Supercup: Borussia Dortmund – FC Bayern München 0:2 (0:0)

Justin Trenner 14.08.2016

Das Duell der beiden besten deutschen Mannschaften versprach auch aufgrund der drei Transfers von Rode, Götze und Hummels viel Brisanz. Die Aufstellungen zeigten zudem, dass die Trainer gewillt waren, diesen Pokal zu gewinnen.

Falls Ihr es verpasst habt:

Carlo Ancelotti setzte auf das wahrscheinlich bestmögliche Team. Vor Manuel Neuer agierten Alaba, Martínez, Hummels und Lahm. Alonso, Thiago sowie Vidal positionierten sich allesamt im zentralen Mittelfeld, während Ribéry, Müller und Lewandowski das 4-3-3/4-1-4-1 komplettierten.

Supercup 2016 Dortmund Bayern FormationsSupercup 2016: Borussia Dortmund gegen FC Bayern München, Grundformationen

Auf der anderen Seite verzichtete Thomas Tuchel auf Götze, Schürrle, Guerreiro, schickte aber dennoch eine schlagfertige Mannschaft auf den Platz. Passlack, Sokratis, Bartra und Schmelzer bildeten die Viererkette vor Roman Bürki. Rode bekam im zentralen Mittelfeld hinter Castro und Kagawa seinen ersten Pflichtspiel-Einsatz. Vorne im Angriff setzte der Trainer des Gastgebers auf Neuzugang Dembélé, Ramos sowie Aubameyang. Auch seine Grundausrichtung war ein 4-3-3 bzw. 4-1-4-1.

Die Bayern starteten sehr mäßig in die Partie und hatten zunächst Probleme ihren Rhythmus zu finden. Speziell auf das hohe Pressing der Dortmunder schienen sie im Aufbau kaum Lösungen zu entwickeln. Viele lange Bälle sowie die ersten guten Gelegenheiten durch Kagawa (6.) und Aubameyang (8.) resultierten daraus. Auch die dritte Chance des Spiels hatten die Dortmunder. Nach einem Standard war es wieder der Gabuner, der ziemlich frei vor Neuer auftauchte. Die Gelegenheit blieb jedoch erneut ungenutzt (11.).

Der BVB war von Beginn an die klar bessere und dominantere Mannschaft. Eine komplett ausgeglichene Ballbesitzstatistik nach 20 Minuten und 3:0 Abschlüsse zugunsten des Gastgebers belegten diesen Eindruck. Die erste annähernd gefährliche Situation ergab sich für den Meister, als Lewandowski die linke Seite überlud. Nach einer schönen Kombination und einem guten Laufweg von Müller, verpasste der Pole allerdings den Zeitpunkt für einen Abschluss (24.).

In der 28. Spielminute sorgte Ribéry dann erstmals für Aufsehen, allerdings auf negativem Weg. Der Franzose ließ sich von Passlack erneut leicht provozieren und zu einer unnatürlichen Bewegung mit seinem Arm hinreißen. Nicht zum ersten Mal kam er mit der gelben Karte davon. Auch in der Folge bekam der Rekordmeister das Spiel nicht in den Griff. Eine Doppelchance hätte eigentlich die verdiente Führung sein müssen, doch wieder reichte es nicht (33.). Wenig später war es Manuel Neuer, der Ramos’ Schuss aus spitzem Winkel parierte (35.). Der BVB erhöhte nun die Schlagzahl und ließ Bayern kaum noch aus der eigenen Hälfte kommen.

Beinahe gelang Vidal dann jedoch die zum Zeitpunkt unverdiente Führung. Nachdem Martínez mit einem starken Dribbling und hervorragender Übersicht einen Angriff inszinierte, vergab der Chilene allerdings die größte Chance der Gäste (39.). Dortmund schien sich jetzt eine kleine Ruhephase zu gönnen und so hatte Lewandowski die nächste gute Möglichkeit. Bürki war aber zur Stelle (43.). Bis zur Pause passierte dann nicht mehr viel und so blieb es beim für die Bayern glücklichen 0:0.

Martínez im Zweikampf mit Castro(Foto: Sascha Steinbach / Bongarts / Getty Images)
Martínez im Zweikampf mit Castro
(Foto: Sascha Steinbach / Bongarts / Getty Images)

Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufhörte. Dortmund hatte mehr vom Spiel und kam durch Passlack auch zur ersten Chance nach dem Seitenwechsel. Manuel Neuer parierte jedoch großartig (50.). Auch Dembélés abgefälschten Schuss in der 57. Minute konnte der Welttorhüter gekonnt abwehren. Dortmund ließ einiges an Chancen liegen und wurde dafür tatsächlich bestraft. Arturo Vidal brachte den Deutschen Meister nach Lewandowski-Vorlage überraschend in Führung (59.). Der Treffer stellte den Spielverlauf komplett auf den Kopf.

In der 65. Minute wechselte Ancelotti erstmals aus. Für den bemühten, aber oft unglücklichen Ribéry kam Kingsley Coman. Auch Tuchel reagierte und tauschte Ramos sowie Dembélé gegen Weigl und Schürrle (69.). Wenig später mussten die Bayern schon wieder wechseln. Vidal humpelte vom Platz und wurde von Kimmich ersetzt (71.). Der 21-Jährige übernahm die Rolle des Chilenen. Die Gäste ließen sich in den letzten 20 Minuten noch tiefer fallen und versuchten das Spiel nun endgültig vor allem ohne Ball zu kontrollieren.

In der 78. Minute zog der Trainer der Dortmunder seinen letzten Wechsel und brachte Emre Mor für Aubameyang. Kurz darauf sorgte Müller für die Entscheidung. Mats Hummels bereitete nach einer Ecke den Treffer des Stürmers mit dem Kopf vor (80.). Auch Ancelotti wechselte zum letzten Mal und nahm den Torschützen zum 2:0 vom Spielfeld, um Rafinha noch einige Minuten zu geben (87.). Bis zum Abpfiff passierte nicht mehr viel und so sicherte sich der FC Bayern den ersten Titel der Saison.

3 Dinge, die auffielen:

1. Fehlender Rhythmus als Grund für fehlende Struktur?

Der FC Bayern fand speziell in der ersten Halbzeit überhaupt nicht ins Spiel. Manuel Neuer, Mats Hummels, Robert Lewandowski, Thomas Müller… Die Liste der Spieler, die gerade erst aus dem Urlaub zurückkehrten, ist lang. Das alleine könnte eine logische Begründung dafür sein, dass der BVB die dominantere und auch bessere Mannschaft war. Der Gastgeber wirkte eingespielter, gedanklich schneller und drückte den Rekordmeister immer wieder in die eigene Hälfte.

Mit 51,9% hatten die Dortmunder mehr Ballbesitz als die Elf von Carlo Ancelotti. Hatten die Gäste mal das Spielgerät in den eigenen Reihen, waren sie entweder mit dem hohen Pressing des Gegners überfordert oder verloren es wieder durch einfache Ballverluste. Obwohl Alonso immer wieder abkippte, gab es keine Lösungen im ersten und zweiten Drittel. Die Struktur im Spielaufbau, die unter Pep Guardiola so immens wichtig war, gab es fast gar nicht zu sehen. Vidal war häufig zu hoch oder zu tief positioniert und Thiago stand oftmals ebenfalls sehr tief. Der Spanier war jedoch der Spieler, der das Pressing des BVB immer wieder gut auflöste. Die fehlende Struktur machte es auch Hummels sehr schwierig. Er hatte nicht nur Schwierigkeiten in der Vertikalität, sondern wirkte auch sonst noch so, als wäre der Urlaub nicht vorbei. Grundsätzlich ist das aber nachvollziehbar, weil auch ein gestandener Verteidiger wie er Zeit benötigen wird.

(Foto: PATRIK STOLLARZ / AFP / Getty Images)
(Foto: PATRIK STOLLARZ / AFP / Getty Images)

Alles in allem war diese Hilflosigkeit in der Ballzirkulation durchaus erschreckend. Bis auf Vidals Großchance kamen die Bayern im ersten Durchgang nicht ein Mal gefährlich vor das Tor von Bürki. Es ist möglich, dass Tuchels Mannschaft einfach deutlich eingespielter und weiter ist, aber zwei Wochen vor Bundesliga-Start ist die gezeigte Leistung zu wenig.

Auch wenn Ancelottis System nicht zwingend auf Ballbesitz ausgelegt ist, sollte man erwarten können, dass dieses Team Kontrolle in eine Partie bringen kann. Das gelang diesmal nicht, weil zum einen der Gegner extrem stark war, zum anderen aber auch individuell sowie mannschaftstaktisch nur sehr wenig funktionierte. Speziell die strukturellen Probleme werden den neuen Trainer der Bayern in den nächsten Wochen beschäftigen (müssen). Zumindest die zweite Halbzeit ließ darauf hoffen, dass der fehlende Rhythmus der Hauptgrund dafür ist.

2. Überladungen und tiefes Pressing

Dass Ancelottis Bayern nicht so risikoreich gegen den Ball agieren würde wie noch in den letzten Jahren, war zu erwarten. Es war dennoch überraschend, dass der BVB deutlich mehr Spielanteile hatte.

Nachdem der Rekordmeister zunächst überhaupt nicht in die Partie kam, schienen sie in der zweiten Halbzeit aber tatsächlich mehr Kontrolle über das Spiel zu bekommen. Dortmund hatte zwar weiterhin viele Ballbesitzphasen, kam aber zu deutlich weniger Chancen als zu Beginn der Begegnung. Der zweite Durchgang war ein Fingerzeig darauf, wie der FC Bayern in Zukunft gegen starke Teams spielen könnte. Ein tiefes Mittelfeldpressing und ein kompaktes, für den Gegner schwer zu knackendes 4-4-2. Das war nicht immer attraktiv, führte aber zur sichtbaren Verzweiflung der BVB-Offensive je länger das Spiel andauerte.

Es war sehr ungewohnt den Rekordmeister so zu sehen und lässt sicherlich die Frage offen, ob diese Spielweise immer so funktionieren kann. In der ersten Halbzeit hätten die Dortmunder schon deutlich in Führung sein können, aber diesmal war dies nicht der Fall.

Auch mit dem Ball scheint das Spiel durchschaubarer zu werden. Bayern kreierte wenige Chancen, nutzte diese aber extrem effektiv. Thiago übernimmt im Zentrum eine sehr wichtige Rolle. Der Spanier löste mehrmals Pressingsituationen auf, beteiligte sich aktiv am Spielaufbau und sorgte auch im letzten Drittel für Lösungsansätze. Darüber hinaus wird auch immer deutlicher, dass Alonsos Abkippen wieder sehr häufig zu sehen sein wird. Als erster Aufbauspieler im Zentrum versucht er den Takt zu bestimmen, was ihm in Dortmund nicht immer gelang. Das bisher wichtigste Stilmittel Ancelottis ist aber das Überladen des Flügels. Im Supercup-Endspiel war es vor allem die linke Seite von Franck Ribéry und später Kingsley Coman. Da nur ein Eins-gegen-Eins-Spieler auf dem Feld war, machte das auch Sinn. Immer wenn Lewandowski auf den Flügel auswich, rückte Müller ins Zentrum. Aus diesen Situationen entstanden die gefährlichsten Chancen der Bayern.

Mit einem zweiten Dribbler könnte dieser Ansatz in den nächsten Wochen noch variabler praktiziert werden. Gegen den BVB war das alles noch etwas berechenbar und eintönig.

3. Die Standortbestimmung

In der Vorschau sprachen wir von einer Standortbestimmung. Das Spiel zeigte, dass der BVB in der Vorbereitung schon deutlich länger zusammenarbeitet als die Bayern. Automatismen, Variabilität in der Offensive und die Mehrzahl an Chancen sprachen für den Gastgeber. Dass der Rekordmeister jedoch in die Begegnung fand und nach dem Führungstor auch die bessere Mannschaft war, macht zumindest Hoffnung.

Es gab trotz der vielen Probleme auch einige positive Aspekte. So machte Manuel Neuer ein fast schon gewohnt starkes Spiel. Er und der ebenfalls überzeugende Javi Martínez, waren der Grund dafür, dass es zur Pause noch 0:0 stand. Der Spanier machte einen großartigen Job und glänzte nicht nur mit vielen gewonnen Zweikämpfen, sondern auch mit Offensivdrang. Oft wird dem 27-Jährigen nachgesagt, dass der Spielaufbau nicht zu seinen Stärken zähle. Zumindest im Supercup zeigte er aber, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.

Auch Thiago bestätigte den positiven Trend, der in den Testspielen zu beobachten war. Er wirkt ballsicher, trifft kluge Entscheidungen, ist der vermutlich pressingresistenteste Spieler im Kader und macht auch gegen den Ball kluge Dinge. Verbesserungsbedarf besteht sicherlich in seiner offensiven Durchschlagskraft, doch aktuell ist er ein sehr wichtiger Spieler für die Bayern. Gerade in den ersten Wochen, wo einige Akteure noch mit Rhythmusproblemen zu kämpfen haben werden, braucht es einen starken Thiago.

Will man ein Fazit zur Standortbestimmung ziehen, so kann man vieles auf die fehlende Spielpraxis reduzieren. Die strukturellen Probleme sind nicht wegzudiskutieren, aber je länger das Spiel dauerte, umso besser bekamen die Münchner diese in den Griff. Eine spannende Frage wird auch sein, ob das Spiel ohne Ball gegen stärkere Teams Sinn ergibt, oder ob es Dortmund nicht in die Karten gespielt hat.

Das Ergebnis spricht für dieses System, aber mit mehr Abschlussqualitäten auf Seiten des BVB hätte das Spiel schon in der ersten Halbzeit zugunsten des Gastgebers entschieden sein können.

Borussia Dortmund – FC Bayern München 0:2 (0:0)
Dortmund Bürki – Passlack, Sokratis, Bartra, Schmelzer – Castro, Rode – Ramos (69. Weigl), Kagawa, Dembélé (68. Schürrle) – Aubameyang (78. Mor)
Bank Weidenfeller, Götze, Guerreiro, Piszczek
FC Bayern Neuer – Lahm, Martínez, Hummels, Alaba – Vidal (71. Kimmich), Alonso, Thiago – Müller (86. Rafinha), Lewandowski, Ribéry (65. Coman)
Bank Ulreich, Bernat, Green, Feldhahn
Tore 0:1 Vidal (58.), 0:2 Müller (79.)
Karten Gelb: Passlack, Dembélé, Rode / Martínez, Ribéry, Alonso
Schiedsrichter Tobias Welz (Wiesbaden)
Zuschauer 81.360 (ausverkauft)

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