Mehr als nur Fußball: Ein persönlicher Abschied von Leon Goretzka
Wenn Spieler den FC Bayern München verlassen, wird selbstverständlich erst einmal sportliche Bilanz gezogen: Wie wichtig war der Spieler auf seiner Position, wie viele Spielminuten hat er gesammelt, konnte er sich auf dem Platz oft genug auszeichnen?
Leon Goretzka war ein Spieler, über den in den vergangenen Jahren oft ausführlich und bisweilen auch hitzig diskutiert wurde; eine sportliche Einordnung zu seiner Zeit beim FC Bayern gab es schon an anderer Stelle in diesem Blog.
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Ab und zu lohnt es sich aber auch, über das Sportliche hinauszublicken und ein umfassenderes Bild zu zeichnen, denn manchmal hinterlassen Spieler eine Lücke, die sich nicht mit Zahlen belegen lässt. Wenn Goretzkas emotionale Verabschiedung am letzten Bundesliga-Spieltag eines gezeigt hat, dann das: Er wird vor allem menschlich fehlen – nicht nur seinen Teamkameraden, sondern auch vielen Fans. Trotz einiger lautstarker Gegenstimmen in den sozialen Netzwerken oder selbst in der Miasanrot-Kurve.
Aber auch das zeigt nur: Eine Online-Bubble spiegelt eben nicht immer die Realität wider. Hier kommen fünf sehr persönliche Gründe, warum Goretzka fehlen wird:
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Leon Goretzka: Der Kämpfer
Man stelle sich vor, der eigene Arbeitgeber legt einem nahe, sich besser nach einer neuen Stelle umzusehen, weil man auf der bisherigen Position nicht mehr als passend gilt. Solche (öffentlichen) Rückschläge können lähmen oder verbittern. Oder sie setzen Energie frei. Goretzka entschied sich für Letzteres. Er hat weiter trainiert, sich immer wieder zurück in die Mannschaft gekämpft – und geliefert.
Dabei fiel nie ein öffentliches Wort der Klage. Goretzka gab keine Interviews, in denen er schmollte oder sich über ungerechte Behandlung beschwerte. Stattdessen sprach er davon, Verantwortung übernehmen zu wollen und die Herausforderung anzunehmen. Er ließ sich nicht hängen – weder auf noch neben dem Platz. Das zeugt von Größe.
Selbst in fast absurden Situationen bewahrte er sich seine Haltung und Humor, wie etwa im September 2023, als dem FC Bayern im Pokalspiel gegen Preußen Münster plötzlich sämtliche etatmäßige Innenverteidiger fehlten und Goretzka kurzerhand in der Defensive aushelfen musste, im Duo mit Mannschaftskollegen Noussair Mazraoui.
„Nous hat gesagt, dass er schon einmal dort gespielt hat. Daher konnten wir von seiner Erfahrung profitieren“, sagte Goretzka anschließend, mit einem breiten Grinsen. Ein kurzer Satz, trocken und entwaffnend zugleich. Und wenn ihn sein direkter Konkurrent Aleksandar Pavlović als wichtigen Mitspieler und sehr guten Freund bezeichnet, zeigt das auch, dass es zwar natürlich sportliche Konkurrenzkämpfe gab, aber Goretzka immer wusste, dass diese nur auf den Platz gehören.
Der Unbeugsame
In einer Welt, die sich immer mehr nach rechts bewegt, in der sich gesellschaftliche Debatten zuspitzen und der Ton rauer wird, tat es gut, einen Spieler in den eigenen Reihen zu haben, der nicht bereit war, sich aus Angst vor Gegenwind zurückzuhalten. Obwohl er sich dadurch angreifbar machte, nutzte Goretzka seine Reichweite bewusst. Er erklärte mehrfach, dass Fußballprofis eine Vorbildfunktion hätten und sprach offen über gesellschaftliche Verantwortung.
Es bleibt ein bemerkenswertes Paradox: Viele Fans fordern von Profisportlern ein, sich ihrer Vorbildfunktion bewusst zu sein. Doch sobald ein Spieler diese Rolle aktiv ausfüllt und Haltung zeigt, schreien wiederum viele, dass man Fußball und Politik voneinander trennen muss. Goretzka hat sich diesem Widerspruch nie gebeugt.
Sein Treffen im Jahr 2020 mit der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer beschrieb Goretzka beispielsweise als emotional prägend. „Das war ein unglaubliches Treffen. Ich war ja schon in vielen Situationen, wo der eine oder andere sagen würde, da ist man nervös oder aufgeregt – aber das war wirklich absolut nichts dagegen, wie ich mich vor dem Gespräch mit Margot Friedländer gefühlt habe“, erinnerte sich der Mittelfeldspieler später im FC Bayern Podcast: „Einfach unglaublicher Respekt und Ehrfurcht vor dem, was sie in ihrem Leben erlebt und überlebt hat.“
Solche Termine können oft inszeniert oder wie PR-Übungen wirken. Bei Goretzka hatte man hingegen immer den Eindruck, dass er sich wirklich Gedanken zu gesellschaftspolitischen Themen macht.
Der Cheerleader
Ob er nach gewonnenen Spielen für Stimmung vor den Rängen gemeinsam mit Mannschaft und den Fans sorgte, oder als einer der ersten bei seinen Mitspielern auf dem Platz war, um Tore zu feiern: Goretzka fungierte oft als größter Cheerleader des Teams. Eine Zeitlang nahm er Serge Gnabry nach erzielten Toren gerne mal Huckepack, oder verteilte liebevolle Küsschen an Leroy Sané.
Diese unvermittelte Freude war einfach immer schön anzusehen. Außerdem war er Adoptivvater des Kakadus und kümmerte sich um dessen Wohlergehen. Wollen wir hoffen, dass die Sorgerechtsfrage nach seinem Abgang abschließend geklärt wurde.
Diese Leidenschaft und volle Unterstützung ist übrigens nicht nur auf den FC Bayern beschränkt: Goretzka blieb auch während seiner Zeit beim Rekordmeister im Herzen ein Bochumer Jung. Als sein Herzensverein im Mai 2024 in die Relegation musste, war Goretzka im Stadion und sang aus voller Inbrunst Herbert Grönemeyers Stadionhymne „Bochum“ mit.
Der Golden Retriever
Leon Goretzka hat echte „Golden-Retriever-Vibes.“ Falls jemand nicht wissen sollte, was das ist, hier eine kurze Erklärung: Ein Mann mit „Golden-Retriever-Vibes“ ist das Gegenteil des klassischen „Bad Boys“ und wird in der aktuellen Dating-Kultur verstärkt als sehr positiv und erstrebenswert wahrgenommen. Sie zeichnen sich aus durch Treue und Loyalität; man kann sich blind auf sie verlassen.
Außerdem haben sie ein großes Harmoniebedürfnis, und so sind ihnen Dramen und Streitereien fremd. Stattdessen suchen sie immer nach Lösungen und wollen ihren Partner*innen gefallen. Sie zeigen ihre Gefühle offen und ungefiltert, und wollen von toxischen Spielchen nichts wissen. Auf wen bitte trifft das besser zu als auf Leon Goretzka? Green flags all around!
Der Traum aller Schwiegermütter
Dieser letzte Punkt ist ein sehr persönlicher, aber er soll dennoch einmal verschriftlicht werden: Meine Mutter ist seit den 1970er Jahren ein Fan des FC Bayern. Ihre erste große Liebe hieß Franz Beckenbauer. Fast forward und beinahe ein halbes Jahrhundert später: Ganz spät in ihrem Leben taucht auf einmal ein Leon Goretzka bei den Bayern auf, und meine Mama findet alles an ihm großartig.
Dass er immer so aussieht, als wäre er gerade erst aufgestanden und direkt vom Bett aufs Fußballfeld gestolpert; dass er in der Pandemie gemeinsam mit Kimmich die Initiative We Kick Corona gründet; dass er die AfD als „eine Schande für Deutschland bezeichnet“; dass er ihr über Social Media hat Grüße ausrichten lassen.
Leon Goretzka ist der erste Spieler, dessen Trikot sie sich zu Weihnachten wünscht. Er bringt sie Woche um Woche zum Lächeln; wenn er nur auf der Bank sitzt, ist sie sauer, denn ihrer Meinung nach muss ein Leon Goretzka immer in die Startelf. Es war mir ein Vergnügen, diese Fanliebe zu beobachten (und auch zu teilen) – und es wird mir in Zukunft sehr fehlen. Genauso wie Leon Goretzka mir abseits jeglicher sportlicher Bilanzen fehlen wird.



