Rassismus gegen Jonathan Tah: Hört endlich auf damit!
Nachdem Jonathan Tah seinen Elfmeter verschossen hatte, war nicht nur das DFB-Team bei der WM 2026 ausgeschieden, es dauerte auch nur wenige Minuten, bis sich die sozialen Netzwerke mit Kommentaren füllten. Neben sportlicher Kritik fand sich dort auch eine Flut an rassistischen Beleidigungen und menschenverachtender Hetze. Überraschend? Nein, leider nicht. Und genau hier liegt das Problem.
Wenn rassistische Angriffe nach einem verschossenen Elfmeter inzwischen schon als vorhersehbare Begleiterscheinung eines Fußballspiels wahrgenommen werden, besteht eine sehr große Gefahr, dass wir uns daran gewöhnen. Oder wir uns vielleicht schon längst daran gewöhnt haben. Und genau deshalb muss man immer wieder darüber sprechen – damit rassistische Hetze niemals zur Normalität in den sozialen Medien werden kann.
Fußball lebt von Emotionen. Jubel und Euphorie gehören ebenso dazu wie Enttäuschung, Diskussionen über Aufstellungen, vergebenen Torchancen oder auch schwachen Schiedsrichter*innenentscheidungen. Kritik an Leistungen von Spieler*innen oder Trainer*innen ist legitim und ein fester Bestandteil des Sports. Doch in sozialen Netzwerken schlägt diese Kritik immer häufiger in etwas völlig anderes um: persönliche Angriffe, digitale Hetzkampagnen sowie rassistische Anfeindungen.
Wer nach Spielen der deutschen Nationalmannschaft durch Instagram, TikTok oder X scrollt, findet nicht nur Analysen oder Debatten über Taktik und Spielverläufe. Stattdessen gibt es Unmengen an kurzen Clips, zugespitzten Aussagen und bewusst provokanten Fragen, die im Grunde vor allem eines erreichen sollen: möglichst viele Reaktionen.
Dieses Prinzip wird häufig als „Engagement Farming“ oder „Ragebait“ bezeichnet. Der eigentliche Inhalt spielt dabei oft nur eine Nebenrolle. Entscheidend sind Kommentare, Likes, Shares und Diskussionen – denn genau diese Interaktionen belohnen die Algorithmen der Plattformen mit zusätzlicher Reichweite.
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Rassismus und Anfeindungen: Jonathan Tah ist kein Einzelfall
Die rassistischen Angriffe auf Jonathan Tah stehen nicht für einen Ausrutscher einzelner Nutzer*innen. Sie folgen einem bekannten Muster. Sobald ein Spieler einen entscheidenden Fehler macht, entstehen innerhalb kürzester Zeit tausende Kommentare.
Was mit sportlicher Kritik beginnt, wird von einigen gezielt in Hass und Hetze verwandelt. Die sozialen Netzwerke verstärken diesen Prozess zusätzlich, weil besonders emotionale und polarisierende Inhalte häufiger ausgespielt werden.
Gerade rassistische Kommentare sind dabei keine „Meinung“, sondern Angriffe auf die Würde eines Menschen. Sie haben mit Fußball nichts zu tun. Wer einen verschossenen Elfmeter zum Anlass nimmt, um jemanden wegen seiner Hautfarbe oder Herkunft zu beleidigen, kritisiert keine sportliche Leistung, sondern verbreitet schlicht und ergreifend Menschenfeindlichkeit.
Der Fall Leroy Sané zeigt, wie solche Dynamiken entstehen
Jonathan Tah ist dabei nur das jüngste Beispiel. Leroy Sané erlebt seit Jahren, wie schnell sich in sozialen Netzwerken bestimmte Erzählungen verselbstständigen. Nach nahezu jeder Aktion entstehen Beiträge, Memes oder kurze Clips, die ihn zum Gegenstand der nächsten Empörungswelle machen.
Dabei entwickelt sich ein Kreislauf: Je provokanter ein Beitrag formuliert ist, desto mehr Menschen reagieren darauf; selbst dann, wenn sie Sané eigentlich verteidigen möchten. Dem Algorithmus ist diese Unterscheidung egal. Jede Interaktion erhöht die Reichweite.
Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus. Sané werden seit Jahren Eigenschaften zugeschrieben, die kaum objektiv belegbar sind. Seine Körpersprache gilt manchen automatisch als Desinteresse, ein gesenkter Blick nach einem Fehlpass als fehlender Einsatz. Haben sich solche Bilder einmal festgesetzt, wird jede weitere Szene als vermeintliche Bestätigung interpretiert. Aus einer sportlichen Bewertung wird eine Bewertung der gesamten Persönlichkeit.
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Kritik oder Entmenschlichung?
Natürlich müssen sich Profifußballer*innen Kritik gefallen lassen. Sie stehen im Rampenlicht, verdienen viel Geld und repräsentieren Vereine oder ihr Land. Aber es gibt eine klare Grenze. Zwischen der Analyse eines verschossenen Elfmeters und tausendfachen persönlichen Beleidigungen liegen Welten. Noch deutlicher ist die Grenze bei rassistischen Kommentaren, die keine überspitzte Kritik sind, sondern ein Angriff auf den Menschen selbst.
Sportpsycholog*innen weisen seit Jahren darauf hin, dass Spitzensportler*innen keineswegs immun gegen digitale Anfeindungen sind. Permanente öffentliche Bewertungen können Stress verursachen, Selbstzweifel verstärken und sich auf Leistungen auswirken.
Was online beginnt, endet nicht selten im Stadion – in Pfiffen, Schmähgesängen oder einer dauerhaft vergifteten Atmosphäre. Und genau deshalb gehen diese Hasskommentare auch uns alle an. Es geht nicht (nur) darum, mit dem Finger auf Rassist*innen zu zeigen, sondern ein Gefühl für die massiven Auswirkungen zu bekommen, die Hass und Asympathie auf den allgemeinen Umgang mit Menschen haben.
Und während bei stumpfem Rassismus immer noch eine breite Einigkeit darüber herrschen dürfte, dass das nicht okay ist, sollte auch darüber hinaus der Umgang mit Menschen überdacht werden. Julian Nagelsmann muss dieser Tage nicht nur sportliche Kritik aus allen Richtungen ertragen, sondern auch persönliche Angriffe, Beleidigungen, öffentliche Bewertungen seiner ganzen Persönlichkeit und seines Charakters.
Das ist ein Druck, der von außen schwer nachzuvollziehen ist und der für die Protagonist*innen eine immense psychische Belastung darstellt oder zumindest darstellen kann. Grenzüberschreitungen müssen nicht dann plötzlich toleriert werden, wenn es sportlich oder anderweitig irgendeinen legitimen Anlass für Kritik gibt. Kritik kann immer respektvoll einem Menschen gegenüber geäußert werden. Das ist unsere freie Entscheidung.
Empörung ist längst ein Geschäftsmodell
So wichtig technische Maßnahmen gegen Hasskommentare auch sind: Sie bekämpfen vor allem die Folgen. Das eigentliche Problem ist ein digitales Geschäftsmodell, das Aufmerksamkeit über alles stellt. Jeder Klick und jeder Kommentar erhöhen die Reichweite eines Beitrags. Wer Menschen gegeneinander aufbringt, erzielt oft mehr Erfolg als jemand, der differenziert argumentiert.
Viele Accounts haben dieses Prinzip perfektioniert. Sie veröffentlichen bewusst zugespitzte Inhalte, weil Empörung Reichweite erzeugt – und Reichweite wiederum Geld, Bekanntheit und neue Follower*innen bedeutet. Dass darunter reale Menschen leiden, spielt für dieses Geschäftsmodell häufig keine Rolle.
Gerade deshalb lohnt es sich, vor jeder Reaktion kurz innezuhalten: Wem hilft mein Kommentar eigentlich? Reißerische Beiträge verlieren ihre Wirkung, wenn sie nicht ständig weiterverbreitet werden. Hasskommentare sollten konsequent gemeldet werden. Sachliche Diskussionen hingegen stärken genau die Debattenkultur, die dem Fußball guttut. Wir alle haben ein kleines Stück Macht, das wir damit ausspielen können, jene Beiträge zu belohnen, die sich differenziert mit Themen auseinandersetzen. Auch wenn unsere menschlichen Reflexe anders ticken.
Kampf gegen Rassismus: Schweigen führt zu Normalisierung
Die rassistischen Angriffe auf Jonathan Tah überraschen leider kaum noch. Und vielleicht wird jetzt manch einer denken: Schon wieder ein Text, der Rassismus im Fußball thematisiert?!
Doch genau darin liegt die Gefahr. Wenn wir anfangen, solche Vorfälle mit einem resignierten „so läuft das eben auf Social Media“ abzutun, normalisieren wir ein Verhalten, das niemals normal sein darf. Rassismus verschwindet nicht dadurch, dass man ihn ignoriert. Er wird nur dann zurückgedrängt, wenn ihm konsequent widersprochen wird – von Verbänden, Plattformen, Medien und vor allem von uns als Nutzer*innen.
Jonathan Tah ist heute der Betroffene. Gestern war es Leroy Sané. Morgen wird es ein anderer Spieler sein. Das Muster bleibt gleich. Deshalb geht es längst um mehr als Fußball, sondern um die Frage, welche Form des Miteinanders wir in digitalen Räumen akzeptieren wollen. Kritik gehört zum Sport. Rassismus nicht. Hass nicht. Und auch persönliche Angriffe nicht.



