Top 15 der Klubgeschichte: Platz 2

Tobias Trenner 07.01.2019
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Einleitung
Plätze 15 bis 12
Plätze 11 bis 8
Plätze 7 & 6
Plätze 5 & 4
Platz 3
Platz 2
Platz 1

Platz 2: Franz Beckenbauer

von Tobias Günther

Weithin galt Franz Beckenbauer als Aushängeschild, als ultimativer Repräsentant des deutschen Fußballs, als makellose Lichtgestalt. Und denkt man an sein Standing nach dem erfolgreichen WM-Triple (Kapitän 1974, Trainer 1990, OK-Chef 2006) zurück, ist es frappierend, wie sehr sein Ruf durch die Enthüllungen der letzten Zeit gelitten zu haben scheint. Franz Beckenbauer konnte eigentlich gar nichts falsch machen. Zeugte er uneheliche Kinder, so kümmerte er sich um den deutschen Fußballnachwuchs; während etliche Stars an der Torwand im Sportstudio ohne jeglichen Treffer blieben, schoss er mühelos vom Weißbierglas aus ins Schwarze. Franz Beckenbauer war eine Art Hans im Glück des deutschen Fußballs, dem offenbar alles gelang, was er anpackte. Sogar für das sprichwörtliche „Kaiserwetter“ während des Sommermärchens machte man ihn ¬– halb im Scherz, aber eben nur halb – verantwortlich.

Und doch lag der scheinbar grenzenlosen Huldigung des Kaisers durchaus eine gewisse Skepsis zugrunde, gegen die zumindest der Fußballer Franz Beckenbauer während seiner Karriere anzukämpfen hatte und die sich vor allem durch die Jahre bis zum WM-Titel 1974 zog. Denn im Grunde war Franz Beckenbauer weniger ein Repräsentant des deutschen Fußballs als vielmehr eine Anomalie desselben. Denn die als typisch deutsch geltenden Fußballtugenden waren so gar nicht sein Metier: Kämpfen, ackern, malochen. Alles Tätigkeiten, die ihm zwar nicht fremd waren; aber im Unterschied zu den meisten seiner Zeitgenossen basierte sein Spiel nicht auf diesen Attributen, die vielerorts bis heute noch als Inbegriff von „ehrlichem“ oder „echtem“ Fußball gelten.

“Beckenbauer schwitzt nicht, er transpiriert“

Dass Fußballer mehr Geld verdienten als der durchschnittliche Zuschauer, war auch in den 60er/70er Jahren bereits der Fall. Als Bindeglied zwischen Fans und Fußballern und gewissermaßen als Rechtfertigung für die Gehälter fungierte dabei der sichtbare Nachweis der Profis, an die physischen Grenzen gegangen zu sein, „Gras gefressen“, sich den Allerwertesten aufgerissen zu haben. Beckenbauers aristokratisch anmutende Spielweise jedoch legte oft den Verdacht nahe, dass er sich (bei einer Niederlage) entweder nicht genug angestrengt habe oder dass er sich (bei einem Sieg) gar nicht erst anstrengen musste, sich seinen Erfolg nicht erarbeitet, also im Grunde nicht verdient hatte.

„Beckenbauer schwitzt nicht, er transpiriert“, hieß es zwar nur scherzhaft, aber nicht selten wurde tatsächlich argwöhnisch begutachtet, ob sein Trikot nicht viel zu sauber geblieben sei, während die Schwarzenbecks und Roths für ihn die Drecksarbeit erledigen mussten. Noch 1974, also als amtierender Weltmeister, Europameister und Europapokalsieger, als er auch seine Kampfkraft und Zweikampfstärke in Spielen wie gegen Schweden oder Polen unter Beweis gestellt hatte, schrieb Gerd Ruge über ihn als „kühlen Star“, der „kein Mann des Volkes, bei weitem nicht so populär wie Uwe Seeler“ sei und bezweifelte, „dass Beckenbauer jene Popularität behält, die heute noch Max Schmeling entgegenschlägt“.

Spielführer, Trainer und Präsident – der Kaiser und der FC Bayern gehörten über Jahrzehnte unzertrennlich zusammen.
(Quelle: Peter Schatz/Bongarts/Getty Images)

“Vivere a testa alta“

„Vivere a testa alta“ (übersetzt in etwa „mit erhobenem Haupt leben“) war ein Artikel über Franz Beckenbauer einmal treffenderweise in der „Gazzetta dello Sport“ überschrieben, was sich zugleich auf seinen erfolgreichen Karriereweg als auch auf seine Spielweise bezog. Denn Beckenbauer blickte als Spieler nie nach unten auf den Ball; er musste es schlicht und ergreifend nicht, wusste er doch stets, wo sich dieser befand. Diese auf seinem phänomenalen Ballgefühl beruhende Gabe segnete Beckenbauer mit einer Spielübersicht, wie sie neben ihm wohl kein Zweiter besaß. Zugleich ermöglichte diese Übersicht es ihm, sich mittels 180-Grad-Drehungen aus jeder noch so engen Spielsituation zu befreien, ohne dadurch in eine Falle zu tappen.

Dabei machte es für ihn keinen Unterschied, ob er sich am Mittelkreis oder im eigenen 5-Meter-Raum befand. Noch bevor ein solches Wort Bestandteil des Fußballwortschatzes wurde, war Beckenbauer die inkarnierte Pressingresistenz, und er zögerte selbst in größten Drucksituationen seine Abspiele oft bis zum wirklich allerletzten Moment hinaus, um seinem Zielspieler noch einen kleinen Zeitvorteil bei der Ballverarbeitung zu verschaffen. Zumeist nutzte er für diese mühelos anmutenden Pässe den Außenrist, was diesen noch zusätzlich eine besonders majestätische Note gab und es stets so aussehen ließ, als würde er die Bälle aus dem Fußgelenk schütteln. Seine Liebe zum Außenrist ging dabei so weit, dass er regelmäßig sogar den linken Außenrist der rechten Innenseite oder dem rechten Spann vorzog (Ein früher Beleg dafür ist sein 25m-Freistoß gegen Lew Jaschin bei der WM 1966).

Beckenbauers Vermächtnis

Seine Spielübersicht ermöglichte es Beckenbauer auch, im Spiel nach vorne gar nicht erst den Weg über außen suchen zu müssen. Auch engste Räume blieben für ihn bespielbar, unzählige Male fanden seine Vertikalpässe den Weg zu seinem bevorzugten Zielspieler Gerd Müller durch etliche Gegner hindurch. Hätte es damals schon einen Packing-Wert gegeben, Beckenbauer wäre außerhalb der Konkurrenz gelaufen.

Beckenbauers Präferenz für den direkten Weg durch die Mitte war derart prägend für das Bayernspiel, dass diese Spielweise noch Jahre nach seinem Abschied ein Kennzeichen des FCB bleiben sollte. Und auch die Tatsache, dass der Fußball von Bayern München im Gegensatz z.B. zu den stürmischen Gladbachern allgemein als kalkuliert abwartend und wenig rauschhaft charakterisiert wurde, hatte direkt mit Beckenbauer zu tun. Denn von dem Moment an, an dem Beckenbauer in der Rolle des Liberos agierte, war der Regisseur und Spielgestalter des FCB ein Abwehrspieler. Es dauerte nach Ballgewinnen schlicht ein wenig, bis Beckenbauer den Weg nach vorne gefunden und den Ball an seinen Füßen hatte.

Besonders hervorzuheben ist, wie wohldosiert und rational Beckenbauer seine technischen Fähigkeiten einsetzte. Zahllose Übersteiger auf der Stelle oder Tricksereien ohne Raumgewinn waren nicht seine Sache. Dabei ließen seine anmutigen und unnachahmlichen Bewegungsabläufe ihn auch in weniger guten Spielen zu einem sehenswerten Ereignis, zu einem sich vom Rest abhebenden Spieler werden. Allein, es gab nicht sonderlich viele schlechte Spiele von ihm. Seine laut Notenschnitt vom Kicker schlechteste Saison als Bayernspieler war mit dem Wert 2,0 seine letzte Saison im Bayerndress 1976/77. Und in der ebenfalls vom Kicker erstellten Rangliste des deutschen Fußballs wurde er unfassbare 27-mal in die Weltklasse eingestuft. Von 1966 bis 1977 wurde er in unerreichter Konstanz lediglich im Winter 1967 und 1973 nicht in die Weltklasse, sondern „nur“ in die internationale Klasse eingeordnet, wobei er nur 1967 auf seiner Position nicht auf #1 rangierte.

Für mich persönlich ist Franz Beckenbauer der beste Fußballer, den Deutschland je hervorgebracht hat. Seine prägende Bedeutung für die Entwicklung des Fußballs in Deutschland ist kaum zu überschätzen, auch in negativer Hinsicht. Denn es ist seinem herausragenden Wirken geschuldet, dass in Deutschland viele (Jugend-)Trainer ihre talentiertesten Spieler nicht auf die 10er-Position gestellt, sondern als Libero eingesetzt haben; dass die Position des Liberos und damit einhergehend die Trikotnummer 5 auf Jahrzehnte ein derart hohes Prestige besaß, um noch bis hin zum neuen Millennium attraktiv zu bleiben, als andernorts schon längst die Viererkette etabliert war.

Indirekt hat Franz Beckenbauer insofern den deutschen Fußball um Jahre zurückgeworfen. Dabei ist eigentlich gar nichts gegen die Spielweise mit einem Libero zu sagen. Wenn diese Position denn von einem Spieler wie Beckenbauer interpretiert wird. Aber einen derartigen Fußballer hat es seitdem weder in Deutschland noch irgendwo anders auf der Welt gegeben. Und es ist fraglich, ob es ihn jemals wieder geben wird.

»Eier, wir brauchen Eier!«

— Oliver Kahn

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  1. Für mich ja die Nummer 1, wie schon gesagt.

    Sehr schöner Bericht über den Kaiser. Fußballerisch über allem, was vorher und nachher in Deutschland kickte. Wurde – so meine ich – bei der Wahl des Fußballers des Jahrhunderts auf Platz 3 gewählt – weltweit!

    Er hatte eine Nonchalance die einzigartig war.- Beispiel bei der Weihnachtsfeieraffäre, als er auf die Folgen des Fremdgehens angesprochen wurde: “Ja mei, der liebe Gott freut sich über jedes Kind!” danach war Ruhe zu dem Thema.

    Beim WM Finale 74 war er auch kämpferisch der Turm in der Schlacht. Nebenbei mal ein 50m mit dem Außenrist in den Fuß.

    Ich hatte mal eine Videokassette von ihm: meine 100 größten Spiele. Da haben sie alte Schuhe von ihm gezeigt. Außenseite völlig hinüber, Innenseite wie neu…

    Sehr traurig, dass sein Ruf so demoliert ist. Aber das ist sicher auch typisch deutsch…

  2. Im Prinzip hätte man Franz auch auf die Nummer 1 setzen können. Fußballerisch wirklich das Beste, was der FCB (und Deutschland) je zu bieten hatte. ABER, warum Gerd Müller die den Spitzenplatz verdient hat, begründete der Kaiser selbst mit einem einzigen Satz:

    „Ohne die Tore von Gerd wäre Bayern nicht der Club, der er heute ist!!“

    Damit ist alles gesagt!!! Glückwunsch Gerd Müller und alles Gute!!!

  3. Für mich eher die klare Nr. 1, aber Gerd Müller sei es gegönnt. Ist vielleicht auch Geschmackssache: ich halte grundsätzlich mehr von den Spielmachern, als von den Vollstreckern. Dass Beckenbauer als „kühler Star“ betrachtet wird/wurde wundert mich. Er ist mir in einem Zusammenhang mehrfach kurz begegnet. Betritt er einen Raum, dominiert er ihn. Er ist natürlich, höflich, liebenswürdig und ungeheuer charmant. Nichts ist aufgesetzt. Wenn er sich zwei Minuten mit dir beschäftigt, gibt er dir das Gefühl, das Wichtigste auf der Welt für ihn zu sein. Vielleicht auch ein Zeichen von wahrer Größe, die sich nicht künstlich groß machen muß. Das alles hat die Liste natürlich nicht zu beeinflussen, ich möchte es aber zur Abrundung auch nicht unerwähnt lassen. Einer der wenigen Promis mit dem ich wirklich mal gern einen Abend an der Theke versacken möchte. Das ist das höchste Prädikat, dass ich persönlich vergeben kann. Vielen Dank für diese Liste, bei der ich mit vielem nicht einverstanden bin, aber hat Spaß gemacht, sich auch zu ärgern….;-)

  4. Hochverdient auf #2 der Franz, eine geteilte #1 mit dem Bomber wäre vielleicht am fairsten gewesen.

    Sehr schade sein tiefer Fall, der, verglichen mit anderen Sündern, schon allzu hart anmutet. Vielleicht keine “Lichtgestalt”, aber ein ganz Großer.

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    1. Ja der tiefe Fall! In manchen Dingen war der liebe Franz eben einfach zu gutmütig und vertrauensselig.
      Das ganze Dilemma war und ist doch dieser Posten als Chef des OK für die WM 2006. Und ausgerechnet sein Stellvertreter, der auch noch gleichzeitig der für die Finanzen verantwortliche ist, ist derjenige der von nichts etwas gewußt hat. Die berühmten 6 Mio, von denen der Finanzverantwortliche noch nie was gehört hat. Wer hat denn da eigentlich solche Dinge abgezeichnet – die Putzfrau? Aber genau wie es heute bei dieser Institution ist – die ganzen Verantwortlichen des DFB, ob Zwanziger oder Niersbach, die sich alle im Licht mit gesonnt haben, die haben natürlich alle von nichts gewußt.
      Alles nur der böse Franz schuld.
      Wer das glaubt, der glaubt auch, das Zitronenfalter Zitronen falten.
      Es ist ein Trauerspiel, was da veranstaltet wird.

  5. Stefan Johannesberg Seite 07.01.2019 - 15:32

    Sehr, sehr schöner Text.

    Es ist, finde ich, sehr viel Beckenbauer in Hummels. In besten Zeiten ne Klasse schlechter (also Weltklasse statt Jahrhundertklasse), aber immerhin. Alleine deswegen möchte ich, dass er bleibt.

  6. Dann steht jetzt also fest, dass ihr Thomas Müller nicht in die Top 15 aufnehmt, womöglich mit der Begründung, dass er ja noch 5-10 Jahre beim FC Bayern spielen wird. Eine andere kann es für einen Spieler, der im Kalenderjahr 2019 mit 30 voraussichtlich sein 500. Bayernspiel machen wird, nicht geben.

    Dann werden aber einige aber auch ganz arg über ihren Schatten springen müssen und einsehen, dass eine Einordnung unter der Top 5 auf keinen Fall in Frage kommen wird.

    Es scheint so, als würde man sich da von den letzten 2 Jahren etwas blenden lassen und ich rede nicht von solchen Verrückten wie GP11, sondern dem Panel der 15 Entscheider.

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    1. Antwortsymbolwillythegreat Seite 07.01.2019 - 22:15

      Mit 15 Spielern hat man sich keinen Gefallen getan. Ich wäre für eine Top 20 gewesen und hätte die fünf fehlenden Plätze mit Thomas Müller, Stefan Effenberg, Bixente Lizarazu, Bulle Roth und einem Spieler aus dem Sturmtrio Lewandowski, Elber oder Makaay besetzt. Selbst dann wären noch einige nennenswerte Spieler auf der Strecke geblieben, aber eben keine Spieler, die meiner Meinung nach unbedingt in eine Legendenliste gehören würden.
      Ich konnte z.B. das Fehlen von Effenberg nicht verstehen, weil der für mich neben Olli Kahn die absolute Triebfeder hinter den Erfolgen von 1999 bis 2001 war. Wenn man speziell diesen Zeitraum ansieht, war Effe der absolute Chef unter den Feldspielern und in seiner Bedeutung sogar wichtiger als Matthäus oder Scholl. Diese beiden hatten allerdings eine deutliche längere Zeit bei Bayern und sehr viele Erfolge und sind deswegen auch irgendwie höher einzustufen. Wenn ich also jemanden aus der tatsächlichen Liste wegnehmen müsste, wüsste ich auch nicht auf Anhieb, wer rausfallen müsste. Wen würdest du denn für Thomas Müller rausnehmen?

      1. Das Problem hat man in der Einleitung ja schon angesprochen. Die meisten der “Jury” sind (so wie ich) erst seit den 90ern dabei. Ich kann mir also ein Urteil zu Schwarzenbeck, Augenthaler oder Breitner gar nicht erlauben.

        So gesehen akzeptiert man deren legendären Status einfach. Aber wenn man rein statistisch argumentiert, ist Müller eben der Dritte der ewigen Torschützenliste (gefolgt von Lewandowski btw der auch die beste Torquote nach Gerd Müller hat) und Platz 11 der Rekordspieler. Alleine 50 Spiele mehr als Matthäus oder Rummenigge. Nun hatten die beide natürlich auch Spielzeiten in Italien, aber es sollte ja ausdrücklich nur die Bayernzeit bewertet werden.

        Wenn ich aber eben nur Spieler bewerten kann, die ich selbst erlebt habe, dann fliegt einer aus Robben oder Neuer raus. Auch wenn es wehttut, da beide einen nicht unerheblichen Anteil am aktuellen Erfolgsstatus des FCB haben, aber Müller fällt mir da einfach ein bisschen unter den Tisch. Kann sich noch jemand an Goalimpact erinnern? Oder an die Statistik, wenn Müller trifft verliert Bayern nicht? Das waren ja keine aus der Luft gegriffenen Phänomene. Aber anscheinend haben es ein paar Leute geschafft, Müller zu einem Mitläufer zu schreiben.

        Wenn einer die scheiß Ecke rausköpft ist Müller der CL-Held 2012 und wir würden vielleicht nicht von der Wembleynacht träumen.

        Und klar, eine Top 20 wäre sinnvoller, aber dann kann ich auch eine Top 30 machen etc.

      2. 2013 hätte es so ohne Müller nicht gegeben. Wer da schon auf den Anfang der Saison schaut, als Müller in jedem Spiel den Anfangsscorer machte – oder bis in die Rückrunde auswärts, wo wir im Jahr zuvor die Meisterschaft verloren (zuhause waren wir 11/12 in etwa genauso gut wie 12/13) an den Anfangstoren irgendwie beteiligt war. Die Tore in der Gruppenphase die fürs Weiterkommen ausserordentlich wichtig waren – und in den Finalrunden bis zum Endspiel war er bis auf bei Alabas Weitschuss an allen ersten 2 Toren der Runde beteiligt. Ja, das Finaltor gehörte dann Arjen. Selbst dann noch im DFB-Pokalfinale, wo andere schon irgendwie abgeschaltet haben.

      3. Sehe vieles auch so.
        Philipp Lahm deutlich vor Schweinsteiger, Kahn und Matthäus?
        Kann keinen Maßstab finden nach dem das passt.
        An Lewy, Makaay und Elber musste auch denken.
        Weiß auch nicht ob Scholl so viel höheren Stellenwert unter den Fans hatte als Giovane.
        Und Ballack?
        Der war doch enorm wichtig für uns. Für Platz 20 hätte es gereicht.

    2. Thomas Müller ist für mich das Hauptopfer der Transferpolitik der vergangenen Jahre. Sein kometenhafter Aufstieg in seiner Anfangszeit hing damit zusammen, dass er in der damaligen Bayernmannschaft eine Rolle bekam, in der er alle seine Stärken optimal ausspielen konnte und seine Schwächen kaschiert wurden. Müller ist sehr gut darin, Lücken in der gegnerischen Formation zu nutzen, in sie hineinzustoßen und aus ihnen heraus Tore und Vorlagen zu kreieren. Müller kann jedoch solche Lücken nicht selbst erzeugen.
      In Bayerns “Generation des Jahrzehnts” von 2010 bis 2013 wurden Müllers Schwächen im Kombinationsspiel ausgeglichen durch den vielleicht besten spielmachenden Außenverteidiger aller Zeiten (Lahm) und den gleichfalls sehr kombinativ ausgerichteten Linksaußen Ribéry. Müllers Schwäche im Eins-gegen-Eins wurde durch die Weltklassedribbler Ribéry und Robben neben ihm kaschiert. Die Schlagworte dieser Zeit waren das “Doppeln” oder gar “trippeln” von Robben und Ribéry auf den Außenpositionen. Wenn der Gegner vier bis sechs Spieler abstellen musste, um die Flügel zu kontrollieren, entstanden zentral fast zwangsläufig Lücken, die Müller herausragend bespielte. Als diese Säulen jedoch zu bröckeln begannen verpflichtete der FCB vor allem Spieler, die mit Müller um seine Rolle als “Lückensucher” und in den Strafraum ziehende zweite Abschlussoption konkurrierten. Addiert deutlich mehr als 100 Mio € investierte Bayern in Vidal, Sanches, Tolisso und Goretzka, die für ihre Spitzenleistungen ähnliche Rollen wie Müller benötigen. Vergleichsweise geringe Beträge flossen hingegen in neue Eins-gegen-eins-Spieler (von denen sich dann Douglas Costa letztlich als nicht gut genug und Coman leider als noch verletzungsanfälliger als Robbéry herausgestellt hat) und spielstarke Aufbauspieler (Thiago, James und zwischenzeitlich Alonso), weswegen der Verlust an Spielstärke, der durch die Abgänge von Schweinsteiger, Kroos und Lahm entstand, ebensowenig aufgefangen werden konnte wie der Verlust an Dribbelqualität durch das Nachlassen von Robbéry. Lahm wurde durch Kimmich ersetzt, der deutlich mehr als sein Vorgänger auf eigene Tore und Vorlagen setzt und weniger darauf, die restliche Mannschaft auszubalancieren. Obwohl Müllers Leistungen sich nicht verschlechtert haben hat er dennoch an Bedeutung eingebüßt: da den Gegnern von den Flügeln nicht mehr die Gefahr droht wie in Robbérys Glanzzeiten und Bayern nicht mehr so ballsicher ist werden Müllers Schwächen in diesen Bereichen offensichtlicher. Zudem gibt es für seine Rolle viel mehr Konkurrenten.

      Entsprechend ist Müller der derzeit wohl sportlich polarisierendste Spieler des Kaders. Einerseits ist er einer der besten Spieler der Welt, wenn er im gegnerischen Strafraum ein wenig Platz hat. Andererseits ist er in wichtigen Bereichen, die ein offensiver Mittelfeldspieler eigentlich mitbringen sollte zu schwach und es gibt gleich mehrere Bayernspieler, die seine Rolle in etwas anderer Interpretation auch stark ausfüllen können. Diese beiden Extrempositionen werden hier im Forum schön plakativ vertreten von Kurt und GP11. Ich finde nicht, dass Müller zwingend in diese Liste gehört hätte. Ich find aber auch nicht, dass er auf einem der hinteren Plätze ein Fehler gewesen wäre, z.B. anstelle von Scholl.

      @Kurt
      Du würdest Müller allen Ernstes über Robben und Neuer sortieren? Das waren doch neben Lahm die großen zentralen Leistungsträger der vergangenen sieben Jahre und der Triplemannschaft. Die beiden wären bei mir gleich mehrere Plätze weiter vorn gelandet…

      1. Eine schöne Darstellung der Kadersituation von Müller, und eine schlaglichtartige Beleuchtung der Transferpolitik der letzten Jahre. Ein kurzer ergänzender Gedanke dazu:
        Jetzt sind es nicht einmal mehr spielstarke Aufbauspieler, die verpflichtet werden, sondern nur noch die “Dribbelkönige” und Schnellläufer, die zusammen mit den Box-to-Box-Ballschleppern der letzten Spielzeiten wie Goretzka und Sanches die neue Ausrichtung unserer Offensive aufzeigen.

        Vieles, was ich in den Abhandlungen über die Top-15-Spieler gelesen habe, rief bei mir die Assoziation zur heutigen Spielidee wach, womit augenscheinlich einmal mehr die Politik “Back to the roots” der Vereinsführung erkennbar wird.
        Ob aber mit den Mitteln der Vergangenheit die Zukunft zu bewältigen sein wird, darf bezweifelt werden.
        Es wird auch in Zukunft “gedoppelt” und “getrippelt” werden, wenn unsere Angreifer nach vorn laufen, auch auf die “Powerläufe” durch die Mitte werden sich die gegnerischen Abwehrspieler immer besser einstellen können. Wer sorgt dann für die “spielerische Lösung”, wenn solche Lösungen nicht mehr angeboten, nicht mehr in hinreichender Form geschult werden?

        PS: Zu Kaiser Franz und den übrigen Jungs äußere ich mich morgen, wenn die Laudatio auf unseren Bomber vorliegt :-)

      2. @Olorin…präzise Analyse der Entwicklung der Situation rund um Thomas Müller. Ich teile die Darstellung zu 100%.
        @Osrig…aufgrund der Kaderzusammenstellung (viele Box-Go-Box Spieler und Ballschlepper) habe ich mir von Hudson Odoi mal einige Videos angesehen. Er scheint zusätzlich zu diesen Fähigkeiten auch ein gutes Kombinationsspiel zu haben. Zudem ist er auf engem Raum auch dribbelstark und ballsicher. Das könnte tatsächlich einer für uns sein.

      3. @miasanrot: Kann man Olorin nicht zur Redaktion hinzunehmen? Würde gerne mehr und länger von ihm lesen, das hat argumentativ immer Hand und Fuß. Chapeau @Olorin!

      4. Müllers Dilemma und den Transferverhau exzellent auf den Punkt gebracht, danke Olorin!

        Und tatsächlich wäre ausgerechnet mein Lieblingsspieler Scholl (nach dem jungen Rummenigge) der Einzige der 15 Nominierten, der für mich nicht “zwingend” war. Die anderen 14 waren und sind m. E. gesetzt,

      5. Danke fürs Lob :)

  7. Nur 7 Kommentare für den Kaiser? In der guten alten Zeit hätte er für sowas die Hose runtergelassen und den Allerwertesten gezeigt. Danke Franz, du warst der beste Bayernspieler aller Zeiten. Nur der Bomber kann dich übertreffen :-)

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    1. “Nur 7 Kommentare für den Kaiser?”

      Naja, Montagmorgen ist halt für viele ein ungünstiger Zeitpunkt, um hier zu lesen bzw. vor allem zu kommentieren. Insbesondere am ersten Arbeitstag nach den Weihnachtsferien … ;-)
      Der zweite Punkt ist: nicht wenige Kommentare zu den bisherigen Top Nr. 15 bis 3 waren ja durch abweichende Meinungen zur Einstufung der jeweiligen Spieler motiviert. Aber wer soll ernsthaft etwas dagegen haben, die beiden Bayern-Legenden schlechthin auf die Plätze 1 und 2 zu setzen? Und weil sie letztlich nur gemeinsam ihre absolut prägende Wirkung auf die legendäre Mannschaft der 70er Jahre ausüben konnten, ist es auch egal, wer nun am Ende die offizielle 1 erhält.

      Gut, kann natürlich sein, dass wir uns alle blenden lassen und morgen hier Uli Hoeneß als Nr. 1 vorgestellt wird – aus politischen Gründen … :-)

      Jedenfalls mein Dank und Kompliment an das MSR Team für die gelungene Idee der Liste und die tollen Artikel zu den einzelnen Spielern.

  8. Ein riesen Lob an den Autoren dieses Textes/dieser Laudatio. Man hat ja schon vieles über den Kaiser gelesen, aber von den Ausführungen her ist dieser Artikel einzigartig.

    Danke für die schöne Lektüre und Applaus, Applaus!

  9. Danke @Olorin! 100ige Zustimmung!

    @Willythegreat: Ich sehe es wie du. OHNE Effenberg hätte es keinen Champions-League-Sieg gegeben. Effe wollte die Schmach von Barcelona wettmachen. Ist ihm und seinen Mitstreitern gelungen.

    Dass kleines dickes Müller Platz 1 erklimmt, geht für den bescheidenen Franzl sicherlich in Ordnung. Passt schoa!

  10. Überragende Spielintelligenz? Guckts ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=XEkucFuGX_s
    Auch wenn ich mich damit als alter Sack oute: ich stand damals in der Südkurve und war fassungslos…

  11. Danke für den link, ROTWEISS. Auch das 2:0 durch den Wipf ist immer noch sehenswert.

    Das waren nunmal die Zeiten der Manndeckung. Da waren solche Alleingänge an der Tagesordnung.

    Antwortsymbol2 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. der wipf…aus kirchanschöring…das waren noch Zeiten. noch ein alter sack hier unterwegs? ;-)

      1. Geht so, ROTWEISS, geht so. Hab den Wipf jedenfalls noch live erlebt (aber nicht 1975).

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