Scouting-Report: Felipe Anderson

Tobi Trenner 18.06.2015

Karriereüberblick

Der 22-jährige Brasilianer spielt seit der Saison 2013/14 bei Lazio und hat dort schon Höhen und Tiefen durchlebt, wobei die Jahre davor mindestens genauso interessant sind. Auf der Suche nach einer sportlichen Heimat wanderte er von Verein zu Verein, bis er mit 14 Jahren beim legendären Santos FC landete und glücklich wurde.

Im Jahr 2011 etablierte sich der damals 18-Jährige schrittweise in der ersten Mannschaft und wurde 2012 zum Stammspieler, in keiner geringeren Position als der des zentralen Spielmachers. Hierbei agierte er übrigens hinter dem inzwischen weltbekannten und schon damals massiv erfolgreichen Neymar. Im Januar 2013 war dann ein Last-Minute-Transfer nach Europa geplant. Santos und Lazio waren sich einig, doch der Wechsel scheiterte an der Bürokratie – es waren einfach nicht alle Papiere rechtzeitig vorhanden, die Winterperiode endete für Anderson ohne Vereinswechsel.

Als der geplante Transfer dann im Sommer 2013 zum nahezu gleichen Preis nachgeholt wurde, waren die Erwartungen der Römer groß und die folgende Enttäuschung umso größer. Andersons Probleme in Rom waren sowohl spielerischer Natur, der Umstieg vom brasilianischen Spiel der Freigeister in das taktische Korsett Italiens ist für jeden offensiven Kreativspieler eine Gefahr, als auch ein Ergebnis mangelhafter Integration. Ein hierfür gern gewähltes Beispiel ist die Geschichte, dass sich Anderson wegen fehlender Sprachkenntnisse wochenlang nur Pasta bestellen konnte und sein Gewicht schneller stieg als die Einsatzminuten.

Einen wirklichen Durchbruch feierte der Brasilianer erst nach anderthalb Jahren. Mit dem ersten Ligator in Parma im Dezember letzten Jahres begann eine unglaubliche Entwicklung – in den folgenden vier Spielen erzielte er weitere vier Tore und nebenbei noch fünf Vorlagen. Anderson beendete die Saison mit 10 Toren und 8 Vorlagen, was ihm den ersten kurzen Länderspieleinsatz gegen Mexiko einbrachte.

Stärken und Schwächen

Bei Lazio wurde Felipe Anderson von der Zentrale auf den linken Flügel versetzt, wo seine Stärken im europäischen Fußball eher zur Geltung kommen können. Dennoch besitzt er weiterhin eine ordentliche Polyvalenz und kann sogar ohne großen Leistungsabfall auf dem rechten Flügel spielen. Andersons größte Stärke dürfte die extrem starke Beschleunigung sein. Lazio selbst behauptete, dass er statistisch bewiesen der schnellste Spieler der Serie A ist, doch eine hohe Endgeschwindigkeit ist kaum festzustellen, da er diese praktisch sofort erreicht. Diese Tempoexplosion nutzt er häufig und gerne im Dribbling, wo er aus dem Stand unerwartet zum Sprint ansetzt und am Gegner vorbeifliegt.

Eine oft übersehene Stärke ist die Defensivarbeit. Hier kämpft Anderson gegen das alte Stereotyp des faulen Brasilianers an, er arbeitet viel nach hinten, übernimmt kurzfristig die Aufgaben des Außenverteidigers und scheint grundsätzlich durchaus Spaß an Zweikämpfen zu haben.

Auch eine gewisse Beidfüßigkeit ist dem 22-Jährigen nicht abzusprechen. Zwar bevorzugt er seinen rechten Fuß, nutzt aber das linke Bein problemlos für Dribblings und sogar Torschüsse. Diese Eigenschaft hilft ihm auch bei zentralen Dribblings, vor denen er aufgrund seiner Vergangenheit bei Santos keine Angst hat. Allerdings muss man erwähnen, dass Anderson keineswegs ein kompletter Spieler ist. Zahlreiche Schwächen fallen auf, die sich auch in den Statistiken bemerkbar machen. So ist, trotz einer grundsätzlich guten Technik, die Ballannahme Andersons höchst verbesserungswürdig. Häufig kann er den Ball nicht am Boden halten und muss dann unter Druck eine komplizierte Lösung finden.

Ein weiterer Effekt dieser schlechten Ballannahme ist eine hohe Ballverlustquote, da sich Anderson zumeist aus schwierigen Situationen rausdribbeln will bzw. muss, weil eine sofortige Lösung oft nicht möglich ist. Auch wenn eine Pressingresistenz da ist, könnte dies gerade in der pressingverrückten Bundesliga zu gefährlichen Situationen führen. Häufig fehlt Felipe Anderson die Spielübersicht. Ähnlich wie ein Xherdan Shaqiri kann es auch mal einen Zuckerpass geben, zumeist übersieht er aber die freien Räume und wählt stattdessen ein Dribbling. Dies wird auch in den unten aufgeführten Key Passes deutlich, die von Robben und Ribery viel häufiger gespielt werden.

Die starke Tendenz zum Dribbling führt auch zu einer vergleichsweise mittelmäßigen Dribblingquote. Hier bewegte sich Anderson in der letzten Saison auf einem Level mit Ribery, dessen Probleme im Eins-gegen-Eins in 2014/15 auffällig waren.

 AndersonRobbenRibéry
schlechte Ballannahme3.31.21.3
Key Passes1.52.72.7
Ballverluste3.11.42.3
Dribblingquote58.4%68.0%55.7%

Mögliche Rolle bei Bayern

Bei Bayern würde Felipe Anderson ohne Frage als Ribery-Ersatz dienen. Auch wenn die Polyvalenz im offensiven Mittelfeld ein Pluspunkt ist, so wäre er vom Spielertypus prädestiniert für diese Position. Teilweise erinnert er in seinen Bewegungen auf dem linken Flügel auch an den alternden Franzosen.

Anderson ist ein Dribbler und genau diese Art Spieler fehlt den Bayern momentan wohl am meisten. Dank der schnellen Beschleunigung würde seine Geschwindigkeit auch im Ballbesitzspiel helfen und könnte tiefstehende Abwehrreihen beschäftigen. In engen Räumen fühlt sich der Brasilianer aufgrund seiner Vergangenheit als Zehner sowieso wohl. Dennoch gibt es so einige Fragezeichen. Wie würde er mit dem Pressing der Bundesliga zurechtkommen? Kann er seine Spielintelligenz weiter verbessern oder ist er lediglich ein Instinktfußballer? Würde er im passorientierten Spiel mit mehr Kopf und Geduld agieren oder weiterhin mit dem Kopf durch die Wand wollen?

Für eine Ablösesumme von ca. 20 Millionen Euro könnte man das Risiko eingehen, einen Spieler zu verpflichten, der vom Potenzial zwischen Shaqiri und Ribery alles anbietet. Darüber hinaus wäre eine Verpflichtung jedoch kritisch zu sehen – nicht nur wegen der bereits erwähnten Fragezeichen, sondern auch, weil er in Europa bisher gerade einmal eine gute Halbserie gespielt hat. Es gibt sicherere Alternativen, wobei diese wahrscheinlich teurer wären. Felipe Anderson ist ein klassischer Fall von „high risk, high reward“.

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