Juventus Turin – FC Bayern München 2:2 (0:1)

Steffen Trenner 23.02.2016

Guardiola verzichtete ziemlich überraschend auf Xabi Alonso und begann dafür wie am Wochenende gegen Darmstadt mit dem formverbesserten Arturo Vidal. Auch der zurückgekehrte Medhi Benatia blieb zunächst unten. Guardiola vertraute weiter auf Kimmich und Alaba in den zentralen Rollen der Verteidigung. Bernat rückte ebenfalls etwas überraschend in die Anfangsformation. Mit Götze, Coman und Ribéry hatte der Bayern-Coach zudem eine Reihe guter offensiver Möglichkeiten auf der Bank, um ins Spiel einzugreifen.

Juventus Turin vs. FC BayernGrundformationen: Juventus Turin – FC Bayern

Auf der Gegenseite musste Allegri auf Abwehrchef Chiellini verzichten. Wie erwartet setzte der Juve-Coach als Konsequenz auf eine Viererkette im 4-4-2 mit Barzagli und Bonucci in der Zentrale. Vorne begann der Ex-Münchner Mandzukic vor Paulo Dybala.

Bis zum Anpfiff blieb unklar, ob Guardiola nicht doch auf eine Dreierkette mit Vidal zwischen Alaba und Kimmich setzen würde. Es wurde jedoch eine zumindest defensiv ziemlich klassisch interpretierte Viererkette mit Lahm und Bernat auf den Flügeln. Mit Ball rückte Lahm wie zuletzt häufig immer wieder ein, um das Kombinationsspiel neben Vidal zu unterstützen.

Falls ihr es verpasst habt:

Bayern begann sehr engagiert und mutig. Vidal hatte nach drei Minuten mit einem kernigen Distanzschuss die erste nennenswerte Szene des Spiels. Buffon war zur Stelle.

Juventus versuchte mit recht direktem Umschaltspiel Nadelstiche zu setzen, blieb jedoch in der Anfangsviertelstunde bis auf zwei Halbchancen von Mandzukic wirkungslos. Die Münchner hielten den Druck hoch und hätten in der 13. Minute in Führung gehen müssen, als Müller einen zu ungenauen Pass von Lewandowski nach herrlicher Kombination über den rechten Flügel aus kurzer Distanz nicht kontrolliert in Richtung Tor befördern konnte.

Nach 18 Minuten schwächten sich die Gäste durch einige unnötige Ballverluste selbst und brachten Juventus so etwas besser ins Spiel. Costa kassierte nach einem Foul an Cuadrado früh die gelbe Karte. Kurz danach hatte Vidal Glück, dass ein mit dem Arm abgewehrter Schuss von Pogba nicht als absichtliches Handspiel im Strafraum gewertet wurde. Ab der 25. Minute nahm der Rekordmeister ein wenig Tempo heraus. Zumindest im Spiel mit dem Ball. Gegen den Ball blieb das Pressing gefährlich und aggressiv. Bernat hatte die nächste Chance für den deutschen Rekordmeister. Sein etwas verunglückter Schuss aus 18 Metern wurde jedoch von Buffon pariert (30.).

Bayern probierte es auch in der Folge unermüdlich und hielt den Druck hoch. In der 43. Minute eroberten Vidal und Thiago den Ball im Mittelfeld und machte das Spiel schnell. Robbens zu weite Hereingabe brachte Costa akrobatisch nach innen und der zuvor glücklose Müller schob den von Barzagli zu kurz abgewehrten Ball überlegt zum verdienten 1:0 ins Netz.

Allegri reagierte schon in der Pause und brachte den offensiveren Hernanes für den blassen Marchisio. Der Brasilianer sollte durch eine etwas höhere Positionierung helfen das Münchner Gegenpressing besser zu umspielen. Juvenus hatte nun in der Tat etwas längere Ballzirkulationen, aber den erneuten Punch setzten die Bayern.

Es war der vor dem Tor zuletzt so unglücklich agierende Arjen Robben, der einen kompliziert, aber gut vorgetragenen Konter über Thiago und Lewandowski mit seinem patentierten Move nach innen abschloss (55.).

Bayerns Spiel wurde mit der 2:0-Führung im Rücken ruhiger. Vielleicht einen Tick zu ruhig, denn Turin antwortete kurze Zeit später mit dem Anschlusstreffer. Kimmich wehrte eine Querpass zu kurz ab, Mandzukic spielte den einlaufenden Dyballa frei, der das 1:2 erzielte (62.). Juventus war jetzt im Spiel. Neuer musste in der 67. Minute gegen Cuadrado retten. Nur wenige Sekunden später schlenzte Pogba den Ball über die Querlatte.

Guardiola reagierte auf den größer werdenden Druck und brachte Benatia für Bernat. Der Marokkaner nahm die Position neben Kimmich ein. Das Momentum blieb aber auf Seiten der Gastgeber, die nun wütend auf den Ausgleich drängten. Der eingewechselte Morata köpfte einen öffnenden Ball von Mandzukic in die Mitte. Dort war Sturaro eine Fußspitze vor Kimmich am Ball und erzielte aus kurzer Distanz den nun sogar nicht unverdienten Ausgleich (76.). Zuvor hatte Neuer mit einer unnötig riskanten Spieleröffnung einen Ballverlust provoziert.

In den Schlussminuten entwickelte sich ein offenes Spiel mit kleineren Chancen auf beiden Seiten. Turin drückte nun auf das dritte Tor, aber die Hereinnahme von Benatia brachte insgesamt zusätzliche Stabilität gegen viele weite Bälle der Gastegeber.

Am Ende bleibt das Gefühl vielleicht sogar zu wenig aus Turin mitgenommen zu haben. Das 2:2 ist ein Ergebnis, das vor dem Spiel wohl jeder dankend unterschrieben hätte. Nach der überlegenen ersten Hälfte und der klaren Führung sieht das jedoch zumindest vom Bauchgefühl etwas anders aus.

3 Dinge, die auffielen

1. Guardiolas Mut wird insgesamt belohnt

Pep Guardiola hat sich in den vergangenen Jahren den Ruf erarbeitet auswärts eher kontrolliert, denn mutig oder kreativ zu agieren. Die statistischen Unterschiede, beispielsweise zwischen Heim- und Auswärtstoren, sind folgerichtig enorm. Nicht Wenige hatten deshalb auch gegen Turin eine eher kontrollierte, zurückhaltende Ausrichtung erwartet. Wie so häufig in seiner bald dreijährigen Amtszeit überraschte der Coach mal wieder alle.

Der FC Bayern begann mit einem extremen Tempo und dem klaren Anspruch das Spiel von Juventus im Keim zu ersticken. Mit hohem Pressing und sehr offensiv gestaffelt, entfachten die Roten von Beginn an einen enormen Druck in allen offensiven Räumen. Es war ein konsequenter Ansatz, die Hausherren von vornherein so weit wie möglich von der ersatzgeschwächten Defensive fern zu halten.

Über 60 Minuten funktionierte das herausragend. Aus allen Richtungen attackierten die Gäste aus München die Allegri-Elf im Vollsprint. Lewandowski gewann allein in der ersten Hälfte zwei Mal den Ball im gegnerischen Strafraum. Exemplarisch war die Szene vor dem 1:0. Juventus leitete einen Gegenangriff durch das Zentrum ein, der von drei Münchnern (Thiago, Vidal und Lahm) gestoppt wurde und letztlich nach schnellem Umschalten zum 1:0 führte.

Für jeden sichtbar wurden in diesem Spiel Thiagos sträflich unterschätzte Qualitäten in der Balleroberung. Der Spanier rückte immer wieder hartnäckig auf den ballführenden Spieler und erstickte vor allem das Aufbauspiel von Marchisio und Khedira immer wieder im Keim. Auch Costa verdiente sich ein Sonderlob für seine Defensivarbeit. Über 70 Prozent Ballbesitz bis zur 55./60. Minute waren weniger ein Produkt der eigenen Ballzirkulation als des beschriebenen Hochgeschwindigkeitspressings.

Auffällig in Guardiolas Ausrichtung war auch der klare Plan, Arjen Robben auf dem rechten Flügel gegen den nominell schwächsten Turiner Verteidiger Patrice Evra zu isolieren. Weil sich Pogba stark an Philipp Lahm orientierte, driftete der zweikampfstarke Franzose immer wieder mit dem Bayern-Kapitän ins Zentrum. Robben, der extrem hoch und breit an der Außenlinie klebte, zog so das Spielfeld enorm auseinander und war an beiden Toren beteiligt. Es gehört anders herum schon einiges an Überzeugung dazu, den so universell starken Pogba gewissermaßen 1-gegen-1 durch Lahm zu verteidigen. Robben half nur im äußersten Notfall aus und blieb ansonsten bei Evra.

All das war hochgepokert. Mit allen Vor- und Nachteilen, die dieses Spiel über 90 Minuten offenbarte.

2. Kontrollverlust nach einer Stunde

Ob das hohe Tempo der Anfangsphase am Ende mit dafür sorgte, dass die Münchner ab er 60. Minute für 20 Minuten die Kontrolle verloren, ist schwer zu überprüfen. Fakt ist, dass der Zugriff in der Turiner Hälfte, der vor allem in der ersten Halbzeit so glänzend funktionierte, zunehmend fehlte. Auch weil Allegri die Staffelungen im zentralen Mittelfeld etwas veränderte und ebenjenen dadurch erschwerte.

Sieben der elf Torschüsse der Turiner entstanden nach der 60. Minute. Juventus überspielte nun häufiger das Pressing der Münchner und setzte sich immer wieder in der bayerischen Hälfte fest. Der Mannschaft ist vorzuwerfen in dieser Phase nicht häufiger das Tempo aus der Partie genommen zu haben, um Ball und Gegner noch stärker laufen zu lassen. Bayerns Spiel blieb recht direkt. Dass Juventus beim Stand von 2:0 und 2:1 sogar Konter ermöglicht wurden, spricht für eine fehlende strategische Anpassung. Auch beim 1:2 verteidigen die Münchner im Rückwärtslaufen im 3 gegen 2.

Auch Guardiola hätte durchaus die Möglichkeit gehabt mit der Hereinnahme von Alonso ab der 70. Minute mehr Ballsicherheit und Spielkontrolle zu ermöglichen, das Spiel damit etwas anzupassen und zu verlangsamen. Es ist nicht das erste Mal, dass den Münchnern durch eine späte Phase des Kontrollverlustes eine bessere Ausgangslage genommen wurde. Schon in Barcelona im Vorjahr war das der Fall. Es bleibt zu hoffen, dass der Ausgang dieses Mal ein anderer ist.

3. Kimmich zahlt Lehrgeld

Viel wird nach diesem Spiel an Joshua Kimmich festgemacht werden. Der 21-Jährige war an beiden Gegentreffern direkt beteiligt. Vor dem 2:1 wehrte er einen Pass zu kurz ab, beim 2:2 kam er minimal zu spät. Es ist müßig darüber zu spekulieren, wie dieses Spiel mit Jerome Boateng in der Innenverteidigung ausgegangen wäre. Fakt ist: Kimmich ist kein Innenverteidiger. Kimmich ist 21 Jahre alt und hat noch nie in einem Champions League Achtelfinale gespielt. Er hat bis auf zwei Szenen auf nach wie vor fremder Position ein gutes – in Phasen glänzendes – Spiel gezeigt.

Seine Ruhe, seine Handlungsschnelligkeit, seine Übersicht, seine Präzision sind Fähigkeiten, die auch auf diesem Niveau funktionieren. 104 Pässe (zweithöchster Wert) mit einer Quote von über 90 Prozent sprechen eine klare Sprache. Aber Kimmich wird aus dieser Partie auch seine Lehren ziehen müssen. Er wird damit umgehen müssen, dass am Ende in der öffentlichen Rezeption zwei negative Szenen seine insgesamt positive Leistung über 90 Minuten überlagern werden. Er wird auch lernen müssen, dass auf diesem Niveau kleine Fehler, Konzentrationsschwächen und Ungenauigkeiten sofort bestraft werden.

Blicken erfahrene Profis auf ihre Karriere zurück, ist der Umgang mit Rückschlägen in jungen Jahren häufig ein Faktor, der eine Laufbahn in die ein oder andere Richtung beeinflusst. Für Kimmich war das Spiel in Turin auf Grund der Gegentore der erste Rückschlag in seiner bisher so überzeugenden Zeit in München. Er hat allen Grund diesen mit großem Selbstbewusstsein anzunehmen und daran zu wachsen.

Juventus Turin – FC BAYERN 2:2 (0:1)
Juventus Turin Buffon – Lichtsteiner, Barzagli, Bonucci, Evra – Cuadrado, Khedira (69. Sturaro), Marchisio (46. Hernanes), Pogba – Mandzukic, Dybala (75. Morata)
FC Bayern Neuer – Lahm, Kimmich, Alaba, Bernat (74. Benatia) – Vidal – Robben, Müller, Thiago, Costa (84. Ribéry) – Lewandowski
Bank Ulreich, Rafinha, Alonso, Götze, Coman
Tore 0:1 Müller (43.), 0:2 Robben (55.), 1:2 Dybala (63.), 2:2 Sturaro (76.)
Karten Gelb: Morata / Costa, Lewandowski, Vidal
Schiedsrichter Martin Atkinson (England)
Zuschauer 41.332 (ausverkauft)

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