-Team vs. Elfenbeinküste: Herausragende Ansätze und ein paar Sorgenfalten
So richtig wusste die deutsche Fußball-Nationalmannschaft noch nicht, wo sie bei dieser WM 2026 eigentlich steht. Das 7:1 gegen Curaçao in allen Ehren: Die Elfenbeinküste würde ein anderes Kaliber werden und das war allen bekannt, die sich damit ernsthaft auseinandergesetzt haben.
Auch die vielen Siege im Vorfeld der Weltmeisterschaft waren für das DFB-Team zwar gut, aber ausschließlich gegen Mannschaften, die nicht zu den Top-15 der Welt zählen. Streng genommen ist das bei der Elfenbeinküste auch nicht der Fall. Sie belegen in der FIFA-Weltrangliste den 31. Platz.
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Aber diese Weltrangliste ist nicht wirklich aussagekräftig. Der Kader der Ivorer ist bestückt mit Topspielern und was die ersten beiden Spiele gezeigt haben, ist, dass sie taktisch herausragend eingestellt sind. Die Anpassungen gegen Deutschland im Vergleich zum Ecuador-Spiel waren smart und clever. Es ist keine allzu steile These, würde man die Ivorer zu den besten zehn Teams bei diesem Turnier zählen, mindestens aber zu den besten 15. Im Miasanrot-Powerranking belegten sie nach dem ersten Spieltag den 14. Rang.
Umso beeindruckender war die Art und Weise, mit der Deutschland gegen die Elfenbeinküste gewann. Julian Nagelsmann hat sein Team ebenfalls sehr gut eingestellt und dafür gesorgt, dass man sehr gute Ansätze hatte, um am Ende erfolgreich zu sein.
Miasanrot analysiert die Essenz des Nagelsmann’schen Offensivspiels und erklärt, warum es dennoch in einigen Spielphasen beim Ansatz blieb.
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Szenenanalyse: Fehlende Präzision oder fehlende Antizipation?
In der ersten Halbzeit hatte die deutsche Nationalmannschaft gar nicht so sehr Probleme damit, mit Raum und Qualität ins Angriffsdrittel zu kommen. Mehrfach gelang es, die Angreifer oder auch Nathaniel Brown freizuspielen. Lediglich die Entscheidungsfindung, so der erste Eindruck, schien nicht zu passen. Beste Möglichkeiten wurden vertändelt, bevor es überhaupt zum Abschluss kam.
Eine davon in der 36. Minute zeigt perfekt die Gratwanderung zwischen dem, was sehr gut läuft und dem, was noch ausbaufähig ist. Deutschland hat einen kontrollierten Spielaufbau und ist wie üblich mit nahezu allen Feldspielern im Zentrum positioniert.

Ziel der Elfenbeinküste war es, exakt diesen Raum so kompakt wie möglich zu gestalten, sodass Deutschland immer wieder wie beim Handball um den Strafraum spielen muss. Was ihnen auch oft sehr gut gelang. Wie schwer ein solches Verteidigungsvorhaben gegen ein dynamisches Team wie der DFB-Elf aber ist, kann man mit Wörtern aber gar nicht erklären. Unter Nagelsmann arbeiten die Deutschen mit zahlreichen kleineren und größeren Dynamiken, immer wieder gibt es gegenläufige Bewegungen.
Damit sollen Abwehrspieler aus ihren Positionen gezogen werden. Und wie diese Szene gleich zeigen wird, hat auch die Elfenbeinküste dadurch hin und wieder etwas angeboten. Durch ihr engmaschiges Verteidigungsnetz einerseits und ihre im Vergleich zum ersten Spiel viel größere Aggressivität im Pressing haben die Ivorer aber das Zeitfenster enorm verkürzt, in dem Deutschland sich hätte Großchancen erspielen können.
Enge Räume und enge Zeitfenster bedeuten wiederum, dass das Risiko für Fehlpässe oder zumindest ungenaue Pässe steigt. Man kann also kaum überbewerten, wie gut, diszipliniert und vor allem abgestimmt die Verteidigungsarbeit der Afrikaner war.
Wie Deutschlands Offensivspiel funktioniert
Kurioserweise ist diese Szene ein Beleg dafür, wie gut beide Teams sind, obwohl beide hier jeweils nicht am Optimum performen. Neben gegenläufigen Bewegungen, um Räume zu öffnen, ist das Steil-Klatsch-Element im Nagelsmann-Fußball ein sehr wesentliches. Im Zentrum wird so über einen Dritten meist Tiefe erzeugt, beim Spiel von außen nach innen soll damit diagonal zum Tor Geschwindigkeit aufgenommen werden.
Warum diagonal? Weil dieser Winkel für mehr Stress in der Abwehr sorgt. Wer übernimmt den Gegenspieler? Wer geht drauf? Wer sichert ab? Außerdem sind die Passwinkel nochmal schwerer zu verteidigen, wenn man diagonal zum Tor spielt. Deshalb erlebt man Leroy Sané auch häufig beim Dribbling nach innen, während Florian Wirtz in der Regel versucht, diagonal ins Zentrum zu spielen und dann mit Tempo für den Klatschpass nach innen zu ziehen. In dieser Szene geht es aber um das klassische Zentrumsspiel.
Jonathan Tah könnte den Ball auch kurz auf Aleksandar Pavlović spielen. Der müsste sich aber aufdrehen und würde damit Zeit verlieren. Er könnte auch quer spielen, aber damit gibt es kein Tempo. Damit Deutschland in die Geschwindigkeit kommt, braucht es nun die Drei im Offensivzentrum: Jamal Musiala, Kai Havertz und Florian Wirtz. Musiala kommt dem Ball entgegen und löst damit eine Kettenreaktion aus.

Denn er zieht einen der Innenverteidiger nur ein kleines bisschen mit sich, wodurch sich ein Raum hinter der Kette öffnet. Havertz realisiert das sofort und startet gleichzeitig tief (in der Grafik bewusst zur Veranschaulichung nacheinander dargestellt). Auch Tah erkennt die Situation und spielt Musiala an.
In der Theorie hat Deutschland jetzt genau das, was sie wollen: Tiefe und eine potenzielle Überzahlsituation. Denn durch den ivorischen Fokus auf Musiala entsteht auch mehr Platz für Wirtz. Zwei von drei zentralen Mittelfeldspielern des Gegners sind nämlich auf Musiala konzentriert. Weil Havertz hinter den herausrückenden Innenverteidiger startet, rückt der zweite Innenverteidiger ebenfalls ein Stück in die Richtung des Stürmers. Dadurch öffnet sich eine Schnittstelle, die Wirtz belaufen könnte.

Was jetzt aber passiert, ist eine Kette an Ungenauigkeiten: Pavlović realisiert die Situation einen kleinen Tick zu spät und rückt um ein, zwei Schritte zu langsam als Anspielstation nach. Musialas Klatschpass auf Pavlović ist anschließend sehr ungenau und sorgt dafür, dass der Mittelfeldspieler sich wieder um einen halben Meter zur Seite beziehungsweise leicht nach hinten drehen muss. Das reicht bereits, um ein gewinnbringendes Direktspiel zu verhindern.
Mit mehr Tempo und Präzision allein durch die beiden hätte es hier zwei richtig gute Optionen gegeben:
- Den Steilpass auf Wirtz in die Schnittstelle zwischen Rechts- und Innenverteidiger.
- Ein Ball auf Havertz in der Schnittstelle zwischen den Innenverteidigern, der dann entweder aufdrehen könnte oder einen weiteren Klatsch-Pass auf den nachrückenden Wirtz hätte spielen können.
Mit beiden Optionen wäre richtig Tempo im Angriff gewesen. Doch auch Wirtz schaltet nicht schnell genug und versteckt sich etwas hinter seinem Gegenspieler, anstatt den Weg in den sehr großen Zwischenraum zu gehen. Er kommt Pavlović schon entgegen, bevor der Probleme mit Musialas schlechtem Zuspiel hat. Durch die Verzögerung ist die Luft aus dem Angriff raus. Pavlović spielt einen Fehlpass, die Ivorer erobern nach etwas Flipperspiel den Ball.
DFB-Team: Formprobleme im Angriff?
Die Szene zeigt, wie gut die taktischen Ansätze des deutschen Teams sind. Die Bewegungsabläufe, die Art und Weise, wie man die Räume öffnet – das ist hohes Niveau. Sie zeigt auch, wie sehr Fußball auf diesem Niveau von kleinen Details abhängt.
Und sie zeigt, wie gut die Ivorer verteidigen. Denn obwohl sich Deutschland hier Räume öffnet, die sie besser nutzen müssen, sind diese nur für einen Bruchteil einer Sekunde da. Die Kompatkheit und Aggressivität im Spiel mit dem Ball, aber auch das Übergabeverhalten des Innenverteidigers, der Musiala nicht komplett verfolgt und kurz darauf wieder bei Havertz ist, sind bemerkenswert gut.
Diese Defensive war enorm schwer zu knacken. Wenn Deutschland sich um etwas Sorgen machen muss, dann ist es weiterhin die Form der Einzelkönner. Man hat nicht die Wucht der Franzosen, um einen gut organisierten Gegner aufzubrechen. Es braucht Präzision, Tempo und manchmal auch ein Quäntchen Glück.
Dass Wirtz und Musiala derzeit nicht so barrierefrei miteinander kombinieren können, wie sie es schon getan haben, ist ein Problem. Beide sind nicht in absoluter Topverfassung. Sie stehen aber auch nicht komplett neben sich, was die Hoffnung schürt, dass sie im Turnierverlauf noch entscheidende Schritte nach vorn machen können.
Aber selbst Pavlović oder der auffällige Nmecha hatten Ballverluste drin, die für Rhythmusstörungen gesorgt haben. Deutschland muss solche Szenen häufiger zum Abschluss bringen. Sonst rennt man zu oft hinterher. Neben dem reinen Laufaufwand, den das Team dann betreiben muss, zählt die Arbeit gegen den Ball auch nicht zu den größten Stärken dieser Mannschaft.
Die Ansätze für viel Spielkontrolle sind da – auch gegen einen Gegner wie die Elfenbeinküste. Aber die Details stimmen noch nicht ganz. So gut die Einwechslungen dem Team auch getan haben, für einen wirklich langen Turnierverlauf braucht es vor allem Wirtz und Musiala oder zumindest einen der beiden in Topverfassung. Neben sehr vielen positiven Erkenntnissen ist genau das der wunde Punkt, der am Ende entscheidend werden kann. Noch aber hat das DFB-Team Zeit, daran zu arbeiten.
Alle Hintergründe zur WM 2026 findet ihr in Form von Taktikanalysen zum DFB-Team, den Spielern des FC Bayern München und zur Weltmeisterschaft generell auf unserer großen Übersichtsseite: WM 2026: Taktiken, Analysen und die Bayern-Achse im DFB-Team und im Turnier



