FC Bayern und der unholbare Pokal

Maurice Trenner 17.02.2019

Dieses Finale ist vermutlich eins der Spiele, an das sich die wenigsten Bayern-Fans wirklich erinnern können. Dabei ging es um die eine Trophäe, die die Münchner noch nicht in der Vereinsvitrine zu stehen hatten.

Ein Zustand, an dem auch Hasan Salihamidžić und die Kovač-Brüder nichts ändern konnten. Im Gegensatz zum damals 22-jährigen Claudio Pizarro haben die drei die kurzen Hosen mittlerweile gegen Aufgaben an der Bayern-Seitenlinie eingetauscht. Der aktuelle Liverpool-Trainer, Jürgen Klopp, hatte im Vergleich dazu im Sommer 2001 gerade seine erste Halbserie als (Spieler-)Trainer in der zweiten Liga absolviert und den 1. FSV Mainz 05 vor dem Abstieg bewahrt.

Der unholbare Pokal

Der UEFA-Supercup wurde seit 1972 jedes Jahr im Sommer ausgetragen. Dabei sollte in einem Spiel zwischen dem Europapokalsieger der Landesmeister und dem der Pokalsieger die beste Mannschaft Europas gefunden werden. Nachdem der Europapokal der Pokalsieger nach der Saison 1999/2000 beendet wurde, durfte der Sieger des UEFA-Cups (heute Europa League) im UEFA-Supercup antreten.

Die Münchner spielten erstmal 1974 nach dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister im Supercup. Das Duell mit dem Pokalsieger 1. FC Magdeburg fand jedoch nie statt. Offiziell aufgrund von Problemen bei der Terminfindung. Inoffiziell hatte der ostdeutsche Fußballverband DFV dem Team aus Sachsen-Anhalt die Teilnahme jedoch untersagt.

Durch den erneuten Triumph in Europas bedeutendstem Wettbewerb, kam es im darauffolgenden Jahr im Sommer 1975 zum Duell mit dem sowjetischen Serienmeister Dynamo Kiew rund um deren Superstar Oleg Blokhin. Dieser schoss auch alle drei Tore in den 1:0- und 2:0-Siegen im damals noch mit Hin- und Rückspiel ausgetragenen Pokal.

Wiederum ein Jahr später traf die Starelf von der Isar auf den RSC Anderlecht. Während man das Hinspiel im heimischen Olympiastadion durch einen Doppelpack von Gerd Müller gewinnen konnte, verlor man im Rückspiel blamabel mit 1:4.

Auch für die anderen deutschen Mannschaften war ein Titelgewinn im Supercup scheinbar unmöglich. Dortmund und Bremen scheiterten beide gegen Barcelona, während der Hamburger SV 1977 zuerst gegen Liverpool und 1983 dann gegen Aberdeen leer ausging.

Ohne zwei Leader gegen drei Youngster

Im Stade Louis in Monaco ging es für die Bayern am 24. August 2001 also darum, diese Bilanz aufzubessern und den ersten UEFA-Supercup-Sieg eines deutschen Teams zu holen. Trainer Hitzfeld vertraute dabei sieben Spielern, die wenige Wochen zuvor im Finale gegen Valencia den Europapokal im Elfmeterschießen gewonnen hatten.

Effenberg und Scholl hatten sich in den Vorwochen verletzt und mussten daher pausieren. Für die beiden rückten der im Sommer aus Bremen verpflichtete Pizarro sowie Sforza ins Team. In der Abwehr setzte der Mathematiker auf die Neuzugänge Thiam und Robert Kovač. Sie ersetzten Kuffour, der auf der Bank Platz nahm, und den im Sommer nach Barcelona gewechselten Andersson.

Ansonsten ließ Hitzfeld im 5-3-2-System auflaufen, das schnell und variabel zum 4-4-2 mit Raute umfunktioniert werden konnte, wenn beispielsweise Thiam ins Mittelfeld aufrückte.

In die Bundesliga war der amtierende Meister mit durchwachsener Bilanz gestartet. Einer Auftaktniederlage in Gladbach folgten zwei Heimsiege gegen Schalke und St. Pauli sowie ein Unentschieden in Leverkusen. So lagen die Münchner nur auf dem fünften Tabellenrang und damit schon fünf Punkte hinter dem Tabellenführer und späteren Meister aus Dortmund.

Auf der Gegenseite lief Liverpool, unter der Leitung des heutigen Global Sports Directors des Red Bull-Konzerns Gérard Houllier, mit zwei altbekannten Gesichtern auf. Markus Babbel und der aktuell heiß diskutierte Dietmar Hamann trafen auf ihre teils langjährigen Ex-Kollegen.

Ansonsten stellte Liverpool ein junges Team mit vielen einheimischen Talenten auf. Der 21-jährige Steven Gerrard sollte den 20-jährigen Michael Owen sowie seinen kongenialen Partner Emil Heskey mit Vorlagen versorgen. Nur eine Woche später sollte dieses Trio seinen großen Auftritt im Münchner Olympiastadion haben. Nicht im Trikot der Reds, sondern als Schützen aller fünf Tore der englischen Nationalelf bei der bitteren 1:5-Blamage der deutschen Nationalmannschaft.

Lust- und chancenlos

An dem Freitagabend im Fürstentum starteten die Münchner verhalten in das UEFA-Supercup-Finale. Liverpool wurde viel Platz im Mittelfeld gelassen. Nach drei Minuten hatte Heskey die erste Halbchance. Nach einem langen Einwurf, bei dem die bayerische Hintermannschaft schlief, kam Owen unbedrängt zur Flanke. Ein Bayern-Verteidiger konnte im letzten Moment zur Ecke klären. Eine erste Kostprobe der Lustlosigkeit, die sich durch die gesamte erste Hälfte des deutschen Meisters ziehen sollte.

Immer wieder schaffte es Liverpool durch lange Bälle die Münchner Abwehr zu überspielen. Nach neun Minuten musste Kovač den schnelleren Owen am Trikot zu Boden reißen, um zu verhindern, dass dieser in den Strafraum eindringt. Den fälligen Freistoß köpfte Babbel aus zentraler Position über den Querbalken.

Während Bayern zwar immer mehr ins Spiel kam, fehlten die klaren Offensivaktionen und der notwendige Zug zum Tor deutlich. Alle Angriffsversuche prallten spätestens an der englischen Abwehrkette ab.

Liverpool hingegen konzentrierte sich auf seine Stärke – das Kontern. Nach einem Ballverlust von Hargreaves schickte Gerrard den schnellen Owen, der seinen Gegenspielern enteilt war. Seine Hereingabe in der Mitte konnte Riise zum 1:0 verwerten. Der Norweger war schneller am Ball als Hargreaves und Teamkollege Heskey (23.).

In der 32. Minute war es eine geklärte Flanke von Elber die über zwei Stationen dazu führte, dass Owen alleine auf Kahn zulief. Sein Lupfer von der Strafraumkante prallte jedoch an der Brust des Titans ab. Dennoch zeigte auch diese Szene die allgegenwärtige Gefahr, die Liverpool an diesem Abend ausstrahlte.

Rückschlag vor und nach der Pause

Auch in der Folge kam wenig Kreatives von den Bayern. Der kicker schrieb passend nach dem Spiel, dass die Münchner sich über lange Strecken verhielten “als gehe sie dieses Finale nichts an”. Einzig ein Elber-Kopfball, der jedoch weit am Tor vorbei segelte, blieb bis zur Pause.

Als die Münchner schon gedanklich in der Pause waren, landete ein Befreiungsschlag von Hargreaves in den Füßen von Hamann. Der Ex-Münchner passte gedankenschnell weiter auf Heskey. Der englische Nationalstürmer lies Linke und Kovač mit einem Tempowechsel ganz alt aussehen und überwand schließlich auch Kahn im Tor. In der Minute vor der Halbzeit ein großer Rückschlag für den Champions-League-Sieger.

Michael Owen legt den Ball am machtlosen Kahn vorbei ins Tor. Thiam kann nur zuschauen.
(Bild: Michael Steele/ALLSPORT)

Ob sich die Münchner für die zweite Hälfte mehr vorgenommen hatten, kann nur spekuliert werden. Denn ohne, dass ein Roter den Ball auch nur berührte, lag das runde Leder zum 3:0 im Netz. Thiam verschätzte sich bei einem langen Ball auf Owen, sodass der Engländer frei vor Kahn zum Abschluss kam. Dreizehn Sekunden waren da gerade absolviert.

Es war symptomatisch für das Spiel der Münchner an diesem Tag. Sie schienen einfach nicht sonderlich motiviert, interessiert und fokussiert. Liverpool war auch im Kopf jederzeit einen Schritt schneller und wusste dies auszunutzen.

Nach einer Stunde bemüht

Als nun eine Blamage drohte, bemühte sich Bayern sichtlich deren Ausmaß zu reduzieren. Liverpool ließ sich in der Folge weit in die eigene Hälfte fallen und übergab dem Champions-League-Sieger die Kontrolle. Angetrieben von einem stärker werdenden Lizarazu kamen die Münchner zu einigen Chancen.

In der 57. Minute köpfte Salihamidžić eine Ecke, die er vorher selbst erkämpft hatte, zum 1:3-Anschlusstreffer ein. Der Eckball war der erste der Münchner im Spiel gewesen.

Während der deutsche Rekordmeister nun häufiger vor das Tor der Engländer kam, blieb Liverpool bei Kontern weiterhin gefährlich. Hitzfeld wechselte rund um die 70. Minute drei Mal und brachte mit Jancker sowie Santa Cruz zwei Stürmer. Auch der heutige Trainer Kovač wurde eingewechselt.

Besonders der große Nationalstürmer belebte den Bayern-Angriff nochmals durch seine unermüdlichen Läufe. Folgerichtig war es dann auch Jancker, der das 2:3 für die Roten erzielte (82.). Nach dem vielleicht einzigen gewonnenen Dribbling der Partie durch Santa Cruz auf dem linken Flügel flankte der Paraguayer. Seine Hereingabe leitete Elber weiter und am Fünfmeterraum gewann Jancker das Kopfballduell gegen Babbel. Sein Einsatz war dabei sehr nahe an der Grenze zum Stürmerfoul.

Nachdem wohl selbst nicht mehr für möglich gehaltenen Treffer, wollten die Münchner nun nichts unversucht lassen. Doch ein Abschluss von Lizarazu nach Flanke von Niko Kovač landete direkt in den Armen von Liverpools Schlussmann. Es sollte die einzige Chance auf den Ausgleich bleiben. Selbst eine Ecke in der Nachspielzeit und ein aufgerückter Kahn konnten die Niederlage nicht verhindern.

Eine enttäuschende Saison beginnt

Die Niederlage im Supercup war der erste Teil einer eher enttäuschenden Saison des FC Bayern. Wie bereits in dem Spiel in Monaco, fehlte es in der gesamten Saison an gefährlichen Aktionen aus dem Mittelfeld. Die Dynamik von Scholl, der fast die halbe Saison verpasste, fehlte genauso wie die Struktur eines Effenberg, der später in der Saison auch aus disziplinarischen Gründen nicht im Kader stand.

Zwar schaffte man im direkten Anschluss an die Finalniederlage fünfzehn ungeschlagene Spiele in Folge, die den Verein an die Tabellenspitze führten. Doch nach einem 0:2 in Bremen am 13. Spieltag konnte man bis zur Winterpause keinen Dreier in der Liga mehr einfahren.

Der Weltpokal sollte der einzige Titel für den FC Bayern in der Saison 2001/02 bleiben.
(Bild: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Ein kleines Highlight war der Sieg des Weltpokals am 28. November gegen Boca Juniors durch einen Kopfball von Samy Kuffour in der Verlängerung. Dank Siegen gegen Osnabrück und Nantes überwinterte man in beiden Pokalwettbewerben.

Doch es folgten viele schwache Leistungen in der Bundesliga, unter anderem die legendäre 1:2-Niederlage in St. Pauli, wonach sich der damals Tabellenletzte zum “Weltpokalsiegerbesieger” ausrief und mit den extra gefertigten Fanshirts ein kleines Vermögen einnahm.

Im Pokal endete die Saison auf Schalke, während man sich in der Champions League im Viertelfinale dem späteren Titelträger Real Madrid geschlagen geben musste. Einem hoffnungsvollen 2:1 daheim, das man in den letzten zehn Minuten durch Effenberg und Pizarro gedreht hatte, folgte ein 0:2 im Santiago Bernabeau.

Zum Saisonende stand man somit mit leeren Händen da. Durch vier Siege in Folge zum Rundenabschluss hatte man wenigstens den dritten Platz in der Liga belegen können. Im Sommer reagierte man auf die Schwächen im Kader und verpflichtete mit Ballack, Zé Roberto und Deisler drei starke sowie kreative Mittelfeldspieler.

Den europäischen Supercup sollten die Münchner erstmals im August 2013 gewinnen. In einer Neuauflage des Finale dahoam besiegte man den FC Chelsea in Prag im Elfmeterschießen, nachdem zuvor Martínez in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielt hatte.

»Eier, wir brauchen Eier!«

— Oliver Kahn

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  1. Schöner und sehr ausführlicher Beitrag. Respekt.
    Da kommen Erinnerungen hoch. Wahrscheinlich die Endspielniederlage, die in meinem Fanleben am wenigsten schmerzte. Auch die ganze Saison war zwar nicht schön, aber relativ schmerzfrei. Nach drei Jahren in der Gefühlsachterbahn und dem langersehnten Henkelpott im Arm verzeiht man vieles. Mannschaft, Verein und Fans brauchten ein Jahr zum durchschnaufen. Noch so ein Jahr hätte ich sowieso nicht überlebt.

  2. […] sie erst siebenmal in Pflichtspielen aufeinander. Bayern konnte nur eines dieser Spiele gewinnen, Liverpool immerhin zwei – sonst gab es immer ein Remis. Auch Klopps Bilanz gegen den Rekordmeister aus Deutschland ist […]

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