Jérôme Boateng: Das fehlende Element

Darum fehlt Boateng den Bayern

Als Jérôme Boateng am 22. Januar in Hamburg auf dem Boden saß und seine Auswechslung forderte, brach für viele Bayern-Fans eine Welt zusammen. Die Verletzungen schienen kein Ende zu nehmen und mit dem Abwehrchef traf es auch noch einen der wichtigsten Spieler des Kaders.

Pep Guardiola musste in der Folge handeln, weil neben Boateng auch Badstuber, Martínez und Benatia langfristig oder mittelfristig ausfielen. Mit Serdar Tasci wurde zudem ein Innenverteidiger verpflichtet, der bis heute nur 53 Minuten für die Münchner absolvierte. Die Lösung des Katalanen hieß dann etwas überraschend Joshua Kimmich. Doch der 21-Jährige überzeugte und ließ sich selbst von Rückschlägen, wie dem in Turin, nicht beeindrucken. Bereits vor einigen Wochen analysierten wir die Grundfähigkeiten der Notlösung und stellten fest, dass diese Rolle tatsächlich sehr passend für ihn gewesen ist. Sein Partner war über lange Phasen der Rückrunde David Alaba. Der Österreicher kannte die Position des Innenverteidigers bereits und konnte mit Kimmich so ein gutes Duo bilden, das unter anderem gegen Dortmund und auch im Hinspiel gegen Benfica zu Null blieb.

An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass es eine sehr respektable Leistung ist, wenn ein Team auch ohne echten Innenverteidiger über Wochen so konstant und stabil seine Spiele gewinnt. Oft kam genau dieser Punkt zu kurz, denn Bayerns offensive Formschwäche wurde in den letzten Wochen sehr häufig von starken Defensivaktionen der Verteidiger aufgefangen. Lediglich Juventus Turin war in der Lage das Fehlen von Boateng auszunutzen. Doch wie sehr fehlte der 27-Jährige den Bayern wirklich?

Aufgrund der Ergebnisse lässt sich diese Frage natürlich einfach beantworten: Nicht so sehr, wie viele gedacht hätten. Gerade auch weil die Bayern in den bisherigen 17 Spielen seit der Verletzung Boatengs nur 11 Gegentore (sechs davon in der Champions League) kassiert haben. Doch das würde zu kurz greifen. Zum einen hatten viele Gegner schlichtweg nicht die Qualität, um dieser dezimierten Bayern-Defensive wehzutun, zum anderen gab es auch einige Momente in denen man das Gefühl hatte, dass Boateng es besser hätte lösen können. Jérôme Boateng zählt zu den fünf besten Innenverteidigern der Welt. In den letzten Jahren hat er sich zu einem der besten Aufbauspieler des Planeten entwickelt. Der Weltmeister ist in der Lage eine komplette gegnerische Formation mit einem Pass auseinander zu nehmen. Diese Qualität hat unter allen Innenverteidigern so vielleicht nur noch Mats Hummels.

Darüber hinaus sind auch seine langen Bälle sehr wichtig für den FC Bayern. In der Champions League bringt Boateng 6,6 von 10 langen Bällen pro 90 Minuten an einen Mitspieler. Auch in der Bundesliga hat er mit 9,4 von 14,9 eine sensationelle Quote. Er kann mit diesen weiten Schlägen nicht nur für schnelle und überraschende Gefahr sorgen, sondern schafft es auch durch kluge Seitenverlagerungen die Abhängigkeit von der Sechser-Position zu entschärfen. Besonders deutlich wurde das in der Hinrunde gegen Borussia Dortmund. Tuchel ließ das Zentrum der Bayern so zustellen, dass nur die Wege auf die Außenbahnen frei waren und Alonso keine Rolle spielte. In den letzten Jahren hatte Bayern häufig Probleme, wenn der Sechser das Spiel nicht eröffnen konnte, doch Boateng entschärfte diese Abhängigkeit. Wenn man so will, ist er nicht nur das Herz des Aufbauspiels sondern auch ein tiefer Spielmacher.

In Lissabon wurde zuletzt deutlich, warum der Abwehrchef trotz aller positiven Ergebnisse fehlt. Seine Übersicht hätte gegen diese hochstehende Mannschaft sehr weitergeholfen. Immer wieder mussten Martínez und Kimmich den Ball zentral zu Alonso bringen, um dann eine gefährliche Seitenverlagerung zu erzeugen. Außerdem gab es zu selten den Versuch mit langen Bällen über die weit aufgerückte Abwehr zu operieren. Boateng hätte beides in diesem Spiel vereinfachen können.

Zuletzt nur Zuschauer, bald wieder auf dem Platz: Jérôme Boateng. (Bild: Alex Grimm / Bongarts / Getty Images)
Zuletzt nur Zuschauer, bald wieder auf dem Platz: Jérôme Boateng.
(Bild: Alex Grimm / Bongarts / Getty Images)

In der Rückrunde fehlten den Münchnern in einigen Spielen genau diese präzisen langen Bälle. Joshua Kimmichs Passspiel ist hervorragend. Auch er bringt die nötigen Fähigkeiten mit, um die vorderste Pressinglinie zu überspielen. Vor allem über Dribblings, wie zuletzt gegen Stuttgart, war der 21-Jährige immer gefährlich. Dennoch – und das ist nicht als Kritik an Kimmich zu verstehen – ist Boateng noch mal eine Stufe über dem was sein Ersatz bieten konnte. Der gebürtige Berliner kommt in der Bundesliga auf 0,8 Torschussvorlagen pro 90 Minuten und hat bereits drei Assists beigesteuert.

Wichtig für Bayerns Spiel ist auch Boatengs Qualität gegen den Ball. 64% seiner Zweikämpfe gewinnt er in der Liga, 67% sind es sogar in der Champions League. Joshua Kimmich hat in der Liga 54% seiner Duelle gewonnen und kommt international auf 57%. Boateng ist darüber hinaus im Gegenpressing noch herausragender als jeder andere Innenverteidiger der Münchner. Er antizipiert Umschaltmomente des Gegners schon bevor der Ball in seiner Nähe ist. Der 27-Jährige ist oft sehr hoch positioniert, was zwar risikoreich ist, ihm aber aufgrund seiner Spielintelligenz fast nie zum Verhängnis wird. Mit 1,9 Interceptions pro 90 Minuten hat er in der Bundesliga die zweitmeisten aller Innenverteidiger des FC Bayern. Nur Benatia (2,8) hat mehr, spielte allerdings auch nur halb so viele Minuten wie Boateng.

Die wichtigste Eigenschaft des Nationalspielers ist aber seine Konstanz. Er macht keine schwerwiegenden Fehler mehr. Von den Medien zu Beginn seiner Bayern-Zeit noch genau dafür kritisiert, entwickelte er sich in den letzten Jahren zu einem der konstantesten Innenverteidiger Europas. Vor allem ist es aber die Tatsache, dass Boateng sich regelmäßig zu den großen Spielen in Topform präsentiert. Er übernahm sowohl im Champions-League-Finale 2013 als auch im WM-Finale 2014 Verantwortung und glänzte mit Werten auf aller höchstem Niveau. 2013 hatte er beispielsweise im Endspiel der Königsklasse eine Zweikampfquote von 80% und kontrollierte so niemand geringeren als Robert Lewandowski. Sein langer Ball auf Ribéry war zudem der Pre-Assist zur Entscheidung. In der Nacht von Rio, als er und die Nationalmannschaft Weltmeister wurden, zeigte er ebenfalls eine nahezu unglaubliche Leistung gegen Lionel Messi und die Argentinier. Er antizipierte jede Situation und gewann 10 seiner 12 Zweikämpfe sowie vier von sechs Luftduellen. Drei abgefangene Bälle, sechs Tacklings und beeindruckende neun klärende Aktionen komplettieren die vielleicht beste Leistung seiner Karriere.

Diese Kategorie Spieler würde jedem Team fehlen. Pep Guardiola fand dennoch Lösungen um die Mannschaft weiter in allen drei Wettbewerben auf Kurs zu halten und zauberte mit Kimmich einen großartigen Ersatz aus dem Hut. Dennoch ist es wichtig für die Münchner, dass Jérôme Boateng gerade jetzt, wo es in die entscheidenden Wochen geht, auf dem Weg zurück in den Kader ist. Ob er direkt wieder an seine starken Leistungen der letzten Jahre anknüpfen kann wird sich dabei zeigen.

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Leserkommentare
  1. Arslan

    für’s HF Rückspiel sollte es reichen “HOFFENTLICH” oder ?
    Freue mich so riesig auf Boa !

    1. Ich denke das ist realistisch. Der Plan könnte(!) sein: Ein paar Minuten gegen Berlin > dann denke ich eher nicht dass man Boateng schon in das Hinspiel schmeißt > ein ganzes Spiel oder eine Halbzeit gegen Gladbach und schlussendlich wird man dann anhand des Fitnesszustands und den gezeigten Leistungen entscheiden, ob es für einen Einsatz im Rückspiel reicht. Es wird sehr eng.

  2. Tanja

    Er fehlt einfach. Sicherlich war die “Notlösung” mit Kimmich von Pep mal wieder eine Meisterleistung. Trotzdem bleibt die Abwehr, gerade in der CL, ohne Boa unsere Schwachstelle. Freue mich ihn wieder spielen zu sehen. Hoffentlich im Rückspiel.

    Kimmich sollte die Rolle von Lahm übernehmen. Der geht 2018, bis dahin als Backup immer weiter lernen u noch besser werden (wenn das überhaupt möglich ist). Perfekte Lösung.

    Danke mal wieder für eine klasse Analyse!!!!

    1. Kimmich als Lahm wäre sicher interessant, obwohl ich seine Zukunft schon im zentralen Mittelfeld sehe.

      Danke fürs Lob.

      1. Alex

        “Kimmich als Lahm”

        Wenn er ein wenig geduckt läuft…

  3. Der Groninger

    @Justin: Du schreibst, Boateng gehöre zu den fünf besten Innenverteidigern der Welt. Wer sind Deiner Meinung nach die anderen? Hummels nennst Du an einer Stelle in Sachen Spielaufbau. Dann bleiben immer noch drei. Piqué? Ramos? Godin? Silva? Chiellini? Laporte? Oder gar: Badstuber? :)

    1. Ich tue mich schwer sie zu sortieren, aber: Thiago Silva, Mats Hummels, Leonardo Bonucci , Diego Godin und Jérôme Boateng sind mMn die fünf besten. Bei Gerard Piqué (den ich ebenfalls zu den besten zähle) fehlt mir etwas die Konstanz. Das mag auch daran liegen, dass er seit Puyols Karriereende keinen Topmann mehr neben sich hatte und es deshalb schwer hat. Ramos zähle ich persönlich nicht zu den besten. Sehr Torgefährlich und auch wichtig für real, aber auch anfällig im Vergleich zu den anderen. Chiellini sehe ich ebenfalls im erweiterten Kreis. Badstuber war leider zu oft verletzt um ihn ernsthaft zu nennen und Laporte ist zu jung.

      1. Ju

        Ein dickes PRO von mir zu Sergio Ramos und ein dünnes Contra zu Mats Hummels. Seine große Stärke, nämlich das Herausrücken aus der Kette, ist auf höchstem Niveau leider nicht wirklich erfolgsstabil – vor allem, wenn man zur Folgeaktion sein geringes Tempo im Rückwärtsgang hinzurechnet.

        Jerome Boateng könnte unter Laborbedingungen natürlich der beste Innenverteidiger der Welt sein, insbesondere, da eben seine Athletik zum Fähigkeitenprofil hinzutritt. Allerdings liefern auch insbesondere Silva und Bonucci am laufenden Band Leistungen ab, weswegen derer ich ihnen ungern jemand anderen für die Nase setzen würde, nur weil er noch eine Spur kompletter zu sein scheint.

        Godin kann ich mir übrigens nicht auf höchstem Niveau in einer hohen Kette vorstellen. Spielt außerdem, wenn er rausrücken muss, ziemlich oft Foul.

      2. Man muss auch immer schauen in welchem System die Spieler spielen. Godin halt ich im Zweikampfverhalten für einen der besten, Boateng und Hummels sind mit Ball klar die besten. Hummels spielt eine fehlerfreie Rückrunde. Seine zwei, drei Fehler in der Hinrunde? Geschenkt. Halte Boateng für etwas konstanter und besser, aber sie nehmen sich nicht viel und irgendwo ist das auch eine “Glaubensfrage” wen man da als Nummer 1 sieht. Ich bin selbst auf Amateurebene Innenverteidiger und versuche (insofern das als Amateur überhaupt möglich ist) mir von beiden ein bisschen was abzuschauen. Wir können froh sein dass wir in Deutschland zwei solch tolle Innenverteidiger haben.

      3. Ju

        Glaubensfrage ist wohl der richtige Begriff.

  4. Tipic

    Danke für die Analyse, super!
    Besonders gut finde ich, dass auf Jérômes herausragende Fähigkeiten im Spielaufbau hingewiesen wird. Tatsächlich liegen unsere nicht immer ganz überzeugenden Auftritte in der Rückrunde meines Erachtens auch und besonders in seiner Abwesenheit begründet.

  5. Pachinko

    Ist zwar nicht gut gegangen aber Ribéry hat er auch schonmal nach 2 Einheiten mit der Mannschaft direkt aufgestellt. Glaun er wird auch Boateng bringen wenn die Ärzte grünes Licht geben.

  6. Jo

    Warum ist Boateng unersetzbar? Warum wirkt sich trotz aller Erfolge sein Fehlen auf unser Spiel aus?
    Jetzt ist mir endlich der gescheite Vergleich eingefallen. Boateng, das ist der Beckenbauer der Neuzeit. Natürlich rein physisch nicht vergleichbar und auch der Fußball damals war im Grunde eine andere Sportart.
    Aber: Vergleichbar ist die gleichzeitige, dominante Präsenz in Defensive wie Offensive, eine Ausstrahlung die Mit- wie Gegenspielern diese Aura des “Untouchables” vermittelt, die Fähigkeit aus der Libero/IV-Rolle jederzeit spielentscheidende Dinge zu tun, die überragende Technik, das perfekte Passspiel, die Dynamik in seinen Vorstössen.
    Boateng lässt Gegenspieler schlechter und Mispieler besser aussehen, als ohne sein Mitwirken.
    Bestes Beispiel Alaba: An Boatengs Seite und in seinem Windschatten zu Weltklasseleistungen als IV fähig, ohne ihn eben “nur” gut.

    Umso bemerkenswerter wie vergleichweise gut es bisher gelungen ist, sein Fehlen zu kompensieren. Für die Halbfinals bin ich noch etwas skeptisch, vielleicht das CL-Rückspiel. Könnte aber evtl. auch schon ein Vabanque-Spiel sein.
    Also sollten wir besser die Finals erreichen, damit das dieses Jahr noch was wird.
    Mit Boateng. Und den Titeln (-;

  7. wipf1953

    Es wäre schön, wenn Boateng bald wieder zurückkäme. Aber ich denke, für das HF ist es einfach noch zu früh. Vielleicht kann er eingewechselt werden, um zu stabilisieren. Aber auch das wäre ein Risiko, einfach weil er drei Monate nicht gespielt hat.

    Als es im Winter wieder mit den Verletzungen losging, habe ich befürchtet, dass es genau so läuft wie letzte Saison – mit mehr als fünf dauerverletzten Leistungsträgern im Saisonendspurt.

    Tatsächlich schaut es deutlich besser aus. Alleine dafür kann man nicht dankbar genug sein.

    Als sich vor ein paar Wochen abgezeichnet hatte, dass es mit der Verletzungsseuche dieses Jahr besser verlaufen könnte, hab ich mir innerlich gedacht, so lange Javi Martinez stabil bleibt und über VF und HF in Form kommt, bin ich zufrieden. Dann soll sich Boa alle Zeit nehmen, die er benötigt.

    Klar wäre eine Innenverteidigung mit Boa und Martinez das Optimum – eben weil Alaba auf der IV zwar seine Geschwindigkeit einbringen kann, aber im Aufbau dann fehlt.

    Zur Erinnerung: letzte Saison fehlten gegen Barca Ribery, Robben, Alaba und Badstuber. Diverse weitere Spieler waren zuvor verletzt (Schweinsteiger, Benatia, Thiago, Martinez ..). Und dann bekam auch noch Lewandowski seine Maske (nochmal “danke” an Mitch Langerack). Es sieht dieses Jahr so unglaublich viel besser aus. Damit muss man zufrieden sein.

  8. […] vor den Spielen gegen Atlético Madrid in Topform. Da die aktuelle Leistungsfähigkeit von Jérôme Boateng eine große Unbekannte ist, ist das sehr wichtig für die […]

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