Vorschau: Eintracht Frankfurt – FC Bayern München

Justin Trenner 31.10.2019

“Dort sind die besten Fans der Liga, das muss man ganz klar sagen.” Niko Kovač trat mit einer eigentlich recht unscheinbar wirkenden Aussage am Dienstagabend in das nächste Fettnäpfchen. Wäre dieser Satz von Jupp Heynckes gekommen, wäre er vermutlich deutlich weniger diskutiert worden.

Denn was ist schon dabei? Für Kovač haben die Frankfurter eben die besten Fans und es gibt ja auch Argumente, die dafür sprechen. Jede Mannschaft der Welt hat es schwer, bei der Eintracht zu punkten. Schafft es die SGE, ihre Fans mitzureißen, wird die Commerzbank-Arena regelmäßig zum Hexenkessel. Doch letztendlich ist es eben manchmal wichtiger, wer in welcher Situation etwas sagt und nicht, wie schlüssig das ist, was er von sich gibt. Und die Situation des Bayern-Trainers ist gerade mal wieder nicht einfach.

Unabhängig davon, wie vertretbar seine Meinung ist und wie geschickt es nun ist, diesen Satz nach einem knappen Weiterkommen in Bochum zu äußern, zeigt die unverhältnismäßige und übertriebene Aufregung, wie groß die Zweifel an Kovač bei vielen geworden sind. Und sie könnten sich weiter verschärfen, sollten die Bayern den schweren Gastauftritt bei Eintracht Frankfurt nicht meistern.

Eintracht Frankfurt: Eine gut geölte Maschine

Schwer bedeutet in diesem Fall womöglich, dass die Münchner auf ihren bisher kompliziertesten Gegner treffen könnten. Leipzig, wie es sich gegen die Bayern präsentierte, lag der Mannschaft von Kovač. Über Tottenhams aktuelle Verfassung müssen auch nicht viele Worte verloren werden. Das relativiert nicht die mitunter starken Spielphasen, die der amtierende Deutsche Meister in beiden Partien hatte. Es soll nur bedeuten, dass das noch nicht die größten Herausforderungen waren.

Die kommen jetzt. Frankfurt bildet den Auftakt für schwere Wochen, in denen unter anderem Dortmund, Leverkusen und Gladbach als Gegner warten. Womöglich ist die SGE aber die Mannschaft, die mit ihren Stärken am besten zu den Schwächen der Bayern passt.

Unter Adi Hütter sind die Frankfurter eine gut geölte Maschine, die regelmäßig und konstant ihre Leistungen abrufen kann. Klar, ab und zu stockt auch mal die SGE. Besonders in englischen Wochen fällt es der Mannschaft schwer, die hohe Intensität aufrecht zu erhalten. Vollkommen normal. Doch es ist schon beeindruckend, wie sich die Frankfurter im oberen Teil der Tabelle festgebissen haben.

Taktische Flexibilität

Wer noch ein gutes Beispiel dafür braucht, dass Formationen ohne taktische Abläufe wenig wert sind, der muss nur nach Frankfurt schauen. Im Prinzip hat sich Hütter seit seinem Fehlstart in der vergangenen Saison auf ein Grundgerüst festgelegt: Dreier- beziehungsweise Fünferkette, drei Mittelfeldspieler und zwei Angreifer. Und doch lässt sich die Ausrichtung nicht stur mit einem 5-3-2 abtun.

Die Grundausrichtung wird von Frankfurt sehr flexibel interpretiert.

Das lässt sich an zwei Positionen sehr anschaulich erklären: Zunächst ist da Filip Kostić, der in dieser Saison bereits an neun Pflichtspieltoren direkt beteiligt war. Nominell als linker Flügelverteidiger aufgestellt, agierte er im Vergleich zu Danny da Costa (rechter Flügelverteidiger) im Schnitt deutlich offensiver. Dadurch verschiebt sich die ganze Formation der Eintracht. Die verbliebene Viererkette kann bei Bedarf nach Absicherung rüberschieben und so entsteht je nach Kostićs Positionierung ein 4-1-3-2, 4-3-3 oder eine andere Hybridform. Doch auch da Costa ist nicht hinten gebunden und kann, insofern es die Situation erlaubt, auf der ballfernen Seite offensiver agieren, wodurch dann hinten eine Dreierkette entsteht.

Kostić ist aber im Moment der wichtigste Schlüssel zum Erfolg. Mit 3,3 Abschlüssen und 2,2 Torschussvorlagen pro 90 Minuten zählt er zu den gefährlichsten Offensivspielern der Liga. Seine Tiefenläufe hinter die Kette, die hohe Geschwindigkeit in seinen Aktionen und vor allem seine brandgefährlichen Flanken sind ein zentraler Faktor für die SGE. Unter der Woche war der Serbe angeschlagen, doch wie verschiedene Medien am Donnerstag vermeldeten, wird Kostić spielen können. Das bedeutet für Kovač, dass er sich auf seiner rechten Abwehrseite Gedanken machen muss. Da Kimmichs Offensivdrang kaum einzufangen ist, braucht es Absicherung aus dem Mittelfeld.

Die zweite Position, an der sich die Flexibilität der Eintracht gut erklären lässt, ist die Zehner-Position. Denn nominell gibt es diese nicht immer im System von Adi Hütter. Gerade wenn der Trainer auf die robusteren Spielertypen Sebastian Rode, Gelson Fernandes und Djibril Sow setzt und dementsprechend auf Daichi Kamada verzichtet, steht auf dem Papier eher ein 3-1-4-2 (5-1-2-2) ohne Zehner. Wie die Grafik oben zeigt, wird dieser Raum dann je nach Situation sehr unterschiedlich besetzt.

Hohe Vertikalität

Oft lässt sich einer der beiden Angreifer fallen, um eine Mittelfeldraute zu bilden. Seltener schiebt ein Achter nach. Wichtig ist nur, dass dieser Raum besetzt ist. Denn Hütters Mannschaft bevorzugt in ihrem Spiel eine hohe Vertikalität.

Zwar liegt der Fokus eher auf dem linken Flügel, doch auch in den Halbräumen und im Zehnerraum sucht die SGE immer mal wieder Möglichkeiten für sogenannte “Steil-Klatsch-Zuspiele”, also Bälle, die vertikal in die Spitze gespielt und dort vom Empfänger in den Zwischenraum zurückgespielt werden. Das hat den Vorteil, dass der ballführende Spieler am Ende das Spiel vor sich hat und der Stürmer sich nicht erst mühevoll drehen muss.

Nicht selten öffnen die Frankfurter so auch die Räume für Kostič über links. Denn der Fokus in der Verteidigungsarbeit des Gegners liegt ja zunächst woanders. Ein weiteres Mittel ist das Dreiecksspiel über den linken Flügel. Hier ist Hinteregger häufig der Initiator für Angriffe. Der Halbverteidiger kippt nach links heraus, Kostić schiebt in die letzte Linie und im Halbraum bieten sich meist jeweils ein Achter und ein Stürmer an, um Unterstützung zu gewährleisten.

Letztendlich wirkt es simpel, doch es ist häufig effektiv: Dreiecksbildung am Flügel. Auf der ballfernen Seite steht es dem Flügelverteidiger frei, ob er den Raum nach vorn nutzt oder absichert.

Extrem hohe Intensität

Neben dieser hohen Flexibilität mit dem Ball und den guten Mechanismen zur Absicherung der eigenen Angriffe schafft es Frankfurt auch immer wieder, eine enorme Laufbereitschaft und Intensität auf den Platz zu bekommen. Sie laufen nicht nur viel, sie schieben darüber hinaus die richtigen Räume zu, unterstützen sich gegenseitig und bleiben dabei in den meisten Phasen aktiv.

Durch die hohe Vertikalität im eigenen Passspiel leidet natürlich die Passquote: 74,8% (drittschlechtester Wert der Liga). Weil Frankfurt aber immer wieder geschickt viele Spieler in Ballnähe positioniert, ist das aggressive Gegenpressing oft erfolgreich. In den meisten Bundesliga-Partien hat die SGE es geschafft, die Ballbesitzphasen des Gegners schnell wieder zu unterbinden. Hütter kann dafür auch auf die unterschiedlichsten Spielertypen zurückgreifen. Je nach Gegner und Spielsituation hat er von feinen Technikern bis hin zu robusten Zweikämpfern fast alles zur Verfügung – besonders im Mittelfeld.

Schlussfolgernd lässt sich Frankfurts Spiel sehr gut als “geplantes Chaos” bezeichnen. Viele Vertikalpässe, intensives Pressing und viele Zweikämpfe um zweite Bälle – alles Attribute, die den Bayern nicht liegen. Im Prinzip liegt das Mittel zum Erfolg gegen Frankfurt in der Ruhe und der Fähigkeit, das Pressing zu überspielen.

FC Bayern: Eine letzte Chance?

Den Bayern fehlt diese Ruhe aber. Ihnen fehlt zudem die Positionierung auf dem Platz, um ein so kompaktes und gut organisiertes Pressing konstant zu überspielen. Das war auch schon so, als die Mannschaft noch das Selbstbewusstsein hatte und regelmäßig Ergebnisse lieferte.

Jetzt hat sich die Situation aber nochmals verändert. Zu den Schwächen im taktischen Bereich kommt eine Lethargie, die nur schwer zu analysieren ist. Verschiedene Medien berichten davon, dass Kovač die Kabine zu verlieren scheint. Die Anzeichen auf dem Platz bestätigen diesen Eindruck.

Noch sind die Leistungen ein Stück davon entfernt, dass man der Mannschaft unterstellen könnte, sie spiele gegen den Trainer. Doch Spieler, die der eigenen Spielidee vertrauen, sehen auch anders aus.

Gladbach als Vorbild?

Immerhin haben die Bayern am vergangenen Wochenende gezeigt bekommen, wie es geht: Borussia Mönchengladbach hat mit starken Überladungen gearbeitet, ohne sich gegenseitig die Räume wegzunehmen. Immer wieder positionierten sich die Gladbacher so clever in Ballnähe, dass die Eintracht selbst bei Ballgewinnen kaum umschalten konnte. Die Mannschaft von Marco Rose war direkt wieder am Gegenspieler und kam ihrerseits zu Rückeroberungen, die wiederum zu Räumen in der Offensive führten.

Für einen FC Bayern, der taktisch nicht mehr in der Lage ist, ein Spiel in den wichtigsten Phasen durch Ballbesitz zu kontrollieren, könnte genau das ein probates Mittel sein: Bewusst Spielfeldzonen mit vielen Spielern besetzen, die dann vertikal bespielt werden. Fehlpässe können so einkalkuliert und im Gegenpressing verteidigt werden. Wichtig ist es, Frankfurt noch im Umschaltmoment entsprechend zu stören.

Das erfordert genau die Attribute, die Kovač von seiner Mannschaft verlangt: Laufbereitschaft, Intensität, Konzentration und Einstellung. Aber es erfordert eben auch etwas, was Kovač gerne kleinredet: strategisch-taktisch kluge Entscheidungen der Spieler (und des Trainers). Auf der Pressekonferenz am Donnerstag machte der Trainer nochmals deutlich, dass er ein anderes Gesicht seiner Mannschaft erwarte. Gegen starke Mannschaften habe sie ja bisher immer gute Spiele gemacht.

Es macht den Eindruck, dass Kovač sich zu sehr auf seine Mannschaft verlässt. Dass diese sich aber auch auf ihn verlassen und darauf warten könnte, die richtigen Anweisungen für die spielentscheidenden Situationen zu erhalten, lässt er außen vor. Vielleicht beginnt mit der Partie bei seinem Ex-Klub für Kovač die letzte Chance. Hätte er keine mehr, wäre eine Entscheidung längst gefallen. Doch die Vorzeichen stehen nicht gut. Können die Bayern wieder nicht überzeugen, wird sich Kovač die übertriebenen Diskussionen um seine Aussage zur den vermeintlich besten Fans der Liga noch zurückwünschen.

Werbe-Blog

Ein wirklich aufschlussreiches Video über Eintracht Frankfurt hat unter der Woche Constantin Eckner veröffentlicht. Der Autor von Spielverlagerung.de erklärt, warum die SGE aus seiner Sicht so stark ist.

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Spieltagssieger

Pia und TobiwanKenobi gewinnen den 9. Spieltag der Bundesliga mit 15 Punkten. Hier die Top 5:

  1. Edlan – 123 Punkte (0 Spieltagssiege)
  2. Beltiboy – 120 Punkte (0 Spieltagssiege)
  3. hubus – 120 Punkte (0 Spieltagssiege)
  4. Olorin – 119 Punkte (0,33 Spieltagssiege)
  5. Jona_Brauni – 116 Punkte (1 Spieltagssieg)

Lahmsteiger: Platz 110 – 94 Punkte (0 Spieltagssiege)

So läuft es gegen Frankfurt …

Ich tippe ja wirklich selten gegen den FCB, aber vielleicht hilft hier nur ein Jinx-Versuch: Für die Bayern gibt es das böse Erwachen. Frankfurt ist zu stark für die aktuelle Situation und im Gegensatz zum letzten Gastauftritt gibt es keine Sensationstore, die sie retten. Frankfurt geht in Führung und bleibt dann kontinuierlich dran. Am Ende gibt es ein torreiches 3:2 für die Eintracht.

So könnte Bayern spielen …

4-2-3-1: Neuer – Kimmich, Pavard, Boateng, Alaba – Thiago, Tolisso – Coutinho – Gnabry, Lewandowski, Coman

Es fehlen: Hernández, Süle, Arp, Martínez fraglich

So läuft der Spieltag …

Hoffenheim 2:1 Paderborn
Leipzig 3:1 Mainz
Dortmund 2:1 Wolfsburg
Bremen 2:1 Freiburg
Frankfurt 3:2 Bayern
Leverkusen 1:2 Gladbach
Union 2:1 Hertha
Düsseldorf 2:1 Köln
Augsburg 1:1 Schalke



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