Die heimliche Taktikrevolution der WM 2026? Wie Trinkpausen den Fußball verändern
Eigentlich sollen die verpflichtenden Hydration Breaks bei der WM 2026 die Spieler vor den teilweise extremen klimatischen Bedingungen in Nordamerika schützen. So zumindest die offizielle Erklärung der FIFA, die damit bekanntlich auch sehr viel kommerzielles Geld einnimmt.
Schon nach den ersten Spielen zeigt sich, dass die Unterbrechungen weit mehr sind als eine reine Gesundheitsmaßnahme: Trainer gewinnen zusätzliche Zeit für Anpassungen. Fernsehsender erhalten neue Werbefenster.
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Und Fans diskutieren über Spielfluss, Atmosphäre und die Frage, ob wirklich jede Partie eine Trinkpause benötigt. Aus einer vermeintlichen Nebensache ist damit eine der interessantesten Diskussionen dieser Weltmeisterschaft geworden.
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WM 2026: Ein Kontinent, viele Klimate
Zuerst lohnt sich ein Blick auf die Ausgangslage: Die Weltmeisterschaft wird über einen gesamten Kontinent verteilt ausgetragen. Zwischen Vancouver, Toronto, Atlanta, Houston, Monterrey und Miami liegen nicht nur tausende Kilometer, sondern teilweise auch völlig unterschiedliche klimatische Bedingungen.
Während Spiele in klimatisierten Arenen vergleichsweise angenehme Bedingungen bieten, können andere Spielfelder zu einer Belastung werden. Gerade in Städten wie Miami stellen Hitze und Luftfeuchtigkeit Spieler somit vor körperliche Herausforderungen. Diese können im Ernstfall auch zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führen. Dass die FIFA die Gesundheit der Spieler also schützen möchte, ist daher nachvollziehbar und wichtig.
Genau hier setzt jedoch auch die Kritik an. Denn wenn die Bedingungen von Spielort zu Spielort so unterschiedlich sind, stellt sich nun mal die Frage, ob wirklich jede Partie eine Trinkpause benötigt. Niederlande-Kapitän Virgil van Dijk brachte es nach dem Spiel von Oranje gegen Japan recht einfach auf den Punkt: Jedes Spiel sollte einzeln betrachtet werden.
Für ihn macht es einen Unterschied, ob bei großer Hitze gespielt wird oder unter deutlich angenehmeren Bedingungen. Die FIFA verfolgt dagegen den Ansatz, für alle Mannschaften die gleichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Der vermeintlich faire Ansatz ist zwar nachvollziehbar, wird den sehr unterschiedlichen Bedingungen aber nicht unbedingt gerecht.
Aus Zwei mach Vier
Es ist eine Spielstruktur, die eher an Basketball erinnert als an den klassischen Fußball. Was zunächst nach einer kleinen Regeländerung klingt, verändert den Rhythmus einer Partie grundlegend.
Nach rund 22 Minuten jeder Halbzeit wird das Spiel für eine Trinkpause unterbrochen. Die Zeit wird zwar nachgespielt, dennoch entsteht ein klarer Schnitt im Spielverlauf. Aus zwei Halbzeiten werden faktisch vier Abschnitte. Und genau das macht Trinkpausen vor allem für Trainer so interessant.
Viele Partien laufen nach den kurzen Unterbrechungen spürbar anders. Es gibt Wendungen, neue Elemente und Zeit, sich zu sammeln.
Das neue wichtigste Werkzeug an der Seitenlinie?
Als Fußball noch in Halbzeiten gedacht wurde, fand die wichtigste taktische Besprechung in der Kabine statt. Das hatte zur Folge, dass im Turnier die Spieler einer Mannschaft selbstständig Probleme lösen mussten. Trainer konnten nur begrenzt eingreifen. Mit den Hydration Breaks kommen nun zusätzliche Taktikbesprechungen hinzu.
Genau das war auch beim deutschen Auftaktspiel gegen Curaçao zu beobachten. Als in der 22. Minute zum ersten Hydration Break gepfiffen wurde, bekam Julian Nagelsmann etwas, das Trainern während eines laufenden Fußballspiels normalerweise fehlt: Zeit. Zeit, um Anpassungen zu erklären. Zeit, um Probleme zu besprechen. Und Zeit, um nach dem überraschenden Ausgleich wieder Ruhe in die eigene Mannschaft zu bringen. „Da war die Trinkpause tatsächlich gut, um einfach Dinge auf der Tafel zu zeigen“, so Nagelsmann.
Joshua Kimmich erklärte später zudem, dass Curaçao in einer anderen Struktur gespielt habe als vom deutschen Trainerteam erwartet. Vor allem im Anlaufverhalten waren Anpassungen notwendig. Die Unterbrechung bot die Möglichkeit, diese Veränderungen direkt mit der Mannschaft zu besprechen. Es ging also nicht allein um Wasser, sondern um Taktik. Neben Deutschland trafen auch Brasilien, Australien und Schottland kurz nach dem Hydration Break.
Im sogenannten „Match Momentum“, das beispielsweise SofaScore anbietet, wird dargestellt, welches Team gerade besonders viel Druck auf den Gegner ausübt. In vielen Spielen lassen sich die neuen vier Phasen sehr gut ablesen. Südkorea nutze die Pausen bisher unter anderem, um einzelnen Spielern Videomaterial auf dem Laptop zu präsentieren und damit bestimmte Probleme nochmal genauer zu adressieren.
Wer profitiert am meisten von den Trinkpausen?
Eine der spannendsten Fragen lautet: Wem nützen die Hydration Breaks eigentlich am meisten? Dem Underdog oder der stärkeren Mannschaft? Auf den ersten Blick spricht vieles für die schwächere Mannschaft. Zusätzliche Unterbrechungen helfen dabei, Druckphasen zu überstehen, sich neu zu sortieren und taktische Probleme zu besprechen.
Gleichzeitig lässt sich aber auch das Gegenteil argumentieren. Das deutsche 7:1 gegen Curaçao hat bereits gezeigt, wie solche Pausen genutzt werden können. Trainer erhalten zusätzliche Möglichkeiten, auf das Spiel einzuwirken und Anpassungen vorzunehmen. Topspieler sind zudem in der Lage, sich neu zu sammeln und die besten Nationen verfügen oft auch über erfahrene und sehr gute Trainer. Ganz pauschal kann man natürlich nicht sagen, wer am meisten profitiert. Trainer, die taktisch versiert sind und ihre Anpassungen gut vermitteln können, haben aber gewiss einen Vorteil. Ebenso wie Trainer, die besonders gut darin sind, eine etwas nervöse Mannschaft wieder einzufangen.
Dass die Unterbrechungen Auswirkungen auf den Spielverlauf haben können, legen auch Zahlen nahe. Laut einer Analyse von Focus Online fielen 18 der ersten 62 Turniertore in direkter zeitlicher Verbindung mit einer Trinkpause. Das entspricht fast 30 Prozent aller Treffer.
Der größte Gewinner: die Werbeindustrie?
Während viel über taktische Anpassungen und die Auswirkungen auf den Spielverlauf diskutiert wird, gerät ein weiterer Gewinner schnell in den Hintergrund: die Werbeindustrie.
Die zusätzlichen Unterbrechungen schaffen neue Werbeflächen, die von den Sendern intensiv genutzt werden. MagentaTV hat nach eigenen Angaben sämtliche Werbeplätze während der Hydration Breaks vermarktet. Das britische Netzwerk ITV rechnet sogar mit der kommerziell erfolgreichsten Fußballübertragung seiner Geschichte. In Australien gehen die Vermarktungsmöglichkeiten noch einen Schritt weiter: Dort werden die Trinkpausen als „Maccas Match Break“ präsentiert und von McDonald’s gesponsert.
Kein Wunder also, dass Kritiker*innen die Frage stellen, ob bei der Einführung der Regel tatsächlich ausschließlich die Gesundheit der Spieler im Vordergrund stand. Die wirtschaftliche Attraktivität der zusätzlichen Unterbrechungen ist jedenfalls offensichtlich.
Ein ganz neuer Fußball?
Verändern die Hydration Breaks am Ende mehr als nur den Ablauf eines Spiels? Fußball war lange eine der wenigen großen Teamsportarten, die weitgehend ohne Unterbrechungen auskam. Der Spielfluss gehörte immer zu seinen prägendsten Merkmalen.
Genau deshalb empfinden viele Zuschauer*innen die neuen Pausen als ungewohnt. Nicht wegen der drei Minuten selbst, sondern weil die Hydration Breaks an Timeouts erinnern, wie man sie aus anderen Sportarten kennt. Vielleicht erklärt genau das, warum die Diskussion so emotional geführt wird. Die Trinkpausen verändern nicht nur einzelne Spiele. Sie verändern auch die Wahrnehmung des Sports.
Ein Blick in die Zukunft
Noch ist unklar, ob die Hydration Breaks dauerhaft Bestand haben werden. Laut einem Bericht der Sportschau bleiben die Regelungen der Bundesliga sowie der UEFA Champions League zunächst unverändert. Trinkpausen bleiben je nach Wetterlage und Ermessen der Unparteiischen optional. Das bestätigten sowohl die DFL als auch die UEFA auf Nachfrage der Sportschau. Eine Einführung verpflichtender Trinkpausen wie bei der WM sei derzeit von beiden Verbänden nicht geplant.
Die FIFA verweist auf den Gesundheitsschutz. Trainer entdecken den taktischen Nutzen der Trinkpausen. Fernsehsender profitieren von zusätzlichen Werbefenstern. Und Fans diskutieren über Spielfluss, Atmosphäre und die Frage, ob jede Partie eine Unterbrechung braucht. Fest steht also: Die Trinkpausen sind längst mehr als eine Gelegenheit, kurz etwas zu trinken.
Vielleicht lautet die spannendste Frage deshalb gar nicht, ob der Fußball zusätzliche Trinkpausen braucht. Vielleicht lautet die spannendere Frage, ob der Fußball bereit ist für ein Spiel, in dem Trainer während einer Partie mehr Einfluss haben als je zuvor.



