Joshua Kimmich (FC Bayern) im Trikot des DFB-Teams
Bild: Robert Cianflone/Getty Images

Vom Erfolgsmodell zum Problemfall: Wie viel FC Bayern braucht der DFB?

Lennart 09.07.2026

Ein guter deutscher Bayern-Block bedeutet auch eine gute deutsche Nationalmannschaft. Das ist eine jener deutschen Fußballweisheiten, die lange kaum angezweifelt wurden. So überschnitten sich schwächere Turniere oft mit schwächeren Bayern-Saisons, erfolgreiche Turniere hingegen mit starken Spielzeiten des Rekordmeisters.

Die Logik dahinter ist klar: Durch den Selbstanspruch des FC Bayern werden viele der besten deutschen Spieler traditionell in München versammelt. Das gehört zum bayerischen Selbstverständnis. Läuft es im Verein gut, sollen Schwung und Form im Idealfall auch in die Nationalelf übertragen werden.

Auch in diesem Jahr fanden sich wieder fünf Bayern-Spieler als Eckpfeiler des Teams wieder. Es hätten mit Lennart Karl und Serge Gnabry noch zwei weitere sein können. Nach einer historisch guten Klubsaison hätte die Nationalmannschaft nach Stammtischlogik nun also die Sterne vom Himmel spielen müssen. Dass dies nicht der Fall war, zeichnete sich jedoch schon vor dem peinlichen Ausscheiden gegen die Underdogs aus Paraguay ab.

Deshalb wird der Bayern-Block nun einmal von Miasanrot genauer betrachtet, verbunden mit der Frage, warum die Leistungen zwischen Klub- und Nationalfußball so dramatisch auseinanderklafften.

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Manuel Neuer

Manuel Neuer durfte höchst kontrovers noch ein letztes Mal das deutsche Tor verteidigen. Doch leider steht diese letzte Nominierung sinnbildlich für schlechte Kommunikation, ein fehlendes Leistungsprinzip und den Startschuss in eine katastrophale Weltmeisterschaft für Deutschland.

Die Leistung des 40-Jährigen war vielleicht nicht besonders schlecht. Ähnlich wie im Verein war sie jedoch von Licht und Schatten geprägt. Dazu kommt das Problem, dass sein Spiel, wie schon über die gesamte Saison hinweg, sehr statisch wirkte und Aktionen, die auch nur ein wenig Athletik verlangten, kaum noch möglich schienen.

Fairerweise muss man sagen, dass er Deutschland mit seinem gehaltenen Elfmeter noch einmal kurz träumen ließ. Ein Schlusspunkt, der ungekrönt blieb und im Anschluss das endgültige Aus für den langjährigen Nationalmannschaftskapitän trotzdem nicht verhinderte.

Aus einem umstrittenen Comeback wurde ein unrühmliches Ende für einen der größten Spieler der Fußballgeschichte – zumindest im Nationalteam.

Joshua Kimmich

Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft konnte auch bei seiner dritten WM das Image als Gesicht einer „Verlierergeneration“ nicht aufbessern. Auch er steht im Nachhinein stark in der Kritik.

Allerdings wurde es dem gebürtigen Rottweiler auch nicht einfach gemacht. Drei Weltmeisterschaften in Folge musste Kimmich auf die Rechtsverteidigerposition ausweichen. Was 2018 zugegebenermaßen noch kein echtes Ausweichen war, wirkt heutzutage komplett fehl am Platz.

Es brauchte keine Weltklassespieler, um ihn mehrfach komplett einzudrehen und die rechte Seite zu einem dauerhaften Unruheherd zu machen. Auch offensiv kam fast nichts. Sonst konnte der 31-Jährige von außen immerhin noch gute Flanken schlagen oder andere spielerische Elemente einbringen.

Bei dieser WM beschränkte sich seine Rolle jedoch fast vollständig darauf, den mittelmäßigen deutschen Aufbau von hinten mitzugestalten. Durch diese Positionierung wurde ihm auch seine stärkste Eigenschaft geraubt: gefährliche Bälle im letzten Drittel. Diese wurden kaum genutzt. Ehrlicherweise war Kimmich aber auch in den wenigen Offensivaktionen nur selten herausragend.

Allgemein ist die Entscheidung, den wohl einzigen echten Weltklassespieler Deutschlands zu einer der Schwachstellen der Mannschaft zu machen, eine Idee, die sich besonders im Nachhinein wie ein schlechter Witz anhört.

Aleksandar Pavlović

Nach der verpassten Heim-EM 2024 war es sein erstes großes Turnier und im negativen Sinne ein außergewöhnliches. In mehreren Spielen gehörte Pavlović zu den schwächsten Spielern der Mannschaft. Kein einziges Mal konnte er jene Ruhe und Passsicherheit ausstrahlen, die ihn sonst auszeichnen.

Das gesamte Turnier war von Ballverlusten und einfachen Fehlpässen geprägt. Sein wohl bester Moment war die Ballbehauptung im Strafraum vor dem 1:0 gegen Ecuador. Ein hohes Bein, das eigentlich hätte geahndet werden müssen, symbolisch für sein schwaches Turnier.

Trotzdem ist relativ klar, dass der 22-Jährige nicht nur eine Zukunft im DFB-Team hat, sondern dort eine der prägenden Figuren werden kann und soll.

Jamal Musiala

Das deutsche Sorgenkind konnte sich auch bei der WM nicht aus seinem Formtief nach der schweren Verletzung befreien. Von Julian Nagelsmann offensichtlich gefördert, durfte Musiala auch nach schwachen Leistungen immer wieder starten. Die Taktik, ihn sich einspielen zu lassen, ging dabei eher nicht auf.

Der Mann mit der Nummer 10 war einer der Spieler, die am meisten unter der großzügigen Schiedsrichterlinie bei dieser Weltmeisterschaft litten. Durch seine Spielweise gerät der Dribbler ohnehin oft ins Visier von Fouls, doch diesmal wurde er teilweise regelrecht herumgeschubst.

Dabei fällt immer häufiger auf, dass das Problem vielleicht gar nicht mehr im Körper, sondern vielmehr im Kopf liegt. Die Angst, ins Dribbling zu gehen und jene superflexiblen Bewegungen zu machen, die ihn einst ausgezeichnet haben, wäre nachvollziehbar. Erst nach dem Turnier wurde das restliche Metall aus seinem Körper entfernt. Vielleicht eine Art Aufbruch.

Zu seinen Problemen zählte auch Deutschlands Zehner-Offensive, die sich im Turnierverlauf öfter gegenseitig auf den Füßen stand. Kai Havertz und Florian Wirtz suchten ähnliche Räume wie Musiala und nahmen sich damit gegenseitig Platz und Stärken. Die beste Figur machte der 23-Jährige wohl noch auf den Flügeln, wenn er wirklich isolierte Eins-gegen-eins-Situationen suchen konnte.

Jonathan Tah

Der Innenverteidiger war wohl noch der stabilste Bayern-Spieler des DFB, was bezeichnend für die schwache Leistung des gesamten Blocks war. Trotzdem leistete sich Tah nur wenige Aussetzer und stach nicht negativ heraus.

Dennoch gab es mehrere Fehler im Stellungsspiel, was auch an der Spielweise und dem damit verbundenen komplizierten Aufrückverhalten Nagelsmanns lag. Die Rolle als physisch starker Abwehrchef, wie er sie im Verein ausfüllt, konnte Tah nicht übernehmen.

Besonders bitter ist, dass dem zweifachen Bundesligameister sein großer Moment, das vermeintliche 2:1 gegen Paraguay – zu Unrecht aberkannt wurde. Für ihn und das deutsche Team hätte das vielleicht noch einmal ein Hoffnungsschimmer sein können.

Stattdessen wurde er durch seinen verschossenen Elfmeter zur tragischen Figur. Dabei zeigte Tah in diesem Moment eigentlich Größe: In einer Situation, in der sich andere Spieler wegduckten, trat er zu seinem ersten Elfmeter überhaupt an. Eine Haltung, die manche Akteure, die sich selbst gerne als Mentalitätsspieler sehen und inszenieren, nicht zeigen konnten. Ein weiteres Problem dieser Mannschaft.

DFB-Team: Waren die Leistungen wirklich eine Überraschung?

Dieses Jahr war aus Sicht des FC Bayern ein herausragendes. Nicht umsonst stehen mit Harry Kane und Michael Olise immer noch zwei Spieler im Favoritenkreis um den Ballon d’Or. Beide konnten auch bei der WM wieder groß für ihre Länder aufspielen: Kane für England, Olise für Frankreich. Auch Luis Díaz trug eine sehr gute kolumbianische Mannschaft mit.

Geht man jedoch die prägenden Figuren der letzten Saison durch, fällt auf, dass die deutschen Bayern-Spieler vielleicht weniger die absoluten Standout-Akteure waren, wie es etwa Thomas Müller, Neuer und Co. 2014 gewesen sind.

Tah spielte die unaufgeregte Rolle des zweiten Innenverteidigers. Diese war zwar sehr wichtig und wurde von ihm auch stabil ausgefüllt. Allerdings half es ihm auch, mit Dayot Upamecano einen der besten Innenverteidiger der Welt neben sich zu haben. Dieser kann so gut wie alle Schwächen seines Partners ausmerzen. Mit seiner starken Athletik kaschiert Upamecano Defizite, die Tah dort eben ausstrahlt.

Beide ergänzen sich schlicht gut. Trotzdem ist es nicht komplett abwegig zu sagen, dass man Upamecano eher „Plug and Play“ in eine Verteidigung werfen kann, was man im Nationalteam auch sehen konnte.

Musiala war schlicht kein wirklicher Bestandteil des erfolgreichen Bayern-Teams aus dem vergangenen Jahr. Ihm kann man daher gar nicht unterstellen, dass er aus einer erfolgreichen Saison kam. Kimmich wiederum wurden durch seine Versetzung nach hinten jegliche Stärken geraubt, während seine Schwächen hervorgehoben wurden. Beide bekamen also aus unterschiedlichen Gründen gar keine faire Chance, ihre Form aus der Saison mitzunehmen.

Formkiller DFB?

Der einzige Spieler, der einen kompletten Leistungseinbruch erlitt, war Pavlović. In der Saison stach der junge Mittelfeldspieler durch extreme Souveränität heraus: pressingresistent, passsicher und schlicht gut. Sinnbildlich dafür stand seine Passquote von 100 Prozent gegen Paris Saint-Germain beim intensiven 2:1-Sieg in der Ligaphase. Unter den Umständen dieses Spiels war das eine beeindruckende Leistung. Selbst Ballon D’or Gewinner Ousmane Dembélé erklärte einmal in einem Interview, wie schwierig es war, Pavlović im Spiel gegen Bayern aus dem Spiel zu nehmen.

Auch seine Dynamik gegen den Ball war sehr stark. Viele hohe Ballgewinne und ein starkes Laufpensum stachen heraus. Im Zusammenspiel mit Kimmich bildete er im Verein eine der wohl besten Doppelsechsen der Welt. Kurioserweise war dieses Duo im Nationaldress offenbar nicht einmal eine ernsthafte Diskussion. Bei Pavlović gehört zur Wahrheit aber auch dazu, dass er bereits gegen Ende der FCB-Saison an Form verlor, beispielsweise im Bernabeu oder im Halbfinale gegen PSG etwas wackelte.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass der vielleicht beste deutsche Torwart zwar bei Bayern spielt, allerdings nicht Neuer heißt und gar nicht nominiert wurde. Mit Jonas Urbig zeigte ein anderer starke Leistungen im Bayern-Tor. Auch wenn Neuer gute Momente hatte, gab er im Verein ein ähnliches Bild ab wie in der Nationalmannschaft.

Mythos Bayern-Block beim DFB?

Es fällt also auf, dass die Bayern-Spieler entweder gar nicht so überragend gespielt hatten oder komplett positionsfremd eingesetzt wurden. Deshalb ist die Frage nach einem starken Bayern-Block schwieriger zu beantworten als nur über die Leistung des Gesamtvereins.

Die von Uli Hoeneß geprägte Devise, dass die besten deutschen Spieler beim FC Bayern spielen, war zumindest bei dieser Weltmeisterschaft vielleicht einfach nicht wirklich Realität. Die besten deutschen Scorer spielten beim FC Liverpool, beim FC Arsenal und beim VfB Stuttgart.

Das ist kein Abgesang auf die Spieler des FC Bayern, sondern vielmehr eine Feststellung über das aktuelle Leistungsniveau der jeweiligen Akteure – so richtig abheben von der breiten Masse des Kaders kann sich kaum einer. Außerdem wird der Verein momentan stärker von nicht-deutschen Spielern geprägt als von deutschen. Auch das zeigte sich bei dieser WM: Viele Bayern-Spieler riefen ein gutes Niveau ab, nur die Deutschen nicht.

Das kann man zwar nicht nur den Spielern selbst ankreiden, sondern auch dem Trainerteam. Wie die Zukunft aussieht, ist derzeit unklar. Neuer ist der einzige Spieler, der sicher wegfallen wird. Musiala, Pavlović, Kimmich und Tah haben gute Karten, unter – wahrscheinlich – Jürgen Klopp die nächsten Chancen zu erhalten.

Mit Urbig, Tom Bischof, Lennart Karl und anderen gibt es viele Talente im Bayern-Team – und Nathaniel Brown verstärkt den Kader als einer der besten DFB-Spieler des Turniers. Gut möglich also, dass die vermeintliche Fußballweisheit mit dem starken Bayern-Block in der deutschen Nationalmannschaft bald wieder zutrifft.

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