Nagelsmanns Taktik-Kniff: So bringt er Joshua Kimmich in seine Bayern-Räume
Das 4:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao war nicht nur eins der schönsten Tore bei der bisherigen Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika. Es war auch in der Entstehung eines, das ganz klar die Handschrift von Julian Nagelsmann trägt.
Im Mittelpunkt stand neben Torschütze Jamal Musiala noch ein weiterer Star des FC Bayern München: Joshua Kimmich. Seine taktische Rolle in der Nationalmannschaft war schon immer ein großer Diskussionsschwerpunkt. Auch vor dieser WM gab es wieder Debatten darüber, ob es nicht klüger wäre, ihn wie beim FCB neben Aleksandar Pavlović im Mittelfeld aufzustellen.
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Julian Nagelsmann entschied sich dagegen – und hat dafür auch gute Argumente. Denn mit Kimmich auf der rechten Seite hat sich für ihn die Möglichkeit ergeben, innerhalb seiner Ausrichtung einen weiteren spielstarken Spieler aufzustellen. Felix Nmecha ergänzt das Mittelfeld.
Besagtes Tor zum 4:1 hat gezeigt, welche Mechanismen dahinterstehen und wie es Nagelsmann gelingt, Kimmich in die Räume zu bringen, in denen er auch beim FC Bayern stark ist.
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DFB-Team: So kommt Joshua Kimmich in seine Lieblingsräume
Kimmich startet hier auf dem rechten Flügel, weil er dem sich in Unterzahl befindlichen Leroy Sané unterstützen will. In vielen anderen Situationen rückt der Kapitän auch schon früher ins Mittelfeldzentrum. Hier aber ist Curaçao sehr tief positioniert.
Eine von Nagelsmanns liebsten Ballbesitzformationen ist das 2-3-5. Es vereint eine gute Angriffsstruktur mit guten Positionierungen für ein etwaiges Gegenpressing – wir haben das System hier analysiert. Auch Vincent Kompany nutzt diese Struktur häufig. Was an dieser Szene besonders ist, sind die Bewegungen der beiden Sechser.

Beide bewegen sich vertikal. Nmecha läuft bis in die letzte Linie, Pavlović orientiert sich ebenfalls nach vorn. Mit solchen Läufen will Nagelsmann die letzte Linie entweder überladen oder mindestens so viele Gegenspieler binden, dass es schwieriger wird, aggressiv nach vorn zu schieben. Das drückt Curaçao hinten rein. Auch die offensive, aber sehr zentrale Position von Nathaniel Brown unterstreicht das. Von dort kann er sowohl in ein Gegenpressing eingreifen, wenn der Ball verloren wird, als auch Gegenspieler binden, um Florian Wirtz links zu unterstützen.
Durch die Läufe und Positionierung der Deutschen öffnet sich der grün markierte Bereich im Halbraum, den man auch „Kimmich-Zone“ nennen kann. Von dort hat er in seiner Karriere schon zahlreiche Tore und Torchancen vorbereitet oder eingeleitet. Sei es per Chipball oder per Tiefenpass.

Kimmich dribbelt in diesen Raum und währenddessen geschieht in der Angriffslinie etwas, was ebenfalls typisch für das deutsche Offensivspiel ist: Positionen werden getauscht. Nmecha rückt ein bisschen nach außen, Kai Havertz rückt nach innen. Damit erzwingen die beiden ein Übergabeverhalten in der gegnerischen Abwehr, die die Schnittstelle in der Kette öffnet.
Musiala lässt sich zunächst mit Blick zum Geschehen etwas fallen, um dann aber zum Tiefenlauf anzusetzen. Auch er arbeitet also mit einer gegenläufigen Bewegung, in dem Fall zu Havertz.

Kimmich hat den Kopf oben und die Bewegungen im Blick. Entsprechend spielt er den perfekten Tiefenpass und Musiala bleibt aus spitzem Winkel eiskalt. Ein überragend herausgespieltes Tor mit viel System und Handschrift von der Trainerbank. Auch in weiteren Szenen hat Deutschland mit solchen Läufen versucht, Kimmich in vielversprechende Aufbausituationen zu bringen.
Das Zusammenspiel mit Nmecha funktioniert dahingehend sehr gut. Der Dortmunder kann sich auf seine Stärken im Offensivspiel konzentrieren, während Kimmich davon profitiert, dass er weniger Druck bekommt, weil Nmecha häufig Gegenspieler mit nach vorn zieht.
Deutschlands WM-Auftakt in der Analyse
Nicht perfekt: Defensiv könnte Kimmich noch in Schwierigkeiten geraten
Mit dem Ball hat Nagelsmann somit eine extrem spielstarke Mannschaft auf dem Feld. Problemlos funktionieren die Abläufe aber noch nicht. Trotz guter Struktur fehlen ihm im Gegenpressing Spieler, die die Bälle zuverlässig zurückerobern. Nmecha, Havertz, Wirtz, Musiala und auch Sané sind sehr aktiv im Pressing, schaffen es aber trotzdem nicht oft genug, Druck auf den Ball zu bekommen.
Das ermöglicht Gegenstöße – selbst für krasse Außenseiter wie Curaçao. Und hier dürfte weiterhin der größte Debattenpunkt rund um Kimmich liegen. Denn defensiv hat er in der Vergangenheit zu oft Schwierigkeiten gehabt. Die Tempodefizite könnten gegen sehr schnelle Flügelstürmer der Elfenbeinküste zu einem wunden Punkt werden.
Trotzdem ist es sinnvoll, sich auf die Stärken mit dem Ball zu konzentrieren. Und hier hat Nagelsmann für Kimmich eine sehr passende taktische Rolle gefunden.



