Round-Up: Spieler des Monats April

Justin Trenner 02.05.2018

Dienstagabend. Es ist spät geworden in Madrid. Überall sind glückliche, jubelnde Menschen in weißer Kleidung zu sehen. Die Stimmung ist großartig. Doch unten auf dem Rasen sitzt ein Mann mit Handschuhen. Er starrt ins grüne Nichts, hat seinen Kopf zu Boden gesenkt. Für die vielen Madrilenen ist er nur ein kleiner schwarzer Punkt auf dem hellen Spielfeld. Er interessiert sie nicht sonderlich.

Für Bayern-Fans hingegen sitzt dort die tragische Figur des Abends. Der Mann, der mit der unmöglichen Aufgabe bestückt war, Manuel Neuer fast eine ganze Saison lang zu ersetzen. Er hatte es wahrlich nicht einfach in München. Schon häufiger war er seit seiner Ankunft an der Säbener Straße zu spontanen Einsätzen gekommen. Häufiger patzte er dabei auch.

Gerade mit der Vorgeschichte, dass einst Pepe Reina, einer der besten Torhüter der Welt, diese Position hinter Neuer besetzte, hatte Ulreich es schwer. Kritik prasselte immer wieder auf ihn ein. Doch dann kam die Chance. Neuer verletzte sich schwer, Ulreich musste langfristig einspringen.

Der Start war wieder holprig und so kam Skepsis auf. Doch Sven Ulreich kämpfte um Anerkennung. Seine Leistungen wurden immer besser. Gegen Leipzig hielt er die Bayern im Pokal. Gegen Paris zeigte er erstmals, dass er auch in der Champions League auf hohem Niveau die wichtige Stütze sein kann, die Neuer immer war und wieder sein wird. Das sind nur zwei von vielen Beispielen.

Als Bayern-Fan erwischte man sich hin und wieder dabei, Manuel Neuer ein Stück weit in das Unterbewusstsein rutschen zu lassen. Ein größeres Kompliment kann es für Ulreich gar nicht geben.

Doch nun sitzt er da. Durchgeschwitzt, traurig, leer, kalt, komplett desillusioniert. Quasi mit Anpfiff der zweiten Halbzeit unterlief ihm vielleicht der Fehler seines Lebens. Sein Anteil am Ausscheiden des FC Bayern war somit riesig. An dieser Wahrnehmung sollte auch seine großartige Parade nichts mehr ändern, die das 3:1 für die Hausherren verhinderte.

Shit happens! Ulreich reiht sich damit leider in eine kleine, aber entscheidende Fehlerkette ein, die aus deutlich mehr Individuen als ihm besteht. Oder anders: Er gehört zum Kollektiv. Die Mannschaft hat als Kollektiv Chancen liegen lassen, Chancen für den Gegner angeboten und gemeinsam das eine entscheidende Tor nicht gemacht oder eben nicht verhindert.

Die gesamte Mannschaft muss und wird daran wachsen. Egal wie oft die nahe Zukunft noch Rückschläge für den FC Bayern bereithält. Egal wie bitter diese neuerliche Niederlage ist. Am Ende werden die Jungs aufstehen, sich den Mund abputzen und einen neuen Anlauf versuchen.

Und so hat sich auch Ulreich irgendwann vom kalten Grün des Santiago Bernabeu erhoben, weil es immer weitergeht. Das predigte schon ein anderer Torwart, der in einem noch größeren Spiel 2002 patzte.

Beide haben sie gemeinsam, dass ihr Team ohne sie vermutlich nicht so erfolgreich gewesen wäre. Ulreich ist über sich hinaus gewachsen. Er hat mit dem Ball am Fuß dazugelernt, ist auf der Linie zu einer Bestie geworden, hat an Ruhe gewonnen, die sich auf seine Vorderleute übertrug, und spielte vermutlich die Saison seiner Karriere.

Ein dummer Patzer ändert daran gar nichts. Ulreich ist nicht nur der Spieler des Monats April, weil sein Fehler im Mai passierte. Er bekommt diesen Award, weil er aus der kritischen Betrachtung als sporadischer Neuer-Ersatz zum Neuer-Ersatz mit Herz, Leidenschaft und großartigen Leistungen aufgestiegen ist. Weil er den Arsch der Bayern gefühlt häufiger gerettet hat, als am Dienstag irgendein Internet-Held über ihn lachen konnte.

Natürlich aber auch, weil er im April großartig gespielt hat. Gegen Sevilla, in der Bundesliga, aber auch gegen Bayer 04 Leverkusen, die nur deshalb so deutlich besiegt werden konnten, weil Ulreich im richtigen Moment den Rückschlag verhinderte.

Die Miasanrot-Redaktion sagt: Danke, Ulle! Danke für die weiterhin tolle Saison, den großartigen Monat April und die vielen schönen Momente mit dir. Und vielleicht sitzt du bald auf dem Rasen in Berlin. Dann mit Leichtigkeit und Gelassenheit, weil du gerade den DFB-Pokal gewonnen hast.

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