Kovač: “Auf gewisse Situationen reagieren”

Vier Pflichtspiele, vier Siege, 12:1 Tore, Tabellenführer – die ersten Meter als Bayern-Trainer hat Niko Kovač im Vollsprint gemeistert. Gerade in Stuttgart zeigte er dabei, dass er es mit seinen Ankündigungen ernst meint.

Robert und Niko Kovač wirken sehr gelassen. Transfergerüchte, die Coman-Verletzung, Diskussionen um die Superstars auf den Flügeln – es gab durchaus ein wenig Unruhe in München. Bei den Dreharbeiten für Paulaner sahen sich die Brüder beim Anstoßen tief in die Augen und lächelten. Als wollten sie sich gegenseitig für ihre ersten Wochen gratulieren.

Man müsse “immer auf gewisse Situationen reagieren können”, sagte Kovač noch im letzten Trainingslager der Vorbereitung. Flexibilität war eines der Worte, das der Trainer am häufigsten gebrauchte, um seine Pläne zu erklären. Er habe den Kader dazu und wolle beispielsweise, dass die Mannschaft aus einer Vierer- schnell eine Dreierkette machen kann.

Schon gegen die TSG Hoffenheim zeigte sich in der Anfangsphase der Partie, dass Kovač kein Phrasendrescher ist. Zur Halbzeitpause konnten sich die Gäste glücklich schätzen, dass es nur 1:0 für den Rekordmeister stand. Intensität, Laufbereitschaft, Disziplin – diese Werte fordert der 46-Jährige ein.

Doch gerade im ersten Auswärtsspiel der Bundesliga-Saison offenbarte Kovač, dass er noch viel mehr sein kann als ein “Quälix”, der seine Spieler ans physische Maximum führt. Zweifel waren ja durchaus da, dass seine Zeit in Frankfurt überschätzt wurde.

Schon da war er als Trainer bekannt, der auf Spielsituationen reagierte, das System wechselte und in der strategischen Ausrichtung Flexibilität bewies. Doch würde das alles für den großen FC Bayern reichen?

Erster Fingerzeig von Kovač

Die Frage ist definitiv zu groß, um sie nach nur vier Pflichtspielen beantworten zu können. Kovač gelang gerade einmal der erste Schritt in das Alltagsgeschäft in München. Er hatte bis jetzt noch nicht viele Rückschläge zu verkraften und im Team gibt es keinerlei Unruhen.

Doch genau das ist auch ein großer Verdienst des Trainers, der in seinen ersten Wochen ein unfassbares Selbstbewusstsein ausstrahlt. Mit seinen Aussagen zu Jérôme Boateng setzte er seine Bosse fortlaufend unter Druck. Ein Verkauf des Innenverteidigers wäre somit auch eine Watschn für den Trainer gewesen. Am Ende behielt er die Oberhand und Hoeneß sagte dem kicker: “Außerdem wollten wir unserem Trainer, der diesen Spieler unbedingt behalten wollte, diesen Gefallen tun.”

Mit seiner Art und Weise scheint er nicht nur die Bosse zu beeindrucken, sondern auch den Kader im Griff zu haben. Erste kleine Anzeichen, dass Robben und Ribéry mit ihrem Ehrgeiz für Unruhe sorgen könnten, erstickte er im Keim. Gleichzeitig sendete er aber auch klare Signale, dass die beiden Stars keinerlei Vorrecht auf eine Stammelf-Position haben. Schon im ersten Spiel saß Robben auf der Bank, weil Coman den stärkeren Eindruck machte.

Kovač gibt dem Verein derzeit eine Ruhe in der Außendarstellung, die andere nicht ausstrahlen können.
(Foto: Alexander Hassenstein/ Bongarts / Getty Images)

Allein durch James und Gnabry, die nach Verletzungen zurück sind, bieten sich Kovač nun noch mehr Möglichkeiten, um zu rotieren. Er kündigte bereits an, die Breite seines Kaders voll ausnutzen zu wollen.

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Gegen Stuttgart rotierte Javi Martínez aus zwei naheliegenden Gründen auf die Bank. Einerseits war der Spanier zuletzt nicht in überragender Form und andererseits sah der Trainer in Goretzka eine Option, die mehr Durchschlagskraft gegen eine Mannschaft bringen könnte, die er sehr tiefstehend erwartete.

Kovač behielt Recht. Seine Spieler akzeptieren diese Entscheidungen bis jetzt genau aus diesem Grund. Spannend wird es, wenn der Trainer erste Fehlentscheidungen trifft. Dann wird sich zeigen, wie viel seine Ruhe und seine Ausstrahlung wert sind. Gerade in diesem Bereich liegen aber seine Stärken. Besonders wichtig ist dabei, dass er sich für jeden Spieler die Zeit nimmt, um seine Entscheidungen zu erklären. Und so darf gehofft werden, dass Kovač auch in schwierigeren Phasen der richtige Mann ist, um die positive Teamdynamik aufrecht zu erhalten.

Wieder mehr Werkzeuge für die Strategie?

Wenn man ein Baumhaus bauen möchte, braucht man Bretter, Nägel und einen Hammer. Wer talentiert genug ist, wird damit klarkommen und ein Endprodukt erschaffen, das zufriedenstellend ist. Carlo Ancelotti war ein Handwerker, dem es auf Zeit gelang, seine Anleitung in aller Kürze so zu formulieren, dass die Mannschaft ein ordentliches Baumhaus errichtete.

Unter Pep Guardiola war sie es allerdings gewohnt, neben den normalen Werkzeugen auch eine Säge, weitere Arten von Holz und Nägeln sowie ein Pflegeöl zum Imprägnieren zur Verfügung zu haben. Mit Ancelotti als Bauleiter fiel das errichtete Baumhaus schnell wieder ein, weil es einerseits nicht allen Umständen standhalten konnte und weil es auf der anderen Seite nicht ausreichend gepflegt wurde.

Heynckes klebte es irgendwie wieder zusammen, doch so richtig schön sah das letztendlich auch nicht aus – zweckmäßig halt. Nun kommt also Niko Kovač und er deutete in Stuttgart bereits an, dass er seinen Spielern wieder mehr Werkzeuge zur Verfügung stellen wird.

In den ersten vier Spielen war das Gegenpressing der Bayern gut bis herausragend. Aber auch in längeren Phasen ohne Ball wirkte die Mannschaft sehr stabil. Das liegt daran, dass sich das Positionsspiel unter dem neuen Trainer bis jetzt sukzessive verbessert hat. Der Druck in der Offensive ist durchstrukturiert und geplant.

Sehen die Bayern keine Situation, in der sie den Ball gewinnen können, lassen sie sich in ein höheres Mittelfeldpressing fallen. Alles wirkt trainiert und die Handschrift des Trainers ist bereits erkennbar. Schon unter Heynckes wurde das Pressing wieder variabler und besser, Kovač macht genau dort weiter.

Mit Ball gab es zunächst ein paar Probleme, die wiederkehren werden. Gerade auf der Außenbahn fehlt mit Ribéry und Robben eine gewisse Grundgeschwindigkeit. Besonders problematisch war, dass Ribéry in Stuttgart nicht eines seiner 13 Duelle gewinnen konnte.

Er läuft sich fest, verliert Bälle und öffnet dem Gegner damit Räume. Besonders dann, wenn die Bayern wie in Stuttgart sehr viel Risiko in ihrer Positionierung gehen. In der ersten Halbzeit standen die Achter so hoch, dass sie eine bessere Absicherung benötigt hätten.

Normalerweise ist Javi Martínez dafür zuständig, der diesen Bereich in einer Breite verteidigen kann, die im Weltfußball einmalig ist. Doch Kovač entschied sich für Thiago, weil der eben der bessere Spielmacher ist. Ohne Thiago wäre es an diesem Abend kaum möglich gewesen, die weiten Wege zu den Zielspielern auf der Acht zu finden.

Bayerns Positionsspiel in Stuttgart war vielversprechend.

Ohnehin liegt der Fokus im Spiel der Bayern weiter auf den Halbräumen. Müller verschob einige Male sogar auf die Goretzka-Seite, um dort zu überladen. Wichtig ist aber, dass diese Abläufe durchdacht wirken. Es werden bereits erste Ideen des Trainers sichtbar, wie das fehlende Tempo durch Kombinationen aufgefangen werden kann.

Auch Thiagos Vorrücken nach dem Initialpass war ein herausragendes Beispiel für solche Abläufe. Damit bot der Spanier sich direkt hinter den fünf Offensivspielern in gefährlichen Zonen an, und hatte nach Abklatschern das Spiel vor sich.

Das Problem mit der Absicherung löste Kovač im Laufe des Spiels mit seinen Außenverteidigern. Wenn es die Situation hergab, sicherten sie etwas eingerückt ab. Dadurch funktionierte nicht nur die Ballzirkulation besser, sondern das Gegenpressing gewann ebenfalls an Druck. Stuttgart konnte sich in keiner Situation mehr befreien und blieb dem Tor der Gäste damit fern. In einem Video erklären wir anschaulich und im Detail, was das Positionsspiel von Kovač in Stuttgart ausmachte.

Positive Grundstimmung

Bei aller berechtigten Euphorie muss dennoch ein kleines “Aber” geäußert werden. Es war eben nur Stuttgart, denen die Lösungen sowie die nötige Form komplett abgingen. Gegen Hoffenheim gab es nach der Coman-Verletzung einen großen Rückschlag im eigenen Spiel. Erst mit der Einwechslung Goretzkas und der diskutablen Entscheidung des Videoschiedsrichters kam ein wenig Stabilität zurück.

Niko Kovač hat dennoch erste Züge seiner Handschrift erkennen lassen. Gerade gegen Hoffenheim brachte er seine Mannschaft in einer schwierigen Situation durch kluge Wechsel wieder auf Kurs. Von seinen Spielern wird er bereits für die gute Vorbereitung in Videoanalysen gelobt und seine Match-Pläne variierten ebenfalls im Detail. Gegen Leverkusen und auf Schalke wird es zwei weitere Herausforderungen für den neuen Bayern-Trainer geben.

Dann wird man der Frage wieder ein Stück näher kommen, ob der FC Bayern “immer auf gewisse Situationen reagieren” kann. Kovač verspricht Flexibilität, die er bis jetzt im taktischen Bereich liefern konnte. Gepaart mit seiner Ruhe und seinem großen Selbstbewusstsein stimmt das positiv für die nächsten Wochen, die der Trainer zu Recht mit einem Bier bei den Paulaner-Dreharbeiten einläutete – auch wenn es vielleicht nur alkoholfrei war.

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Leserkommentare
  1. Zu erkennen wie wichtig und gut Thiago auf der Sechs in einer verbesserten Team-Defensive funktioniert, war bisher der Killer-Schachzug. Taktisch gesehen. Danach dann die beiden vertikalen torgefährlichen Schleicher auf der 8. Damit ist ja jede Flanke oder Straumnähe potentiell deadly und Robbery müssen nicht unbedingt an ihren Gegenspielern vorbei (was ja gerade in den ersten Halbzeiten schwierig sein wird). Und ich glaube, dass neben der autoritären, klarem Art und Weise von Kovac (und Brazzo, zwischen die beiden passt nicht mal ein Pass von Uwe Bein) auch die Weiterbeschäftigung von Peter Hermann entscheidend war. Zumindest zum Onboarden und Verstehen der Stärken und Spielsysteme.

    Spannend wird jetzt sein, wie er James und Tolisso eingespannt bekommt und vielleicht gar mal ein paar andere Mittelfeld-Strukturen ausprobiert. Immerhin war für mich eigentlich die Achse Thiago James Tolisso/Goretzka vor der Saison die erfolgversprechendste und ich sah Müller bereits hintendran.

  2. Kieler

    Das Bild mit dem Kommentar -> herrlich :-) :-)

  3. Jo

    Die Kovac-Variante der “Lineup of death”.
    Und ansonsten immer wieder gerne diese Analyse-Videos.

    1. Auch wenn ich dir inhaltlich nicht widersprechen würde oder kann, halte ich den Zeitpunkt der Aussage für zu früh. Bis jetzt war, abgesehen von Hoffenheim in seinen besten Momenten, kein starker Gegner dabei. Ob das wirklich Kovacs “Lineup of death” ist, weiß man erst, wenn Tolisso, James, Snaches, Gnabry und irgendwann auch Coman wieder bei 100% sind. Jetzt wird es hypothetisch, und das mag ich eigentlich nicht (aber Spaß macht es trotzdem, Trainer zu spielen). Das würde gegen tiefstehende Gegner mit Ball dann so aussehen: http://lineupbuilder.com/?sk=h031
      Mit dieser Asyemmetrie könnte man Comans sehr starke Seite bespielen, der auch mal auf links ausweichen kann. Gleichzeitig kann man mit James und Alaba im linken offensiven Mittelfeld, teilweise unterstützt vom Strukturgeber Thiago, ein sehr spielstarkes, flexibles Flügelspiel aufziehen. Alaba könnte mit seinen Läufen in die Tiefe hier Räume für James’ Pässe eröffnen. Auf rechts kann Coman so hoch stehen, da er von Kimich abgesichert und unterstützt wird. Sollte es wirklich mal vorkommen, dass er an seinem Gegner nicht vorbei kommt, kann er auf Kimmich zurückpassen, der mittlerweile sehr starke Halbfeldflanken und Schnittstellenpässe schlagen bzw. spielen kann.
      Das schöne an dieser Formation ist, dass, zumindest in der Theorie, Thiago relativ hoch schieben kann, da er vom vorrückenden Martinez abgesichert wird und zusammen mit James und Müller auf dem Platzt steht – das Dreieck halte ich für unfassbar dynamisch und kreativ. Der angesprochene Martinez kann ja dieser riesen Räume, die sich irgendwann zwangsläufig ergeben, alleine absichern. Mit Süle/Hummels und Boateng stehen hinter dem Spanier dann immer noch zwei IV. Gegen den Ball könnte das dann so aussehen: http://lineupbuilder.com/?sk=h032
      Mit Thiago und Martinez hat mich zwei starke ZDM. Um aus der tiefen Positionierung dann schnell nach vorne spielen zu können, bleibt James, der auch schon mal gerne einen Ball erobert, vor den beiden ZDM und kann nach Ballgewinnen auf Coman, der auf links gerückt ist, passen oder halt auf den rechts positionierten Müller.

      Ja, das ist mehr ein Traum als eine realistische Hoffnung. Auch habe ich Tolisso, Sanches und Goretzka nicht berücksichtigt. Aber die würden auch irgendwie in die Aufstellung passen.

      Bevor meine Kreativität erschöpft ist:
      Liebe Miasanrot Redaktion, danke für den tollen Artikel. Gerade habe ich beim lineupbuilder gesehen, dann man ihn auf Webseiten einbauen kann. Kenne mich mit so technischem Kram nicht aus, aber könnte man den nicht hier für die Kommentarspalte aktivieren?
      Grüße aus Dortmund,
      Fabian

      1. Jo

        “…halte ich den Zeitpunkt der Aussage für zu früh.”
        Die Aussage ist einzig auf die Analyse dieses Spiels bezogen und hat auch nichts mit dem Personal sondern der Formation zu tun.
        Der Bezug ist eine hier im Blog geprägte Benennung für ein Guardiola-Schema aus 2015.

        Für allgemein gültige Aussagen, da hast du sicher recht, ist jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt.

  4. […] schlechter Ratgeber. Martínez kann einen sehr breiten Raum alleine verteidigen. Will Kovač wieder mit hochgeschobenen Achtern agieren, kann der Spanier die Zonen absichern, die hinter ihnen entstehen. Leverkusen kann diese […]

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