Causa Lewandowski: Alle gegen Hamann?

Maurice Trenner 11.02.2019

In Unterföhring wird man sich die Tage die Hände reiben. Die Aussagen von ihrem Experten Dietmar “Didi” Hamann im sendereigenen Fußball-Talk Sky90 haben hohe Wellen geschlagen und wurden bundesweit zum Thema in Gazetten, an Stammtischen und im Netz. Am Wochenende bezog die Führungsriege des FC Bayern in Person von Sportdirektor Hasan “Brazzo” Salihamidžić dazu Stellung. Der Bosnier bezichtigte Hamann, eine “Kampagne” gegen seinen Mittelstürmer zu führen.

Da die Diskussionen in den Medien teilweise nur polemisch geführt werden, wollen wir hier anhand von Fakten die Aussagen von Hamann untersuchen.

Mangelnde Einstellung?

“Ich glaube, dass Robert Lewandowski zum Problem für den FC Bayern München wird.”

Mit diesem Satz leitete Didi Hamann am Sonntag nach dem verlorenen Leverkusen-Spiel seine Kritik am Mittelstürmer der Münchner ein. Es ist dabei durchaus in den Gesichtern seiner Diskussionspartner zu sehen, dass diese nicht zwingend seine Meinung teilen. Auf die Nachfrage von Moderator Patrick Wasserzieher beginnt er seinen Standpunkt genauer auszuführen.

An erster Stelle geht er auf die Einstellung von Lewandowski ein. Explizit erwähnt er das “Abwinken und teils lustlose Verhalten auf dem Platz”. Zudem führte er die im Sommer 2017 aufgekommene Story an, wonach Lewandowski sich im Team wegen mangelnder Unterstützung beschwert hatte. Der Pole war zuvor im Rennen um die Torjägerkanone nur Zweiter hinter dem BVB-Stürmer Aubameyang geworden.

Dieser Kritikpunkt von Hamann ist nicht neu. Bereits im Mai 2018 hatte Bayern-Legende und Ex-Markenbotschafter Paul Breitner im Doppelpass eine ähnliche Meinung vertreten und der Nummer 9 damals Egoismus vorgeworfen.

Sicherlich ist festzustellen, dass Lewandowski wie kein zweiter Bayern-Spieler in der jüngeren Vergangenheit Mitspieler, aber auch das Transferverhalten des FC Bayern kritisiert hat. Die Transfer-Saga um den immer wieder wechselwilligen Stürmer begann jedes Jahr nach Saisonende aufs Neue.

Doch in diesem Sommer bekannte sich der gebürtige Warschauer endgültig zu den Rot-Weißen. Er wolle “für den Verein alles geben” und sei “mit dem Herzen wieder bei Bayern”, ließ er im Interview verlauten. Den Polen hatte dabei vor allem beeindruckt, wie die Münchner sich um seinen Verbleib bemühten und immer auch seine Wichtigkeit für den Verein herausstellten. Allgemein schien es, als ob die Transferdiskussion häufig durch den Berater ausgelöst und dann auf dem Rücken des Stürmers ausgetragen wurde. Hier sollte man in der Bewertung differenzieren.

Auf dem Platz sind häufig abwinkende Gesten von Lewandowski gegenüber seinen Mitspielern wahrzunehmen. Doch dieses Verhalten zeigt der Mittelstürmer schon immer, auch bereits in seiner Zeit bei Dortmund und in der polnischen Nationalmannschaft. Das Abwinken scheint fast reflexartig zu sein. Natürlich erweckt es nicht den besten Eindruck, aber es sollte gleichzeitig nicht überbewertet werden. Generell sollte man sich bei Profisportlern durch die Körperhaltung auf dem Platz nicht zu stark beeinflussen lassen.

Wobei es in dieser Saison zudem den Anschein hat, dass er das Abwinken in seiner Häufigkeit reduziert hat. Immer wieder weicht es auch einem aufmunterndem Klatschen. Nicht zu Unrecht ist Lewandowski mittlerweile von Kovač zum dritten Kapitän ernannt worden. Sein Wort scheint auch intern Gewicht zu haben. Dass er bei den Mitspielern umstritten ist, fällt schwer zu glauben.

Wertlos im Kombinationsspiel?

Über die Brücke des Einzelspielers kommt Hamann zu seinem nächsten Punkt, dass er “den Lewandowski, von vor drei, vier Jahren, der hinter die Abwehrreihe geht und […] die langen Bälle herunter holt und dann [die Mitspieler] ins Spiel bringt, seit langer Zeit nicht mehr sieht”.

Ein interessanter Standpunkt, da Lewandowski diese Saison so zentral für das Bayern-Spiel ist wie selten zuvor. Ganz häufig wird er als erste Anspielstation in der Spitze gesucht und muss dann den Ball festmachen. Auch sucht er in dieser Saison häufig den Weg in die Tiefe, selbst wenn die meisten Läufe umsonst sind.

Die Statistiken untermauern diese Ansicht. In der aktuellen Bundesliga-Saison spielt der Pole 1,6 Key Pässe pro Spiel. Das entspricht dem höchsten Wert während seiner Zeit bei Bayern und dem zweithöchsten Wert seiner Karriere. Einen Fakt, den auch Tobias Escher für den Stürmer ins Feld geführt hat.

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Auch bei den Metriken Torschussvorlagen und kreierte Großchancen, die auf LigaInsider einsehbar sind, weist er für die aktuelle Spielzeit Bestwerte auf. Seine 25 Torschussvorlagen sind die drittmeisten eines klassischen Neuners in der Liga und auf 90 Minuten gerechnet sein höchster Wert seit Beginn der Datenerfassung in 2014. Bei den kreierten Großchancen liegt er ligaweit nur hinter dem Gladbacher Hazard.

Zudem legte Lewandowski diese Saison bereits sieben Tore seiner Mitspieler auf – erneut persönlicher Bestwert im Bayern-Trikot und nur einen Assist hinter seiner Saisonbestleistung.

Auch bei den langen Bällen ist ihm mangelnder Einsatz nicht vorzuwerfen. Pro Spiel geht der Pole in 4,5 Luftduelle, wobei er davon 1,9 Duelle gewinnt. Dabei geht er in so viele Zweikämpfe in der Luft wie seit seiner ersten Saison an der Isar nicht mehr.

Nicht clutch genug?

Zusätzlich zu seinem Bestwert in Assists hat Lewandowski dreizehn Tore in der Liga, acht in der Champions-League und eins im Pokal erzielt. Mit 25 Pflichtspieltoren – hier zählt noch der Dreierpack im Supercup dazu – liegt er europaweit nur hinter Lionel Messi, der bereits 29-mal einnetzte.

Doch Hamann wirft die Fragen auf “gegen wen er die [Tore] gemacht hat” und warum er “in den entscheidenden Spielen in der Champions League [er] die Tore nicht gemacht [hat]?” Ist dem so?

Auch hier hilft ein Blick ins Archiv. In dieser Saison hat Lewandowski in der Liga nur einmal getroffen, wenn der Gegner zum Zeitpunkt der Partie auf einem Tabellenplatz stand, der für das internationale Geschäft berechtigt. Insgesamt fünf solche Spiele haben die Münchner bisher absolviert und drei davon verloren. In den Spielzeiten 16/17 und 17/18 lag er bei acht Toren aus elf Spielen bzw. neun Spielen.

Bei der Niederlage in Dortmund, dem vermeintlichen Spitzenspiel, traf der Pole allerdings doppelt zur Führung. An ihm lag die Pleite sicher nicht, hatte er in der Nachspielzeit doch sogar noch den Ausgleich erzielt, der aufgrund einer Abseitsposition nicht gegeben wurde.

Drei seiner dreizehn Treffer waren das wichtige 1:0, zwei weitere führten zur erneuten Führung in einem Spiel. In der Champions League traf er nur beim 1:1-Hinspiel gegen Ajax nicht. Insgesamt fungierte er dort ebenfalls dreimal als Dosenöffner.

Nun zu den wichtigen Spielen in der Vergangenheit. In der Champions League liegt sein größter Abend mit vier Toren gegen Real Madrid in weiter Ferne. Der Auftritt erfolgte zudem noch im schwarz-gelben Trikot eines Münchner Dauerrivalen.

Seitdem war für die Roten in Europa spätestens im Halbfinale Schluss. In den sieben Begegnungen gegen Barcelona, Atlético und Real (x2) drei Tore. Eins davon beim Rückspiel gegen Barcelona nachdem man im Hinspiel bereits 0:3 gegen die Katalanen verloren hatte.

Allerdings hatte der dreifache Torschützenkönig auch zwei dieser Duelle angeschlagen bestreiten müssen, da er zuvor in Duellen mit Dortmunder Torhütern 2015 mehrere Brüche im Gesicht und 2017 Blessuren an der Schulter davongetragen hatte.

Man kann Lewandowski also gewissermaßen vorwerfen, dass er in den wichtigen Spielen für die Bayern bisher noch nicht oft getroffen hat. Allerdings sollte die Analyse hier nicht bei einem Einzelspieler enden, der gegen ein besser eingestelltes Kollektiv einfach in seiner Leistungsfähigkeit begrenzt ist. Dafür ist Fußball dann doch zu sehr Mannschaftssport. Viel eher sollte die Frage sein, warum schaffte man es in den großen Spielen nicht die Stärken von Lewandowski besser zur Geltung zu bringen.

Spätestens in zwei Wochen gegen Liverpool hat Lewandowski hier die Chance seine Kritiker eines besseren zu belehren. Ein gutes Omen: Im Achtelfinale der Champions League hat er bisher sechs Tore in acht Auftritten zu Buche stehen.

30 Tore kann jeder?

Zu guter letzt meinte Hamann noch, dass Bayern schon “immer gute Spieler in den letzten zehn Jahren [hatten], die dreißig Tore gemacht haben in der Liga”, wie es Lewandowski zuletzt 2016 und 2017 geschafft hatte.

Elber, Makaay, Toni, Gomez, Mandzukic – natürlich haben die Münchner in der angesprochenen Zeit, aber natürlich auch davor starke Stürmer gehabt. Mehr als 25 Tore in der Bundesliga schaffte allerdings der beste Torjäger der Münchner seit 1980 bisher erst sieben Mal. Gleich drei Mal war es Lewandowski vergönnt. Zwischen Rummenigge 1984 und Makaay 2004 schafften es beim FC Bayern gar in zwanzig Jahre nur zwei Stürmer mehr als 20 Toren in einem Jahr zu erzielen.

Als Ersatz-Kapitän zeigt Lewandowski mittlerweile auch auf dem Spielfeld, wo es lang geht.
Bild: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images)

Wenn es um das Thema Tore geht, dann spielt Lewandowski bei den Münchnern in einer sehr exklusiven Liga. Seit 2000 gab es drei Saisons in denen ein Bayern-Stürmer wettbewerbsübergreifend mehr als 40 Tore geschossen hat und gleichzeitig an mehr als 40 Prozent der Team-Treffer in seiner Einsatzzeit beteiligt war: 2011/12 Gomez (41.7/40), 2015/16 Lewandowski (43.3/42), 2017/18 Lewandowski (44.5/41).

Seine Torquote von 0,79 Toren pro Spiel wird nur von Gerd Müller übertroffen und auch bei den Pflichtspieltoren liegt er vereinsintern bereits auf dem vierten Rang. Wenn man nur die Bundesliga-Tore zählt, hat er am Wochenende Roland Wohlfahrt mit 119 Treffern auf dem dritten Platz eingeholt – wohlgemerkt in 108 Spielen weniger.

Auch, dass er diese Saison bereits 12 Tore erzielt hat, ist alles andere als selbstverständlich. Hatte er in den vorherigen Jahren eventuell auch verstärkt von einer starken Mannschaft sowie einer ausgeprägten Taktik profitiert, so ist er dieses Jahr auch immer wieder auf sich selbst gestellt. Dass er dennoch zuverlässig trifft, unterstreicht seine besondere Qualität einmal mehr.

Schwache Reaktionen aus München

Als erster Münchner äußerte sich Lewandowski persönlich bezüglich Hamann. Der 30-Jährige erwiderte, dass ihn “nicht interessiere was andere sagen. Vor allem dann nicht, wenn es einfach dumm ist.”

Während dem betroffenen Spieler wenige Tage nach der originalen Aussage und direkt nach einem Spiel eine solch wenig reflektierte Aussage verziehen sei, so sollte sich doch ein Sportdirektor der Münchner etwas differenzierter ausdrücken können.

Gegenüber Sky reagierte Salihamidžić nach dem Sieg über Schalke allerdings eher unbesonnen. Der Manager-Novize versuchte Hamann als Experten zu diskreditieren (“Hamann ist ein Problem für Sky”) sowie ihm einen persönlich Kriegsfuß mit Lewandowski zu unterstellen (“Hamann macht Kampagne und das ist nicht gut”).

Dabei sollte es doch für einen Sportdirektor ein Leichtes sein, wie in dieser Kolumne geschehen, alle Standpunkte von Hamann einzeln zu beleuchten und somit klarzustellen, dass dieser in dem Großteil seiner Punkte schlichtweg falsch liegt. Nämlich, dass Lewandowski intern geachtet und akzeptiert wird, dass der Pole statistisch gesehen seine mannschaftsdienlichste Saison spielt und dass er auch in wichtigen Spielen der Mannschaft hilft.

Wieder einmal steht der FC Bayern im Umgang mit den Medien nicht gut da. Kritik an Spielern, dem Trainer oder sonstigen Vorgängen im Verein sollte aufgefasst und intern analysiert werden. Nicht jede Kritik von Außen sollte im Vornherein als Unsinn abgekanzelt werden. Ein TV-Experte sollte seinem Beruf als kritischer Geist nachgehen können, auch wenn die Meinung, wie in diesem Fall, unpassend oder unbequem sein mag.

Dass man sich schützend vor seine Spieler stellen will ist sicher und unbestritten der richtige Weg. Allerdings wirkt dies nur dann souverän, wenn man mit Fakten auf Polemik reagiert. Wer hingegen, wie der FC Bayern, auf persönliche Attacken mit Feindseligkeit antwortet, hinterlässt das Gefühl nicht Herr der Situation zu sein.

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