Was bleibt von Pep Guardiola?

Justin Trenner 24.05.2016

„Titel sind nur Nummern“, sagte Guardiola nach dem Spiel und fügte hinzu, dass ihm die Erfahrungen in den vergangenen drei Jahren viel mehr bedeuten würden. Als der Star-Trainer 2013 eine Mannschaft auf ihrem Höhepunkt übernahm, waren die Erwartungen groß. Der FC Bayern hatte Triple-Trainer Jupp Heynckes mit dem Mann ersetzt, der den FC Barcelona zum sportlich besten Fußballverein Europas gemacht hat.

Einen europäischen Supercup, den Titel in der FIFA-Klub-Weltmeisterschaft, zwei DFB-Pokale und jeweils drei Champions-League-Halbfinals sowie Meisterschaften später ist es an der Zeit ein endgültiges Fazit zu ziehen.

Guardiolas Verdienste

Der Katalane hatte mit vielen Rückschlägen zu kämpfen. Im ersten Jahr soll es in Teilen der Mannschaft sogar Zweifel am System gegeben haben. Aber auch die vielen Verletzungen erschwerten seine Arbeit. Dem stellte er sich auf taktischer Ebene. Der FC Bayern ist in den letzten drei Jahren flexibler und besser geworden. Als in der zweiten Guardiola-Saison Robben und Ribéry ausfielen, änderte sich die Spielweise auf einen Zentrumsfokus. Man beendete die Saison als Meister, verlor unglücklich im DFB-Pokal-Halbfinale und brachte ein in der Verfassung fast unschlagbares Barcelona an die Grenzen. In dieser Saison hatte Guardiola ähnliche Probleme. Zeitweise brachen ihm alle Innenverteidiger weg, doch der Trainer zauberte Kimmich aus dem Hut.

Es ist diese Flexibilität im Kader, die der Barcelona-Legende zu verdanken ist. Damit ist nicht nur gemeint, dass Spieler verschiedene Positionen spielen können. Guardiola brachte seinen Akteuren auch verschiedene Systeme während dieser drei Jahre bei. Die Mannschaft ist in der Lage, innerhalb von wenigen Minuten mehrere Formationen zu spielen. Das machte den FC Bayern in der Zeit von Guardiola kaum ausrechenbar. Wenngleich das Spiel der Münchner unter dem pragmatischeren Pep in der letzten Saison etwas vorhersehbarer war, so war das Positionsspiel doch zu variabel für die meisten Gegner.

Die Spieler sprachen immer wieder davon, dass sie für verschiedene Szenarien in einem Spiel mehrere Lösungen haben. Während man unter Heynckes und van Gaal von einem funktionierenden System abhängig war, konnten die Bayern in den letzten drei Jahren auch aufgrund dieser Variabilität enge Spiele gewinnen. Pep Guardiola kann eine Partie lesen und den Verlauf innerhalb von wenigen Sekunden mit kleinen Anpassungen drehen. Das kann er auch deshalb, weil er bereits vor dem Spiel tagelang den nächsten Gegner analysiert. Diese spezielle und effektive Anpassung auf die Kontrahenten hat dem FC Bayern häufig wichtige Punkte in Spielen beschert, die auf der Kippe standen. Es war dabei vollkommen egal, ob der Gegenüber aus Madrid oder Darmstadt kam.

Von Guardiola bleibt zudem, dass er fast jeden Spieler individuell verbessert hat. David Alaba, Robert Lewandowski, Rafinha, Jérôme Boateng und selbst der bereits 32-jährige Philipp Lahm sind da wohl die Paradebeispiele. Auch junge Akteure wie Kimmich und Coman hat er zuletzt mit viel Vertrauen in der Mannschaft integriert. Beide zahlten es zurück indem sie zu wichtigen Protagonisten gegen Juventus oder Borussia Dortmund wurden. Boatengs Aufbauspiel hat in den letzten drei Jahren einen riesigen Sprung gemacht. Der Nationalspieler spricht immer wieder davon, wie wichtig Guardiola für diese Entwicklung war. Alaba entwickelte sich unter ihm sogar zur Allzweckwaffe. Innenverteidiger, Linksverteidiger, Halbverteidiger, Sechser, Achter… Vermutlich könnte der Österreicher sogar Torwart spielen. Es gibt vielleicht keinen anderen Spieler auf diesem Planeten, der so viele Positionen bekleiden kann, ohne dabei den Status der Weltklasse zu verlieren. Guardiola hat einen großen Anteil daran.

Zu Philipp Lahm hat der Katalane eine sehr spezielle Beziehung. Schon zu Beginn seiner Amtszeit bezeichnete der 45-jährige ihn als den intelligentesten Spieler den er je trainiert habe. Nach dem Pokalfinale am Samstag sprach er zusätzlich davon, dass er noch nie einen Rechtsverteidiger erlebt habe, der ein Spiel so dominieren könne wie der Bayern-Kapitän. Im selben Atemzug hob er Lahm auf eine Stufe mit Beckenbauer, Gerd Müller und Hoeneß. Selbst ein so gestandener Spieler wie der 32-jährige konnte noch von Guardiola profitieren. Erfahrungen im Mittelfeld sowie seine innovative Hybridrolle aus Rechtsverteidiger und Achter brachten Philipp Lahm noch eine Stufe nach oben, was vor drei Jahren schon kaum vorstellbar war. Doch der oft unnahbare Trainer hat auch Spieler verbessert, die nicht immer eine große Rolle unter ihm einnahmen. So erlebte man bei Rafinha beispielsweise eine bemerkenswerte Entwicklung im Pass- und Stellungsspiel. Mittelfristig wurde der Brasilianer sogar Stammspieler und ein wichtiger Bestandteil der Erfolge in den letzten drei Jahren.

Die Beziehung zu seinem Kapitän war für den Katalanen sehr speziell. (Foto: Odd Andersen / AFP / Getty Images)
Die Beziehung zu seinem Kapitän war für Guardiola sehr speziell.
(Foto: Odd Andersen / AFP / Getty Images)

Ein weiterer Verdienst Guardiolas ist es, dass Bundesliga und Nationalmannschaft von ihm profitiert haben. Viele Trainer in Deutschland haben versucht, sich an Elementen seines Systems zu orientieren und sich so taktisch mitentwickelt. Das wohl treffendste Beispiel ist Thomas Tuchel, der Borussia Dortmund innerhalb eines Jahres das Positionsspiel gelehrt hat. Guardiola diente ihm als Vorbild und Orientierungspunkt. Gerade die Nationalmannschaft hat jedoch davon profitiert. Vergleicht man ihre Spielweise heute mit der von vor einigen Jahren, so ist das deutlich zu erkennen.

Es ist vielleicht genau dieser immense Einfluss der die Zeit des Katalanen zum Erfolg macht. Dennoch, und dieser Punkt ist nicht unwichtig, profitierte Pep Guardiola auch von der Bundesliga sowie dem FC Bayern. Er hat sich als Trainer weiterentwickelt, fand Lösungen gegen die sehr auf Pressing fokussierte Liga und etablierte in seiner Philosophie Elemente, die vorher nie zu sehen waren. So wurden beispielsweise der lange Ball und die damit verbundene Überbrückung des Mittelfelds plötzlich eine Waffe seiner Mannschaft. Guardiola passte sich dabei auch seinen Spielern an. Die Frage ob Thomas Müller und Arjen Robben überhaupt unter dem Taktiker bestehen würden, beantworteten beide mit teils herausragenden Phasen. Robben hatte bis zu seiner Verletzung in der Saison 2014/15 vielleicht sogar die effektivste und beste Spielzeit seines Lebens.

Die Verlierer der Ära Guardiola

Es gab aber natürlich auch Verlierer in den letzten drei Jahren. Der größte dürfte Mario Götze sein. Auf sein sehr gutes erstes Jahr folgten viel Pech und auch eigenes Unvermögen. Man darf aber ebenso anmerken, dass Guardiola keine passende Position für den Weltmeister gefunden hat. Götzes Zeit ist von beiden Seiten aus kritisch zu bewerten. Bis auf Robert Lewandowski und mit Abstrichen Claudio Pizarro hatten es auch die Stürmer nicht leicht mit dem Trainer. Gómez sortierte der Katalane schon in den ersten Wochen seiner Bayern-Zeit aus und Mandžukić verließ den Verein im Streit mit Guardiola. Hier kann man dem Katalanen auch zum Vorwurf machen, dass dieser Abschied nicht harmonischer abgelaufen ist. Zwar gehören zu Auseinandersetzungen immer zwei Parteien, aber Mandžukić war trotz seiner kurzen Zeit beim FC Bayern ein verdienter Spieler. Der Abgang wurde dem nicht gerecht. Auch bei Schweinsteiger war das Ende etwas dürftig. Bei ihm ist es jedoch schwer von einem eindeutigen Verlierer unter Pep Guardiola zu sprechen. Medienberichten zu Folge war es sein eigener Wunsch den Verein zu verlassen, doch richtig verbessern konnte er sich unter dem Heynckes-Nachfolger nie. Die Bayern-Ikone verließ den Verein und wurde aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit sowie seines Leistungsabfalls nur noch menschlich vermisst.

Die eigene Jugendarbeit des Rekordmeisters zählt ebenfalls zu den Verlierern. Das ist aber nicht am Trainer festzumachen. Mit Højbjerg, Gaudino und einigen weiteren Spielern hatte er es durchaus versucht. Højbjerg spielte sogar im Pokalfinale 2014. Dennoch setzte sich am Ende kein interner Jugendspieler unter dem zukünftigen Trainer von Manchester City durch. Das Ärzteteam war ebenfalls ein Streitpunkt. Daraus resultierend verließ sogar Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt den Verein aus eigener Motivation. Das wiederum führte zu großer Unruhe in den Medien, die, nebenbei erwähnt, auch nicht zu den größten Gewinnern der letzten drei Jahre zählten. Guardiola gab nur wenige Interviews und wurde mit der Medienlandschaft in Deutschland nie wirklich warm. Gerade in Bezug auf Medienarbeit und Belastungssteuerung seiner Spieler sind dem Katalanen wohl die größten Vorwürfe zu machen. Durch die Distanz in der Öffentlichkeit fehlte ihm auch ein Stück weit die ganz große Nähe zu vielen Bayern-Fans.

Weitere Verlierer gab es nur aufgrund von Verletzungen. Wo ein Holger Badstuber ohne sein Pech stehen würde, lässt sich leider nur erträumen. Auch Medhi Benatia hatte bisher keine vollends glückliche Zeit beim Rekordmeister. Der Marokkaner fiel genau da langfristig aus, wo er zum festen Partner von Boateng avancierte. Nach der Verpflichtung von Mats Hummels wird sich erst noch zeigen, ob Benatia eine weitere Chance erhält. Bei Sebastian Rode ist der Fall sehr speziell. Zwar lieferte er immer ordentliche Spiele ab wenn er gebraucht wurde, doch für mehr reichte die Qualität nicht aus. Eine weitere Personalie ist Toni Kroos. Der Ex-Bayer war einer der Lieblingsspieler Guardiolas, durfte dann jedoch zu Real Madrid wechseln, weil seine Forderungen aus Sicht des Vereins zu hoch waren. Ein Verlierer ist er deshalb natürlich nicht, aber seine weitere Entwicklung bei den Münchnern wäre interessant gewesen.

Das eigentlich Unmögliche möglich machen

Als der FC Bayern 2013 das Triple gewann, war es eigentlich undenkbar, dass diese Mannschaft sich nochmal weiterentwickeln könnte. Im Zuge des Erfolgs vergaß man schnell, dass Heynckes nicht nur einiges an Glück hatte, sondern auch von einem Kader auf dem Zenit profitierte. Guardiola musste dafür sorgen dass die damaligen Protagonisten sukzessive ersetzt werden. Robben, Ribéry und Schweinsteiger waren zunehmend häufiger verletzt und bauten teilweise auch in ihrer Leistungsfähigkeit ab.

Guardiola schaffte es trotzdem, dass die Mannschaft nach überschreiten ihres Zenits eine Konstante in Europa blieb. Schweinsteigers Wichtigkeit wurde durch taktische Anpassungen verringert, Ausfälle von Robben und Ribéry im dritten Jahr durch Costa und Coman abgesichert. Zudem reagierte Guardiola auf Verletzungen mit der vorhin angesprochenen Flexibilität. Zwar besetzte der Verein den Kader noch prominenter als zur Heynckes-Zeit, doch Guardiola machte daraus auch sehr viel. Die Erwartungen an ihn waren trotz all dieser Faktoren riesig. Zumindest medial wurde er von vielen nur am Champions-League-Titel gemessen.

Der Lauf dieser historischen Bayern-Mannschaft wurde auch und gerade dank des Trainers verlängert. Guardiola hat sie sogar noch verbessert. Dieser Erfolg gipfelte in Spielen wie dem 7:1 gegen die Roma, oder dem 5:1 gegen Arsenal. Auch das 5:1 gegen Borussia Dortmund war vor allem emotional ein Höhepunkt der Guardiola-Zeit. Unvergessen bleibt zudem der 3:1-Erfolg bei Manchester City, als die Mannschaft im ersten Jahr des Katalanen das Heimteam dominierte und vorführte. Ganz besonders im Herbst der aktuellen Saison war Guardiola eine gewisse innere Zufriedenheit anzusehen. Es dürfte der Abschnitt während seiner Zeit beim FC Bayern gewesen sein, in dem er seine Arbeit als getan empfand und den Beschluss fasste, ab der kommenden Spielzeit einer neuen Herausforderung nachzugehen.

Statistiken

Gerade der statistische Vergleich zur Triple-Mannschaft von Jupp Heynckes zeigt, dass Guardiola eine erfolgreiche Zeit hatte. Damals hatten die Münchner in der Bundesliga durchschnittlich 60,6% Ballbesitz und eine Passquote von 87,3%. Zudem ließen sie pro Spiel 8,2 Schüsse bei 17,1 eigenen Abschlüssen zu. 2,8 Tore sowie 0,5 Gegentore pro Spiel komplettieren die wichtigsten Daten der Triple-Saison. In der aktuellen Spielzeit hatte der FC Bayern im Schnitt 66,4% Ballbesitz, eine Passquote von 88%, 18,4 eigene Abschlüsse sowie 7,5 zugelassene Schüsse des Gegners pro Spiel. Aufgrund einer Abschlussschwachen Rückrunde sind 2,35 Tore pro 90 Minuten der einzige Wert der im Vergleich zur Saison 2012/13 schlechter ist. Lediglich in Guardiolas erster Saison konnte die Mannschaft den Heynckes-Wert erreichen, als man ebenfalls 2,8 Tore pro Spiel erzielte. Doch dafür stabilisierte der Katalane die Defensive und fand zudem trotz seines offensiven Stils gute Lösungen für die Konterabsicherung. 17 Gegentore sind Bundesliga-Rekord.

In 161 Spielen als Bayern-Trainer erreichte Guardiola einen Punkteschnitt von 2,41. Bei Barcelona hatte er in 247 Partien 2,36 Punkte pro Spiel geholt. Von den 161 Partien verlor der Katalane nur 21. 16 endeten Unentschieden und 124 Siege sprangen dabei heraus. 44 Spieler setzte er dabei ein. Der FC Bayern verpasste mit ihm als Trainer nur vier Spiele. 2015 erreichte man das Pokalfinale nicht und auch die drei Champions-League-Finals kommen dazu. Auffällig ist zudem, dass Guardiola 11 seiner 21 Niederlagen in den entscheidenden Phasen im April und Mai kassierte. Natürlich sollte man die Gründe dafür aber differenziert betrachten. Die Niederlagen resultierten teilweise aus Verletzungspech und Motivationsproblemen, aber auch aus generellem Pech sowie eigenem Unvermögen. Letzteres trifft zumindest auf die beiden Partien gegen Real Madrid zu, an denen auch Guardiola seinen Anteil hatte. Doch das schmälert seine erfolgreiche Zeit nur geringfügig. Mit einem Punkteschnitt von 2,52 ist er der beste Trainer der Bundesliga-Geschichte.

Guardiolas Lieblingsgegner in Deutschland waren Köln (4 Spiele, 4 Siege), Hannover (7 Spiele, 7 Siege), Hertha BSC (6 Spiele, 6 Siege) und Werder Bremen (7 Spiele, 7 Siege). Gladbach (6 Spiele, 2 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen) und Borussia Dortmund (11 Spiele, 6 Siege, 1 Unentschieden, 4 Niederlagen) zählen hingegen zu den unangenehmsten Gegnern. Beeindruckend ist auch, dass Guardiola in vier Spielen gegen den SC Freiburg nur zwei Siege bei einem Unentschieden und einer Niederlage holte.

Tränen nach dem Spiel, eine schöne Rede am Marienplatz. Guardiolas Abschied war emotional. (Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts / Getty Images)
Tränen nach dem Finale und eine schöne Rede am Marienplatz. Guardiolas Abschied war emotional.
(Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts / Getty Images)

Ein Fazit

Man kann durchaus das Fazit ziehen, dass Guardiola das scheinbar Unmögliche möglich gemacht hat. Er hat den FC Bayern taktisch entwickelt, einzelne Spieler verbessert und nicht nur den Lauf der wohl besten Bayern-Mannschaft aller Zeiten verlängert, sondern sie fußballerisch sogar nach vorne gebracht. Außerdem hat er den Fußball in der Bundesliga, aber auch bei der Nationalmannschaft mit seinen Ideen merklich verändert. Es bleibt eine Mannschaft zurück, die auf viele Szenarien eines Spiels verschiedene Lösungen parat hat. Auch Carlo Ancelotti wird von dem Werk des Katalanen noch profitieren können. Nie war ein Bayern-Team so flexibel wie jetzt. Alles in allem hatte Guardiola eine fast perfekte Zeit beim FC Bayern. Ein Champions-League-Titel ist nicht planbar und erst recht nicht erwartbar. Es war ihm leider nicht vergönnt. Die wenigen berechtigten Kritikpunkte werden von den vielen positiven Aspekten überschattet und so blicke zumindest ich mit viel Dankbarkeit auf die erfolgreiche Ära von Josep Guardiola beim FC Bayern zurück. Auch ohne den Titel in der Königsklasse werde ich mich lange an diese drei Jahre erinnern. Danke Pep.

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