Harry Kane jubelt für den FC Bayern gegen PSG
Bild: Alexander Hassenstein/Getty Images

„Verteidigen ist tot“: Was der FC Bayern aus dem 4:5 in Paris lernen kann

Justin 29.04.2026



Der Fußball ist tot, lang lebe der Fußball! Paris Saint-Germain und der FC Bayern München liefern sich eines der packendsten Duelle der Champions-League-Geschichte.

Am Ende stehen die Pariser mit einem 5:4 als Sieger da. Beide Teams verändern mit ihrer Herangehensweise womöglich den Blick darauf, wie Fußball auf dem höchsten Niveau in Zukunft gespielt wird.

Für den FC Bayern wird es darum gehen, die richtigen Lehren aus der Niederlage zu ziehen und im Rückspiel zurückzuschlagen. Dafür muss aber vor allem die Offensive in den Fokus rücken – entgegen der öffentlichen Mehrheitsmeinung. Miasanrot mit der Analyse des Hinspiels.

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Bayerns Defensivprobleme: Weltklasse-Innenverteidigung trotz fünf Gegentoren

Wer vier Auswärtstore in Paris schießt, muss in der Lage sein, dieses Spiel zu gewinnen. Wie oft wird dieser Satz wohl heute gefallen sein und noch fallen? Und natürlich hat er mindestens einen wahren Kern.

Fünf Gegentore sind nicht allein auf Zufälle, Schiedsrichterentscheidungen oder eine ungünstige Spielgeschichte zurückzuführen – all diese Punkte könnte man vereinzelt mit anführen, wenn man sich die Gegentore genauer anschaut. Viel mehr sind aber zwei Muster zu erkennen, die die meisten Gegentreffer geprägt haben.

Mit den Innenverteidigern hatten diese Muster allerdings wenig zu tun. Im Gegenteil: Dayot Upamecano hat abermals eine Weltklasseleistung auf den Rasen gebracht. Der Franzose war ungemein wichtig im Pressing, eroberte zahlreiche Bälle und führte wichtige Zweikämpfe. Wie er Ousmane Dembélé in der ersten Halbzeit im Eins-gegen-eins aus der Rückwärtsbewegung heraus stoppte, war ein defensives Highlight, das am Tag danach viel zu kurz kommt.

Und auch Tah hatte, wenngleich nicht ganz so spektakulär wie Upamecano, großen Anteil daran, dass die Bayern nicht noch mehr Gegentore kassiert haben. Das Problem der Münchner ist nicht die Qualität der Innenverteidiger. Hier könnte man zwei Cyborgs mit den Qualitäten von Paolo Maldini und Puyol aufstellen und würde vermutlich fast genauso viele Gegentore kassieren.

In einem derart offensiven System zu verteidigen, bedeutet, immer wieder Gleich- oder Unterzahlsituationen lösen zu müssen. Dass sie dabei auch mal überlaufen oder ausgedribbelt werden, liegt daran, dass ihre Gegenspieler auf diesem Niveau nicht nur schnell laufen können, sondern auch ganz passabel mit dem Ball umgehen können. Wie oft es ihnen dennoch gelingt, Konter und Tempoangriffe von Real Madrid und PSG zu stoppen, ist bemerkenswert. Der Ansatz der Analyse muss deshalb woanders stattfinden.

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Außen brennt es regelmäßig

Eines der zwei Muster am Dienstagabend war mangelhaftes Verteidigen auf den Außenpositionen. Das erste Gegentor kann Josip Stanišić verteidigen, wenn er nicht das Risiko geht, dem Pass zunächst einen Schritt entgegenzugehen. Upamecano rückt aus seiner Position heraus, was im System seine Aufgabe ist. Stanišić muss das erkennen und im Blick haben, dass er mit Khvicha Kvaratskhelia einen sehr schnellen und dribbelstarken Gegenspieler an der Außenlinie hat.

Statt zu antizipieren, dass der Georgier in die Tiefe startet, orientiert sich Stanišić ebenfalls nach vorn. Zwar kommt er anschließend im Laufduell nochmal heran, kann dabei aber nur noch reagieren, statt den Zweikampf aktiv zu gestalten. Der Abschluss von Kvaratskhelia ist schließlich Weltklasse. Beim dritten Gegentor ist es Alphonso Davies, der unglücklich mit der Hand an den Ball kommt. Zum Vorwurf machen kann man ihm diesen Reflex nicht wirklich.

Allerdings verteidigten die Bayern insgesamt sehr passiv zuvor und auch hier sind die Außenbahnen ein Problem. Man ließ PSG mehrfach in der Entstehung gewähren, wenn sie am Flügel den Ball hatten. Keine Aggressivität, kein echtes Stören. Aus einer sehr unbedrängten Flanke entsteht eine Ecke, aus dieser Ecke dann die Davies-Szene.

Noch viel bezeichnender war dann das vierte Gegentor. Konrad Laimer lässt sich von seinem Gegenspieler weit herausziehen. Auf den ersten Blick muss man hier auch Luis Díaz in die Pflicht nehmen. Allerdings hat Laimer alles vor sich, während Díaz keine Augen im Hinterkopf hat. Statt seinem Gegenspieler blind zu folgen, hätte der Österreicher ihn mit klarem Kommando an Díaz übergeben müssen. Dann wäre er in der Lage gewesen, den Tiefenlauf von Achraf Hakimi aufzunehmen.

So aber war Hakimi auf rechts frei durch, weil Laimer von Désiré Doué in eine Position gelockt wurde, auf der nun zwei Bayern-Spieler sich auf den Füßen standen. Hakimi hatte derweil niemand im Blick. Ein Fehler, der auf diesem Niveau nicht passieren darf.

Bayern findet zu wenig Abschlusssituationen

Das zweite entscheidende Muster ist, dass die Bayern ihre Situationen nicht clever genug ausgespielt haben. Zwar haben sie am Ende den leicht höheren Expected-Goals-Wert, fast so viele Abschlüsse wie das Heimteam und vier Tore auf ihrem Konto, aber trotzdem war die Offensive mal wieder zu verspielt. Michael Olise, Jamal Musiala, Harry Kane, Luis Díaz – sie alle vertändelten gute Angriffe, weil sie nicht den richtigen Zeitpunkt zum Abschluss gefunden haben.

Im modernen Fußball legen Trainer*innen großen Wert darauf, dass ihr Team Angriffe zu Ende spielt. Lieber einen Schuss aus schlechter Position auf die Tribüne setzen, als dem Gegner eine vielversprechende Kontersituation zu schenken. Selbstverständlich braucht es dabei eine gewisse Balance. Zu viele schlechte Abschlüsse brechen den eigenen Rhythmus und strahlen zu wenig Gefahr aus. Etwas Risiko ist deshalb nötig, um auch Hochkaräter herausspielen zu können.

Die Bayern aber haben PSG zu viele Möglichkeiten zum schnellen Umschalten geschenkt und wurden dafür bestraft. Vor der Großchance von Dembélé in der 23. Minute dribbelte Olise in den Strafraum, wo er viel Platz und Zeit hatte, sich etwas Besseres zu überlegen, als den Ball auf gut Glück in den Strafraum zu spielen. PSG konterte die Münchner dann aus – auch wenn noch ein leichtfertiger Ballverlust von Aleksandar Pavlović direkt vor der Chance dabei war. Wenig später fiel der Ausgleich.

Vor dem zweiten Pariser Tor war es wieder Olise, der über rechts durchbrach und bis ans gegnerische Tor durchlaufen konnte. Seine Hereingabe wurde im letzten Augenblick von Paris verteidigt, im Gegenstoß hatte Doué die Chance auf die Führung, die dann aus der daraus entstehenden Ecke fiel. Und vor dem fünften Tor war es Laimer, der aussichtsreich auf der linken Seite viel Platz im Pariser Strafraum hatte. Der Linksverteidiger hätte den Ball scharf vors Tor spielen können, wo Olise gute Karten auf einen Treffer gehabt hätte. Stattdessen legte er die Kugel in den Rückraum.

Dort waren allerdings vor allem PSG-Spieler positioniert, die den Konter einleiteten und die vermeintliche Vorentscheidung mit dem fünften Tor herbeiführten.

Vitinha in seiner Rolle als Manndecker

Dass PSG zu diesem Zeitpunkt das leicht bessere Team mit dem eigentlich etwas zu hohen Vorsprung war, lag nicht nur daran, dass die Franzosen ihre Offensivaktionen zielstrebiger und präziser ausspielten. Großen Anteil daran hatte auch Vitinha in seiner besten Interpretation des klassischen deutschen Manndeckers. Man kann gedanklich rekonstruieren, wie sich Luis Enrique vor dem Spiel in der Kabine nochmal seinen portugiesischen Spielgestalter gepackt hat und ihn anraunte: „Arne, der spürt deinen Atem!“

Und „der“ ist in diesem Fall Joshua Kimmich. Vitinha hat viele Qualitäten mit dem Ball am Fuß, die er auch gegen die Bayern wieder zeigte. Im Moment ist er wahrscheinlich der beste Taktgeber und Ballverteiler der Welt. Gegen die Münchner aber war vor allem seine Arbeit gegen den Ball entscheidend. Kimmich hatte laut Wyscout nur 53 erfolgreiche Aktionen in 90 Minuten, spielte nur 46 Pässe (42 kamen an) und hatte bis auf seine Torvorlage kaum Aktien am Spiel. Weniger erfolgreiche Aktionen hatte er auf die gesamte Spieldistanz in dieser Saison nur im Pokal gegen Union Berlin (50) und in der Ligaphase gegen – na klar – PSG (32).

Es ist dabei nicht so, dass der Bayern-Star es nicht probiert hätte, seiner Manndeckung zu entfliehen. Doch selbst wenn sich Kimmich tief fallen ließ, folgte ihm Vitinha. Ein Verhalten, das man in der Konsequenz nur selten sieht, das aber Früchte trug. Der Druck auf Pavlović war so noch größer. Der 21-Jährige machte zwar insgesamt ein gutes Spiel, streute gerade in den ersten 45 Minuten aber auch ein paar ungewohnte Fehler mit ein.

Erst als PSG sich nach dem fünften Tor etwas tiefer fallen ließ, bekam auch Kimmich wieder mehr Freiheiten, die er dann besser zu nutzen wusste. Insgesamt geht das Duell der beiden Weltklassestrategen zumindest im Hinspiel aber an Vitinha.

Bayerns Chance im Rückspiel: Mehr Positionswechsel?

Spannend wird die Frage sein, wie die Bayern im Rückspiel reagieren. Denn auch Vitinha hatte natürlich mit dem mannorientierten Pressing der Münchner zu tun und löste seine Aufgabe besser als Kimmich. Wobei es hier eine wichtige Einschränkung gibt: Vielleicht war es gar nicht der Portugiese allein, der es besser gelöst hat.

Paris arbeitet noch stärker als die Bayern mit Positionswechseln. Immer wieder zog Vitinha beispielsweise weit auf die Flügel oder vertikal nach vorn bis fast in die letzte Linie. Seine Mitspieler machten die gegenläufige Bewegung in den Raum, den er damit geöffnet hat. Das ist das typische Pariser Aufbauspiel: Viele Rochaden, viel Bewegung und damit auch Unruhe in der gegnerischen Formation.

Die Bayern wechseln auch mal ihre Positionen. Harry Kane lässt sich fallen, die Außenstürmer gehen tief oder die Außenverteidiger rücken punktuell ins Zentrum. Auch die Sechser lassen sich regelmäßig in die Abwehrkette fallen. Was aber, wenn Kimmich mal den Weg nach ganz weit außen antritt, um Vitinha aus der Spielfeldmitte zu ziehen? Und was, wenn Musiala und Kane den dann größeren Zwischenraum noch aktiver besetzen und bespielen?

Hier haben die Münchner viel ungenutztes Potenzial. PSG hat ihnen die Räume zwischen den Linien mehrfach angeboten, aber das Team von Vincent Kompany hat zu wenig daraus gemacht. Das vierte Bayern-Tor entsteht nach einem Ballgewinn auf der Außenbahn. Paris hat immer noch sechs Feldspieler in der Defensive, aber in diesem Moment kein Mittelfeld.

Das liegt auch daran, dass Vitinha auf Kimmich durchläuft, statt das Zentrum gegen Kane zu sichern. Der Engländer bekommt an der Mittellinie den Ball und spielt seinen sensationellen Chip auf Díaz, der wiederum technisch herausragend zum 4:5 aus Bayern-Sicht trifft. Der Schlüssel fürs Rückspiel könnte also darin liegen, mutiger und konsequenter die Positionen zu wechseln. Sicherlich besteht bei Ballverlusten dann das Risiko, einzelne Spieler in ungünstigen Abwehrpositionen zu haben. Aber die Chance, Paris so richtig wehzutun, ist vielleicht größer.

„Die kennen unseren Jamal noch gar nicht“

In Bezug auf die berühmte Arne-Friedrich-Ansprache von Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 gibt es noch eine weitere nette Analogie: Die kennen Jamal Musiala noch gar nicht. Im Hinspiel war der 23-Jährige größtenteils außen vor. Bezeichnend war die Situation im ersten Durchgang, als er in guter Abschlussposition nicht den Schuss wählte, sondern verspielt nach einer noch besseren Chance suchte.

Nun kommt Musiala aus einer langen Leidenszeit. Niemand weiß, wie fit er wirklich ist und wie viel ihm noch fehlt. Zuletzt zeigte er einige starke Leistungen, gegen PSG war er jetzt einer der schwächeren Bayern-Spieler. Seine Rolle im Rückspiel könnte dennoch entscheidend werden. Wenn Kimmich es schafft, Vitinha noch stärker herauszuziehen, müssen die Bayern das Spiel an dem Strategenduo vorbeilenken.

Hier sind Kane und Pavlović, aber vor allem auch Musiala sehr wichtig. Musiala hat die technische Qualität, Pressingsituationen aufzulösen und sich auch unter höchstem Druck zu befreien. Diese Qualität wurde in Paris viel zu selten genutzt. Stattdessen lief das Spiel zu oft an ihm vorbei. Musiala kann noch aktiver in die Zwischenräume gehen, muss dann aber auch angespielt werden.

Je häufiger es den Bayern gelingt, das Pressing damit auszuhebeln, desto eher wird PSG das ganz hohe Anlaufen einstellen. Der Schlüssel zu mehr Kontrolle.

Fußball ist ein High Scoring Game

Wobei Kontrolle ein großes Wort ist. Denn was wir am Dienstagabend erlebt haben, ist der vorläufige Höhepunkt einer Veränderung, die in den letzten Jahren im Fußball stattgefunden hat. Immer mehr Trainer entscheiden sich bewusst dazu, einen extrem offensiven Weg zu gehen. PSG gewann mit diesem Stil die Champions League, der FC Barcelona ist durch Hansi Flick wieder unter die besten fünf, sechs Mannschaften Europas aufgestiegen, Real Madrid und Manchester City lieferten sich in der jüngeren Vergangenheit mehrere Partien mit vielen Toren.

Dass die Abwehr Titel gewinnt, ist eine urbane Legende, die zunehmend ihre Bedeutung verliert. Es geht viel mehr darum, den Gegner mit Wucht und Toren zu schlagen. „Heute ist ein Wendepunkt des Fußballs“, schrieb Trainer und Taktikexperte Martin Rafelt: „Verteidigen ist tot. Es geht jetzt um die Logik, mehr Tore zu schießen.“

Auf dem höchsten Level werde sich Fußball immer mehr zu einem Spiel entwickeln, das einer ähnlichen Logik wie Basketball folge: „Mache es so hart wie möglich für sie (den Gegner, Anm. d. Red.) und erzielte ein Tor mehr als sie. Ein Gegentor zu kassieren ist kein Fehler, es ist einfach nur Teil des Spiels. Willkommen in der Zukunft.“

Eine spannende Perspektive auf die Entwicklung des Fußballs. Und eine, die man auch auf den FC Bayern anwenden sollte. Von den beschriebenen Defensivmustern, die zu Gegentoren führten, ist deshalb für das Rückspiel vor allem jenes entscheidend, das in der Offensive beginnt: Die Münchner müssen ihre eigenen Angriffe besser ausspielen. Räume und Chancen sind da. Wenn sie diese nutzen, können sie am kommenden Mittwoch in der Allianz Arena den zweiten Satz vielleicht mit 6:4 für sich entscheiden.

Und sind wir mal ehrlich: Wie schön wäre es für alle Fußball-Fans auf der Welt, wenn die Qualen des Low Scoring Games endlich vorbei wären? Gepriesen sei das High Scoring Game. Der Fußball ist tot. Lang lebe der Fußball.

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