FC Bayern München – Eintracht Frankfurt 4:1 (1:0)

Tobias Trenner 28.04.2018

Nach Bekanntgabe der Aufstellungen hyperventilierte Fußballdeutschland ob der mit vier Amateuren aufgefüllten B-Elf des FCB und empörte sich über die vermeintliche „Wettbewerbsverzerrung“. Davon abgesehen, dass wohl jeder andere Verein unter vergleichbaren Umständen genauso gehandelt hätte, genießt Bayern München nun einmal nicht den Vorteil, vom eigenen Verband derart protegiert zu werden, wie das bei internationalen Rivalen durchaus nicht unüblich ist. Sowohl für Olympique Lyon 2010 als auch für Real Madrid 2014 wurden die Ligaspiele ans Ende der Saison verlegt, um ihnen im Duell mit Bayern durch die Ruhepause zwischen den Halbfinalspielen einen Vorteil zu verschaffen.

Im Endeffekt hat Bayern es durch den 4:1-Sieg offenbar gerade noch so verhindern können, zugleich am Scheitern der Frankfurter (durch den Zeitpunkt der Bekanntgabe des Kovac-Wechsels) als auch an deren Erfolg (durch geschenkte Punkte) schuld zu sein.

Die Tatsache, dass es einem derart zusammengewürfelten Bayernteam gelang, einen Europapokalaspiranten und Pokalfinalisten mit 4:1 nach Hause zu schicken, spricht nicht unbedingt für die Qualität der Bundesliga, nicht für die Qualität von Eintracht Frankfurt und auch nicht gerade für die Qualität von Niko Kovac als Trainer. Zwar war das Spiele lange offen, es begegneten sich zwei Teams auf Augenhöhe. Auch mag das Ergebnis von 4:1 etwas täuschen, denn Bayern war am Mittwoch gegen Real wesentlich feldüberlegener und hatte weitaus bessere Torchancen. Aber angesichts der Spielumstände und der Tatsache, dass es nur für Frankfurt wirklich um etwas ging, war dies ein enttäuschender bis erschreckender Auftritt der Eintracht.

Es war deutlich zu merken, wie wenig es den Frankfurtern behagte, selbst aktiv werden zu müssen und sich aufgrund der verschobenen Kräfteverhältnisse nicht vollends in die gewohnte Rolle des kompakt stehenden Außenseiters begeben zu können. Es fehlte an Entschlossenheit und Überzeugung, Bayern wirklich unter Druck setzen zu wollen. Nicht umsonst hatte Frankfurt seine besten Szenen bei Gegenstößen nach Ballverlusten des FCB. Natürlich wäre es unfair, nun aufgrund einer Niederlage Kovac die Eignung als Bayerntrainer abzusprechen, aber eine taktische Meisterleistung seinerseits war die Partie wahrlich nicht. Jedenfalls war kein Konzept erkennbar, wie Frankfurt die zwangsläufig bestehenden Abstimmungsprobleme und Lücken bespielen wollte. So unterließ es die Eintracht etwa, einen der Debütanten gezielt in Bedrängnis zu bringen; man spielte genauso, wie man wohl gegen Bayerns A-Elf aufgelaufen wäre.

Wie schlugen sich nun die vier Nachwuchskräfte? Am auffälligsten agierte Franck Evina, der sich zunächst offensiv in Szene zu setzen wusste, indem er Zweikampfsituationen und auch Torabschlüsse suchte. In Phasen, in denen er offensiv wenig zum Zuge kam, stellte er mehrmals seinen Einsatzwillen mit beherzten Sprints in der Rückwärtsbewegung unter Beweis, mit denen er Defensivlücken schloss und konternde Gegner ablief. Eine wirklich gute Leistung, aber es ist eher fraglich, ob seine Qualität für die Ansprüche, die Bayern auf seiner Position hat, mittel- und langfristig ausreichen dürfte. Zumal er körperlich für einen 17jährigen schon enorm weit wirkt, diesbezüglich also keine großen Sprünge mehr zu erwarten sind.

Niklas Dorsch ist aufgrund seines Tores nun natürlich in aller Munde, und in der Tat wirkt es bedauerlich, dass sein Abschied aus München wohl beschlossene Sache zu sein scheint. Mühelos gelang es ihm, sich im Bayern-Mittelfeld einzugliedern: Präsenz, Anspielbarkeit, Bewegungsabläufe machten einen runden Eindruck, seine Ballbehandlung wirkte bisweilen geradezu exzellent. Dennoch gelang ihm bei weitem nicht alles, besonders in der Passgenauigkeit und Entscheidungsfindung befindet sich noch Verbesserungspotential. Mit Höjbjerg oder Gaudino hatte man in den letzten Jahren Talente, die mindestens ähnlich vielversprechend waren, es am Ende aber doch nicht bei Bayern schafften. Aber es wäre schön, wenn man seine Entwicklung noch eine Weile bei Bayern mitverfolgen könnte.

Lars Lukas Mai, gewissermaßen der Routinier des Quartetts, spielte recht abgeklärt, es war ja schließlich auch bereits sein zweiter Einsatz bei den Profis. Sichtlich bemüht, keine groben Fehler zu begehen, spielte er auf Sicherheit bedacht: Riskante Tacklings überließ er ebenso seinen Nebenleuten wie das Verursachen von Fehlpässen oder missglückte Rettungsaktionen. Eine rundum solide Leistung, mit der er sich durchaus für einen festen Kaderplatz als Innenverteidiger Nr. 4 empfohlen hat.

Meritan Shabani wusste am wenigsten zu überzeugen. Zwar fiel er im Vergleich zu Bernat oder Tolisso leistungsmäßig nun auch nicht sonderlich ab, aber es würde doch sehr überraschen, wenn ihm noch eine Karriere beim FC Bayern bevorstehen sollte.

Insgesamt aber muss man positiv festhalten, dass der Nachwuchs derzeit über Spieler verfügt, die auch für die Profimannschaft von Interesse sind und auf die man zumindest bei Personalengpässen zurückgreifen kann. Alle wirkten gut ausgebildet, hatten weder technisch, physisch noch taktisch sichtbar große Probleme, in einem Bundesligaspiel mitzuhalten. Auch wenn fraglich ist, ob einem von ihnen tatsächlich der große Sprung gelingen wird, so bleibt doch zu hoffen, dass Transfers wie der von Serdar Tasci in Zukunft nicht mehr nötig sind.

3 Dinge, die auffielen:

1. Ein Herz für Rafinha

Was hat dieser Spieler beim FCB nicht schon alles durchgemacht? Mal Stammspieler, mal völlig weg vom Fenster, mal einrückender Rechtsverteidiger oder sogar Innenverteidiger unter Pep, dann wieder linearer Außen in der Viererkette, wenn nötig eben auch auf der linken Seite wie am Mittwoch gegen Real. Über all die Jahre ein Muster an Loyalität, unterlief ihm unter der Woche ein folgenschwerer Fehler, der prompt mit einem Tor bestraft wurde; und das, nachdem er im April den vielleicht besten Monat seiner Zeit bei Bayern hingelegt hatte.

Wie er diesen Tiefschlag bei seinem Einsatz in der zweiten Halbzeit heute weggesteckt hat, nötigt großen Respekt ab. Schön zu sehen war auch, wie die Mannschaft sich mit ihm über sein Tor freute; eine Szene, die für einen intakten Teamgeist spricht.

2. Wagner Love

Auch gegen Frankfurt beeindruckte Sandro Wagner durch gewohnten Einsatzwillen, aber auch durch ein bemerkenswertes Spielverständnis. Zwar hatte er nicht in jeder Situation den Blick für den freien Nebenmann, aber gerade für die Jungen fungierte er als nahezu idealer Verbindungsspieler. Durch seine Agilität und permanente „Verfügbarkeit“ lieferte er den Außen eine stete Anspieloption, zu der sie Zuflucht nehmen konnten, wenn ihnen eine andere Idee fehlte oder sie sich kein direktes Duell zutrauten.

Dass er fußballerisch nun einmal limitiert ist, war auch gegen Frankfurt nicht zu übersehen. Aber wenn alle Spieler ihr Potential derart ausschöpfen würden wie Sandro Wagner, dann wäre Real Madrid keine Hürde.

3. Bring it on!

Das Frankfurt-Spiel inmitten der beiden Halbfinale war keine einfache Situation, die Wahrscheinlichkeit, einen positiven Schub und Selbstvertrauen für Madrid daraus zu ziehen und nicht zugleich wertvolle Ressourcen zu vergeuden, äußerst gering. Genau das dürfte aber gelungen sein. Zumindest hat Heynckes mit der größtmöglichen Rotation unterstrichen, dass er auf Dienstag fokussiert ist und es an diesem Tag etwas für den FC Bayern zu gewinnen geben wird. Bis auf Hummels und Ulreich konnten die Schlüsselspieler geschont werden, die anderen dagegen etwas Spielpraxis sammeln und Selbstvertrauen tanken. Und auch unter den Fans ließ der Coup mit den Nachwuchsspielern ein wenig die seit Mittwoch herrschende Lähmung vergessen.

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