Verletzungsmisere beim FC Bayern: Wintertransfer oder Riesenchance für den Campus?
An der Säbener Straße mehren sich die Sorgenfalten. Der ohnehin schlanke Kader der Münchner wird derzeit vor allem in der Offensive auf die Probe gestellt. Mit Luis Díaz, Serge Gnabry, Jamal Musiala und Ismael Saibari muss der deutsche Meister gleich auf vier Offensivspieler verzichten. Auch Michael Olise war zuletzt angeschlagen, konnte gegen Atlético Madrid aber über die gesamte Spielzeit auf dem Feld stehen.
In der Medienlandschaft kursieren nicht zuletzt wegen der Verletzungsmisere erste Diskussionen über mögliche Wintertransfers. In einer User-Umfrage auf dem Portal fussballtransfers.com sprachen sich 82% der rund 1800 Teilnehmer für einen Transfer im Januar beim FC Bayern aus.
Laut SkySport gelten Wintertransfers beim Rekordmeister jedoch als unwahrscheinliches Szenario, wenngleich die Verantwortlichen um Sportvorstand Max Eberl den Markt für Flügelspieler im Blick behalten würden. Trotzdem stellt sich die Frage: Wie umgehen mit der Misere?
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FC Bayern: Elf Außenverteidiger sollt ihr sein!
In der aktuellen Saisonphase löst das Trainerteam die personellen Sorgen vor allem mit den flexibel einsetzbaren Außenverteidigern, sodass Nathaniel Brown und Alphonso Davies ihre offensiven Qualitäten in der Dreierreihe hinter Harry Kane unter Beweis stellen dürfen. Einerseits wurde der Kader bewusst mit flexibel einsetzbaren Spielern bestückt, um auch bei Verletzungspech reagieren zu können; andererseits gilt es auch im Rahmen der Belastungssteuerung weiteren Verletzungen vorzubeugen. Viele Möglichkeiten zur Rotation bleiben dem Trainerteam allerdings nicht mehr.
Dabei würde es möglicherweise reichen, den Blick intern in Richtung des berühmt berüchtigten Bayern-Campus schweifen zu lassen. Mit Tim Binder gab zuletzt im DFB-Pokal gegen den 1. FC Magdeburg ein Youngster aus dem eigenen Nachwuchs sein Pflichtspieldebüt im Profibereich. Bereits in der Vorbereitung hatte der 19-jährige Flügelspieler Einsatzminuten bei den Profis sammeln dürfen und einen vielversprechenden Eindruck hinterlassen.
Ob er sich dauerhaft etablieren kann, wie es Senkrechtstarter Lennart Karl in der vergangenen Saison vorgemacht hat, lässt sich nach einer solch geringen Stichprobe noch nicht prognostizieren. Binders Einsatz im DFB-Pokal ist jedoch ein erster Fingerzeig, dass die Verantwortlichen ihm den Sprung zutrauen.
Rückkehrer zeitnah erwartet – Saibari fehlt lange
Die anstehende Länderspielpause verschafft den Münchnern ein wenig Luft. Musiala befindet sich nach einem Muskelfaserriss im Oberschenkel bereits wieder im Aufbautraining und könnte möglicherweise gegen den 1. FC Köln wieder eine Option sein.
Díaz könnte ebenfalls noch im November auf den Platz zurückkehren. Der 29-jährige Kolumbianer hatte sich in der Champions League gegen den FC Arsenal einen Muskelbündelriss im linken Oberschenkel zugezogen.
Etwas länger dürfte es bei Gnabry dauern. Der 31-jährige Nationalspieler laboriert an einer Muskelverletzung im linken Oberschenkel und wird voraussichtlich in diesem Kalenderjahr kein Pflichtspiel mehr bestreiten. Im Januar sollte der gebürtige Stuttgarter jedoch wieder einsatzbereit sein.
Somit lichtet sich das Lazarett bereits zu Beginn der Wintertransferperiode. Einzig Saibari wird nach seiner Operation aufgrund eines Syndesmosebandrisses im rechten Sprunggelenk einen beachtlichen Teil der Rückrunde verpassen. Inwieweit der 25-jährige Marokkaner in der entscheidenden Saisonphase helfen kann, bleibt nach einer solch langen Verletzungspause abzuwarten.
Sollten sich also bis in den Januar keine weiteren Spieler verletzen und die zurückerwarteten Spieler in ihren Genesungsprozessen keinen Rückschlag erleiden, entspannt sich die personelle Lage zur Rückrunde hin deutlich.
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Transfer im Winter überflüssig?
Ein möglicher Wintertransfer wirft vor diesem Hintergrund die Frage nach der Notwendigkeit auf. Sollten drei der derzeit vier verletzten Offensivkräfte ohnehin bis zu Beginn der Transferperiode zurückkehren, würde ein zusätzlicher Transfer die Kaderplanung aus dem Sommer infrage stellen.
Zudem werden gute Spieler während der laufenden Saison prinzipiell ungern abgegeben, sodass verfügbare Qualität in der Regel entsprechend kostspielig ist. Viel Geld für einen Spieler auf den Tisch zu legen, der am Ende lediglich den Kader auffüllt, kann ebenfalls nicht im Interesse des Rekordmeisters liegen und erscheint auch finanziell nicht der aktuellen Vereinsphilosophie entsprechend.
In der Vergangenheit haben Verpflichtungen, die im Winter getätigt wurden, nicht immer den erhofften Mehrwehrt gebracht. Spieler wie Bryan Zaragoza und Sacha Boey konnten ihren Ablösesummen nicht gerecht werden und gelten nicht als erfolgreiche Beispiele für geglückte Wintertransfers an der Säbener Straße. Erfolgsgeschichten wie bei Eric Dier sind etwas seltener.
Eine Leihe als Lösung?
Ein Neuzugang steht bei einem Wintertransfer nicht nur besonders im Fokus, da im Winter auf dem Transfermarkt an und für sich weniger passiert, er muss sich auch ohne große Vorbereitung in ein für ihn neues System einfügen. Anpassungsschwierigkeiten sind daher bei solchen Transfers keine Seltenheit.
Weniger Risiko würde ein Leihgeschäft mit sich bringen. Allerdings fallen auch hier meist Leihgebühren sowie häufig nicht geringe Gehaltskosten an. Beispielhaft für eine kostspielige Leihe steht Nicolas Jackson, der vergangene Saison vom FC Chelsea ausgeliehen wurde, jedoch nicht den erhofften Mehrwert liefern konnte. Dieser wurde allerdings im Spätsommer verpflichtet. Anders als João Cancelo, der im Januar 2023 per Leihe an die Isar wechselte. Vollends zum Stammspieler wurde der Portugiese damals nicht, sodass auch hier der Mehrwehrt dieses Wintertransfers infrage gestellt werden darf.
Natürlich sind dies nur Beispiele und jeder Transfer ist letztendlich individuell zu bewerten. Dennoch zeigt sich, dass kurzfristige Lösungen nicht immer den gewünschten Mehrwert erzielen, zumal diese meist aus der Not geboren sind und daher häufig keine 1-A-Lösung darstellen.
Die große Chance für Binder
Eine solche Verletztenmisere, wie sie der FC Bayern derzeit durchlebt, bietet neben ihrer tragischen Einzelschicksale auch Raum für Chancen. Im vergangenen Jahr nutzte der junge Lennart Karl vom Bayern-Campus eine solche Chance und legte einen rasanten Aufstieg hin. Der 18-jährige Shootingstar kam in seiner Debütsaison bereits auf 40 Profieinsätze und konnte sich mit 9 Toren und 8 Vorlagen bis in den Kader der A-Nationalmannschaft spielen.
Wisdom Mike, der ebenso wie Karl aus dem 2008er-Jahrgang der Münchner Nachwuchsabteilung kommt, zog im Sommer für kolportierte 5 Millionen Euro Ablöse zu Club Brügge nach Belgien, um dort den nächsten Entwicklungsschritt zu machen. Bisher konnte sich der 18-jährige dort noch nicht in der ersten Mannschaft etablieren.
Einer, der nah dran ist, den Sprung zu machen, ist Tim Binder. Der 19-Jährige konnte bereits erste Profiminuten im DFB-Pokal sammeln und steht möglicherweise kurz vor seinem ersten Bundesliga-Einsatz. Aaron Danks bestätigte auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den 1. FSV Mainz 05 (diesen Samstag um 15:30 Uhr), dass Davies möglicherweise eine Pause benötigt und nicht über die vollen 90 Minuten spielen kann. Mit Blick auf die Verletzungshistorie des 26-jährigen Kanadiers sollte man hier keinerlei Risiken eingehen. Ist das also die Chance auf das Bundesliga-Debüt für Binder?
Es wäre ein gutes Zeichen, dem 19-jährigen in diesen Wochen vor der Winterpause die Chance zu geben, Einsatzminuten zu sammeln und auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich betonten die Verantwortlichen beim FC Bayern immer wieder, dass man nachhaltig auf die eigene Nachwuchsförderung am Bayern-Campus setzen wolle – es sei laut Eberl sogar fester Bestandteil der Kaderplanung.
Der Campus ist eines seiner Lieblingsargumente, wenn er Kritik an der Kaderbreite kontern will. Jetzt ist die perfekte Gelegenheit, um nach Karl mit Binder dem nächsten jungen Talent die Möglichkeit zu eröffnen, den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen.
Vertrauen in die Jugend statt Aktionismus
Da man ohnehin frühestens im Januar tätig werden kann und bis dahin einige Verletzte zurückkehren sollten, hat man nun die Gelegenheit, einen Spieler auszubilden, der dann bei möglichen weiteren Ausfällen ein bereits erprobter Kaderspieler sein kann. Diese Wochen gilt es zu nutzen.
Wenn Binder unter Beweis stellen kann, dass er für den dauerhaften Sprung zu den Profis bereit ist, müssen sich die Münchner gar nicht erst dem Risiko eines Wintertransfers aussetzen. Sollten die Verantwortlichen ihre Zweifel haben, können sie im Januar immer noch tätig werden – und Klub und Jugendspieler gewinnen wichtige Erkenntnisse für ihre kurzfristige Zukunft.
Primär sollte das Ziel jedoch sein, in solchen Situationen auf die eigene Jugend zu vertrauen und damit auch ein Zeichen zu setzen, dass der dauerhafte Sprung möglich ist. Damit könnte man auch anderen Talenten vom Campus eine Perspektive aufzeigen, um diese langfristig an sich binden zu können.
Einen Sonderfall könnte die Situation um Saibari darstellen. Da dieser durch seine Flexibilität u. a. auch als Alternative zu Kane im Sturmzentrum eingeplant war und in der marokkanischen Nationalmannschaft bereits in dieser Rolle überzeugen konnte, wäre ein ähnlich flexibel einsetzbarer Kane-Backup im Rahmen eines Leihgeschäfts ein Gedankenspiel wert. Jedoch gestaltete sich der Markt dahingehend im Sommer bereits kompliziert, sodass der FC Bayern hier wohl nur dann tätig werden sollte, wenn sich eine wenig kostspielige und vielversprechende Alternative auftut. Spannend bleibt es bis zum Winter allemal.



