Borussia Dortmund – FC Bayern 0:2 n.V. (0:0)

Steffen Trenner 18.05.2014

Es war ein emotionaler Höhepunkt eines sportlich sehr erfolgreichen Jahres für den FC Bayern München. Ein hochklassiges Finale zweier toller Mannschaften. Viel Dramatik mit der Verletzung von Lahm und dem nicht gegebenen Dortmunder Treffer. Unzählige taktische Auffälligkeiten und Kleinigkeiten, die einen großen Anteil am Ausgang dieses Spiels hatten.

Es gab in den letzten 15 Jahren viele DFB-Pokalfinals mit Münchener Beteiligung. Es gab viele Siege, darunter auch Erfolge nach Verlängerung. Ich kann mich trotzdem nicht an ein emotionaleres und für diese Mannschaft bedeutenderes DFB-Pokalfinale erinnern. Der FC Bayern hat mit diesem Sieg die Saison 2013/2014 nicht gerettet, sondern gekrönt.

3 Dinge, die auffielen:

1. Guardiolas kluge Idee

Der Bayern-Coach war vor dem Spiel gezwungen seine Mannschaft anzupassen. Durch das verletzungsbedingte Aus von Bastian Schweinsteiger und David Alaba war klar, dass Guardiola seine Elf mindestens personell ändern musste. Dass der Katalane am Ende auch die Formation grundlegend überarbeitete, überraschte trotzdem und schien unabhängig von den Personalsorgen geplant gewesen zu sein. Es entstand gegen Dortmund ein 3-4-2-1 oder klassischer 3-4-3, das jederzeit mit oder gegen den Ball auf ein 5-2-3 oder 5-3-2 umgestellt werden konnte. Guardiola akzeptierte damit, dass es dem BVB mit seinem exzellenten Pressingsystem gelingt, das Bayern-Aufbauspiel 20-30 Meter in die Defensive zu zwingen, wie es hier im Blog auch auch in der Vorschau beschrieben wurde. Gegen viele Gegner in der Bundesliga beginnt Bayerns Aufbauspiel praktisch erst 40-50 Meter vor dem Tor, weil viele Mannschaften eher abwartend, beispielsweise in einem 4-5-1-Mittelfeldpressing agieren. Gegen Dortmund beginnt der für den Spielaufbau entscheidende Moment bereits 20-30 Meter vor dem eigenen Tor, weil Dortmunds Pressing schon hier Ballverluste provoziert oder das Spiel in tote Räume, beispielsweise auf den Flügel lenkt.

Durch den zusätzlichen Aufbauspieler in der Dreierkette und die enorme Breite, die die eher zurückhaltenden Außenverteidiger gaben, gelang es so immer wieder Dortmunds Pressing auseinander zu ziehen und den direkten (und spielerisch effizienteren) Weg über Lahm, Kroos (144 Ballkontakte) oder Götze durch die Nahtstellen im Zentrum zu gehen. Bayern hatte durch die Dreierkette, die zur 5er-Kette wurde und mit Neuer einen weiteren spielstarken Aufbauspieler als Unterstützung bekam, immer eine personelle Überzahl in diesem für Bayerns Aufbauspiel entscheidenden Bereich des Spielfelds. Immer wenn Dortmunds erste Pressingreihe kontrolliert (!) überspielt wurde, konnte Bayern sein Offensivspiel aufziehen. Die Maßnahme Guardiolas mit der formativen Umstellung zahlte sich hier absolut aus. 

Auch in der Rückwärtsbewegung bot die veränderte Ausrichtung mehrere Vorteile. Martínez zeigte als zentraler Abwehrspieler alle Stärken, die ihn auch auf der 6 auszeichnen. Ohne eine klare Mannorientierung wie sonst in der Innenverteidigung konnte er seine riesigen Qualitäten als unterstützender, abschirmender Verteidiger voll ausspielen. Sobald einer seiner Kollegen überspielt, überlaufen oder unter Druck gesetzt wurde, war Martínez derjenige, der durch kluges Herausrücken oder bedachtes Abschirmen Angriffe abwehrte, Laufwege verkomplizierte, Bälle gewann und Dortmunder entnervte. 15 gewonnene Zweikämpfe standen für ihn am Ende zu Buche. Nur Højbjerg (18) gewann mehr. Dortmund hatte durch die kompakte Ausrichtung kaum Möglichkeiten für Konter. Die Räume, die in Bayerns klassischer 4-2-3-1-Ausrichtung mit weit vorschiebenden Außenverteidigern neben den beiden Innenverteidigern, beziehungsweise hinter den Außenverteidigern entstehen, waren verstopft. Dortmunds Konterspiel hatte nur in wenigen Situationen Erfolg. Die Borussen mussten so viel mehr Aufwand im Ballvortrag betreiben, um torgefährliche Chancen zu kreieren, was ihnen über weite Strecken schwer viel.

Die veränderte Ausrichtung war fraglos nicht der alles entscheidende Grund für den Sieg. Am Ende machten wie so oft zwei bis drei Situationen mit der richtigen Entscheidung im richtigen Moment (Boatengs Herausrücken+Ballgewinn vor dem 1:0 z.B.) den Unterschied aus. Aber Guardiola half seiner Mannschaft durch die veränderte Ausrichtung zwei der größten Probleme, die Bayern in der Vergangenheit in Duellen mit den Borussen hatte, zu beseitigen. Die Schwierigkeiten mit Dortmunds Pressing im Spielaufbau und die Verteidigung von schnellen Kontern nach Ballverlust. Guardiola bereitete seine Mannschaft durch die Anpassung exzellent auf die Partie vor. Das ist seine Aufgabe. Gewinnen muss das Spiel die Mannschaft selbst. Sie tat es. Mit der richtigen Taktik, aber vor allem mit einer enormen Energieleistung.

2. Plötzlich erwachsen

Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken an die Zeit nach Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm beim FC Bayern. Über zehn Jahre prägen diese beiden Spieler inzwischen den Verein. Das Zeitfenster in denen sie die Mannschaft auch in großen Spielen weiter tragen können, wird gewiss kleiner. Schweinsteiger fehlte dem Team von Beginn an. Als Lahm nach 31 Minuten verletzt ging, konnte keiner der beiden dieser Mannschaft Halt geben, wie sie es in der Vergangenheit so oft gemeinsam oder allein getan hatten. Es war wohl das erste wichtige Spiel seit dem DFB-Pokalfinale 2003, das der FC Bayern ohne seine beiden heutigen Kapitäne bestreiten musste. Es war klar, dass dies der Moment war, indem andere in die Bresche springen mussten, um dieses Spiel zu gewinnen. Viele taten es.

Manuel Neuer, der die Kapitänsbinde übernahm. Rafinha, der auf ungewohnter Position als linker Verteidiger kaum Fehler machte. Martínez, der gemeinsam mit einem herausragenden Jerome Boateng und einem soliden Dante, den eigenen Sechzehner verteidigte. Kroos, der sich nicht so oft versteckte. Götze, der viel versuchte und involviert wirkte wie noch nie im Bayern-Trikot. Ribéry, dem nicht wirklich viel gelang, aber der sich für die Mannschaft zerriss. Müller, der mit unbändigem Willen voran ging. Genannt werden müssen wahrscheinlich Alle. Aber einem Spieler konnten wir am Samstag-Abend buchstäblich beim erwachsen werden zusehen. Es war sein erster richtig großer Schritt hin zu dem Fußballer, der er einmal zu werden verspricht.

Pierre Emile Højbjerg machte gegen den BVB sein drittes Spiel von Anfang an für den Rekordmeister. Auf der für ihn ziemlich ungewohnten Position des rechten Außenverteidigers. Der 18-Jährige machte keine überragende Partie. Er spielte die meisten Fehlpässe auf Seiten der Münchener, traf die ein oder andere falsche Entscheidung. Aber Højbjerg spielte eine unfassbar reife Partie. Er fiel keinen Millimeter ab. Er ließ sich vom Moment eines DFB-Pokalfinals nicht überrumpeln. Er spielte ein grundsolides, gutes Spiel. Und das ist für einen 18-Jährigen auf einer für ihn fremden Position enorm. Wenn Højbjerg weiter geduldig einen Schritt nach dem anderen geht, wenn er gesund bleibt, wenn er auf die richtigen Leute hört, wird er ein Spieler sein, der den FC Bayern gemeinsam mit einigen Anderen in die Ära nach den Lahms, Schweinsteigers, Robbens und Ribérys tragen kann. Bis dahin ist es noch ein gutes Stück Weg zu gehen. Das Pokalfinale war für den Dänen in dieser Hinsicht aber mit Sicherheit ein wesentlicher Meilenstein.

3. Arjen

Es ist kein Zufall, dass es einmal mehr Arjen Robben war, der am Samstag-Abend mit seinem Treffer den Weg zum DFB-Pokalsieg ebnete. Robben spielt eine konstant starke Rückrunde. Er geht mit großem Willen und guten Leistungen voran. Auch in den schwierigen Phase zuletzt war immer wieder er es, an dem sich die Mannschaft aufrichten konnte. Gegen Manchester hatte er mit einem Tor und einer Vorlage großen Anteil am Weiterkommen. In den Spielen gegen Real Madrid war er stets der beste Münchener Akteur, weil er immer wieder Dinge probierte und den Gegner vor Aufgaben stellte.

Es sind sehr gute aber keine überragenden Statistiken, die der Niederländer in dieser Saison aufgelegt hat. 11 Tore und 7 Vorlagen in der Bundesliga. 4 Tore und 4 Vorlagen in der CL. 4 Tore und 5 Assists im Pokal. Für ihn, der schon einmal 22 Torbeteiligungen in 14 Bundesliga-Spielen vorweisen konnte (2010/2011) sind diese Zahlen solide. Viel mehr nicht. Robben hat inzwischen jedoch auch andere Wege gefunden Spiele positiv zu beeinflussen. Er stellt sich in den Dienst der Mannschaft. Als er 2010 zu Bayern kam, war er in Madrid und bei Chelsea nicht kolossal gescheitert, aber doch irgendwie unvollendet geblieben. Er spielte in seinen ersten Jahren in München – so schien es häufig – allein gegen Rest der Welt, um es allen zu beweisen. Robben kämpfte um jede Einsatzminute, um jeden Abschluss, um jeden Freistoß. Er haderte gleichermaßen mit Mitspielern, Gegnern und Schiedsrichtern. Als ihn sein Heimstadion wenige Tage nach dem verlorenem CL-Finale 2012 auspfiff und als Egoisten brandmarkte, traf ihn das erst und stachelte ihn danach noch mehr an. Genau wie zuvor das verlorene WM-Endspiel 2010.

Als Arjen Robben in der 89. Minute des Champions League-Endspiels 2013 das 2:1 erzielte und den FC Bayern damit zum größtmöglichen Titel schoss, scheint etwas Klick gemacht zu haben bei dem Niederländer. Robben muss heute niemandem mehr etwas beweisen. Er hat im Vereinsfußball alles erreicht was es zu gewinnen gibt. Robben ist immer noch verbissen, hat einen großen Siegeswillen, aber er ist gelassener geworden. Er will es nicht mehr allen zeigen, sondern aus seiner verbleibenden Zeit als Profifußballer das Optimale heraus holen. Diesen Eindruck macht er seit Monaten auf dem Feld.

6 Torschüsse standen für Robben gegen den BVB zu Buche. Eindeutiger Bestwert aller Spieler auf dem Platz. Robben ging erneut voran. Mit seiner Leistungen und mit einem spielentscheidenden Tor. Ich weiß nicht welche formalen Voraussetzungen es in München für den Bau von Denkmälern gibt. Ich weiß nur, dass es Zeit wird ihm eines zu errichten.

Double! o/

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