Vorschau: 1. FC Köln – FC Bayern München

Justin Trenner 14.02.2020

Platz 13, sechs Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz und Kontakt mit dem Mittelfeld der Bundesliga aufgenommen – vor einigen Wochen war dieses Szenario für den 1. FC Köln noch nicht vorstellbar. Nach dem elften Spieltag stand der Effzeh auf Platz 17 mit drei Zählern Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz. Zwei Siege, ein Unentschieden und acht Niederlagen lautete die niederschmetternde Bilanz.

Dann kamen Markus Gisdol und Horst Heldt. Zwei, die sich im Abstiegskampf auskennen und in den letzten Jahren viel erlebt haben. Und tatsächlich: Schaut man sich die Gisdol-Tabelle seit Amtsantritt an, stehen die Kölner auf Platz fünf! Erst drei Niederlagen gab es, hinzu kommen fünf Siege und zwei Unentschieden. Das macht 17 Punkte, fünf hinter Tabellenführer Bayern im selben Zeitraum – bei einem Spiel weniger.

Ein echtes Spitzenspiel also? Nicht ganz. Gegen die Mannschaften von ganz oben gab es auch unter Gisdol keine großen Erfolgserlebnisse. RaBa schlug die Kölner mit 4:1 und Dortmund gelang gar noch ein Treffer mehr. Aber: Gerade daheim entwickelte der Effzeh eine Grundkonstanz, die für den Klassenerhalt essenziell werden könnte. Seit dem Trainerwechsel gab es im Rheinenergiestadion vier Siege, ein Unentschieden und noch keine Niederlage – darunter sogar ein 2:0-Erfolg gegen Bayer 04 Leverkusen.

Der 1. FC Köln auf dem Weg zum Klassenerhalt?

Doch wie hat Gisdol diesen Umschwung hinbekommen? Ein wesentlicher Faktor ist die defensive Stabilität. Köln hat unter Beierlorzer mitunter sehr aggressiv gepresst und dem Gegner in dessen Hälfte im Schnitt nur rund neun Pässe erlaubt, bis eine Defensivaktion erfolgte. Mit Gisdol auf der Bank ist dieser Wert auf ungefähr elf Pässe im Durchschnitt angestiegen. In den zehn bisherigen Partien mit dem neuen Trainer kassierten die Kölner 15 Gegentreffer, allein neun davon durch RaBa und den BVB.

Das Expected-Goals-Modell von StatsBomb hat in dieser Zeit 13,1 Expected Goals Against gemessen – 8,1 in 8 Partien, klammert man die beiden Top-Gegner aus Leipzig und Dortmund aus. Im Heimspiel gegen Leverkusen stellte die Mannschaft aber unter Beweis, dass sie auch starke Offensivreihen stoppen kann. Die Werkself kam gerade mal auf 0,2 Expected Goals gegen Köln.

Unter Beierlorzer kassierten die Kölner in elf Spielen 23 Gegentreffer bei 16 Expected Goals Against. Auch sein Fußball lebte vom Pressing, scheiterte aber an einer guten Rückwärtsverteidigung, sobald die erste Linie überspielt wurde. Aus einer kompakteren und tieferen Defensive heraus soll die Mannschaft nun Ballgewinne erzwingen, indem sie die Räume im zentralen Mittelfeld sehr eng macht. Anschließend geht es schnell nach vorn. Mit Mark Uth und Jhon Córdoba hat man dort zwei Spieler, die aktuell in sehr guter Form sind. Während Erstgenannter vor allem wegen seiner vielen raumöffnenden Läufe sehr wichtig für die Kölner Offensive ist, trifft Letzterer gerade im eigenen Stadion zuverlässig (7 Tore in den letzten 6 Heimspielen).

Wie kann Köln die Bayern knacken?

Gegen die Bayern ist mit dem für Gisdol typischen 4-2-3-1 zu rechnen. Ohne Ball verteidigen die Kölner mit zwei engen Viererketten, teils sogar einer Fünferkette im Mittelfeld. Beim Umschalten ist nicht mit einer Großoffensive zu rechnen. Meist reichen dem Effzeh drei bis vier Spieler, um einen Konter zum Abschluss zu bringen. Das macht es im Umkehrschluss auch schwierig, den Effzeh auszukontern.

Wie es schon Julian Nagelsmann am vergangenen Wochenende versuchte, wird auch Gisdol die Lücken hinter den Außenverteidigern der Bayern bespielen wollen, sobald eine Balleroberung gelingt. Auf der linken Seite spielte zuletzt häufiger der erst 20-jährige Ismail Jakobs, der mit seinem Tempo einen möglichen Einsatz von Jérôme Boateng für sich ausnutzen könnte. Rechts setzte Gisdol in fünf der letzten sechs Partien Jan Thielmann ein. Der 17-Jährige wusste vor allem mit Einsatz und einigen Ballgewinnen zu überzeugen, hatte offensiv aber keinen allzu großen Einfluss auf das Kölner Spiel.

Möglicher Matchplan der Kölner: Mitte verschließen und die Bayern auf die Flügel locken. Dann – wie hier visualisiert – den Außenverteidiger isolieren und so die diagonalen Pass- und Laufwege ins Zentrum verhindern. Nach Ballgewinn wird dann so schnell wie möglich hinter den angelockten Außenverteidiger gespielt.

Hier ist eher Kingsley Ehizibue zu nennen, der als Rechtsverteidiger von hinten nachrückt und das Spiel breit macht, wenn sein offensiver Partner nach innen zieht. Wirklich gefährlich sind die Kölner über diese Seite aber nicht. Chancen kreieren sie in den meisten Fällen über links oder aus dem Zentrum, wenn sie Platz beim Umschalten haben. Darüber hinaus ist der Effzeh sehr gefährlich nach Standardsituationen. Schon 12 Treffer erzielten sie nach ruhenden Bällen, während erst 15 aus dem Spiel heraus gelangen (vier nach Kontersituationen). Unter Gisdol trafen die Kölner immerhin 17 Mal bei 15,1 erwarteten Toren. Das spricht zwar nicht für eine bestechende Offensive, dafür aber für eine gute Effizienz.

FC Bayern: Die rechte Seite als Problem?

Aus Sicht der Bayern gilt es Kontersituationen der Kölner natürlich zu verhindern. Wie es gegen solche Gegner eben ist, wird es darauf ankommen, das eigene Tempo und Risiko hoch zu halten, gleichzeitig aber nicht in das offene Messer der Kölner zu laufen. Die aktuelle Tabellensituation überdeckt ein wenig, wie stark diese Mannschaft wirklich ist. Fünf Siege aus den letzten sechs Spielen sind eine klare Ansage.

Gerade die eine Niederlage bei Borussia Dortmund zeigte aber, wo die Grenzen liegen. Können die Bayern ihren Druck der letzten Wochen auch in Köln aufrecht erhalten, dürften sich ihnen einige Chancen bieten. Gegen die sortierte Abwehrkette des Effzeh kommt es darauf an, schnell und ballsicher zu agieren.

Flicks Aufgabe liegt aber maßgeblich darin, die eigene Rückwärtsverteidigung zu stabilisieren. Auf der linken Seite hat man mit Alphonso Davies einen Cheatcode, der selbst aus sehr hoher Positionierung noch rechtzeitig hinter den Ball kommt, wenn sein Team den Ball verliert. Rechts gibt es einen solchen Spieler nicht. Ist Benjamin Pavard in der Offensive eingebunden, fehlt häufig die Absicherung auf seiner Seite. Boateng allein war damit oft überfordert. Vielerorts wird deshalb Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger gefordert, weil der mehr Durchschlagskraft nach vorn mitbringt.

Was aber oft in dieser Debatte vergessen wird: Auch der 25-Jährige wurde während seiner Zeit als Rechtsverteidiger für die Rückwärtsverteidigung stark kritisiert. Teils waren die Lücken dann sogar noch größer als mit Pavard, weil Kimmich häufiger bis zur gegnerischen Grundlinie geht.

Taktische Anpassungen?

Álvaro Odriozola scheint hier noch keine große Rolle zu spielen, weshalb sich die Frage nach einer taktischen Lösung stellt, die dieses Problem beheben könnte. Denn wenn zwei so unterschiedliche Spielertypen wie Kimmich und Pavard unter verschiedenen Trainern jeweils dieselben Probleme haben, kann es sein, dass das Problem woanders liegt. Einen guten taktischen Ansatz zeigten die Bayern in den letzten Wochen bereits selbst, ohne ihn aber konstant umzusetzen.

Mit asymmetrischen Außenverteidigern könnte man einerseits die Problematik lösen, dass entweder Lucas Hernández oder David Alaba auf der halbrechten Seite agieren müssten, wo beide nicht optimal aufgehoben sind. Auf der anderen Seite wäre die Absicherung der Flügel womöglich eher gegeben, wenn Pavard automatisch mit starker Handbremse während des eigenen Ballbesitzes agiert.

Davies kann seine Freiheiten nach vorn nutzen und im Spielaufbau gäbe es eine 3-2-Staffelung, die sich in dieser Saison schon mehrmals als hilfreich herausstellte. Kimmich und Thiago müssten sich so auch nicht mehr zwischen die Verteidiger fallen lassen und könnten ihre Positionen besser halten.

Der klare Nachteil dieser Variante liegt darin, dass rechts zumindest auf dem Papier jemand fehlt, der den rechten Außenstürmer mit Läufen unterstützt. Hier bräuchte es dann einen flexiblen Achter wie Thomas Müller oder Leon Goretzka, der regelmäßig unterstützt. Ob das wiederum zu Problemen im Zehnerraum führt, müsste in der Praxis getestet werden. Außerdem könnte es sein, dass die Bayern aktuell durch das Abkippen eines Sechsers (meist Kimmich) den anderen freilaufen. Dieser Mechanismus wäre hier nicht gegeben, weshalb die Formation gerade gegen tiefstehende Mannschaften problematisch sein könnte.

Eine dritte Möglichkeit wäre die bereits vorhandene Ausrichtung mit abkippendem Kimmich – allerdings in den rechten Halbraum, sodass Hernández ins Zentrum und Alaba nach halblinks rückt. Wieder entsteht eine Dreierkette, allerdings braucht es im Sechserraum dann umso mehr die Unterstützung des zweiten Achters (Goretzka zuletzt) für Thiago. Das Aufrückverhalten nach erfolgreichem Spielaufbau wird dann bedeutend, um zentral Präsenz im zweiten und letzten Drittel zu erzeugen.

Die Rückkehr des Javi Maschínez?

Eine weitere Chance bietet die baldige Rückkehr von Javi Martínez, der seinen Muskelbündelriss noch nicht überstanden hat, aber in den nächsten Wochen das Mannschaftstraining wieder aufnehmen sollte. Der Spanier könnte auf seine ehemalige Position im Mittelfeld zurückkehren und so einige Probleme beheben. Jetzt werden sich einige wundern, dass ausgerechnet ich Martínez im Mittelfeld sehe, aber lasst es mich zunächst erklären, bevor ihr empört in die Tasten hämmert:

Hybrid-Javi! (animiert)

Wie wäre es denn mit einem Hybrid-Javi? Wenn er zwischen Mittelfeld und Innenverteidigung pendelt, könnte er seine Stärken womöglich optimal einbauen und seine Schwächen gut verstecken. In Ballbesitz wäre es sinnvoll, wenn er sich zwischen die Innenverteidiger fallen lässt. Dort ist der Druck meist geringer und er nimmt auch im Spielaufbau keine entscheidende Position ein, weil die Halbräume hier mit den diagonalen Passwinkeln entscheidender sind.

Wer besetzt jetzt aber den Sechserraum? Ganz einfach: Alaba geht in der Grundausrichtung zurück auf die linke Seite und Kimmich auf die rechte. In Ballbesitz schieben beide ins Zentrum und unterstützen so den spielstarken Thiago. Die Präsenz im Mittelfeld wäre gegeben und auch die Absicherung gegen den Ball scheint mit drei sehr defensivstarken Spielern ausreichend zu sein.

Fraglich ist, wie gut Davies als Offensivspieler ist, wenn er vor sich keine Unterstützung hat. Zuletzt zeigte er die eine oder andere Limitation im Angriffsdrittel. Auch hier gilt aber: Ohne einen Praxistest wird man das nicht endgültig beurteilen können und es kann gut sein, dass die Verengung der Spielfeldmitte Räume für die Außenstürmer öffnet.

Die vorerst letzte Chance für eine Veränderung?

Bei allem Respekt vor den sehr starken Kölnern bietet diese Partie gemeinsam mit dem nächsten Spiel gegen Paderborn die vorerst letzte Chance, Anpassungen vorzunehmen und einige Dinge auszuprobieren. Die Rede ist nicht von gravierenden Veränderungen. Beide Überlegungen unterscheiden sich nur im Detail von der aktuellen Grundordnung.

Die rechte Spielfeldhälfte ist im Moment jedenfalls zu anfällig für Kontersituationen und es liegt in der Hand des Trainerteams, hier eine Lösung zu finden. Gisdol und die Kölner werden ihre ohnehin stärkere linke Seite immer wieder in Szene setzen wollen.

Schaffen es die Bayern, diese Situationen zu verhindern, dürfte einem Erfolg nichts im Weg stehen – außer sie selbst. Doch selbstverständlich ist ein Sieg am Sonntag nicht. Dafür sind die Kölner in den letzten Wochen zu stabil gewesen. Ein klassisches Duell mit einem potenziellen Absteiger ist es jedenfalls nicht, das die Bayern da erwartet.

Vorschau-Tippspiel

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Spieltagssieger

Mit diesem Spieltag hat kaum jemand gerechnet. Unser Spieltagssieger Lupous gewinnt mit gerade einmal 12 Punkten. Die Top 5:

  1. CH1310 – 256 Punkte (0 Spieltagssiege)
  2. zoot_jw – 255 Punkte (0,17 Spieltagssiege)
  3. dain, Edlan, Isarläufer, Rudi – 255 Punkte (0 Spieltagssiege)

Lahmsteiger: Platz 63 – 229 Punkte (0 Spieltagssiege)

So läuft es gegen Köln …

Was für ein unangenehmes Spiel! Treffen die Bayern nicht früh, wird sich das alles ziehen wie eine durchschnittliche Bayern-Flanke aus dem Halbfeld. Aber ich habe etwas Hoffnung! Den Münchnern gelingt ein spätes Führungstor in der ersten Halbzeit. Anschließend läuft es besser. Am Ende steht ein souveräner 3:0-Erfolg.

So könnte Bayern spielen …

4-3-3: Neuer – Pavard, Hernández, Alaba, Davies – Thiago, Kimmich, Tolisso – Müller, Lewandowski, Gnabry

Es fehlen: Süle, Perišić, Martínez (alle verletzt)

So läuft der Spieltag …

Dortmund 3:1 Frankfurt
Hoffenheim 2:1 Wolfsburg
Paderborn 2:1 Hertha
Union 1:1 Leverkusen
Augsburg 2:1 Freiburg
Leipzig 4:1 Bremen
Düsseldorf 1:2 Gladbach
Köln 0:3 Bayern
Mainz 1:2 Schalke



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