Bayerns Probleme im Positionsspiel

Tobias Trenner 17.10.2018

Vorab: Die Frage nach der Schuld an der derzeitigen Misere ausschließlich bei Niko Kovac zu suchen, wäre ein Fehler. Die Kaderplanung muss ebenfalls kritisiert werden. Außerdem stehen selbstverständlich auch die Spieler in der Pflicht. Viele Führungsspieler wie Mats Hummels, Thomas Müller oder Arjen Robben sind aktuell komplett außer Form.

Niko Kovac hat aktuell viele Baustellen beim FC Bayern 
(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Eine Analyse dieser Problematiken muss jedoch intern erfolgen, von außen betrachtet ist es sinnvoller, einen Blick auf das zu werfen, was auf dem Platz passiert. Besonders die Harmlosigkeit der Bayern-Offensive sowie das schwache Gegenpressing überraschte und verwunderte viele Fans. Denn zu Saisonbeginn sah vieles noch anders aus. Die Spieler performten und Kovacs Plan ging auf. Allerdings hab es bereits damals erste Anzeichen für die nun auftretenden Probleme.

Das Positionsspiel, das gar kein Positionsspiel ist

Bevor wir ins Detail gehen, sollten wir uns kurz mit der grundsätzlichen Herangehensweise von Niko Kovac beschäftigen. In den Medien und Sozialen Netzwerken wird immer wild über das Positionsspiel der Bayern diskutiert. Schon durch Louis van Gaal wurde der Begriff Positionsspiel bekannt. Auch Pep Guardiola ist bekanntlich großer Verfechter des Positionsspiels. Allerdings sollte hier differenziert werden.

In Deutschland versteht man unter dem Begriff Positionsspiel häufig die Besetzung der Positionen der Spieler auf dem Feld bzw. wie sie sich als Mannschaft bewegen. Das Positionsspiel von Pep Guardiola, im spanischen Juego de Posición (kurz: JdP) genannt, betrifft aber nicht nur die Positionierung der Spieler, sondern steht für eine organisierte Form des Spiels mit Ball. Das Juego de Posición umfasst verschiedene Prinzipien, die eine Mannschaft in Ballbesitz versucht umzusetzen. Beispielsweise sollen sich nie mehr als zwei Spieler auf derselben vertikalen Linie und nie mehr als drei Spieler auf einer horizontalen Linie befinden.

Zur Differenzierung: Auch Niko Kovac legt Wert auf die passenden Positionierungen in Ballbesitz, lässt den Spielern aber deutlich mehr Spielraum. Denn Kovac nutzt eben nicht das JdP, entsprechend haben die Spieler in Ballbesitz weniger Anhaltspunkte sich zu positionieren und die Angriffe wirken weniger geplant.

Die grundsätzliche Idee von Niko Kovac

Das Niko Kovac die Prinzipien des JdPs nicht bzw. nur sehr wenige nutzt, ist dabei nicht schlimm. Denn auch ohne diese Prinzipien lässt sich ein gutes Spiel mit dem Ball praktizieren. Niko Kovacs Fokus lag bisher klar auf dem Flügelspiel. Zu Beginn seiner Amtszeit implementierte er Bewegungen, Kombinationen und Spielzüge auf den Flügeln, um über diese den Durchbruch in die Gefahrenzonen im und um den Strafraum zu schaffen.

Dafür wird in der Regel ein Dreieck bestehend aus dem Achter im Halbraum und dem Flügelspieler sowie dem Außenverteidiger aufgespannt. Ein häufig auftretender Ablauf ist ein Pass auf den breit stehenden Flügelspieler, während sich der Achter im Halbraum befindet. Auf der rechten Seite ist es dann häufiger der Fall, dass Joshua Kimmich zwischen Müller und Robben in die Tiefe startet. Dies stellt die Abwehr vor Probleme und gibt den Bayern verschiedene Optionen den Angriff fortzusetzen. Entweder wird Kimmich in die Tiefe geschickt, der Achter diagonal angespielt oder der Flügelspieler kann mit einem Dribbling den entstehenden Raum nutzen.

Ein zweiter auffälliger Charakterzug im Bayernspiel ist die Positionierung der Achter im Spielaufbau. Wenn die Innenverteidiger oder Thiago den Ball haben, dann schieben die Achter meistens weit nach vorne. Es ist nicht selten zu beobachten, dass sie dabei auf einer Linie mit Lewandowski stehen. Der Pole lässt sich dann hin und wieder fallen, um den Ball zu erhalten. Der grundsätzliche Plan dahinter ist, die letzte Linie des Gegners zu überladen und so Raum vor der gegnerischen Abwehr zu schaffen.

Die Probleme im Aufbauspiel

Bereits im Aufbauspiel lassen sich aktuell kleine Details erkennen, die den Bayern das Leben schwer machen. Grundsätzlich sind diese nicht dramatisch und ein gut strukturiertes Spiel in Ballbesitz ist trotzdem möglich. Überraschenderweise haben die Innenverteidiger weiterhin wenig Aufgaben im Spielaufbau. Die meisten Pässe von Hummels, Süle und Boateng gehen zu den Außenverteidigern oder Thiago. Selten sieht man, dass einer der Innenverteidiger mit dem Ball am Fuß auf den gegnerischen Defensivblock zuläuft.

Des Weiteren stehen die Innenverteidiger tendenziell nicht so breit wie noch in der Vergangenheit. Dadurch ergeben sich hin und wieder schwierige Passwinkel. Gerade wenn man versuchen möchte, den Ball ins Zentrum zu spielen. Bayerns Spiel ist durch diese kleinen Details bereits früh auf die Außenbahn fokussiert.

Neben der Position der Innenverteidiger führt auch die Positionierung der Außenverteidiger zu gelegentlichen Problemen. Denn Alaba und Kimmich schieben erst relativ spät nach vorne. Die meisten Läufe starten sie aus der Tiefe.

Im Aufbauspiel stehen die Außenverteidiger noch relativ tief. Dies kann grundsätzlich Vorteile haben, wenn es richtig genutzt wird, was Bayern aber nicht tut. Die tiefe Position der Außenverteidiger führt dazu, dass ein Pass nach außen keinen Raumgewinn für die Bayern bedeutet. Darüber hinaus kann der Gegner sich darauf konzentrieren das Zentrum zu verschließen und hat trotzdem noch genug Zeit die Außenverteidiger zu pressen, wenn sie den Ball erhalten.

Für Kimmich und Alaba eröffnen sich bei der Ballannahme keine guten Passwinkel. Der Gegner kann nicht nur leicht ins Pressing übergehen, sondern auch alle Passlinien ins Zentrum zustellen. Letztlich sind die einzigen Optionen ein Rückpass, der teilweise sogar zu Raumverlust führt, oder ein Anspiel der Flügelspieler. Jedoch ist man dann bereits auf dem Flügel gefangen.

In der Mitte ist ein Loch

Wenn neben den tiefen Außenverteidiger sich auch noch Thiago den Ball weiterhinten abholt, dann entsteht ein sehr großes Loch im Mittelfeld der Bayern. Aktuell führt der unbesetzte Raum regelmäßig zu Problemen im Aufbauspiel der Bayern und verhindert ein variables Offensivspiel.

Gegen die Hertha und noch viel schlimmer gegen Ajax Amsterdam, konnte man dieses Loch beobachten. Der Gegner kann die Räume entsprechend recht einfach sichern und ins hohe Pressing übergehen. Denn die fehlende Besetzung der Räume zwischen den Linien führt dazu, dass der Gegner sehr einfach den bayrischen Spielaufbau pressen kann ohne darauf achten zu müssen, ob im Rücken ein bayrischer Spieler freisteht.

Die hohen Achter und die fehlende Besetzung des Zentrums

Dieser Artikel ist ein wenig wie ein bayrischer Angriff aufgebaut. Nach dem problematischen Spielaufbau geht es meistens schnell nach außen. Warum? Unter anderem aufgrund der Position der Achter.

In den letzten Spielen haben sich die hohen Achter immer mehr zum Problem entwickelt. Die individuellen Positionierungen passen nicht immer. Zu oft kann man beobachten, wie beide Achter sehr hoch stehen. Entsprechend klafft ein großes Loch im Halbraum. Darüber hinaus schieben die Achter unter Kovac recht weit nach außen, um das Flügelspiel zu unterstützen. Entsprechend besetzt aber niemand mehr den Raum zwischen den Linien. Das angesprochene Loch im Zentrum ist die Folge.

Des Weiteren führen die teilweise sehr hohen Positionen der Achter dazu, dass auch niemand den Raum zwischen Mittelfeld und Abwehr des Gegners besetzt. Bayern hat dann zwar vier oder fünf Spieler in der letzten Linie, jedoch finden sich kaum Anschlussoptionen, wenn ein Pass zu den Achtern gelangt. Auch das Gegenpressing ist davon betroffen. Im Prinzip ist die Mannschaft in zwei Teile geteilt, die nur durch die doppelte Flügelbesetzung verbunden sind. Verlagerungen sind so nicht mehr möglich.

Wenn sich die Achter dann doch mal passend zwischen den Linien anbieten, sind die Bayern sofort gefährlich. Gerade Leon Goretzka zeigt ein gutes Gespür für den offenen Raum und sorgt durch seine Laufwege für Gefahr.

Zu Beginn der Saison ließ sich einer der Achter häufig zur Unterstützung etwas fallen. Zusammen mit Thiago besetzte er dann den Raum zwischen Mittelfeld und Angriff des Gegners. Wenn die Bayern über die Seite attackierten hatten sie so zum einen eine bessere Absicherung und zum anderen Anspielstationen für einen Seitenwechsel.

In der aktuellen Phase bewegen sich die Achter meistens sofort in die Tiefe, nachdem sie auf dem Flügel unterstützten. Bayerns Struktur ermöglicht dann keine Verlagerungen mehr. Gegen Ajax konnte man folglich immer mehr Flanken, die schlecht abgesichert waren, beobachten.

Fehlende Folgeaktionen

Wie bereits angesprochen, fehlen dem FC Bayern aktuell die Anschlussoptionen nach einer erfolgreiche Offensivaktion. Beispielsweise, wenn sie die Linien des Gegners mal überspielen konnten, oder erfolgreich einen Seitenwechsel durchführten. Folglich fällt es den Bayern recht schwer, Torgefahr auszustrahlen nachdem sie eine Linie des Gegners überspielen konnten.

Auf der Außenbahn sind die Folgeaktionen nicht so schlecht. Es wird schnell hinterlaufen oder Lewandowski unterstützt ballnah. Es gibt grundsätzlich immer eine Unterstützung am Flügel und durch die vorhandenen Bewegungen kommen die Bayern eigentlich auch in gute Positionen für Flanken. Jedoch sind die isolierten Flügelangriffe für den Gegner am leichtesten zu verteidigen zumal es aufgrund der unzureichenden Besetzung des Zentrums nicht immer die Möglichkeit gibt schnell zu verlagern.

Im Zentrum sieht die Lage meist anders aus. Wie angesprochen stehen dort teilweise zu viele Spieler auf einer Linie. Das Spiel über den Dritten kann so kaum genutzt werden und Ballverluste sind die Folge. Da das Zentrum meistens kaum besetzt ist, haben jene Ballverluste folgeschwere Konsequenzen. Die Mannschaft von Niko Kovac steht offen, kann aber nicht ins Gegenpressing übergehen, weil zu viele Spieler zu weit weg vom Ball positioniert sind. Die Folge: Konter.

Die schlechten Positionierungen

Wie bereits angesprochen nutzt Niko Kovac wahrscheinlich kaum Elemente des Positionsspiels, zumindest lassen sich wenige Elemente im Spiel der Bayern erkennen. Gerade die Positionierungen auf dem Feld wirken sehr oft improvisiert, da entweder zwei Spieler die gleiche Position einnehmen oder niemand diese Position besetzt. Außerdem locken die Bayern den Gegner selten durch kurze schnelle Pässe an, um die sich ergebenen Räume durch das Verschieben der Defensive mit Hilfe einer Spielverlagerung zu nutzen.

Ohne Thiago würde vieles noch schlimmer aussehen
(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Auch passen die Bewegungen der Spieler ohne Ball nicht immer zueinander. Beispielsweise kam es bereits vor, dass Müller und Kimmich nach einem Pass von Robben in denselben Raum sprinteten. Normalerweise ein Indiz für fehlende Abstimmung. Jedoch lässt sich das nicht mit Gewissheit sagen. Die unpassenden Bewegungen der Spieler sind nur sehr oft sichtbar. Wer mehr darüber wissen will, sollte sich einfach James Freilaufverhalten gegen Gladbach nochmal genauer anschauen.

Fazit

Es ist definitiv nicht alles schlecht beim FC Bayern. Wie bereits zu Beginn erwähnt, handelt es sich um Details. Niko Kovac muss an ein paar Stellschrauben drehen, um das Spiel der Bayern in Ballbesitz wieder besser zu strukturieren. Die Besetzung der Mitte und der Zwischenlinienräume ist dafür essentiell. Am schnellsten kann er die Probleme beheben, wenn er die Position der Achter etwas anpasst. Wenn einer der Achter Thiago im Zentrum des Öfteren unterstützen würde, hätten die Bayern weitaus weniger Probleme. Vielleicht sehen wir aber auch mal wieder etwas ausgefalleneres. Ein einrücken von Joshua Kimmich könnte viele Probleme der Bayern in Ballbesitz ebenfalls lösen.

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