Round-Up: Expected Krise?

Die Bayern taumeln durch den Herbst. Spielerisch schwache Leistungen und wechselhafte Ergebnisse prägen die goldene Jahreszeit im ersten Amtsjahr von Niko Kovač. Können Gründe für diese Krise in den Statistiken gefunden werden? Wir versuchen mit den Daten von Michael Karbach eine Antwort zu finden.

Das 1:1 am zehnten Spieltag gegen Freiburg wurde in vielen Medien als neuerlicher Tiefpunkt der Krisen-Bayern ausgemacht. Eine Woche vor dem Spitzenspiel in Dortmund vergrößerte sich der Rückstand auf den Erzrivalen auf vier Punkte. Bei einer Niederlage im Signal-Iduna-Park am Samstag droht somit eine Vorentscheidung im Kampf um die Herbstmeisterschaft.

Doch wie schlimm ist es wirklich um die Münchner bestellt und was kann man aus den Statistiken deuten? Auf Twitter veröffentlicht Michael Karbach (@BStat) nach jedem Spieltag aktualisierte Übersichten. Nach zehn Spieltagen ist der Datensatz groß genug, um daraus erste Trends abzuleiten.

Offensive Mangelerscheinungen

Zuerst soll der Blick auf die Offensive gelegt werden. Nach zehn Spieltagen steht der FC Bayern bei gerade einmal 18 Toren. Weniger eigene Tore hatte Bayern letztmals in der Saison 2010/11 erzielt, als man mit nur vier Siegen auf Platz Sieben in der Tabelle stand. In der Saison 2015/16 hatte man zum gleichen Zeitpunkt bereits 33 Tore erzielt.

In der Grafik von Michael Karbach sind die erzielten Tore pro Spiel über die Expected Goals pro Spiel aufgetragen. Ein Expected Goal ist dabei ein statistischer Wert bei dem basierend auf der Position des Abschlusses und der Anzahl der gegnerischen Spieler bis zum Tor für jeden Schuss bestimmt wird, wie wahrscheinlich das Erzielen eines Tores ist.

Die Grafik zeigt, dass der FC Bayern bei den Expected Goals quasi gleichauf mit Dortmund auf Platz Drei der Liga steht. Vor dem Rekordmeister sind lediglich Hoffenheim und Leipzig. Dennoch schießen die Münchner pro Spiel 1,2 Tore weniger als die Westfalen.

Die blaue Linie zeigt den Erwartungswert an, mit dem Tore und Expected Goals korrelieren sollten. Dass die Roten so deutlich unter der Linie liegen, spricht für eine sehr schwache Chancenverwertung.

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Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Betrachtung der Torschüsse. Hier liegen die Münchner mit 18 Torschüssen pro Spiel klar auf Platz Eins in der Liga. Zum Vergleich: Der BVB liegt bei 13,5 Torschüssen pro Spiel. Dies zeigt auch ganz klar, dass die Abschlüsse des Rekordmeisters nicht aus so gefährlichen Positionen erfolgen, da der Expected Goals-Wert pro Schuss niedriger liegt.

Nur 34,4% der Bayern-Schüsse gehen auch tatsächlich aufs Tor. Bei Dortmund ist die Quote mit 40% deutlich höher. Außerdem führt Bayern die Liga mit 6,6 Schüssen von außerhalb des Strafraums an. Diese Schüsse haben jedoch eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit zum Torerfolg zu führen. Auch deshalb werden pro Spiel im Schnitt 4,8 Schüsse der Münchner geblockt. Mit Abstand der höchste Wert der Liga.

Löchrige Defensive

Obwohl eine Stärkung der Defensive von Kovač vor der Saison als Schlüsselaufgabe angesehen wurde, ist die Hintermannschaft der Münchner aktuell so schwach wie letztmals 2008/09 als man zum gleichen Zeitpunkt bereits 16 Treffer hatte hinnehmen müssen. Individuelle Fehler, große Abstände im Mittelfeld sowie fehlende Struktur in der Arbeit gegen den Ball sind die Hauptmerkmale der aktuellen Schwächephase.

Auch hier sollen zur Einordnung die Expected Goals betrachtet werden. Bei der Anzahl der erwarteten Gegentore liegt der FC Bayern hier mit Abstand auf Platz Eins. Keine andere Mannschaft lässt den Gegner so selten in gefährlichen Situationen zum Abschluss kommen. Sicherlich hilft hier der immer noch hohe Anteil an Ballbesitz von 63,5%.

Doch wenn der Gegner einmal zum Abschluss kommt, dann klingelt es auch meist im Kasten der Münchner. Pro erwartetes Tor kassiert der FCB momentan 1,51 Tore. Nicht einmal die Abstiegskandidaten Nürnberg und Stuttgart weisen so schwache Werte auf. Bei den Rivalen aus dem Ruhrpott liegt der Wert bei 0,82 Toren pro Expected Goal.

Nicht umsonst waren die letzten acht Schüsse auf das Tor von Manuel Neuer allesamt Treffer. Eine beängstigende Statistik. In erst zwei Spielen musste Neuer nicht hinter sich greifen.

Fehlende Intensität

Einen weiteren Punkt den Kovač vor der Saison im vereinseigenen Magazin herausstellte war Geschwindigkeit und Intensität. “Die Schnellen fressen die Langsamen”, so der Kroate damals wörtlich. Nach zehn Spieltagen scheint genau das passiert zu sein.

Während die niedrige Laufleistung der Münchner insgesamt mit im Schnitt fünf Kilometern weniger pro Spiel als Hoffenheim nicht überraschend kommt, so muss der Fokus auf die Sprints und intensiven Läufe gelegt werden.

Bei den Sprints führt Dortmund mit 243 Sprints pro Spiel klar die Liga an. Ein Sprint ist dabei ein Lauf bei dem der Spieler mindestens 2 Sekunden 4m/s läuft und während dieser Zeit mindestens 6,3 m/s erreicht (Quelle: Opta). Die Münchner liegen mit 216 Sprints pro Spiel auf Platz Acht und somit immerhin 27 Sprints hinter den Westfalen.

Wenn man die intensiven Läufe betrachtet, wird der Trend sogar noch verschärft. Ein intensiver Lauf ist dabei ähnlich wie ein Sprint definiert, nur dass die minimal zu erreichende Geschwindigkeit lediglich 5,8 m/s beträgt. Hier führt Frankfurt mit 723 Läufen pro Spiel die Liste klar an. Die Bayern findet man erst auf Platz Zwölf mit 662 Läufen. Das sind 61 intensive Läufe weniger – oder in anderen Worten zehn Prozent Einsatz die den Bayern fehlen.

Knappe Spiele sind keine Bayern-Domäne mehr

Über Jahre hinweg dominierte das Team von der Isar die Bundesliga. Auch weil man es wie kein Zweiter schaffte in den knappen Spielen die Oberhand zu gewinnen. Doch in dieser Saison droht sich das Bild zu wenden.

Betrachtet man alle Spiele in denen der Unterschied zwischen zwei Mannschaften nach Expected Goals kleiner als ein Tor war, so holte der FC Bayern in den vier Spielen nur drei oder 25% der möglichen Punkte. In der Vorsaison holte man in 15 Spielen, auf die die Kriterien zutreffen, noch 75% der verfügbaren Zähler.

Beim Blick auf Borussia Dortmund scheinen sich die Verhältnisse genau umgekehrt zu haben. Die Schwarz-Gelben hatten in der Vorsaison in 16 solcher Spielen nur 35% der Punkte geholt und liegen momentan in fünf Spielen bei 73%.

Dies spricht für die nicht zu vernachlässigende mentale Komponente, die der ganzen momentanen Bayern-Krise hinterherhinkt. Zu oft scheinen die Bayern-Spieler nach einem Gegentor zu resignieren. Sinnbildlich steht dafür Renato Sanches, der nach dem späten 1:1-Ausgleich der Freiburger mit den Händen vorm Gesicht langsam und alleine an der Außenlinie entlang schlich.

So sieht nicht der FC Bayern aus, der in den letzten sechs Jahren Meister wurde und in Europa fünfmal das Champions-League-Halbfinale erreichte. Auch die Statistiken zeigen, dass für Kovač ein Berg voller Aufgaben ansteht: Den Angriff effizienter gestalten, die Defensive stabilisieren, die Intensität steigern und die Mannschaft mental wieder richtig einzustellen. Ein fast unmögliches Mammutprogramm.

Die Links der Woche:

Niko Kovac und der trojanische Maulwurf | Christof Kneer | Süddeutsche

Trainer-Check: Würde Arsene Wenger zum FC Bayern passen? | Dirk Adam | Eurosport

Hoeneß muss die Merkel machen | Stefan Johannesberg | Stern

Das Fehlen von Thiago offenbart Bayerns Schwächen | Constantin Eckner | T-Online

Der Wandel des Renato Sanches | Florian Plettenberg | Sport1

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Leserkommentare
  1. GS

    Letztlich gibt die Statistik doch Kovac Recht: Defensive stabilisieren, es müssten endlich mal wieder aus den offenbar ausreichend vorhandenen Chancen Tore gemacht werden – dann stimmen zumindest die Ergebnisse. Und es darf gehofft werden, dass es danach auch spielerisch und intensitätsmäßig wieder aufwärts geht …

  2. Jo

    Wieder mal interessante Zahlen.
    In einem Punkt möchte ich widersprechen. Diese Statistik ist nicht beängstigend, sondern im Gegenteil ein ziemlich großer Hoffnungsschimmer.

    1. Done

      Richtig, denn irgendwann muss diese Seuche ja ein Ende haben.

    2. Sehe ich genauso.

      Durchaus interessantes (z.T. aber schon bekanntes) Zahlenmaterial … eine anschließende tief gehende Analyse fehlt mir persönlich aber. Dies trifft v.a. beim Punkt “Löchrige Defensive” zu. Wenn die BL-Gegner aktuell fast schon bei jeder Torchance treffen, dann ist das auch sehr bitter … und wird hoffentlich nicht lange so anhalten. Oder will jemand behaupten, dass Manuel N. mittlerweile eine Gurke ist?

      Übrigens hat der FCB in der CL aktuell, was die Gegentore betrifft (eines!), die “beste Abwehr” aller 32 Teilnehmer … jaja, ich weiß schon: Ajax, Benfica und AEK … TROTZDEM!!!

  3. Soeren Lerby

    Super Artikel, da nüchterne Analyse.
    Die Zahlen sind ja teilweise gar nicht so schlecht (zugelassenen Chancen, kreierte Chancen, Ballbesitz) und es sind mE auch “nur” einzelne Stellschrauben (Phrasenschwein). Und wegen der kassierten Gegen-xgoals: hier wird ja irgendwann auch mal Schuss sein mit dem Pech; hier empfehle ich das Buch: “Wenn Gott würfelt – oder Wie der Zufall unser Leben bestimmt – Leonard Mlodinow”, ehrlich jetzt.

    Die Zahlen bestärken jedenfalls meinen Eindruck. Während in den ersten Spielen eine hohe Laufleistung positiv auffiel, gerade im Gegenpressing, Anlaufen, Verhindern des gegnerischen Spielaufbaus, fehlt das komplett in den letzten Spielen. Viel zu wenig Bewegung. Das ist immer noch die Basis für alle Systeme – egal ob Ballbesitz oder Umschaltspiel.

    Meiner Meinung nach nur zu erklären durch ein nicht-funktionierendes Mannschaftsgefüge.

    Ich sehe auch zu viele Egoismen und höre nur von gekränkten Eitelkeiten wegen fehlender Spielminuten. Mir fehlt auch die Zielstrebigkeit Teil des Mannschaftserfolgs zu sein. Wenn die Mannschaft nicht als solche verschiebt, anläuft, Räume besetzt und damit Räume schafft, ist es gegen jeden halbwegs organisierten Gegner ein mühseliges Anrennen. Da die Gegner auch alle hochmotiviert sind und ob der Ergebnisse auch an ihre Chance glauben kommen dann solche Spiele raus.

    Ich finde die Analysen von NK nicht falsch (sind ja auch nach Außen eher oberflächlich); er muss aber schnell seine Kern-Mannschaft neu aufstellen. Das Rotieren am Anfang hat seiner Position in der Mannschaft hier entgegen der Zielrichtung eher geschadet.
    Wenn Spieler jetzt auch noch Sachen sagen dürfen wie “wir sind hier nicht in Frankfurt” oder bei jeder Auswechslung einen theatralischen Abgang veranstalten oder die Alte ungestraft Tweets gegen den Trainer schreiben darf, weiß ich nicht wie sich die Position des Trainers verbessern soll. Von Gnabry, Sanches, Süle, Goretzka, Kimmich hört man irgendwie nichts gegen den Trainer. Wer glaubt, dass seine Situation wichtiger ist als die des FCB und seinen Anspruch noch nicht einmal durch Leistung auf dem Platz untermauern kann, sollte auf der Tribüne Zeit bekommen sich Gedanken zu machen.

    1. Done

      Bin absolut deiner Meinung. Es wäre interessant zu sehen, ob die Vorstandschaft auch noch hinter dem Trainer steht, wenn er aus disziplinarischen Gründen einen James oder Ribery/Robben auf die Tribüne setzt und an deren statt zB ein Shabani oder Evina oder auch OBM (ok… frisch verletzt) eine Chance kriegt.

  4. Bernhard B.

    Wenn man euch beide liest, denkt man sofort an Winston Churchill. Ihr solltet mal überprüfen welche Spiele ihr seht. Ich jedenfalls werde durch die Statistik in meiner Spielbeobachtung voll bestätigt. Habe es gestern leider nicht mit dieser Überzeugung in meinem Kommentar aufgezeigt.
    Wenn man die Kommentare der Verantwortlichen nach dem Spiel hört, kann man nur mit dem Kopf schütteln.
    Es ist so frustrierend.

  5. Herrispezial

    Nach den Statistiken sieht es ja so aus als hätten wir nur unglaublich viel Pech unter Kovac. Aber: das Glück muss man sich erarbeiten. Und wenn man dann die Laufleistungen sieht, stellt man fest, dass es daran mangelt. Zumal ja die Frage ist, warum wir bei den Gegentoren so schlecht dastehen. Eben weil die Spieler unter Kovac nicht zu 100% bei der Sache sind. Jeder verlässt sich auf den anderen (s. Gegentor Freiburg) oder macht schlimme individuelle Fehler (Neuer bei 1:1 gg Augsburg). Wenn sich solche Dinge haufenweise aneinanderreihen, dann ist der Trainer gefragt (Spieler ermahnen, länger schonen zur Erholung, Konkurrenz schüren).

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