Ein Weiser Schachzug?

Drei Jahre lang durfte sich Mitchell Weiser beim FC Bayern beweisen. Vor seinem Wechsel vom FC Köln galt er als einer der größeren Talente im deutschen Fußball. Den Münchnern war er ca. 1 Million Euro Ablöse wert. Viel Geld für einen Spieler, der nicht mal ein Pflichtspiel für den FC Köln bestritten hatte. Nun, am Ende seiner Vertragslaufzeit, stehen die Zeichen auf Abschied. Hertha BSC steht laut dem Kicker kurz vor seiner Verpflichtung.

Das gelebte Missverständnis

Die Beziehung »Mitchell Weiser« hatte viele Tiefs, aber zuletzt auch einige Höhen. Weiser hatte sichtlich Probleme in München Fuß zu fassen. Missverständnisse und Selbstüberschätzung prägten die ersten beiden Jahren. Eine Leihe nach Kaiserslautern brachte keine Besserung. Auch das erste Jahr unter Pep Guardiola war ein verlorenes Jahr. Nicht gut genug für die erste Mannschaft, zugleich nicht motiviert genug für die FC Bayern Amateure, verstrich viel Zeit und Potential. In der Bundesliga spielte er erst nach der gewonnen Meisterschaft gegen Augsburg, Braunschweig und Bremen. Immerhin stand er noch sechs Mal im Kader. Die überwiegende Zeit spielte er allerdings in der Regionalliga Bayern. 19 Einsätze, 3 Tore und 7 Assists bei knapp 1458 Minuten sind Beleg ordentlicher Leistung, die aber von einer oftmals etwas schlampigen Einstellung überstrahlt wurden. Negativer Höhepunkt war dann aber für viele eingefleischte Bayern-Fans sein Urlaubsantritt, obwohl die Bayern Amateure seine Dienste in der Aufstiegsrelegation gegen Fortuna Köln wohl gebraucht hätten.

In der abgelaufen Saison lief es vom Start weg her nicht besser. Weiser spielte in der Hinrunde nur 18 Minuten Champions League gegen Moskau und eine Minute in Mainz, sowie ein paar Mal bei den Amateuren. Allerdings legte Mitchell Weiser den berüchtigten Schalter in der Wintervorbereitung um. Er galt als einer der wenigen Gewinner der Vorbereitung für die Rückrunde. In dieser spielte Weiser in der Bundesliga 12 von 17 Spiele. Natürlich profitierte er dabei von den vielen Verletzungen und den Rotationsplänen Guardiolas, allerdings überzeugte er auch durch seine Leistungen. Vier Vorlagen und ein direktes Tor sind ein mehr als ordentlicher Arbeitsnachweis für einen Spieler, der nahezu alle Positionen auf der rechten Seite beim spanischen Trainer begleiten durfte. Teilweise steuerte er einige wichtige Vorlagen für den Rekordmeister bei, wie sein Dribbling durch vier Gegner und sein Rückpass auf Schweinsteiger gegen seinen neuen Arbeitgeber Hertha BSC. Aber auch in Stuttgart war es Weiser, der den FC Bayern durch seine Torvorlage auf die Siegerstraße brachte.

Vergleicht man die Zahlen mit seinem wohl direkten Konkurrenten Rafinha, so lassen sich nur wenige Unterschiede ausmachen. Für eine bessere Vergleichbarkeit werden die Werte auf 90 Minuten umgerechnet, da Rafinha ungefähr drei Mal so viel Spielzeit hatte wie Weiser. In der Torvorlagen Statistik führt Weiser mit 0.46 klar im Vergleich zu 0.1 Vorlagen pro 90 Minuten. Allerdings hat Rafinha pro Partie 1.4 Key Passes – Weiser nur 0.69. In der Defensive zeichnet sich ein ähnlich ausgeglichenes Bild. Weiser führt in der Zweikampfführung (57,1% zu 48,6%), dafür hat Rafinha deutlich mehr Klärungen (0,5 pro Spiel mehr). Hingegen fast ausgeglichen sind die Anzahl der abgefangen Bälle (Weiser 1,3 und Rafinha 1,7). In der Summe jedenfalls fällt Weiser nicht hinter Rafinha ab. Zumindest rein von den Zahlen her. Für eine Rolle als Kaderspieler 13-16 sind seine Werte sogar außerordentlich gut.

Die Folgen für den Kader der Münchner

Ein weiteres Argument für Weiser ist seine Flexibilität. Er kann überdurchschnittlich gut dribbeln, was viele andere Spieler im aktuellen Bayern Kader nicht können. So war es in der Rückrunde fast alleine Weiser, der in der Bundesliga versuchte Gegner auszudribbeln und Lücken in den gegnerischen Abwehrverbund zu reißen. Fehlen Ribery und/oder Robben war das Bayern-Spiel oftmals sehr statisch und hatte große Probleme gegen kompakt agierende Gegner, die das Hauptaugenmerk auf die Defensivarbeit und Verschieben von Abwehrketten gelegt haben. Durch den Abgang Weisers verschärft sich die fehlende Dribblingfähigkeit im Kader der Münchner nochmals. Zudem verstärkt sich die ungleiche Verteilung von Spielerrollen im Kader. So stehen Pep Guardiola aktuell 8 zentrale Mittelfeldspieler zur Verfügung. Götze, Martínez und Alaba nicht mal mitgezählt. Hingegen fehlt nun eine Alternative für die Rolle des rechten Verteidigers, sollte Rafinha ausfallen. Zudem fällt eine weitere Alternative für Robben weg, nachdem schon Shaqiri im Winter abgegeben wurde. Ein Sinan Kurt besitzt zweifelsohne das Talent in diese Lücke zu stoßen, muss sicher allerdings noch deutlich weiterentwickeln. Zuletzt stand eine Leihe im Raum. Dies könnte sich durch den Wechsel von Weiser jetzt nochmals ändern. Er könnte ein Gewinner seines Abgangs werden.

Es muss sich also zeigen, ob die Nicht-Verlängerung von Weiser ein kluger Schachzug des FC Bayern war. De facto verstärken sich zunächst einmal die Baustellen im Kader. Sowohl in der Abwehr als auch in der Offensive fehlt der Allround-Spieler Weiser. Allerdings stehen auch Alternativen vor der Tür. Unlängst analysierten wir Matteo Darmian, der sicherlich nun stärker in den Fokus der Betrachtung rücken wird. Darüber hinaus wird die Erbnachfolge von Ribery und Robben nochmals dringlicher, zumal der Saisonstart von Ribery durch seine Verletzung in Frage gestellt ist.

Bestätigt: Weiser wechselt nach Berlin

Update 18.06.2015, 15 Uhr: Der Wechsel von Mitchell Weiser vom FC Bayern zu Hertha BSC ist perfekt, wie der Rekordmeister auf seiner Webseite bekannt gab. Der 21-Jährige wechselt ablösefrei (FCB-Vertragsende 30.06.2015) und unterschreibt für drei Jahre bis 2018 bei den Berlinern.

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Leserkommentare
  1. Axel

    Ich nehme an, es gibt schon einen uns noch unbekannten Neuzugang, der die “Weiser-Lücke” schließen soll. Andernfalls ist der Verkauf – wie Du schreibst – nicht ganz nachvollziehbar.

    Was mich aber noch mehr wundert, ist die sehr knappe Presseerklärung zu Riberys Beschwerden. Am 12. Juni hieß es: “Die bei Franck Ribéry bisher eingeleitete, konservative Therapie hat leider nicht zu dem erhofften Ergebnis geführt. Nach einer weiteren Untersuchung bei Prof. Dr. Walther ist nun eine Ruhigstellung des rechten Sprunggelenks durchgeführt worden.”

    Weiß irgendjemand Genaueres? Für mich klingt “Ruhigstellung” nach einer aus Ratlosigkeit geborenen, sehr langwierigen und ungewissen Behandlungsmethode.

    1. Christopher

      Weiß irgendjemand Genaueres? Für mich klingt “Ruhigstellung” nach einer aus Ratlosigkeit geborenen, sehr langwierigen und ungewissen Behandlungsmethode.

      Aktuell nicht, aber wir werden uns dem Thema Ribery am Wochenende ausführlich widmen und versuchen eine Einordnung vorzunehmen.

    2. Daniel

      “Andernfalls ist der Verkauf – wie Du schreibst – nicht ganz nachvollziehbar.”

      Ja wenn’s denn nur ein Verkauf wäre – er geht ja sogar ablösefrei, da Vertragsende.

    3. Jo

      Was genaueres werden wir wohl auch nicht zu hören bekommen.
      Mittlerweile ist ja wohl von einer Knochenhautentzündung die Rede. Wie sich das aus einer Gelenkstauchung und einer Kapselentzündung entwickelt hat ist schon bemerkenswert. Das führt natürlich wieder unweigerlich zu dem Dauerbrenner unserer medizinischen Abteilung.

      Eine Knochenhautentzündung ist i.d.R. ziemlich schmerzhaft und zeitlich kaum einzugrenzen. Das kann von einigen Wochen bis einigen Monaten gehen. Das Mittel der Wahl ist natürlich vor allem Schonung. Hier ist nun offensichtlich das Gelenk eingegipst worden, sozusagen als Maximalvariante der Schonung. Das würde ich nicht als ratlos bezeichnen sondern als logisches Vorgehen. Man könnte ggf. diskutieren, ob man das nicht schon früher hätte machen können.

      Dass der weitere Verlauf langwierig und ungewiss sein wird, darauf muss man sich wohl einrichten. Im Extremfall kann dann auch eine OP anstehen.

      Die Personalplanung auf der fraglichen Kaderposition hat jetzt jedenfalls noch mal eine andere Dringlichkeit.

  2. Jo

    Kann man hier überhaupt von einem Schachzug der Münchner reden?
    Sein Vertrag ist ausgelaufen und das heißt es müssen sich beide Parteien einig werden. Es gibt für Weiser völlig nachvollziehbare Gründe zu gehen, selbst wenn ihn die Bayern halten wollten.

    Wir wissen alle in welcher Sackgasse seine Karriere vor einigen Monaten steckte. Durch unglaubliches Glück (aus seiner Sicht) konnte er sich in der Rückrunde wieder ins Gespräch bringen. Gerade zu dem Zeitpunkt als er auch noch die Trumpfkarte seiner Ablösefreiheit ins Spiel bringen konnte. Also wenn nicht jetzt, wann dann?
    Die Gefahr das es bei Bayern auch wieder andersrum läuft haben er und seine Berater realistischerweise wohl ziemlich groß eingeschätzt.

    1. Josef

      Sehe ich nicht so.
      Vor einigen Monaten hätte man definitiv mit ihm verlängern können. Da wollte er bleiben.
      Ich wiederhole mich (Kommentare zu anderen Blogbeiträge), aber ich verstehe nicht wie man einen gerade 21 Jahre alt gewordenen Spieler, der – im Beitrag oben ja gut beschrieben – gerade die Kurve gekriegt hat, ablösefrei ziehen lassen kann. Ich mein, der Junge hat in der RR 12 von 17 Ligaspielen gemacht, davon 8 von Anfang an. Als 20/21-jähriger. Das ist ne Hausnummer. Und Verletzungspech des Gesamtkaders hin oder her, der Hauptkonkurrent auf seiner Position, Rafinha, war in der Rückrunde fast immer fit.
      Eventuelle Sorgen a la “nicht auf der Bank oder Tribüne versauern falls Bayern noch Mr. X kauft” verstehe ich, könnte man aber ganz einfach per Klausel absichern: Weniger als x Einsätze, dann darf er zur Winterpause (zum Saisonende) für eine bescheidene festgeschriebene Ablöse wechseln.
      Der FCB hätte dann aber einen jungen entwicklungsfähigen RV/RM behalten, eine Position auf der hochklassige Alternativen rar sind.
      Der FCB hätte eine Absicherung gehabt, falls anvisierte Transerfs (z.B. Darmian) scheitern würden.
      Der FCB hätte eine bessere Verhandlungsposition in Ablöseverhandlungen mit z.B. Turin. “Wir MÜSSEN nicht kaufen, aber wir KÖNNTEN” lässt eine Ablöseforderung eher sinken als ein “wir MÜSSEN”.

      Und um Weiser hätte ich mir keine Sorgen gemacht. Im schlimmsten Fall wäre er in der Winterpause gewechselt, da hätten sich die anderen Sportdirektoren noch an seine Leistung erinnert…

      Bei all meiner Kritik am FCB in der Causa Weiser muss natürlich auch eingeordnet werden: Für das Wohl und Wehe des FCB ist der Abgang natürlich ziemlich irrelevant, bei allem Respekt vor dem Jungen.

  3. tripler

    Kann den Hype um Weiser überhaupt nicht verstehen. Der ist für München einfach zu schlecht. Beim so oft angepriesenen Dribbling gegen die Herta hat er auch nur Glück gehabt das ihm der Ball versprungen ist. Finde ihn echt überschätzt. Und ein Spieler wie Weiser ist auch schnell zu ersetzen.

  4. Johannes

    Ich vertraue Sammer, Reschke und Guardiola voll, wenn die meinen das uns Weiser nicht großartig weiterbringt, wird es schon richtig sein.Er hat in den 3 Jahren auch echt nicht viel gebracht, seine Entwicklung ging eigentlich erst im Winter voran, da wusste er vermutlich schon das er keinen neuen Vertrag bekommt.Das es jetzt zu einem Abstiegskandidaten geht, zeigt ja auch das da nicht das riesen interesse anderer Klubs an ihm bestand.Ein Nachfolger ist mit Kimmich ja auch schon verpflichtet, von daher macht es absolut Sinn.

  5. Marco05

    5 schlechte halbe Jahre vs. 1 gutes halbes Jahr.

    Die gute Einstufung in den letzten Wochen ist wohl auch der gesunkenen Erwartungshaltung gesunken. Wenn ich noch dran denke, wie er bei Lautern in Liga 2 kaum bis nicht aufgefallen ist (wenn dann eher negativ), dann hilft uns das – so leid es einem möglicherweise tut – nicht weiter. Spielpraxis ist das nächste, die gibt es halt auf dem Niveau kaum. Insofern für alle Seiten ein nachvollziehbarer Schritt.

    Danke, dass ihr das Thema mit der Relegation letztes Jahr nochmal mit einbezogen habt. Das war schon starker Tobak. Außerdem gab es auch dieses Jahr ein paar gewöhnungsbedüftige (Spaß-) Aktionen bei denen man sich zumindest fragen darf, ob er wirklich auch persönlich gereift ist.

    Wünsche ihm alles Gute in Berlin!

    1. Marco05

      Erwartungshaltung geschuldet natürlich. Edit-Funktion wäre nicht verkehrt ;)

  6. Osrig

    Gewisse Medienfehltritte sehe ich jungen Spielern wie Weiser oder auch Alaba nach. Ein Problem habe ich schon mit seiner mangelnden Kameradschaft und Einsatzbereitschaft im entscheidenden Spiel der Amateure, und die Tatsache, dass er sich in zweieinhalb Jahren nicht in den Vordergrund spielen konnte, wiegt schwer in negativer Hinsicht. Gut, er hat prima Ansätze gezeigt, aber reicht das? Ich befürchte, Weiser hat in den Vertragsgesprächen, die es sicherlich gegeben haben wird, den Bogen überspannt und im Verhältnis zu hohe Forderungen gestellt. Wäre er demütig und zurückhaltend geblieben, dann hätte man aus meiner Sicht ruhig das Risiko einer Vertragsverlängerung eingehen können. Vermutlich hat er aber eben nicht die Reife z.B. eines Hojbjerg, der zumindest nach seinen aktuellen Aussagen nach begriffen hat, dass er selbst in einer Bringschuld ist. Weiser hat diese Erkenntnis möglicherweise nicht gewonnen. Aber, das ist alles Spekulation. Ich bin sicher, wir werden den Weggang von Weiser verschmerzen können^^

  7. […] ist folgerichtig. Die Hauptstädter haben auf der rechten Außenbahn noch Bedarf. Anders als beim Weggang von Mitchell Weiser sicherte sich der FC Bayern wohl eine Rückkaufoption, sollte Kurt eine ähnliche Reifung unter Pal […]

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