Round-Up: Expected Krise?

Maurice Trenner 08.11.2018

Das 1:1 am zehnten Spieltag gegen Freiburg wurde in vielen Medien als neuerlicher Tiefpunkt der Krisen-Bayern ausgemacht. Eine Woche vor dem Spitzenspiel in Dortmund vergrößerte sich der Rückstand auf den Erzrivalen auf vier Punkte. Bei einer Niederlage im Signal-Iduna-Park am Samstag droht somit eine Vorentscheidung im Kampf um die Herbstmeisterschaft.

Doch wie schlimm ist es wirklich um die Münchner bestellt und was kann man aus den Statistiken deuten? Auf Twitter veröffentlicht Michael Karbach (@BStat) nach jedem Spieltag aktualisierte Übersichten. Nach zehn Spieltagen ist der Datensatz groß genug, um daraus erste Trends abzuleiten.

Offensive Mangelerscheinungen

Zuerst soll der Blick auf die Offensive gelegt werden. Nach zehn Spieltagen steht der FC Bayern bei gerade einmal 18 Toren. Weniger eigene Tore hatte Bayern letztmals in der Saison 2010/11 erzielt, als man mit nur vier Siegen auf Platz Sieben in der Tabelle stand. In der Saison 2015/16 hatte man zum gleichen Zeitpunkt bereits 33 Tore erzielt.

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In der Grafik von Michael Karbach sind die erzielten Tore pro Spiel über die Expected Goals pro Spiel aufgetragen. Ein Expected Goal ist dabei ein statistischer Wert bei dem basierend auf der Position des Abschlusses und der Anzahl der gegnerischen Spieler bis zum Tor für jeden Schuss bestimmt wird, wie wahrscheinlich das Erzielen eines Tores ist.

Die Grafik zeigt, dass der FC Bayern bei den Expected Goals quasi gleichauf mit Dortmund auf Platz Drei der Liga steht. Vor dem Rekordmeister sind lediglich Hoffenheim und Leipzig. Dennoch schießen die Münchner pro Spiel 1,2 Tore weniger als die Westfalen.

Die blaue Linie zeigt den Erwartungswert an, mit dem Tore und Expected Goals korrelieren sollten. Dass die Roten so deutlich unter der Linie liegen, spricht für eine sehr schwache Chancenverwertung.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Betrachtung der Torschüsse. Hier liegen die Münchner mit 18 Torschüssen pro Spiel klar auf Platz Eins in der Liga. Zum Vergleich: Der BVB liegt bei 13,5 Torschüssen pro Spiel. Dies zeigt auch ganz klar, dass die Abschlüsse des Rekordmeisters nicht aus so gefährlichen Positionen erfolgen, da der Expected Goals-Wert pro Schuss niedriger liegt.

Nur 34,4% der Bayern-Schüsse gehen auch tatsächlich aufs Tor. Bei Dortmund ist die Quote mit 40% deutlich höher. Außerdem führt Bayern die Liga mit 6,6 Schüssen von außerhalb des Strafraums an. Diese Schüsse haben jedoch eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit zum Torerfolg zu führen. Auch deshalb werden pro Spiel im Schnitt 4,8 Schüsse der Münchner geblockt. Mit Abstand der höchste Wert der Liga.

Löchrige Defensive

Obwohl eine Stärkung der Defensive von Kovač vor der Saison als Schlüsselaufgabe angesehen wurde, ist die Hintermannschaft der Münchner aktuell so schwach wie letztmals 2008/09 als man zum gleichen Zeitpunkt bereits 16 Treffer hatte hinnehmen müssen. Individuelle Fehler, große Abstände im Mittelfeld sowie fehlende Struktur in der Arbeit gegen den Ball sind die Hauptmerkmale der aktuellen Schwächephase.

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Auch hier sollen zur Einordnung die Expected Goals betrachtet werden. Bei der Anzahl der erwarteten Gegentore liegt der FC Bayern hier mit Abstand auf Platz Eins. Keine andere Mannschaft lässt den Gegner so selten in gefährlichen Situationen zum Abschluss kommen. Sicherlich hilft hier der immer noch hohe Anteil an Ballbesitz von 63,5%.

Doch wenn der Gegner einmal zum Abschluss kommt, dann klingelt es auch meist im Kasten der Münchner. Pro erwartetes Tor kassiert der FCB momentan 1,51 Tore. Nicht einmal die Abstiegskandidaten Nürnberg und Stuttgart weisen so schwache Werte auf. Bei den Rivalen aus dem Ruhrpott liegt der Wert bei 0,82 Toren pro Expected Goal.

Nicht umsonst waren die letzten acht Schüsse auf das Tor von Manuel Neuer allesamt Treffer. Eine beängstigende Statistik. In erst zwei Spielen musste Neuer nicht hinter sich greifen.

Fehlende Intensität

Einen weiteren Punkt den Kovač vor der Saison im vereinseigenen Magazin herausstellte war Geschwindigkeit und Intensität. “Die Schnellen fressen die Langsamen”, so der Kroate damals wörtlich. Nach zehn Spieltagen scheint genau das passiert zu sein.

Während die niedrige Laufleistung der Münchner insgesamt mit im Schnitt fünf Kilometern weniger pro Spiel als Hoffenheim nicht überraschend kommt, so muss der Fokus auf die Sprints und intensiven Läufe gelegt werden.

Bei den Sprints führt Dortmund mit 243 Sprints pro Spiel klar die Liga an. Ein Sprint ist dabei ein Lauf bei dem der Spieler mindestens 2 Sekunden 4m/s läuft und während dieser Zeit mindestens 6,3 m/s erreicht (Quelle: Opta). Die Münchner liegen mit 216 Sprints pro Spiel auf Platz Acht und somit immerhin 27 Sprints hinter den Westfalen.

Wenn man die intensiven Läufe betrachtet, wird der Trend sogar noch verschärft. Ein intensiver Lauf ist dabei ähnlich wie ein Sprint definiert, nur dass die minimal zu erreichende Geschwindigkeit lediglich 5,8 m/s beträgt. Hier führt Frankfurt mit 723 Läufen pro Spiel die Liste klar an. Die Bayern findet man erst auf Platz Zwölf mit 662 Läufen. Das sind 61 intensive Läufe weniger – oder in anderen Worten zehn Prozent Einsatz die den Bayern fehlen.

Knappe Spiele sind keine Bayern-Domäne mehr

Über Jahre hinweg dominierte das Team von der Isar die Bundesliga. Auch weil man es wie kein Zweiter schaffte in den knappen Spielen die Oberhand zu gewinnen. Doch in dieser Saison droht sich das Bild zu wenden.

Betrachtet man alle Spiele in denen der Unterschied zwischen zwei Mannschaften nach Expected Goals kleiner als ein Tor war, so holte der FC Bayern in den vier Spielen nur drei oder 25% der möglichen Punkte. In der Vorsaison holte man in 15 Spielen, auf die die Kriterien zutreffen, noch 75% der verfügbaren Zähler.

Beim Blick auf Borussia Dortmund scheinen sich die Verhältnisse genau umgekehrt zu haben. Die Schwarz-Gelben hatten in der Vorsaison in 16 solcher Spielen nur 35% der Punkte geholt und liegen momentan in fünf Spielen bei 73%.

Dies spricht für die nicht zu vernachlässigende mentale Komponente, die der ganzen momentanen Bayern-Krise hinterherhinkt. Zu oft scheinen die Bayern-Spieler nach einem Gegentor zu resignieren. Sinnbildlich steht dafür Renato Sanches, der nach dem späten 1:1-Ausgleich der Freiburger mit den Händen vorm Gesicht langsam und alleine an der Außenlinie entlang schlich.

So sieht nicht der FC Bayern aus, der in den letzten sechs Jahren Meister wurde und in Europa fünfmal das Champions-League-Halbfinale erreichte. Auch die Statistiken zeigen, dass für Kovač ein Berg voller Aufgaben ansteht: Den Angriff effizienter gestalten, die Defensive stabilisieren, die Intensität steigern und die Mannschaft mental wieder richtig einzustellen. Ein fast unmögliches Mammutprogramm.

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