Julian Nagelsmann beim DFB-Team: Der Unverstandene oder der nicht Verstehende?
Da war er wieder: Der genervte Julian Nagelsmann. Nach der 1:2-Niederlage des DFB-Teams zeigte sich der Bundestrainer bei MagentaTV nicht zum ersten Mal in seiner Karriere etwas pampig.
„Das ist doch Quatsch“, erwiderte der ehemalige Trainer des FC Bayern München auf die Frage, ob Ecuador es mehr gewollt habe. Gleich mehrere Spieler und später auch Rudi Völler widersprachen ihm ungewollt – also in dem Sinne ungewollt, dass sie es nicht darauf abgesehen hatten, ihren Trainer auflaufen zu lassen.
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Es war ein Interview, das unter den Millionen von Bundestrainern in Deutschland nicht gut ankam. Nagelsmann wird als dünnhäutig, ungeschickt in der Kommunikation und stur wahrgenommen. Als jemand, der offensichtliche Dinge vermeintlich nicht erkennt. Wie immer wissen es Couch-Coaches, Bluesky-Bundestrainer und Instagram-Interimstrainer besser als das Trainerteam selbst.
Und versteht mich nicht falsch: Das ist alles absolut legitim. Was wäre der Fußball ohne die hitzigen und teils völlig überzogenen sowie irrational emotionalen Auswüchse? Es ist das gute Recht eines jeden Fans, sich über Entscheidungen zu ärgern, sie doof zu finden und den Trainer mit der virtuellen Mistgabel durch das Social-Media-Dorf zu treiben – solange es in einem bestimmten Rahmen bleibt.
Doch manchmal lohnt auch ein ehrlicher Schritt zurück von der eigenen Meinung. Der Versuch, sich von den eigenen Urteilen zu lösen und die Vorgänge zu verstehen, statt reflexartig den klaren Unsinn darin zu sehen, kann gewinnbringend für alle sein: Diskutant*innen, die große Debatte an sich und im Umgang untereinander. Warum also nicht mal versuchen, die Situation um Nagelsmann aus mehreren Perspektiven zu beleuchten?
Dafür nehmen wir etwas Anlauf und uns die notwendige Zeit, für eine ausführlichere Analyse als sonst medienüblich. Ja, nicht die Art Content, die die typische Tik-Tok-Aufmerksamkeitsspanne bedient, aber vielleicht eine Art Content, die die Debatte zumindest in Teilen etwas versachlichen kann.
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Julian Nagelsmann: Der beste Bundestrainer seit 2017?
Spannend ist dafür erstmal der Blick auf die jüngere Vergangenheit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Nagelsmann ist der dritte Bundestrainer seit 2006. Die Ära von Joachim Löw, die mit dem Triumph bei der WM 2014 in Brasilien gipfelte, ist allseits bekannt. Ebenso das Fiasko unter Hansi Flick, der als Nachfolger keinen nachhaltigen Erfolg brachte.
Klammert man das kurze Intermezzo von Rudi Völler mal aus, ist Nagelsmann nun also der dritte Bundestrainer in der Zeit. Und der Blick auf seine bisherige Gesamtstatistik im Vergleich zu den anderen beiden Bundestrainern ist interessant.
DFB-Team: Die Bilanz von Julian Nagelsmann im Vergleich der jüngsten Bundestrainer
| Bundestrainer | Spiele | S-U-N | Torverhältnis | Punkte pro Spiel |
|---|---|---|---|---|
| Julian Nagelsmann | 36 | 23-6-7 | 86:38 | 2,08 |
| Joachim Löw (insg.) | 198 | 125-39-34 | 473:205 | 2,09 |
| Joachim Löw (seit 2017) | 55 | 29-13-13 | 115:66 | 1,82 |
| Hansi Flick | 25 | 12-7-6 | 60:30 | 1,72 |
Im Moment kratzt Nagelsmann an der Gesamtbilanz von Löw. Ein Vergleich, der etwas schief angelegt ist, weil Löws Ära klar in mindestens zwei, eher sogar drei Abschnitte eingeteilt werden muss: Der Aufbau, der Peak und letztlich das sehr zähe und langwierige Ende. Außerdem hat Nagelsmann nicht mal ein Viertel der Anzahl an Spielen, die Löw als Bundestrainer hatte.
Trotzdem liefert das etwas nüchterne Einordnung und die wird noch klarer, wenn man auf die Zeit schaut, die der DFB seit 2017 hinter sich hat – oder in der er sich nach wie vor befindet. Löw kam in seinen 55 letzten Partien auf nur 29 Siege bei nur 2,1 Toren pro Spiel und 1,2 Gegentoren. Nagelsmanns Quote ist leicht besser bei den Toren (2,4 pro Spiel) und Gegentoren (knapp über 1). Relativ deutlich besser ist seine Bilanz mit einer Siegquote von 64 Prozent im Vergleich zu Löws 53 Prozent seit 2017.
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Julian Nagelsmann: Erst der Heilsbringer, jetzt nicht mehr gewollt?
Im Vergleich mit Hansi Flick gewinnt Nagelsmann sowieso, da bedarf es keiner weiteren Ausführungen. Die Turnierbilanz lässt sich noch nicht allzu gut vergleichen. De facto schieden Löw und Flick bei den letzten Weltmeisterschaften in teils schwächeren Gruppen als in diesem Jahr aus. Bei der EM 2021 erreichte Deutschland immerhin die K.-o.-Phase und scheiterte dann knapp, aber verdient an England.
Der Blick auf die Gesamtbilanz der letzten Jahre soll nicht zeigen, dass Nagelsmann unantastbar ist. Oder dass er alles richtig macht. Aber vielleicht erdet er die Erwartungshaltung etwas. Deutschland durchlief nach der Generation Lahmsteiger ein tiefes Tal und ist erst jetzt dabei, sich so langsam davon zu erholen. Einen Anteil daran kann man Nagelsmann kaum absprechen.
Bei der Heim-Europameisterschaft 2024 wurde er von vielen für seine frische Art, seine teils überraschenden Nominierungen und die aufopferungsvolle Leistung des Teams noch gefeiert. Grund dafür war auch, dass man im Vorfeld nichts mehr von dieser Mannschaft erwartet hatte. Gerade weil es unter Nagelsmann aber wieder besser lief, ist die Erwartungshaltung in den letzten beiden Jahren wieder massiv angestiegen.
Eine große Fußball-Nation wie Deutschland kann sich nicht zufriedengeben mit mittelmäßigen Erwartungen. Man tritt an, um zu gewinnen. Egal, ob der Kader voller Schweinsteigers, Lahms, Kroos‘, Neuers (der Jüngere) ist oder ob er gespickt ist mit Kimmichs (der Rechtsverteidiger-Kimmich, nicht der Sechser, später mehr), Nmechas, Sanés, Havertz‘ und Neuers (der Alte).
Die Kaderprobleme des DFB-Teams sind vielschichtig
In Deutschland wird ernsthaft darüber diskutiert, ob Spieler wie Ridle Baku oder Saïd El Mala das Team deutlich nach vorn bringen würden. Dass Nagelsmann mit Matthias Ginter, Chris Führich oder Tom Bischof erfolgreicher sein könnte. Auch hier bitte nicht falsch verstehen: Ich könnte für jeden dieser Spieler gute Argumente finden, warum eine Nominierung richtig gewesen wäre.
Aber nein, ich glaube nicht daran, dass diese Spieler im Resultat große Veränderungen gebracht hätten. Deutschland hat gleichzeitig ein Qualitätsproblem und nicht. Bitte? Ja, richtig. Es ist paradox. Denn der Kader ist bei weitem nicht so schlecht, wie er gern mal dargestellt wird. Wenn ich beispielsweise Felix Nmecha oder Kai Havertz oben in der Liste der Spieler nenne, die negativer behaftet sind als die erste Liste, dann geht es nicht darum, sie ins Reich des Mittelmaßes zu katapultieren.
Das DFB-Team hat viele talentierte Fußballer, die sehr gut kicken können und die, wenn sie um sich herum Spieler haben, die sie mittragen, einen starken Beitrag leisten können. Wer auf die Startelf schaut, kann es kaum ernst meinen, wenn er diesem Team die generelle Qualität abspricht. Doch die ist eben nicht alles.
Wo Deutschland – wenn man Titelambitionen als Prämisse aufstellt – tatsächlich ein Qualitätsproblem hat, ist die Spitze des Kaders. Und das hat mehrere Gründe.
Zu wenig echte Weltklasse
Auf dem Papier ist man hier mit Manuel Neuer, Jonathan Tah, Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Aleksandar Pavlović, Jamal Musiala und Florian Wirtz mit Spielern bestückt, die bei vielen Nationen eine sehr gute Rolle spielen würden. In der Praxis ist keiner von ihnen aktuell einer der Spieler, die den oben angesprochenen Rahmen für die anderen bieten können. Die vorangehen und andere mittragen können.
- Manuel Neuer: Längst nicht mehr auf Weltklasse-Niveau – höchstens noch punktuell.
- Jonathan Tah: Beim FC Bayern ein sehr starker Nebenmann von Dayot Upamecano, den er im DFB-Team aber ganz offensichtlich vermisst. Vermutlich also eher selbst ein Spieler, der ein starkes Umfeld braucht.
- Antonio Rüdiger: Wie gut er wirklich noch ist, muss sich zeigen. Stammspieler bei einem wackelnden Real Madrid, keine herausragende Saison gespielt.
- Aleksandar Pavlović: Beim FC Bayern lange Weltklasse, im Saisonfinale dann plötzlich nicht mehr und bei der WM auch bisher schwach. Ein sehr junger Spieler, der eine Mannschaft offensichtlich noch nicht dauerhaft tragen kann.
- Joshua Kimmich: Vielleicht der einzige echte Weltklasse-Spieler im Team, der konstant seine Leistung bringt. Aber eben auf einer Position, die seine Schwächen verstärkt und seinen Einfluss aufs Spiel einschränkt. So sehr es auch Argumente für ihn als Rechtsverteidiger gibt.
- Jamal Musiala und Florian Wirtz: Beide nicht in Topform, beide extrem schwankend, beide im Moment nicht in der Lage, die Mbappés, Haalands oder Messis ihrer Nation zu sein. Bei beiden gibt es nachvollziehbare Gründe, aber umso bitterer ist es für Nagelsmann.
In Summe kann man also als erstes Zwischenfazit festhalten: Einerseits ist die Erwartungshaltung, dass Deutschland wieder mal ein souveränes Turnier spielt, bei dem sie mindestens ins Viertel- oder Halbfinale kommen. Andererseits fehlt eine Achse mit Topspielern, die in Form sind und ihrem Einfluss gerecht werden.
Nun kann man Nagelsmann dafür kritisieren, dass er nicht Oliver Baumann, Malick Thiaw, Matthias Ginter, Angelo Stiller, Ridle Baku, Nadiem Amiri und Deniz Undav in die Startelf baut – in einer Welt, in der sie alle nominiert wurden. Aber wäre das Resultat wirklich ein anderes?
Nagelsmann vertraut seinen kriselnden Topstars
Das darf bezweifelt werden. Dass ein Bundestrainer an seine auf dem Papier besten Spieler glaubt, ist doch nichts weiter als normal. Argentinien würde Lionel Messi auch dann aufstellen, wenn der so spielen würde, als wäre er wirklich ein Mensch, der altert wie alle anderen. Frankreich hielt in der Vergangenheit auch dann an Dayot Upamecano fest, als er beim FC Bayern nicht Topleistungen brachte und stark in der Kritik stand.
Natürlich kann das auch manchmal in die Hose gehen. Cristiano Ronaldo weiterhin so einzusetzen, als wäre er noch 25, tut Portugal sichtlich nicht gut. Aber bei den Deutschen handelt es sich abgesehen von Neuer nicht um Altersschwäche, sondern um klare Knoten – sei es in den Beinen oder im Kopf. Musiala und Wirtz sind Unterschiedspieler, die aktuell nicht den Unterschied machen.
Trotzdem setzt man sie gerade bei einer WM, bei der in den ersten drei Spielen Fehler noch nicht allzu heftig bestraft werden, nicht auf die Bank. Man lässt sie spielen, spielen, spielen und hofft darauf, dass die Knoten platzen. Das ging bisher noch nicht auf, aber die Hoffnung auf ein überraschend gutes Turnier ist eng verknüpft mit der Hoffnung, dass Pavlović, Musiala und Wirtz noch in die Spur finden. Weil sie mit ihren potenziellen Qualitäten alternativlos sind.
Das Problem mit den allermeisten Alternativen im aktuellen Kader und im Dunstkreis der Nationalmannschaft ist, dass diese Stand jetzt nicht diese potenzielle Qualität haben. Im besten Fall sind sie gut und man kommt vielleicht noch etwas souveräner durch die Gruppe, scheitert dann aber am ersten sehr guten Gegner. Spieler wie El Mala sind noch nicht weit genug, Spieler wie Führich bringen keinen klaren Qualitätssprung.
Das Streitthema Leroy Sané
Was auch zu Leroy Sané führt. Der ehemalige Bayern-Profi ist ganz sicher eine der Personalien, die am heftigsten diskutiert werden und bei dem diese Logik am angreifbarsten ist, das gebe ich zu. Sportlich spricht nicht extrem viel für ihn. Aber wenn die ersten Spiele eines gezeigt haben, dann zumindest, dass er eine hohe Grundgeschwindigkeit hat, die andere nicht matchen können.
Es hätte das Turnier von Lennart Karl werden können. Oder von Serge Gnabry. Beide spielten eine gute Saison, zeigten auch, dass sie auf hohem Niveau stark sind. So nachvollziehbar Kritik an Sané ist, so fraglich ist aber auch hier, ob El Mala, Führich oder Leweling hier einen klaren Unterschied machen würden. Die Debatte wird vor allem durch den Überdruss an frustrierenden Sané-Leistungen bestimmt. Weniger durch den rationalen Gedanken, dass es da einen gäbe, der klar besser ist.
Nagelsmann zockt auch hier und hofft auf etwas, was angesichts der letzten Jahre eher unwahrscheinlich ist: dass Sané zumindest ein paar Peak-Momente hat, die andere Spieler so nicht liefern können. Bisher gibt das Resultat seinen Kritikern recht, so ehrlich muss man sein. Auch wenn Sané weniger schlecht spielt, als er gern dargestellt wird. Aber das wäre ein Thema für sich.
Manuel Neuer und Joshua Kimmich: Hat sich Nagelsmann verzockt?
Ebenfalls ein Thema für sich sind die Personalien Neuer und Kimmich. Bei Neuer hat sich Nagelsmann eine weitere Zocker-Thematik aufgemacht. In der Hoffnung, er würde den Neuer aus den zwei guten Auftritten gegen Real Madrid und Paris in der Champions League bekommen. Bisher bekam er aber den aus den beiden schlechten Auftritten gegen Madrid und PSG.
Dabei ist weniger der sportliche Gesichtspunkt der Antreiber der Debatte. An sich ist es der Prozess zur Entscheidung gewesen. Die Kurzfristigkeit und die fehlende Notwendigkeit für so einen Move sind die Kernpunkte der berechtigten Kritik. Hätte Nagelsmann den Torwartwechsel bereits im Winter argumentativ vorbereitet, wäre die Geschichte sehr wahrscheinlich eine andere gewesen.
Noch besser wäre es gewesen, wenn er akzeptiert hätte, dass es derzeit keinen klaren Weltklasse-Torwart aus Deutschland gibt. Er hätte einen jungen Torhüter aufbauen können. Die logische Wahl wäre hier Jonas Urbig gewesen, weil er auf Champions-League-Niveau bereits nachgewiesen hat, dass er sehr stabil sein kann und er mit seinem Aufbauspiel gut zu Nagelsmann passt – auch wenn er ebenfalls nicht fehlerfrei ist. Dass er Baumann nicht vertraut, hängt auch damit zusammen, dass der zuletzt bei Hoffenheim nicht mehr in Topform war.
Selbst für Neuer gibt es natürlich gute Argumente. Aber die hätte Nagelsmann eher vorbereiten müssen als zwei Minuten vor dem Anpfiff des ersten Gruppenspiels – Achtung, etwas Überspitzung.
Kimmichs Rolle sorgt für Diskussionen
Die größte Achillesferse für Nagelsmann ist allerdings Kimmich. Denn er ist der einzige Spieler, der in den letzten zwei Jahren konstant auf Weltklasse-Niveau gespielt hat – und wird taktisch auf der rechten Seite in eine Rolle gebracht, in der er das nicht optimal zeigen kann.
Deshalb ist diese Wahl von Nagelsmann aber nicht gleich grundlegend falsch. In der Theorie kann sein taktischer Ansatz auf jedem Niveau funktionieren. Auch gegen die großen Nationen. Denn auf dem Papier bringt der Bundestrainer damit einen spielstarken Spieler mehr in den eigenen Ballbesitz, statt absoluten Bundesliga-Durchschnitt aufzustellen, der mit dem Ball eher für Unterzahl sorgt.
- Joshua Kimmich und die ewige Debatte: Rechtsverteidiger oder Mittelfeldspieler?
- Nagelsmanns Taktik-Kniff rund um Joshua Kimmich
Das Problem: der Name Kimmich ist auf der Weltklasse-Liste des Kaders mit Bleistift geschrieben und der Radiergummi sind all die Mitspieler, die ihre Form nicht finden. Schaut man sich die technischen Probleme von Ballan- und mitnahmen bei Havertz, Wirtz, Musiala, Nmecha oder Pavlović an, dann ist die Frage schon, wie groß Nagelsmanns Einfluss darauf wirklich ist. Teils verspringen die Bälle sogar ohne großen Gegnerdruck.
In (s)einer Taktik-Utopie haben die Deutschen einen viel kontrollierteren Ballbesitz, der einerseits dazu führt, dass Gegner deutlich seltener in Situationen kommen, in denen sie das Tempodefizit von Kimmich bespielen können. Und in der andererseits auch das Gegenpressing besser funktioniert, weil man die Bälle seltener im Aufrückverhalten der gesamten Mannschaft herschenkt.
Wie groß ist die Rolle des Trainers?
„It’s a player’s game“, ist ein Satz, den man von Trainern häufig hört. Sie können den Rahmen liefern, sie können die Entscheidungen auf dem Platz mit gutem inhaltlichen Input beeinflussen. Macht Nagelsmann das? Einige werden das verneinen.
Rein taktisch gab es vor allem in den ersten beiden Partien gute taktische Abläufe. Wie Nagelsmanns Steil-Klatsch-Ansatz in der Offensive funktioniert, könnt ihr hier nachlesen. Es ist ein anspruchsvoller Rahmen, der in der Theorie gut zu einem Kader passt, der viel Qualität im Zentrum und etwas weniger Qualität auf den Außenbahnen hat.
In der Praxis kritisierte der Bundestrainer nach dem 1:2 gegen Ecuador unter anderem Hektik, zu viel Gier darauf, in jeder Situation auf das Tor zu gehen und einfache Ballverluste. Dem schloss sich Kimmich an.
Nagelsmann kann es der Öffentlichkeit nicht recht machen
Ein häufiger Kritikpunkt, unter anderem von Uli Hoeneß, war, dass Nagelsmann zu viel experimentiert hätte im Vorfeld der WM. Nur wie soll er sich auf eine Startelf oder eine Ausrichtung festlegen, wenn es bei vielen Spielern große Unklarheiten gab? Jemand wie Nathaniel Brown kam erst recht spät zu seinem Durchbruch, Nmecha war oft verletzt, Nico Schlotterbeck fiel lange aus, ebenso wie Musiala und Havertz. Wirtz fremdelte mit seiner ersten Saison beim FC Liverpool.
Blieb dem Bundestrainer wirklich eine andere Wahl, als möglichst viele Dinge auszuprobieren im Vorfeld? Oder wäre das Resultat dann einfach nur gewesen, eine mittelmäßige Variante einzuspielen und die Suche nach dem bestmöglichen Outcome aufzugeben? Von außen lässt sich das leicht kritisieren, aber während Nagelsmann jetzt einerseits Sturheit vorgeworfen wird, weil er an manchen Entscheidungen festhält, wurde ihm zuvor vorgeworfen, dass er viel probiert hat.
So wie ihm 2024 vorgeworfen wurde, er habe während des Turniers zu viel angepasst – unter anderem mit Emre Can im Viertelfinale. Recht machen kann er es der Öffentlichkeit kaum.
Overthinker Nagelsmann: Zu viel Tüftelei oder goldenes Händchen?
Nagelsmann ist tendenziell eher jemand, der einen Tick zu viel darüber nachdenkt, was er verändern kann als jemand, der stur elf Namen aufs Papier schreibt und dann ein halbes Jahr lang auf Schnellsimulation im Football Manager drückt. Für die weniger FM-affinen Leute: Schnellsimulation bedeutet, dass man sich die Ergebnisse schneller anzeigen lässt, ohne großen Einfluss mit Wechseln, Coaching oder anderen Entscheidungen zu nehmen. Man lässt sich quasi überraschen und gibt die Kontrolle ab.
Die Tüftelei von Nagelsmann hat aber auch Vorteile. Oft fand Deutschland unter ihm innerhalb eines Spiels schon die Hebel für eine Leistungssteigerung. Gegen die Elfenbeinküste coachte Nagelsmann zuletzt sehr gut, passte personell und taktisch gut an. Vor einem Jahr gelang es ihm beim Nations-League-Finalturnier, mit einer absolut mittelmäßigen Rumpfelf zumindest mit den Top-Nationen einigermaßen mitzuhalten, wenngleich die Ergebnisse Niederlagen waren.
Bei der Europameisterschaft war Deutschland der härteste Gegner für Sieger Spanien im gesamten Turnier. Unter anderem schlug man unter Nagelsmann bereits Frankreich in einem Testspiel, mehrmals die Niederlande, Italien oder eben die Elfenbeinküste. Nationen, die von der individuellen Klasse her auf einem ähnlichen Level direkt hinter der Spitze sind – auch wenn bei Italien aktuell vieles falsch läuft.
Das Ecuador-Experiment ging schief – oder?
Aber Nagelsmann hat auch Prinzipien, die gerade in Krisenzeiten nicht immer optimal sind. Sein Fußball ist sehr abhängig davon, dass er gewisse Spielertypen hat und die die Erwartungen an sich erfüllen. Die Kritik, dass Deutschland diese Spielertypen nicht hätte, ist angesichts der jüngsten Leistungen nicht ganz unbegründet.
Jedoch kann man das auch damit begründen, dass es nicht an den Spielertypen und deren grundsätzliche Qualität liegt, sondern an ihrer aktuellen Verfassung (siehe oben). Dass Nagelsmann sich dem bewusst ist, zeigte das letzte Gruppenspiel, in dem er taktisch eine Anpassung vornahm und sich an einer Fünferkette probierte. Tiefenverteidigung, Sané in sehr defensiver Rolle, Kimmich weiter innen – legitime Ideen, die am Ende nur deshalb öffentlich zerrissen werden, weil sie gegen Ecuador nicht aufgingen.
Könnten sie gegen Frankreich viel besser funktionieren? Vielleicht. Das wird ein in der Anlage komplett anderes Spiel, wenn sich beide Teams im Sechzehntelfinale durchsetzen. Und dann hätte Deutschland für den Ernstfall zumindest schon mal geprobt, wenn auch gegen einen dafür unpassenden Gegner.
Was Nagelsmann anpassen könnte
Vielleicht aber liegt der Schlüssel auch in der Abkehr von für Nagelsmann heiligen Prinzipien. An denen hält er nicht fest, weil er stur ist, sondern weil er überzeugt von dem ist, was er in seiner schon langen Karriere gemacht und gelernt hat. Trainer, die nicht von ihren Prinzipien überzeugt sind und die Ausrichtung wechseln wie Unterhosen, sind selten erfolgreich.
Aber warum nicht das eine oder andere Prinzip etwas aufweichen? Beispielsweise den starken Zentrumsfokus. Wenn die kleinteiligen Kombinationen im Zentrum stocken, könnte etwas mehr Breite womöglich helfen. Warum nicht Sané noch viel weiter in Richtung Außenlinie bringen? Warum nicht mal probieren, Nathaniel Brown als Breitengeber an der Außenlinie fungieren zu lassen und Wirtz damit den Halbraum zu öffnen?
Nagelsmann würde vermutlich argumentieren, dass das das Gegenpressing negativ beeinflusst, weil zwei Spieler sehr weite Wege hätten. Aber a) funktioniert das Gegenpressing gerade auch nicht optimal und b) sind es zwei explosive Spieler, die schnell wieder hinter den Ball kommen könnten. Der vielleicht größte Vorteil läge aber darin, das Spiel nicht ganz so vertikal aufzuziehen und die gegnerische Formation horizontal etwas auseinanderzuziehen.
Das könnte Räume für Musiala öffnen, der im Moment noch nicht auf dem Niveau ist, auf dem er diese engen Räume zuverlässig auflösen kann.
Braucht Nagelsmann mehr Pragmatismus?
Personell müsste Nagelsmann dafür nicht mal etwas tauschen. Es wäre eine kleine Anpassung. Ob diese zur Besserung führt? Weiß niemand. Wir haben keine Beweise dafür, können die Gegenthesen nicht überprüfen. Es ist lediglich eine etwas andere Perspektive auf die Dinge. Eine, die genauso falsch und richtig sein kann wie alle anderen.
Das gilt auch für personelle Anpassungen. Natürlich könnte Nagelsmann Undav für Havertz bringen, Kimmich ins Zentrum ziehen und mit Brown rechts und Raum links verteidigen. Wenn Pavlovic, Wirtz und/oder Musiala dann aber trotzdem Bälle im Zentrum verlieren, sind die Probleme womöglich genauso groß wie vorher.
Es bleibt eine knifflige Aufgabe für Nagelsmann. Eine, der er inhaltlich gewachsen ist. Im Trubel um die gestiegene Erwartungshaltung, kommunikativen Problemen und dem üblichen Besserwissertum (no front!) der breiten Masse geht das manchmal unter. Nagelsmann ist ein sehr guter Fußballtrainer.
Manchmal, so der Eindruck von außen, täte ihm etwas mehr Pragmatismus gut. Und das meint nicht, dass er nicht an seinen Prinzipien und Vorstellungen festhalten soll. Unbedingt soll er das tun. Aber Löw war wahrscheinlich auch deshalb ein extrem erfolgreicher Nationaltrainer, weil er es gut verstanden hat, aktuelle Entwicklungen des Fußballs für sein Team zu übernehmen und so zusammen zu basteln, dass sich die Spieler in ihren Rollen wohlgefühlt haben.
Hier ist Nagelsmann womöglich noch zu sehr Vereinstrainer. Beispielsweise wenn er Kimmich und Pavlović nach einer erfolgreichen Saison auseinander taktiert oder die Risikoschraube im Vorwärtsspiel ein bisschen zu fest zieht, weil die Abläufe nicht so gut abgestimmt sind, wie sie es in einem Verein vermutlich wären.
Der Druck auf den Bundestrainer ist enorm
Ob er der passende Trainer für diese Mannschaft ist, wird am Ende sowieso an Ergebnissen gemessen. Das ist die Crux dieses Geschäfts. In einem Szenario, in dem Deutschland knapp an Frankreich scheitert, wird es den Leuten egal sein, ob er bei seinen Turnierteilnahmen jeweils an den Top-Favoriten auf den Titel gescheitert ist. Es wird egal sein, ob die Leistungen vielleicht doch gar nicht so schlecht sind, wie sie oft dargestellt werden. Ob der Gesamttrend stimmt oder ob es vielversprechende Personalien für die Zukunft gibt.
Der Recency Bias, also der Blick auf die letzte Erinnerung, ist immer stärker als eine nüchterne Gesamtbetrachtung. Und mindestens ein bisschen Verantwortung am Überdruss, den viele bei Nagelsmann spüren, hat er natürlich trotzdem. Er könnte weniger dünnhäutig auf Kritik reagieren und sich den Nachfragen der Presse souveräner stellen. Er könnte sich nahbarer geben. Seine Kommunikation war nicht immer optimal. Sie war aber auch nicht immer schlecht und oft sogar smart und gut. Seine Undav-Kritik war erschreckend schlecht platziert. Mit seiner öffentlichen Entschuldigung zeigte er jedoch Größe.
Wie muss es sein, als Bundestrainer jeden Tag dutzende verschiedene Vorschläge zu bekommen, wie man seinen Job besser machen kann? Von Leuten, die im Vergleich zu ihm deutlich weniger Expertise haben – mich eingeschlossen. Das rechtfertigt nicht jede Aussage, die er in der Vergangenheit unter Stress und Anspannung getätigt hat. Aber die Kritik ist in den buckeligen Kommentarspalten des Internets oft sehr einseitig und mit wenig Selbstreflexion behaftet.
Die Situation des DFB-Teams ist komplex. Zwischen einem immer noch spürbaren Aufwind und Lichtblicken für die Zukunft, wenn die jungen Leistungsträger wieder zu ihrer Form finden, und der Aktualität, in der zu viele Spieler nicht an ihr Limit kommen, steht ein Bundestrainer, der nach Lösungen sucht. Vor allem hat man das Gefühl, dass die Urteile über ihn sowieso schon gefällt sind.
Nagelsmann steht unter Druck. Dadurch, dass er personell mal wieder Lust am Zocken gefunden hat und die Dinge vielleicht ein bisschen zu sehr überdacht hat. Aber auch dadurch, dass von ihm Dinge erwartet werden, die vermutlich niemand liefern könnte. In der Emotionalität der Diskussionen verwischen dann oft die Perspektiven.
Liegt der Schlüssel zur Akzeptanz in der Kommunikation?
Ein Erfolg gegen eine sehr starke Fußballmannschaft wie die Elfenbeinküste werden plötzlich achselzuckend hingenommen, während eine Niederlage gegen eines der defensivstärksten Teams der Welt extrem aufgeblasen wird. In diesem Spannungsfeld bewegt sich mit Nagelsmann ein Trainer, der den rationalen Blick nicht durch Emotionalität von außen verlieren darf.
Dieser Tage bekommt man das Gefühl, dass Nagelsmann nicht mehr gewinnen kann. Was paradox ist, wenn man bedenkt, was er bisher in seiner Amtszeit erreicht hat. Hätte es erfolgreicher sein können? Bestimmt. Aber dass Deutschland seit 2016 nicht mehr wirklich erfolgreich war, hat tieferliegende Gründe.
Vielleicht sind es am Ende auch gar nicht die taktischen und sportlichen Themen, die dazu führen, dass Nagelsmann in der Öffentlichkeit viel oberflächliche und polemische Kritik erhält. Es ist der bisweilen etwas dünnhäutige und genervte Nagelsmann, so verständlich seine Gründe dafür auch manchmal sind, der die Kritik noch potenziert.
Dennoch schadet ein Blick aufs große Ganze mit Offenheit für andere Perspektiven wohl kaum. Und vielleicht stellen wir dann nach 4.000 abwägenden Worten fest, dass die Situation vielleicht gar nicht so dramatisch ist, wie sie gern gemacht wird. Oder wir bleiben dabei, dass der Bundestrainer einfach keine Ahnung hat und Social-Media-Umfragen in Zukunft den Kader nominieren sollten. Auch okay.
Empfehlung für weiterführende Lektüre, weil dieses Brett an Text ja noch nicht reicht: Warum das Leistungsprinzip generell totaler Quatsch ist.



