Streitfall Leroy Sané: Drei Gründe, die seine Nominierung für die WM 2026 erklären
Leroy Sané ist der moderne Mesut Özil. Fußballerisch haben die beiden nicht allzu viel gemeinsam. Letzterer hat bei verschiedenen Topklubs und in der Nationalmannschaft über viele Jahre Weltklasseleistungen gezeigt, Ersterer hatte das Potenzial dazu, schaffte aber nie wirklich den Durchbruch.
Gemein haben die beiden aber, dass sie tun können, was sie wollen: In Deutschland muss nur ihr Name genannt werden und es entstehen lebhafte, hitzige, teilweise auch unfaire Diskussionen. Oft geht es dabei weniger um reine fußballerische Aspekte, sondern eher um hängende Schultern, vermeintlich fehlende Leistungsbereitschaft und schwammige Zuschreibungen, die sich schwer widerlegen, aber ebenso schwer belegen lassen.
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Özil konnte Assistrekorde brechen wie er will, ganz verstummt sind diese Debatten nie. Sané hingegen ist weit entfernt von der Qualität, die Özil hatte. Nicht, wenn es um sein reines Talent geht, sondern eher mit Blick auf fehlende Konstanz. Der ehemalige Profi des FC Bayern München schafft es in seiner Karriere bisher nicht, seine Fähigkeiten über einen langen Zeitraum zu zeigen.
Auch nach seinem Wechsel zu Galatasaray lief es eher bescheiden für den 30-Jährigen. In 43 Einsätzen gelangen ihm nur sieben Tore und neun Assists. In der Champions League blieb er fast durchgängig blass. Trotzdem hat Julian Nagelsmann ihn für die WM 2026 nominiert – und dafür Saïd El Mala, Chris Führich, Karim Adeyemi oder auch Kevin Schade zu Hause gelassen.
Schafft der Bundestrainer damit das Leistungsprinzip ab? Nein. Hier kommen drei Gründe, die für Sané sprechen.
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Hoher Aktionsradius: Leroy Sané ist aktiver und präziser als sein Ruf
Schaut man sich die Statistiken von Sané und die jener Spieler an, die nicht nominiert wurden, gibt es mehrere Auffälligkeiten. So ist der Linksfuß von Galatasaray definitiv nicht der torgefährlichste Spieler auf dieser Shortlist. Laut Wyscout kommt er für Klub und Nationalmannschaft in dieser Saison auf 0,46 direkte Torbeteiligungen pro 90 Minuten.
Führich (0,49), Adeyemi (0,62) und El Mala (0,64) sind hier stärker. Bei den erwarteten Torbeteiligungen ist das Feld etwas enger zusammen, aber auch hier hat Sané das Nachsehen gegenüber den Genannten. Schaut man allerdings auf den Aktionsradius des ehemaligen Münchners, wird vielleicht etwas deutlicher, warum sich Nagelsmann für ihn entschieden hat.
Denn abseits der reinen Toraktionen ist Sané ungemein aktiv. So aktiv, dass es auf der Liste mit Führich eigentlich nur noch einen weiteren Spieler gibt, der da mithalten und ihn teilweise sogar übertreffen kann. Sané und Führich haben die mit großem Abstand beste Erfolgsquote bei Dribblings (rund 60 Prozent), beide kommen auf mindestens 40 Pässe pro 90 Minuten und haben eine Erfolgsquote von über 83 Prozent.
Adeyemi, El Mala und auch Schade sind in all diesen Bereichen schwächer, teils deutlich schwächer. Ihre Zahlen unterstreichen, dass sie in ihren Aktionen eine große Streuung haben. Die Schwankungen zwischen starken und schwachen Momenten sind ablesbar. Gleichzeitig ist es natürlich ein Unterschied, ob man wie El Mala beim 1. FC Köln spielt oder eben wie Führich beim VfB Stuttgart.
Trotzdem ist der 19-Jährige noch ein sehr roher Spieler, der anders als seine Konkurrenten noch einiges an Entwicklungspotenzial vor sich hat. Womöglich war es Nagelsmann wichtig, einen Spieler bringen zu können, von dem er relativ genau weiß, was er bekommt. Sanés Ruf ist ein anderer. Viele unterstellen ihm, dass er eine Wundertüte sei.
Tatsächlich ist er aber ziemlich konstant in dem, was er tut. Das, was er tut, ist oft nur nicht spektakulär und gut genug für die absolute Weltspitze. Und die ist wegen seines Talents wiederum der Maßstab, an dem er gemessen wird. Dadurch erklären sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen.
Spannend ist auch der Blick auf Sanés Qualitäten im Pressing. Obwohl seine Teams in der Regel viel Ballbesitz haben, kommt er auf 4,21 erfolgreiche Defensivaktionen pro 90 Minuten (Adeyemi mit 4,29 und Schade mit 5,02 haben mehr) und fast zwei abgefangene Pässe sind hinter Schade (2,3) ebenfalls ein guter Wert. Sané schon zu Zeiten beim FC Bayern deutlich besser in seinem Defensivspiel geworden und auch das könnte für Nagelsmann ein wichtiger Punkt gewesen sein.
Die taktische Rolle: Leroy Sané kennt das System und bringt ein individuelles Profil mit
Für den Bundestrainer war zudem die Unterscheidung zwischen Verein und Nationalmannschaft wichtig, wie er bei der Vorstellung seines Kaders betonte. Im Trikot des DFB-Teams zeigte Sané zuletzt sehr starke Leistungen. In vier Einsätzen und 244 Minuten gelangen ihm fünf Scorerpunkte. Nur gegen die Schweiz blieb er ohne. Macht eine Quote von mehr als 1,8 Torbeteiligungen pro 90 Minuten.
Führich beispielsweise hat in seinen bisherigen 220 Minuten für die Nationalmannschaft noch keine einzige Torbeteiligung sammeln können, Adeyemi kommt in 336 Minuten auf ein Tor und eine Vorlage. Beide konnten ihre Chancen, die sie hatten, nicht wirklich nutzen. Bei Sané war das diesmal anders. Zumindest im DFB-Trikot sammelte er in dieser Saison gute Argumente für eine WM-Nominierung.
Vor allem aber bringt er auch aus taktischer Perspektive ein besonderes Profil mit: Sané ist einer der wenigen Linksfüße im Dunstkreis der Nationalmannschaft und ist anders als Adeyemi oder Führich nicht der reine Tiefenläufer, der mit Speed und Wucht in den Strafraum durchbricht, sondern auch ein sehr passabler Kombinationsspieler. Sané kennt zudem die Anforderungen, die an seine taktische Rolle von Nagelsmann gestellt wurden, was für den Trainer enorm wichtig sein kann, wenn er beispielsweise einen Spieler von der Bank bringt.
Das sind alles Aspekte, die im Zweifelsfall für ihn und gegen Führich, Adeyemi und selbst El Mala sprechen. Auch wenn der Kölner noch gar keine echte Chance hatte, sich unter Nagelsmann zu beweisen, ist vollkommen unklar, ob er für die taktischen Pläne ein guter Fit wäre, oder ob gerade seine schwankende Präzision in den Dribblings und Offensivaktionen eher zum Problem werden könnte.
Natürlich können vor allem seine Leistungsspitzen eine Waffe darstellen, die Sané so womöglich eher nicht liefern kann. Aber am Ende ging es für Nagelsmann darum, eine möglichst rationale Entscheidung in Bezug auf sein System zu treffen und für El Mala kam die WM hier wohl etwas zu früh. Zumal der 19-Jährige in Köln meist auf dem linken Flügel oder im Zentrum eingesetzt wurde.
Eine taktische Variante von Nagelsmann könnte es sein, den linken Flügel mit Spielern wie Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz zu überladen und dann die Verlagerung auf die rechte Seite zu suchen. Sané ist mit seinem starken linken Fuß ein Spieler, der nach innen ziehen und den Abschluss suchen kann. Die Konkurrenten fühlen sich eigentlich selbst eher auf der linken Seite wohl. Es ist schwer zu prognostizieren, wie sie sich auf der rechten Seite schlagen würden.
Leistungsprinzip ist der größte Quatsch
Und aus diesen zwei sachlichen Gründen ergibt sich ein etwas polemischer: Das Leistungsprinzip ist mit der größte Quatsch, den es im Rahmen von Nationalmannschaften als Argument gibt. Bereits im März hatten wir im Blog einen Artikel, der sich daran versucht hat, aufzuklären: Trainer nominieren nicht die besten Spieler einer Saison oder eines Zeitraums, sondern die Spieler, die in der komplexen Betrachtung des Gesamtbildes am besten reinpassen.
Und das wiederum ist individuell. Wenn der FSV Wacker Betonmauer in die Bundesliga aufsteigt und dort mit neun defensiven Feldspielern und Offensivstar Holger Holzfuß Vizemeister hinter den Bayern wird, dann muss Nagelsmann trotzdem genau analysieren, ob die deutschen Spieler des Teams in die Nationalelf passen.
Holzfuß kann auf 20 Torbeteiligungen kommen, aber wenn die Analyse zum Fazit kommt, dass er nicht gut genug in engen Räumen ist, seine Stärken hauptsächlich in Situationen liegen, die es beim DFB nicht so oft gibt und er technisch nicht das Niveau für mehr hat, dann ist es nachvollziehbar ihn nicht zu nominieren und dafür einen Spieler mitzunehmen, der objektiv vielleicht die schlechtere Saison hatte.
Leroy Sané hat Glück gehabt
Ganz so deutlich sind die Unterschiede zwischen Sané und seinen Konkurrenten natürlich nicht. Für Führich, El Mala und Co. hätte es ebenso Argumente gegeben, sie mitzunehmen. Aber dieses Argument kann man eben auch umdrehen: Die Unterschiede sind nicht deutlich genug, um Sané derart in den Schatten zu stellen, dass Nagelsmann das kleine Risiko eingeht, einen Spieler mitzunehmen, der entweder zuletzt nicht im DFB-Trikot überzeugte oder noch nicht die Chance hatte, sich in diesem anderen Spielsystem zu beweisen.
Unter dem Strich ist es also eine Mischung aus taktischer Rationalität des Bundestrainers und Glück für Sané, dass seine Konkurrenz nicht wahlweise noch stärker oder im Fall von El Mala zumindest etwas erfahrener ist. Klar dürfte dennoch sein, dass es in dieser Form eher das letzte große Turnier für ihn ist, wenn er in den kommenden zwei Jahren nicht den Hebel für eine erhebliche Leistungssteigerung findet.
Und auch für die ewigen Sané-Kritiker*innen gibt es etwas zu feiern: Was wäre so eine WM ohne die Möglichkeit, sich nach einer Enttäuschung über Körpersprache und hängende Schultern aufzuregen?



