Sieben auf einen Streich!

Daniel Trenner 01.10.2019

Falls Ihr es verpasst habt

Die Aufstellung

Niko Kovač überraschte indem er außerhalb der Rotation zum ersten Mal freiwillig auf Thiago verzichtete. Für den Spanier kam Tolisso zurück in die Mannschaft und bildete mit Kimmich das defensive Mittelfeld. Auf der linken Verteidigerposition übergab ein Verletzter den Stab an den anderen: Alaba rückte für den angeschlagenen Hernández in die Kette, Jérôme Boateng blieb so in der Mannschaft.

Ohne Christian Eriksen schickte Mauricio Pocchetino seine Spurs in einem 4-Raute-2 auf das Feld.

1. Halbzeit

Das Spiel begann sofort mit einem offenen hin und her, nachdem Gnabry einen ersten guten Schuss auf Lloris’ Tor absetzte, zog Son in einem direkten Eins-gegen-Eins mit Neuer den Kürzeren.

Die Spurs übernahmen nun immer mehr die Kontrolle und erzielten in der 12. Minute den Führungstreffer. Tolisso spielte auf Höhe des eigenen Strafraums einen katastrophalen Fehlpass, durch den Rebound war Son völlig frei und traf mit einem kraftvollen Schuss.

Überraschenderweise gelang Bayern in dieser Phase der postwendende Ausgleich, als Kimmich nach einer missglückten Klärung mit einem satten Weitschuss aus gut 20 Metern traf.

In der Folgezeit dominierte Tottenham die Partie weiter und gelang unter anderem durch Kane (18.) und Ndombélé (25.) zu weiteren Chancen.

Ab der 30. Minute gelang es Bayern das Spiel ein wenig zu beruhigen und mehr konstruktiven Ballbesitz zu sammeln. Sie waren zwar noch immer die unterlegene Mannschaft, doch die Spurs kamen nicht mehr so gefährlich oft vor Manuel Neuers Tor.

Als es bereits schien, dass sich beide Mannschaften auf ein 1:1 zur Halbzeit geeinigt hatten, schlug Lewandowski aus dem Nichts zu: Nach einer Flanke stocherten die Bayern Lewandowski den Ball zu, der mit dem Rücken zum Tor von der Strafraumgrenze aus der Drehung Lloris mit einem No-Look-Schuss überraschte.

2. Halbzeit

Kovač brachte nun endlich Thiago für den offenbar angeschlagenen Alaba. Kimmich rückte zurück in die Abwehrkette, Pavard wich auf die ungewohnte Linksverteidigerposition.

Gnabry kanalisierte in der 53. Minute seinen inneren Arjen Robben und dribbelte sich von der linken Außenseite in den Strafraum wo er in die lange Ecke einnetzte.

Keine zwei Minuten später presste Tolisso vor Tottenhams Strafraum Winks, wiederum Gnabry fand sich frei vor Lores, wo er zum 1:4 traf.

Tottenham kam noch einmal mit einem Elfmeter zurück: Nachdem Danny Rose in einem fragwürdigen Zweikampf mit Coman zu Boden ging, verkürzte Kane in der 60. Minute sicher zum 2:4.

In 66. Minute hielt Neuer Eriksens Weitschuss mit einer klasse Parade. Nachdem der Schiedsrichter Coman keinen Elfmeter zusprach, kam Ivan Perišić für den Franzosen und Javi Martínez für Jérôme Boateng. In der Folge überließ Bayern den Spurs etwas mehr vom Ball, ruhte sich auf dem Vorsprung aus und lies den Gegner kommen. Zur Offensive gezwungen rächte sich dies für Tottenham als Thiago mit einem weiten hohen Ball über das halbe Feld Tottenhams komplette Mannschaft überspielte und der schnelle Gnabry im direkten Duell mit Lloris zu seinem Hattrick traf (83.).

In der Folge wurde es ganz bitter für die Londoner: Nach einem simplen Abspielfehler im Aufbau kam der Ball über Thiago, Perisic und Coutinho zu Lewandowski, der eiskalt blieb (87.). Eine (!) Minute später machte Gnabry mit einem Schuss außerhalb des Strafraums aus seinem Dreier- einen Viererpack. Bayern zeigte nun endlich Mitleid mit den Spurs und es blieb beim erstaunlichen Ergebnis von 7:2.

Dinge, die auffielen

1. Thiago oder nix!

Kovačs Aufstellung mutete bizarr an. Gerade gegen die hoch pressenden Dauerläufer und Konterspieler der Tottenham Hotspurs verzichtete er auf seinen mit Abstand pressingresistentesten Spieler.

Oft versteht man die Ideen eines Trainers vor dem Spiel nicht und erst mit Abpfiff offenbart sich der ganze Gedankengang. Viele Spiele wurden bereits mit einem überraschenden Aufstellungskniff gewonnen. Doch manchmal ist eine schlechte Idee auch einfach nur das: Eine schlechte Idee mit schlimmen Konsequenzen.

In der 1. Halbzeit schnitt Tottenham durch den überforderten Tolisso und dem bayerischen Mittelfeld wie durch heiße Butter. Ständig war der Sechserraum unbesetzt. Ständig das Mittelfeld überspielt. Ständig Abspielfehler im Aufbau. Zwischen der Minute 15 und 30 kam Tottenham fast im minutentakt zu gefährlichen Situationen, die nur ganz zum Schluss, durch Glück oder einem starken Manuel Neuer gerettet werden konnten.

Schon oft wurde Niko Kovač für mangelnde Anpassungen kritisiert. Selten hatte seine Mannschaft so sehr um sie gebettelt wie in der 1. Halbzeit gegen Tottenham. Die Überforderung Tolissos war für jeden offensichtlich. Es ist mehr Glück als Verstand oder erst recht Können, dass Bayern nur ein Gegentor in der 1. Halbzeit kassierte.

Nach dem Spiel in Leipzig meinte Kovač, es sei mitunter schwer einem ganzen Team eine taktische Veränderung im laufenden Spiel zu übermitteln. Das mag stimmen, doch selbst wenn man unsicher ist, wie sattelfest das eigene Team sei, muss man manchmal in den sauren Apfel beißen und etwas probieren.

Am Ende gewinnt Bayern 7:2 und keiner redet mehr über Tottenhams Angriffsphase, doch man muss kein Prophet sein, dass Bayerns 2. Hälfte anders verlaufen wäre, wenn Tottenham Kapital aus seinen Chancen gezogen hätte. 

Doch auch wenn taktische Anpassungen nach dieser Anfangsphase nötig waren, so hätten auch simple individuelle Impulse Wirkung gezeigt. Frei von Taktik befreit sich Thiago schlichtweg besserer aus Pressingsituationen als Tolisso. Frei von Taktik ist Martínez ein stärkerer Wellenbrecher als wahrscheinlich alle anderen im Kader.

Spielerwechsel vor der Pause gelten im Fußball oft als “Höchststrafe” für die ausgewechselten Spieler, doch am Ende geht es um Sieg oder Niederlage und nicht um emotionale Befinden oder Reportersprüche. Manchmal muss man diese “Höchststrafe” nun einmal aussprechen.

Kovač tat es nicht und entschied sich für das russische Roulette: Er entschied sich nichts zu tun und spielte mit dem Feuer eines nicht mehr aufzuholenden Rückstandes. Das Ergebnis gibt ihm recht. Sogar das am Ende der 1. Halbzeit. Ja, die Bayern führten zwar 2:1, aber dies nur sehr, sehr glücklich.

Lewandwoski dreht die Partie mit einem No-Look-Dreh-Schuss.
(Quelle: Catherine Ivill/Getty Images)

2. Individuelle Brillanz

Bayerns Sieg ist brutaler Abgebrühtheit im Abschluss und bestechenden individuellen Leistungsspitzen vor den Toren zu Verdanken. Auch wenn sieben Tore erzielt wurden und der Expected-Goals-Wert nur 2,1 beträgt, schoss Bayern kein einziges der oftmals in solchen Schützenfesten fallenden sogenannten “Glückstore”.

Vielmehr war an diesem Abend sehr viel Können dabei. Kimmich wollte seinen Weitschuss genau dort platziert haben, wo er zum 1:0 einschlug.

Lewandowski wusste ganz genau, was er tat, als er sich aus dem wortwörtlichen Nichts zum 2:1 Schuss drehte.

Zwar waren Tore nach Slalomläufen in München bislang eher für quirlige Franzosen und an Haarausfall leidenden Holländer reserviert, war Gnabrys Dribbling zum 3:1 dennoch genau so gewollt. Ebenso das Tackling des nach Thiagos Einwechslung befreit aufspielenden Tolissos vor dem 4:1. Oder des präzisen weiten Schlages des Spaniers und Gnabrys Abgekochtheit beim 5:2.

Und auch wenn die niedrige Gegentorzahl aus dem Spiel auch andere Faktoren hatte, zeigte auch Manuel Neuer mit einer individuellen Glanzleistung wieder einmal, dass auf ihn Verlass ist.

Es ist wichtig zu begreifen, dass solche Spiele nicht die Normalität sind. Gerade so ein Spiel wird gerne als sogenanntes “Freak-Spiel” abgetan.

Fußball mag ein Teamsport sein, doch Bayerns Sieg war am Ende eher ein Sieg brutalster individueller Klasse.

Nach den vielen Unkenrufen über den Kader und seine Spieler, gibt es sicherlich schlechtere Lehren zu ziehen.

3. Statement

7:2. Sieben zu Zwei. Nicht in Prag. Nicht in Belgrad. Nicht im Ural. Nein, in London. Sieben zu Zwei gegen Tottenham. Sieben zu Zwei gegen den Finalisten der abgelaufenen Champions-League-Saison. Ein waschechtes Statement.

Ja, die Tore mögen in anderen Spielen nicht mehr so fallen. Ja, die Expected-Goals-Statistik hat man komplett geschreddert. Ja, ist Tottenham auch nur ansatzweise so gnadenlos wie es heute Bayern war, verliert man das Spiel vielleicht. Doch das alles verblasst in Anbetracht der nackten Zahlen auf der Anzeigetafel. Sieben zu Zwei. Wen interessiert nächste Woche noch Tottenhams Drangphase? Alles was man in Manchester, Liverpool, Madrid, Barcelona und Turin hören wird ist, dass man Tottenham auswärts komplett aus dem Stadion geschossen hat.

Vielerorts wurde ein Lewandowski bereits zum Mann für die kleinen Spiele deklariert. Jemand, auf den man im Viertelfinale nicht achten braucht. Der seine Tore gegen Belgrad und nicht gegen Madrid holt. In Madrid hat er diese Saison noch nicht getroffen und das Viertelfinale noch nicht im Alleingang entschieden, doch ein Statement hat er abgegeben: Er hat noch Rechnungen offen.

Serge Gnabry, ein junger Spieler, bei Arsenal und West Brom gescheitert. Jetzt ist er der 4-Tore-gegen-Tottenham-Mann. Jemand, den man Ernst nehmen muss.

Und schließlich ist da vor allem natürlich der FC Bayern selbst. Ribéry und Robben sind weg, Schweinsteiger und Lahm schon länger, dem einen oder anderen internationalen Beobachter kann da schon in den Sinn kommen: War es das jetzt mit dem FC Bayern für’s Erste? Die mächtigste Sprache im Fußball sind Ergebnisse. Ein Sieben zu Zwei wird gehört werden.

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