WM 2026 – Deutschland – Elfenbeinküste in der Analyse: Von starken Ivorern und noch stärkeren Wechseln
Puh, das war intensiv! Nach neunzig Minuten voller Abs und Aufs steht Deutschland mit sechs Punkten wieder in einer K.O.-Phase einer Weltmeisterschaft. Erstmals seit 2014.
Auf dem Weg dahin gab es mit der Elfenbeinküste allerdings alles andere als einen Aufbaugegner, lange Zeit führten die Ivorer und zeigten, dass Bastian Schweinsteigers „Analyse“ einer „wilden“ Mannschaft nicht nur nicht zutraf, sondern fast schon eine Beleidigung für dieses kluge, aber natürlich gewiss auch athletische Konterteam ist.
- Werbung: Bis zu 50 Prozent Rabatt auf Trikots des FC Bayern bei Kitbag! (Affiliate-Link)
- Werbung: Das WM-Trikot der Nationalmannschaft – jetzt im offiziellen DFB-Fanshop! (Affiliate-Link)
Miasanrot analysiert die bestandene Prüfung und was es für den weiteren Turnierverlauf vielleicht noch bedeuten könnte.
Weitere Artikel zum FC Bayern München:
- Wird Deniz Undav vom Supersub zum Helden?
- DFB-Team – Taktikvorschau: So knackt Deutschland die Elfenbeinküste
- Die heimliche Taktikrevolution der WM 2026? Wie Trinkpausen den Fußball verändern
Deutschland vs. Côte d’Ivoire: Der Spielverlauf
Es entbrannte von Anfang an das enge, umkämpfte Spiel, in dem Deutschland viel den Ball hatte und die Elfenbeinküste auf Konter lauerte. Die Westafrikaner standen hinten sehr sicher und kombinierten sich auch immer wieder aus dem deutschen Pressing heraus.
Nach der Trinkpause standen sie noch einmal enger und gingen mit ihrer ersten Großchance direkt in Führung. Diomande legte den Ball vor Kimmich, flankte von der Grundlinie scharf rein, Kessié brachte den Nachschuss über die Linie.
In der Folge verlor die DFB-Elf kräftig die Linie, technische Verstolperer machten immer wieder Halb- und potenzielle Großchancen zunichte. Erst nach einer Stunde wurde es besser mit Nagelsmanns Dreierwechsel (Undav, Amiri und Leweling für Musiala, Pavlović und Sané). Leweling hatte Probleme, aber die anderen beiden stachen direkt: Undav legte nach rechts zu Amiri ab, rannte durch und verwandelte dann die Bilderbuchflanke des Mainzers.
Deutschland blieb zwar dran, aber nun entstanden chaotische zwanzig Minuten mit Chancen hüben wie drüben, am Ende legte er aber noch eins drauf. Das Phantom. Das Phänomen. Deniz Undav nahm die Mutter aller Schnittstellenpässe Felix Nmechas Mülleresque an, Gerd wohlgemerkt, nicht Thomas, drehte sich und verwandelte direkt zu tobendem deutschen Jubel.
Deutschland vs. Côte d’Ivoire: Dinge, die auffielen
Das ivorische 4-3-3: Alles andere als „wild“, Herr Schweinsteiger!
“Never change a winning team” ist für viele Religion. Am heutigen Tage auch für Julian Nagelsmann, nicht allerdings für Emerse Faé. Ganze fünf Wechsel inklusive einer Änderung der Formation gab es für die Elfenbeinküste. In einem engen 4-3-3 machten sie das Zentrum komplett dicht, zogen so dem deutschen Zentrumsfokus und Kombinationsspiel den Zahn. Nach der ersten Trinkpause mit noch mehr verdichtendenden Außenstürmern.
Jede Formation hat ihre Schwächen, die des defensiven 4-3-3s liegen in den Außen, allerdings nahmen sie dieses Vabanquespiel durchaus bewusst in Kauf. Gerade Nathaniel Brown bekam immer wieder richtig viele Freiräume im offensiven Drittel, verbaselte dann allerdings die Abschlussaktion. Ein besseres Offensivspiel des designierten Müncheners hätte schon vorher für die Wende gesorgt.
Die Verdichtung des Zentrums kann man auch mit starker Technik knacken, doch hier offenbarte die Nationalmannschaft ungeahnte Probleme. Insbesondere in Person Florian Wirtz (eine Riesenchance kurz vor dem Seitenwechsel) und Aleksandar Pavlović.
Alles in allem muss man den Ivorern ein Riesenlob aussprechen, sie erfüllen das Klischee der klassischen afrikanischen Mannschaft nur zum Teil: Physisch ist es das Klischee, ja, sie entfalten tatsächlich eine ungeahnte Wucht, die nicht nur bei dieser WM ihresgleiches sucht, sondern -und das war schon oft bei ähnlichen Teams ganz anderes- nie in Unfairness mündet: Keinerlei gelbe Karten und harte Fouls sprechen hier eine deutliche Sprache.
Die Wildheit, die ARD-Experte Bastian Schweinsteiger ihr allerdings vor einigen Tagen noch anlastete, blieb völlig aus. Im Blog hatten wir diesen Punkt ja schon aufgegriffen, das Spiel bestätigte es jedoch noch klarer, als manche es erwartet hätten. Hier war gar keine Wild- oder Ungestühmtheit zu sehen, alles war hochkonzentrierte, taktische Disziplin…
Deutschlands Wechsel drehen das Spiel – und das verdient!
… umso mehr muss man dann die deutsche Reaktion und die insgesamte Verdientheit des Sieges hervorheben. Das war keine -bei allem Respekt für Curaçao- Laufkundschaft gegen die man sich hier redlich mühte. Das war eine richtig starke Außenseitermannschaft, die von vorne bis hinten komplett darauf konzipiert ist, sich gegen Favoriten durchzusetzen. Natürlich hat sie dann selbst Probleme mit tiefen Blocks wie im ersten Spiel zu sehen gegen Ecuador, aber jeder Favorit wird hier noch auf Elfenbein beißen. Dies war nicht das letzte Ausrufezeichen Côte d’Ivoires.
Es war allerdings auch nicht das letzte Ausrufezeichen dieser deutschen Mannschaft. 16 zu 9 Schüssen gab die DFB-Elf am Ende ab, erzielte auch um 0,6 mehr Expected Goals. 1,83 zu 1,23 heißt hier das Verhältnis, beides Zahlen, die durch die sehr hohe Trefferwahrscheinlichkeit der jeweils ersten beiden Tore in die Höhe getrieben wird.
Der Schlüssel waren Nagelsmanns Wechsel in der 60. Minute. Der Trainer ging hier zunächst sehr klassisch vor, nach der Halbzeitansprache wollte er zunächst begutachten, ob das Team auch ohne Eingriffe sich bessert, als es allerdings nur schlimmer wurde – die Ivorer hatten nun ihre beste Phase – reagierte er.
Undav und Leweling sind hier die 1:1-Wechsel (Havertz übernahm die tiefere Musiala-Rolle), Amiri allerdings sollte eine Prise Chaos bringen: Er ging in die Zwischenräume, gar nicht so sehr im letzten Drittel, sondern auch im Mittelfeldbereich, also genau in die Räume, die das ivorische 4-3-3 offen ließ. Überhaupt zog der DFB die Partie nun breiter auf. Der gesamte Spielzug beim 1:1 zeigt dies prägnant: Erst zieht Undav das Spiel weit heraus, dann ist es Amiris Flanke aus dem Halbfeld, die ihn findet.
Nein, die Elfenbeinküste ist nicht Frankreich (das nun umso mehr im Achtelfinale droht) und es war auch nicht das gegen Kroatien so bärenstarke England, aber diesen Test bestanden zu haben, ist eine Riesenbestätigung für diese deutsche Mannschaft. Man hat hier nicht mit Glück irgendwie den Kopf aus der Schlinge gezogen, man hat überzeugt. Und das gegen einen richtig starken Gegner.
Joshua Kimmich und die sich selbsterfüllende Prophezeiung
Seitdem Julian Nagelsmann vor der EM Joshua Kimmich zurück ins Mittelfeld gezogen hat, hat man es immer und immer wieder vorhergesagt, nein, das ist zu schwach, prophezeit hat man es: Gegen schnelle Spieler kommt Joshua Kimmich Kimmich schnell an seine Grenzen.
Er ist mitnichten ein Leichtathlet, er war noch nie sonderlich schnell und wird es auch nie werden. Insbesondere mit nun 31 Jahren. In der Champions League brachte ihn einst Vinícius Júnior ins Wanken, dann ging es in der EM noch erstaunlich gut, selbst gegen Nico Williams, doch nun gegen einen eigentlich sehr fahrigen Yan Diomande zeigte es sich in voller Härte: Sprintduelle kann Kimmich gegen solche Spieler nicht gewinnen.
Die schlechten Noten, die nun hageln werden, hat der Kapitän nicht verdient, was soll er auch anders machen? Überspitzt kann man vielleicht vergleichen: Stellst du Lionel Messi in die Innenverteidigung, ist dann Messi an den daraus folgenden Gegentoren Schuld, oder bist du es?
Kimmich hat Upsides hinten rechts, keine Frage. Hier endet auch der unsinnige Messi-Vergleich, gerade im Vergleich zu all seinen Konkurrenten hat er Vorzüge: Anton ist auch kaum schneller und die nicht nominierten Leipziger Henrichs und Baku außer Form. Aber er wird gegen den Spielertypen Diomande immer an seine Grenzen kommen. Man muss beim 0:1 auch über Nmecha sprechen und sein Auslassen des Mitlaufens, aber im Endeffekt sollte im Optimalfall der Außenstürmer auch nicht so leicht vorbeikommen können. Wird er aber. Weil Kimmich langsam ist. Es ist und bleibt eine selbsterfüllende Prophezeiung.



