Vorschau: Flicks Neustart gegen Piräus

Justin Trenner 05.11.2019

“Ich bin keiner, der in der Vergangenheit lebt oder in der Zukunft. Die Gegenwart ist für mich entscheidend”, sagte Hans-Dieter Flick auf seiner ersten Pressekonferenz als Cheftrainer des FC Bayern München. Damit gab er die Marschroute für diese wichtige Woche vor: Es geht nur darum, die sportliche Talfahrt zu beenden und die Heimspiele gegen Olympiakos Piräus und Borussia Dortmund für sich zu entscheiden.

Flick machte einen souveränen Eindruck am Dienstagnachmittag. Als er aber an einer Stelle etwas emotionaler wurde und über Niko sowie Robert Kovač sprach, meldete sich plötzlich seine Smart Watch. “Ich bin mir nicht sicher, ob ich das verstanden habe”, sprach Siri, Apples Sprachassistentin, für alle im Raum deutlich hörbar. Der Interimstrainer lächelte den Vorfall weg und fragte nach, ob jemand “Hey Siri!” gesagt habe.

Er wirkte locker, aber war darüber hinaus spürbar voller Vorfreude. Seit 2005 hatte Flick nicht mehr als Cheftrainer gearbeitet. Jetzt muss er den FC Bayern erfolgreich durch diese komplizierten Tage lenken. Mit seiner offenen und ehrlichen Art scheint er die Herzen der Spieler schon während seiner Zeit als Assistenztrainer gewonnen zu haben. Mit Renato Sanches führte er vor dessen Wechsel viele Einzelgespräche und auch das Bild mit dem weinenden Javier Martínez, der von Flick in den Arm genommen wurde, blieb vielen im Kopf. “Er ist ein Top-Typ”, ergänzte Joshua Kimmich am Dienstag.

Die Lust zurückbringen

Flick versprühte nicht nur im Medienraum gute Laune. Auch in den sozialen Netzwerken zeigten sich viele Bayern-Fans optimistisch und teils sogar euphorisiert. Denn der 54-Jährige fand genau den richtigen Ton. Er sprach darüber, dass die Mannschaft jetzt in der Verantwortung stehe und es keine Ausreden mehr gebe. Außerdem benannte er einige der taktischen Schwachstellen der letzten Wochen fast schon überraschend genau.

Die passive Verteidigungsarbeit sei nicht “Bayern-like” gewesen und er wolle, dass seine Mannschaft in den kommenden Spielen wieder aktiver werde. Eine höhere Intensität und eine bessere Einstellung forderte er ebenso ein wie den Willen, den Ball immer wieder so schnell wie möglich zurückzuerobern. Es ginge darum, mehr nach vorn zu verteidigen und das Ballbesitzspiel zu stärken.

Doch Flick äußerte all das, ohne seinen Vorgänger direkt zu kritisieren. Für die Kovač-Brüder fand er ausschließlich warme Worte. Insgesamt also ein runder Auftritt, der einen ersten Eindruck davon gibt, wie Flick tickt. Kann er nur einen Teil der Euphorie, die er bei vielen Fans ausgelöst hat, auf die Spieler übertragen, wäre das ein erster wichtiger Schritt. Denn genau darum wird es zunächst gehen: Die Spieler müssen wieder an sich und an die Idee des Trainers glauben, um die notwendige Lust und Gier zu entwickeln. Darauf aufbauend kann Flick dann versuchen, erste taktische Anpassungen vorzunehmen.

Was kann Flick in so kurzer Zeit ändern?

Dahingehend war auch seine Antwort auf die Aussage eines Journalisten interessant, dass man in so kurzer Zeit ja keine taktischen Veränderungen vornehmen könne. Flick erzählte, dass er auch taktisch trainiert habe und ein bisschen was an der Ausrichtung verändern werde. Ob das nur personeller Natur sein wird oder auch die Formation sowie einige Abläufe im Spiel der Mannschaft betreffen wird, sagte er nicht.

Grundsätzlich ist klar, dass er das Spiel der Mannschaft nicht innerhalb von einer Woche komplett verändern kann. Doch die Pressekonferenz deutete darauf hin, dass er die Schwachstellen kennt. Darauf kann er in den vielen Gesprächen, die er nun mit den Spielern führen will, hinweisen.

Am eigenen Positionsspiel kann er zudem Kleinigkeiten verändern, indem er die Grundordnung anpasst oder den Spielern mit auf den Weg gibt, schon in Ballbesitz kompakter zu stehen. Das wird nicht dazu führen, dass die Bayern plötzlich so auftreten wie 2016 im Rückspiel gegen Atlético Madrid. Es könnte aber das eigene Spiel stabilisieren. Und das wird gegen Olympiakos wichtig sein. Die Griechen stehen bekanntermaßen sehr kompakt in ihrem 4-4-2 (im Hinspiel war es sogar ein 4-5-1, weil Mathieu Valbuena als Zehner ausfiel). Da wird es drauf ankommen, zwischen die Linien des Gegners zu kommen, das eigene Risiko auszubalancieren und im Gegenpressing den Ball schnell zurückzuerobern, um nicht in Konter zu laufen.

Mehr Asymmetrie?

Dafür könnte Flick ein taktisches Mittel verwenden, das sein langjähriger Partner Joachim Löw häufig nutzt: Asymmetrie. Gerade in der Offensive wirkte das Spiel der Bayern zuletzt sehr berechenbar. Mit Philippe Coutinho auf dem linken Flügel hätte Flick zum Beispiel die Option, für mehr Tiefe und Überraschungsmomente im linken Halbraum zu sorgen. Löw hat in dieser Rolle schon viele Spieler eingesetzt, die Coutinho in den Anlagen ähneln: Mesut Özil und Julian Brandt sind nur zwei Beispiele.

Thomas Müller wird definitiv spielen. So viel hat Flick bereits verraten. Er, Coutinho und Robert Lewandowski könnten so halblinks ein sehr gefährliches Dreieck bilden, ohne eine tiefere Position zu blockieren. Es bleiben schließlich immer noch zwei Mittelfeldspieler übrig, die dann aber auch stärker nachrücken müssen, um die Kompaktheit zu wahren. Breite könnte je nach Aufstellung auch durch den Linksverteidiger (David Alaba oder Alphonso Davies) gegeben werden.

Insgesamt wäre damit zwar ein Tempodribbler weniger auf dem Platz, doch Flick hätte eine höhere Variation, zwei unterschiedlich besetzte Flügel und eine höhere Präsenz im Zentrum. Rechts wäre mit Gnabry ja immer noch jemand vorhanden, der stets dazu in der Lage ist, Überraschungsmomente aus dem Stand zu liefern.

Spannend wird auch, welche Rolle Flick für Kimmich vorgesehen hat. Auf der Pressekonferenz gab es noch keinen Hinweis darauf, ob er im Mittelfeldzentrum oder auf der Rechtsverteidiger-Position spielen wird. Einerseits fehlen rechts die Alternativen, weil Benjamin Pavard theoretisch innen gebraucht wird. Andererseits könnte Flick dem zuletzt starken Davies vertrauen und Alaba als schnellen Innenverteidiger neben Martínez nutzen. Mit Blick auf Samstag hätte man so zumindest der schnellen Offensivreihe von Borussia Dortmund etwas entgegenzusetzen. In diesem Kontext muss auch die Aufstellung gegen Piräus gesehen werden. Flick deutete an, dass er gegen den BVB nicht viel ändern werde. Folgende Aufstellung könnte deshalb gut passen:

Eine Möglichkeit: Hohe Präsenz im Zentrum (mit kürzeren Abständen als zuletzt); starke Variabilität hinten (hier Dreierkette, weil Davies hochschiebt; auch möglich: Viererkette, indem Kimmich nach rechts rauskippt und die Dreierkette auf die linke Seite schiebt); gutes Gegenpressing möglich; auf dem Papier gut ausbalanciert.

Möglich wäre aber auch eine etwas symmetrischere Anlage mit Kimmich als Rechtsverteidiger und beispielsweise Leon Goretzka für Alphonso Davies. Dessen Position wird dann ja von Alaba eingenommen. Die Struktur wäre ähnlich, der Fokus würde hier aber eher auf dem rechten Flügel liegen als im linken Halbraum. Da muss Flick mit seinem Trainerteam auch erörtern, wo die Schwächen vor allem bei Borussia Dortmund liegen. Gegen das Tempodefizit von Mats Hummels könnte der Fokus auf den linken Halbraum mit anschließender Verlagerung auf den schnellen Gnabry vielleicht Sinn ergeben.

Natürlich bleibt auch die klassische Flügelzange eine Option, indem statt Coutinho oder Goretzka Kingsley Coman spielt. Zwar schwächelte der Franzose zuletzt, doch gerade er könnte von einer besseren Einbindung profitieren, sollte Flick die Probleme mit den Abständen beheben können.

Schnellere Verlagerungen

Alles in allem hat Flick im Gegensatz zu Jupp Heynckes 2017 immerhin einen großen Vorteil: Die Mannschaft ist nicht so weit weg von positiven Ansätzen wie damals. Zu Saisonbeginn zeigte sie mehrfach, dass sie theoretisch dazu in der Lage ist, ein druckvolles und schnelles Kombinationsspiel mit gutem Gegenpressing aufzuziehen. Nie in Perfektion, aber oft mit guter Grundlage.

Daran kann Flick anknüpfen. Es wird hauptsächlich darum gehen, gleichzeitig eine schnellere Ballzirkulation und eine bessere Absicherung hinzubekommen. Oftmals gelang es den Bayern zuletzt nicht, überraschend aus einer Spielfeldzone in eine andere zu verlagern und sich damit Räume zu kreieren.

Im Moment kann Flick diese Probleme nur ansprechen und eventuell an dem einen oder anderen Video zeigen. Doch damit kann er der Mannschaft bereits helfen. Es wird spannend zu sehen sein, welche Elf er ins Rennen schickt, wie sichtbar seine angekündigten Umstellungen sind und ob es überhaupt schon erste Fortschritte zu erkennen gibt. Denn eins ist auch klar: Zu hoch sollten die Erwartungen nach so kurzer Zeit nicht sein. Viel wird davon abhängen, ob seine Spieler ihn besser verstehen als Siri.

Eine ausführliche Gegnervorschau zu Olympiakos Piräus findet ihr hier.

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