Gladbach stürzt Bayern in die Krise

Justin Trenner 07.10.2018

Schockstarre. Nach Abpfiff ist eigentlich kaum zu begreifen, was da gerade passierte. Bayern verlor ein Spiel ohne große Chancen mit 0:3. Die Leistung sorgt dabei für Fragezeichen über den Köpfen der Fans.

Expected Goals zählte 0,56 zu 0,56 Tore. Es ist also legitim, von einer ordentlichen Defensivleistung zu sprechen. Absurd.

Nun ist diese Statistik nicht ohne Lücken. Bei allen Gegentoren wirkte die Mannschaft erneut instabil. Doch das Hauptproblem liegt trotzdem in der Offensive. Hinten war es weder eine außer- noch eine ungewöhnliche Leistung der Mannschaft. Es war eine, die an normalen Bundesliga-Tagen zum Sieg reicht. Aber solche normalen Tage gibt es derzeit nicht, weil in Ballbesitz zu wenig Druck nach vorne entwickelt wird.

Schon vor dem Spiel analysierten wir die taktischen Schwachpunkte im Mittelfeld. Auch gegen Gladbach offenbarten sich diese Probleme.

Taktik, Kaderplanung und Pech

Es muss dieser Tage klar kritisiert werden, dass Kovač darauf keine richtigen Lösungen findet. Die Bayern wirken statisch und ohne jegliches Tempo. Aber er probiert immerhin etwas, stellt personell regelmäßig um. Nur zu reichen scheint das nicht.

Zwangsweise führt diese Kritik auch zur Kaderplanung. Zunehmend offenbart sich, wie schwerwiegend der Ausfall von Kingsley Coman wirklich ist. Robben und Ribéry sind einerseits schlecht integriert, andererseits kommt von ihnen nichts überraschendes mehr.

Kovač kann nichts dafür, dass der Klub mit den beiden verlängerte. Er kann auch nichts dafür, dass ihm der vierte Außenverteidiger ersatzlos verkauft wurde. Wenn hier und da von einem zu dünnen Kader die Rede ist, meint das vor allem die Tatsache, dass 19 Feldspieler nicht zu wenig, sondern die Qualität der älteren Generation wohl nicht mehr ausreichend ist.

Der Trainer kann aber sehr wohl was dafür, dass die Abstände im Mittelfeld oft zu groß sind. Letztendlich ist der Kader keine Ausrede, die alleinstehend einen guten Eindruck macht. Diese Spieler – und das haben die ersten Wochen der Saison bewiesen – können immer noch ganz passabel gegen den Ball treten. Sie sollten in der Lage sein, Mannschaften wie Augsburg, Hertha und Gladbach zu jeder Zeit zu kontrollieren.

Gegen Gladbach sah zu Beginn sogar alles danach aus, dass der Knoten endlich platzen würde. Bayern spielte dominant, presste den Gegner gut und setzte das um, was zuletzt vermisst wurde. Sie drückten den Gegner an den eigenen Strafraum. Noch ohne die letzte Konsequenz, aber mit wachsendem Selbstvertrauen. Das war zu spüren. Es war eine Frage der Zeit, bis endlich der erste richtig harte Schlag der Münchner ausgeteilt werden würde.

Plötzlich aber klatscht es zweimal. Wären Bayern und Gladbach Profiboxer, so sah es in der ersten Runde stark nach einem frühen Sieg des Favoriten aus. Die Münchner legten sich ihren Gegner zurecht und warteten auf den richtigen Moment. Doch aus dem Nichts setzte der Außenseiter zwei Schläge mitten auf die Bayern-Nase, die bereits aus vorherigen Kämpfen lädiert war.

Bayern taumelte nur noch von Runde zu Runde, fand vor lauter Unsicherheit nicht mehr in den Kampf. Und hier liegt das eigentliche Problem der aktuellen Situation.

Es ist ein bisschen absurd. So gut der Start war, so beeindruckend schwach war die Leistung nach dem frühen Doppelschlag. Es wird deutlich, wie sehr die Krise auch Kopfsache ist.

Hätte der FC Bayern in der Anfangsphase etwas mehr Spielglück gehabt, so hätte der Knoten auch platzen können. Doch er platzte nicht. Er verknotete sich noch weiter. Fußball ist manchmal verrückt.

Bei aller berechtigten Kritik ist es deshalb weiterhin wichtig, die Situation einzuordnen. Kovač muss sich ebenso hinterfragen wie ein Großteil des Kaders. Auch Entscheidungen des vergangenen Sommers rücken immer stärker in ein anderes Licht. Es wird zu beobachten sein, wie sehr einzelne Spieler noch die Mentalität und den Ehrgeiz mitbringen, dem Erwartungsdruck beim FC Bayern standzuhalten. Wer könnte es jemandem verübeln, der alles gewonnen hat und seit Jahren vom System Fußball wie eine Zitrone ausgepresst wurde? Doch dann müssen die Verantwortlichen reagieren.

Der Faktor Zeit

Dann hätten sie vielleicht schon früher reagieren müssen. Jetzt eine Ferndiagnose darüber zu stellen, ob das bei einigen Spielern der Fall ist, wäre trotzdem nicht fair. Es wäre sogar verfrüht. Eindrücke sollten weiter bis mindestens Winter Eindrücke bleiben. Zeit ist beim FC Bayern ein hohes Gut. Doch wenn Kovač nach vier sieglosen Spielen schon keine Chance mehr erhält, entscheidend einzulenken, muss man sich ernsthaft fragen, wohin sich Fußball und Klub entwickelt haben.

Laufen die ersten 15 Minuten dieses Spiels in Nuancen anders, geht Gladbach vielleicht als Verlierer vom Platz. Dann würde dieser Artikel vielleicht davon handeln, wie die Münchner sich langsam zur Befreiung spielten.

Das darf bei aller Kritik nicht vergessen werden. Fußball ist manchmal brutal und folgt keinerlei Logik. So müssen wir jetzt über Einstellung, das Verhalten nach Rückschlägen und taktische Defizite sprechen. Aber hätte Matthias Sammer, den viele Münchner derzeit vermissen, nach so einem Spiel auf die Mannschaft eingeprügelt?

Vermutlich hätte er sie in Schutz genommen und die Länderspielpause als willkommenen Cut ausgerufen. Danach wird man zusammen neu angreifen müssen. Mit neuen Ideen, neuem Mut und hoffentlich etwas mehr Glück. Da nimmt sich Kovač auch nicht aus der Verantwortung. Der Trainer wird über personelle Wechsel hinaus etwas verändern müssen.

Denn frei nach Kimmich ist immer Pech sicher kein Zufall. Der FC Bayern braucht deshalb schleunigst gute Ergebnisse. Und dann steht es außer Frage, dass die taktischen Schwierigkeiten allein durch höheres Selbstvertrauen wieder etwas in den Hintergrund gedrängt werden können.

Doch dieses Selbstvertrauen muss Kovač wieder stärken. Es ist vor allem im mentalen Bereich eine große Herausforderung für den FC Bayern, die in den kommenden Wochen bevorsteht. Kovač ist vielerorts angezählt. Doch der Klub sollte gerade jetzt Zusammenhalt zeigen und alles daran setzen, gemeinsam aus dieser Situation herauszukommen.

Jener Zusammenhalt, den die Südkurve während des Spiels und nach Abpfiff vorbildlich vorlebte. Denn die Lösung der Probleme ist längst kein Ding der Unmöglichkeit. So dramatisch die Aktualität gerne dargestellt wird, so schnell kann sich das Blatt auch wieder wenden.

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