Yan Diomande (Elfenbeinküste) bei der WM 2026. Er steht vor einem Duell mit dem DFB-Team.
Bild: Dan Mullan/Getty Images

DFB-Team – Taktikanalyse: So knackt Deutschland die Elfenbeinküste

Justin 19.06.2026


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Als Deutschland seine Gruppe für die WM 2026 erfuhr, gab es hierzulande Optimismus. Vorsichtigen Optimismus zwar, weil man aus den vorherigen beiden Turnieren durchaus gelernt hat, aber die Auslosung wurde im Grundtenor eher positiv als negativ wahrgenommen.

Wer sich vor allem mit Ecuador und der Elfenbeinküste vor dem Turnier intensiv auseinandergesetzt hat, wird wohl kaum davon ausgegangen sein, dass das DFB-Team problemlos und ohne Sorgen durch die Gruppe marschiert. Möglich ist das natürlich, wenn alles zusammenläuft. Die Erwartungshaltung sollte aber realistischer sein.

Denn schon der nächste Gegner wird zeigen, wo die Mannschaft von Julian Nagelsmann wirklich steht. Mit der Elfenbeinküste treffen die Deutschen nun auf den vielleicht stärksten Gegner der Gruppe. Ecuador konnten sie in einem engen Spiel verdient mit 1:0 schlagen.

Aber warum hat Miasanrot in Podcast und Blog schon damals unter anderem vor den Afrikanern gewarnt? Was macht sie so stark? Und wo gibt es Schwächen, die das DFB-Team bespielen muss?

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Elfenbeinküste: Ein beeindruckend guter Kader

Trainer Emerse Faé kann in jedem Fall auf einen sehr starken Kader zurückgreifen. Zahlreiche Spieler der Elfenbeinküste spielen auf höchstem Niveau in Europa, darunter auch die Bundesliga-Spieler Yan Diomande (Leipzig) und Bazoumana Touré (Hoffenheim).

Der Gesamtmarktwert des Kaders wird von transfermarkt immerhin auf 522 Millionen Euro geschätzt. Das reicht fast für die Top-10 und befindet sich in etwa auf dem Niveau von Belgien oder Norwegen. Zwar macht Diomande mit 90 Millionen Euro den Großteil des vermeintlichen Marktwertes aus, aber auch Spieler wie Amad Diallo, Ousmane Diomande, Evan Ndicka, Ange-Yoan Bonny und der angesprochene Touré kommen jeweils auf mindestens 35 Millionen Euro.

Die Marktwerte des Portals sind abstrakt, spielen im Profifußball argumentativ aber eine größere Rolle als manchmal angenommen wird. Und sei es nur als Verhandlungsstrategie. Erst vor wenigen Wochen hatte sich Real Madrids Präsident Florentino Pérez darauf berufen: „Laut Transfermarkt haben wir den wertvollsten Kader der Welt.“ Wofür die Zahlen tatsächlich dienen: In vielen Bereichen lässt sich so ein erster Überblick darüber gewinnen, wie groß die individuelle Qualität eines Teams in etwa ist.

Und im Fall der Elfenbeinküste gilt: Sie haben das Potenzial, bei dieser WM ordentlich für Furore zu sorgen. Beginnend mit dem Spiel gegen Deutschland.

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Elfenbeinküste: Stärken und Schwächen

StärkenSchwächen
Taktische DisziplinSpielerische Lösungen
TempoManchmal zu passiv
FlügelspielAbhängig von Einzelaktionen
PhysisRäume neben den Sechsern
Cleverness im Pressing
Zweikampfführung
Abschlussstärke

Elfenbeinküste: Defensiv stabil, taktisch diszipliniert

Taktisch sind die „Elefanten“ enorm diszipliniert. Sowohl mit dem Ball als auch im Pressing halten sie ihre Positionen konsequent. Das nimmt dem Spiel oftmals Tempo. In längeren Ballbesitzphasen wirkt die Ballprogression der Afrikaner nicht selten träge und ideenlos. Trainer Faé würde es wohl kontrolliert nennen.

Seine Herangehensweise ist die einer typischen Turniermannschaft: Defensiv gut und stabil verteidigen, offensiv nicht zu viel Risiko eingehen. Mit dem Ball agiert die Elfenbeinküste meist in einem 4-3-3 beziehungsweise 4-1-4-1, wobei sich einer der Sechser meist in die Abwehr fallen lässt, um das Spiel mit aufzubauen.

Die Außenverteidiger agieren in der ersten Aufbauphase nicht allzu hoch. In der Regel läuft der Ball so lange durch die eigenen Reihen, bis sich offensiv Raum für die Flügelspieler ergibt. Gegen Ecuador beschleunigte die Elfenbeinküste manchmal aus dem Nichts mit ein, zwei vertikalen Bällen und plötzlich war Diomande in einer Eins-gegen-eins-Situation.

Wenig Spielstärke, aber sehr hohes Tempo

Das Team ist nicht besonders spielstark. Im Zentrum sind sie zwar robust und durchsetzungsfähig, haben aber kaum klare Spielmacher. Gegen Deutschland ist ohnehin nicht zu erwarten, dass sie viele geordnete Ballbesitzphasen haben werden. Unter Nagelsmann presst das DFB-Team in vielen Phasen sehr hoch. Angesichts der technischen Probleme dürfte das auch am Samstagabend eine gute Wahl sein. Allerdings ist auch Vorsicht geboten.

Nicht nur Diomande ist unfassbar explosiv und schnell, auch Diallo, Touré und Nicolas Pépé haben richtig Speed und Qualität im Tiefgang. Pépé und Diomande starteten gegen Ecuador, von der Bank kam später Diallo. Faé weiß genau, dass die deutschen Flügel verwundbar sind. Es wird eine taktische Vorgabe sein, den Ball hin und wieder über drei, vier Stationen laufen zu lassen, um das DFB-Team zu locken und dann lange Bälle auf die offenen Außenbahnen zu schlagen.

Nicht nur Nathaniel Brown und Joshua Kimmich müssen hier als Außenverteidiger hellwach sein, auch die Innenverteidiger müssen genau abwägen, wann sie auf den Flügeln aushelfen und wann es besser ist, die Mitte zu halten. Denn dort gibt es mit Touré, Elye Wahi und Bonny starke Optionen. Gegen Ecuador starteten Touré und Wahi – somit waren es insgesamt vier Angreifer. Ob das am Samstag auch so sein wird, bleibt abzuwarten. Gut möglich, dass sich das Trainerteam umentscheidet. In den vergangenen Monaten spielten sie auch häufig mit einem Mittelstürmer.

Flexibles und cleveres Pressing der Ivorer

Gegen den Ball agierte die Elfenbeinküste gegen Ecuador in einem klaren 4-2-2-2. Die Außenspieler rückten etwas ins Zentrum und entschieden mit ihrem Anlaufverhalten darüber, ob eher weiter vorn die Anspielstationen zugestellt werden oder man in einem kompakten 4-4-2 etwas abwartender agierte.

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Die beiden Stürmer liefen die aufbauenden Innenverteidiger nur selten aggressiv an. Meist ging es darum, Pässe zu lenken und den Weg ins Zentrum zu versperren. Ging der Ball auf die Flügel, wurde das Anlaufverhalten aggressiver. Die Elfenbeinküste verschiebt schnell und versteht es gut, dem Gegner zu suggerieren, dass er alles unter Kontrolle hat, um dann nach der Spieleröffnung doch zuzupacken.

Denn das Pressing ist insgesamt auf den ersten Blick recht passiv. Im letzten Kalenderjahr ließen sie ihre Gegner laut Wyscout im Schnitt zwölf Pässe in deren ersten 60 Prozent des Spielfelds spielen, ehe eine Defensivaktion erfolgte. Wobei dieser Durchschnittswert durch die Spiele in Afrika, wo sie zumeist klar favorisiert sind, noch gut aussieht. In den Tests gegen Südkorea (24), Schottland (fast 25) und Frankreich (fast 16) ließ man den Gegner meist erstmal aufbauen oder im Fall von Schottland lang schlagen.

Gegen Ecuador lag der Wert bei knapp über 18 Pässen. Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah können sich also darauf einstellen, dass die Stürmer vermutlich nicht allzu oft auf sie durchpressen werden. Dafür müssen das zentrale Mittelfeld und vor allem die Außenverteidiger sehr aufmerksam sein. Die „Elefanten“ verteidigen sehr robust und clever. Was bei frühen Ballverlusten passieren kann, muss man bei zahlreichen Top-Sprintern wohl kaum ausführen.

Chancen im Spielaufbau: Wie Deutschland die Defensive der Elfenbeinküste knacken kann

Ängstlich sollte der Spielaufbau deshalb dennoch nicht werden. Deutschland hat mit Schlotterbeck, Kimmich, Brown und Aleksandar Pavlović sehr starke Aufbauspieler, die in der Lage sein sollten, Lösungen gegen das Pressing der Ivorer zu finden. Felix Nmecha kann mit Tiefenläufen zudem wichtige Räume öffnen und auch Jamal Musiala ist eine zentrale Anspielstation, die das Tempo anziehen kann.

Denn der Schlüssel gegen das oft recht statische Pressing ist Dynamik. Positionswechsel, gegenläufige Bewegungen und der Fokus auf die Zwischenräume werden für die Deutschen entscheidend sein. Von denen bietet die Elfenbeinküste ein paar an.

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Gerade im Rücken der Außenstürmer bietet sich immer wieder Platz an. Vor allem dann, wenn sie wieder im 4-2-2-2 anlaufen. Aber auch im etwas defensiveren 4-2-3-1 gibt es neben den Sechsern häufig Raum für Gegner, um aufzudrehen und das Spiel schnell zu machen. Das etwas passive Anlaufverhalten der beiden Stürmer kann Deutschland hier für sich nutzen.

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Eine Szene aus dem Spiel gegen Ecuador aus der 13. Minute zeigt das stellvertretend gut: Ecuador kann in Ruhe aufbauen und wird von einem der Stürmer nicht aggressiv angelaufen, aber zumindest angetrabt. Das Problem ist hier aber nicht, dass kein Sprint angezogen wird, sondern, dass der zweite Stürmer sich nicht etwas ins Zentrum fallen lässt. Dadurch kann Ecuador in einen riesigen Raum zwischen der Viererkette im Mittelfeld und den beiden Stürmern eröffnen.

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Der Sechser dreht auf, dribbelt an und kann das vor allem deshalb unbedrängt tun, weil sich bei der Elfenbeinküste alle sofort nach hinten schieben. Dieses konservative Absicherungsverhalten ist oft zu beobachten, wenn der Gegner es in diese Räume schafft. Dadurch entsteht aber Passivität und der Gegner kann viel Raum gewinnen.

Was hier hilft, ist das, was Ecuadors Stürmer macht: Erst mit der Abwehr mitlaufen und dann gegenläufig mit einem kurzen Antritt in den Zwischenraum starten. Mit nur zwei Pässen war das Pressing der Afrikaner ausgehebelt. Deutschland hat viele Spieler, die genau diese Abläufe drauf haben, Situationen schnell erkennen und so Tiefe erzeugen können.

Wie kann Nagelsmann die schnelle Offensive der Elfenbeinküste aus dem Spiel nehmen?

An der offensiven Spielstärke sollte es eigentlich nicht scheitern. Wichtig wird es aber sein, nicht zu gierig im Ballvortrag zu werden. Deutschland braucht Geduld und die richtigen Momente, um mit Qualität nach vorn zu kommen. Zu viele Ballverluste spielen der Highspeed-Offensive der Elfenbeinküste in die Karten.

Viel Ballbesitz ist die beste Prävention, um Diomande und Co. aus dem Spiel zu nehmen. Spannend wird dennoch, ob Nagelsmann an seiner Ausrichtung im Spielaufbau rüttelt. Im tiefen Aufbau dürfte mit zwei anlaufenden Stürmern damit zu rechnen sein, dass das DFB-Team in einer 3-2-Struktur aufbaut. Schaffen sie es, die Elfenbeinküste hinten zu binden, dürfte wieder das 2-3-5 das System der Wahl sein. Aber genau dort gibt es eben auch die Flügelräume.

Absichern könnte man das mit einer flügellastigeren Kimmich-Rolle, wobei das die Spielstärke im Zentrum ein Stück weit nehmen würde. Die Ivorer werden Diomande wie im ersten Spiel wohl auf beiden Flügeln mal einsetzen, um anzutesten, wie sattelfest die Außenverteidiger sind. Taktisch unterstützen kann man diese über die Innenverteidiger. Wenn der Gegner auf der Kimmich-Seite angreift, könnte Tah mit nach außen rücken und dann muss die ganze Formation durchschieben. Also Schlotterbeck auf Tahs Position, Brown auf Schlotterbecks Position und entweder Wirtz oder jemand aus dem Zentrum mit Blick auf die Brown-Position, falls verlagert wird.

Das ist typisches Abwehrverhalten gegen schnelle Flügelspieler. Eine weitere Option wäre, dass ein Sechser und hier wohl am ehesten Pavlović mitverteidigt. Entweder direkt als zweiter Spieler beim Flügelstürmer oder als Auffüller in der Abwehrkette. Abseits dieser taktischen Varianten ist es aber noch entscheidender, die langen und vertikalen Bälle auf die Sprinter im Ansatz zu verhindern oder zu erschweren. Es braucht im Pressing Druck auf dem Ball.

Zusammenfassend bekommt Deutschland den schnellen Angriff also so verteidigt – von hoher Priorität bis etwas niedrigerer Priorität:

  • Eigener Ballbesitz mit Qualität und wenig Ballverlusten
  • Gutes Gegenpressing und Angriffspressing, um Druck auf den Ball zu bekommen
  • Defensiv die Außenverteidiger nicht allein lassen

DFB-Team: Statement gegen die Elfenbeinküste oder zurück auf den Boden der Realität?

Der Hauptfokus von Nagelsmann muss darauf liegen, das eigene Spiel zu gestalten und offensiv zu Abschlüssen zu kommen. Denn dadurch werden gefährliche Ballverluste vermieden, in denen das deutsche Team keine gute Struktur in der Defensive hat.

Es wird in jedem Fall ein sehr spannendes Fußballspiel, weil beide Teams Stärken haben, die zu den Schwächen des Gegners passen. Beide Trainer sind bekannt dafür, Anpassungen im Detail vorzunehmen. Das kann mit den neuen Trinkpausen und mit der Ausgangslage für beide Teams zu spannenden Wendungen innerhalb der Partie führen.

Ein Selbstläufer wird dieses zweite Gruppenspiel für das DFB-Team jedenfalls nicht. Und gerade mit Blick auf die starke Defensive der Ecuadorianer wäre es wichtig, vor dem letzten Spieltag Ruhe reinzubekommen. Denn ein souveräner Sieg gegen die Elfenbeinküste wäre ein erstes Statement. Ein zäherer Auftritt und ein nicht so erfolgreiches Resultat könnten die aktuell leicht positive Stimmung dagegen schnell wieder kippen.

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