Verdienter Abschied aus Europa

Tobi Trenner 13.03.2019

Nach der Auslosung galten die Gäste aus Liverpool über viele Wochen als klarer Favorit in diesem Achtelfinale. Die leichte Formkrise der Engländer, ein plötzliches Wiedererstarken der Bayern sowie das überraschende 0:0 im Hinspiel konnten in München jedoch eine unerwartete Hoffnung erzeugen.

Doch schon der Spielverlauf in Liverpool bestätigte, dass sich der FCB nur mit der nötigen Portion Glück durchsetzen kann.

Falls ihr es verpasst habt:

Bayerntrainer Niko Kovač war im Vergleich zum Hinspiel zu zwei Änderungen gezwungen. So galt es, den gelbgesperrten Joshua Kimmich und den stark angeschlagenen Kingsley Coman zu ersetzen. Zudem war auch der zuletzt im Aufwind befindliche Thomas Müller noch rotgesperrt. Stattdessen rückten mit Rafinha und Ribéry die kaderpolitisch sichersten Optionen in die Startelf.

Auf der anderen Seite durfte sich Jürgen Klopp über die Rückkehr des im Hinspiel gesperrten Abwehrchefs Virgil van Dijk freuen, für ihn wich Fabinho auf die Bank. Im Mittelfeld startete Routinier James Milner für den verletzten Naby Keïta. Darüber hinaus gab es keine Überraschungen.

Die ersten Minuten der Partie gehörten zur Kategorie “Abtasten”. Liverpool presste wie üblich phasenweise hoch, Bayern zeigte sich in Ballbesitz vorsichtig und eher tiefstehend. Den ersten Torschuss setzte Thiago nach acht Minuten über das Tor, nachdem Liverpool einen unnötigen Ballverlust im Umschaltspiel erlitten hatte. Die Bayern verschoben das Spiel in dieser Phase zusehends in des Gegners Hälfte.

Gästekapitän Henderson musste nach 13 Minuten ausgewechselt werden. Er war zuvor im Zweikampf gegen James umgeknickt, eine zwischenzeitliche Behandlung brachte keine Heilung ein. Für ihn kam – nun also doch – Fabinho, ein taktisch wie qualitativ ebenbürtiger Wechsel.

Das Spiel war auch weiterhin beidseitig auf Risikominimierung fokussiert. Die Bayern hatten mehr Ballbesitz, konnten diesen aber nicht kreativ ausspielen. Liverpool, in langen Umschaltmomenten noch ohne Effekt, drängte aggressiver auf frühe Ballgewinne. Dies schmeckte den Münchnern offensichtlich nicht.

In der 26. Minute passierte es dann aus dem Nichts. Kurz zuvor verzog Firmino noch aus der Distanz, nun reichte ein einfacher langer Ball auf Mané. Rafinha und Neuer verschätzen sich jeweils im Zweikampf, sodass der Außenstürmer praktisch ins verwaiste Tor einschieben konnte. Aus Bayernsicht ein unnötiges wie billiges Gegentor, vergleichbar mit dem Ausscheiden gegen Real Madrid im Jahr zuvor.

Nun öffnete sich die Partie. Die Zeit des behutsamen Ballbesitzes war vorbei. Im Offensivspiel war den Bayern jedoch die fehlende Dribbelkunst anzusehen, zumal Serge Gnabry selten Ausführender der Gegenstöße war. In diesen Situationen fehlte ein Nadelspieler wie Müller oder Goretzka, James Rodríguez ist der falsche Spieler für diese Rolle.

Zehn Minuten vor der Pause parierte Manuel Neuer einen Schuss von Robertson aus spitzem Winkel. Beide Mannschaften wurden vertikaler. Und dann war es wieder ein langer Ball: Niklas Süle spielt den Ball hinter die Abwehr, Gnabry setzt sich durch, die Hereingabe wird von Matip ins eigene Tor gespitzelt. Plötzlich stand es 1:1, ein gerechtes Ergebnis (39.).

In der 44. Minute durfte sich David Alaba aus etwa 30 Minuten an einem direkten Freistoß probieren, welcher jedoch etwas zu schwach und somit für Allison haltbar war. Die Bayern wollten die Führung vor dem Pausentee – doch es wurde nichts.

Liverpool kam druckvoller in die zweite Hälfte. Nach einer Bayernecke starteten die Gäste einen der gefürchteten Konter, Salahs Abschluss war jedoch zu zentral und wurde von Neuer weg gefaustet. Den Bayern war nun die Nervosität anzusehen. Es galt diese Phase unbeschadet zu überstehen, von Spielkontrolle keine Spur.

Dennoch fast die Führung nach einer Stunde, diese Hereingabe von Gnabry geht allerdings an Freund wie Feind vorbei. Im Anschluss kam Coman für Ribéry und damit die Hoffnung auf mehr Gefahr in Umschaltsituationen. Die Spielanteile hätten in dieser Phase auf eine umgekehrte Situation schließen lassen können, Bayern konzentrierte sich auf Konter.

Dann die Quittung für passives Spiel: Einen ersten gefährlichen Eckball konnte Manuel Neuer noch um den Pfosten lenken, die folgende Ecke drückte van Dijk über die Linie (69.). Die Vorentscheidung?

Zunächst agierte weiter Liverpool, die Gäste wollten nun die endgültige Entscheidung. Niko Kovač brachte Goretzka für Martínez – ein taktisch sehr sinnvoller Wechsel, der jedoch primär ergebnisbedingt erfolgt sein dürfte. In der ersten Schlussdrangphase der Münchner verdribbelte sich Salah und vergab so eine Riesenchance zum Todesstoß. Ob dieser überhaupt notwendig sein würde, durfte immer mehr bezweifelt werden, die Bayern präsentierten sich schlicht zu kraft- und ideenlos.

Nach 84 Minuten war es endgültig vorbei. Nach Flanke von Salah köpfte Mané zum 3:1. Die Allianz Arena verstummte kurz völlig. Die letzten Minuten waren nicht mehr relevant.

3 Dinge, die aufgefallen sind:

1. Der Bleistift Bayern

Stabilität als oberstes Gebot – kein verrückter Ansatz gegen diesen Gegner. Im Laufe der 180 Minuten gegen Liverpool zeigte sich jedoch immer wieder, dass Bayern nicht Atlético ist. Offensive Nadelstiche waren Mangelware und zumeist nur durch lange Bälle auf Gnabry möglich. Ein Umschaltkonzept war eventuell vorhanden, umgesetzt wurde es kaum.

Coman fehlte in beiden Partien die Fitness, Lewandowski fehlte die Form, Ribéry fehlte der Jungbrunnen und James fehlte der Körper. Serge Gnabry allein konnte es nicht richten. Das Dreiermittelfeld war auf Pressingresistenz und Abdeckung ausgelegt, ein nachrückender Achter war nicht vorgesehen.

So zeigte sich der FC Bayern wie ein Bleistift: scheinbar stabil, unter hohem Druck dennoch brüchig – und gänzlich farblos.

2. International zweite Wahl

Gegen einen solchen Gegner kann man ausscheiden, fraglos. Auch die vielerorts zunächst einkalkulierte Blamage blieb aus. Und doch umhüllte dieses Achtelfinale ein Gefühl, welches sich seit einigen Jahren mehr und mehr in der Allianz Arena wohlfühlt: die klare Außenseiterrolle.

Sobald der FCB auf die absoluten Hochkaräter trifft, wird aus dem üblichen “Mia San Mia” ein “Jetzt Erst Recht”. Gegen Topklubs wird nicht mehr verloren, es kann nur gewonnen werden. Kurzum: Der Münchner Status als europäische Mannschaft erster Klasse ist verloren.

Uli Hoeneß hat bereits eine Transferoffensive angekündigt. Wer sich die Ablösesummen anschaut, dürfte sich schnell bewusst werden, dass eine Münchner Offensive international eine übliche Shoppingtour ist.

Wer nicht mehr zahlen kann, muss schlauer agieren. Ob die aktuellen Trainer- und Managementteams das können, bleibt offen. Bis dahin bleibt in der Königsklasse der Traum des Außenseiters.

3. Danke!

Für Franck Ribéry und eventuell Rafinha dürfte dies der letzte Champions-League-Auftritt im Bayerndress gewesen sein. Arjen Robben, leider verletzt, verabschiedete sich (gänzlich unbewusst) bereits vor Monaten. Alle drei prägten auf ihre Art und Weise eine Ära. Für Verabschiedungen ist es zu früh. Doch schon an dieser Stelle: vielen Dank für viele großartige Abende!

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