WM 2026: Deutschland – Paraguay – Das schockierende Aus in der Analyse
Der Hype war groß nach überzeugenden Leistungen in den ersten beiden Spielen, das bedeutungslose dritte setzte man zwar gehörig in den Sand, aber hey, jetzt ging es ja wieder um was. Sollte man denken. Dachten vielleicht auch die Spieler.
Riefen sie aber nicht ab. In einem der schlechtesten Spiele einer deutschen Nationalmannschaft rannten sie 120 Minuten lang gegen mauernde Paraguayer an und konnten die Lotterie des Elfmeterschießens am Ende nicht verhindern.
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Der Bundestrainer überraschte so manch einen und zeigte vor Spielbeginn, dass er doch nicht so stur ist, wie manch einer ihm unterstellt. Der Kapitän blieb zwar Rechtsverteidiger, Deniz Undav durfte aber endlich starten. Für ihn wich Jamal Musiala zunächst auf die Bank.
Verpasst? Unsere erste Einschätzung direkt nach Abpfiff findet ihr hier: K(l)eine Rolle rückwärts: Julian Nagelsmann muss sich hinterfragen – und vielleicht den Hut nehmen
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Deutschland – Paraguay: Der Spielverlauf
Paraguay überraschte mit einem forschen Angriff in der ersten Minute mitsamt anschließender gefährlicher Ecke. Es sollte ihr letzter Vorstoß für 40 Minuten bleiben. Danach wurde Zement angerührt, Bauklötze verbaut, der Bus geparkt. Alles zusammen und das gleichzeitig und bis zum Spielende. Deutschland fiel gar nichts ein, nahm das körperliche nicht an, wirkte ratlos.
Es kam wie es kommen musste und Paraguays Spieltaktik ging voll auf: In Folge einer Ecke gewann Paraguay einen eigentlich schon geklärten Ball, am Ende krönte Felix Nmecha seine Meisterleistung an Schlechtheit und ließ seinen Gegenspieler köpfen, 0:1 aus dem sprichwörtlichen Gar Nichts.
Nach der Pause wurde das Spiel etwas besser angenommen, die Marschroute hieß nun: Flanken und Halbfeldflanken, meist von Kimmich und man kam auch schnell zum Ausgleich: Havertz lenkte eine Flanke auf den weiten Pfosten, die Hereingabe indes kam von Wirtz, nicht Kimmich.
Wer dachte, jetzt wird alles ins rechte Licht gerückt, sah sich getäuscht. Statt dem Anfang einer Aufholjagd, ließ man jegliches Momentum verpuffen. Bis zum Elfmeterschießen kam man nur noch zu zwei Großchancen, erneut durch Kopfbälle von Havertz und Anton, dazu einer ordentlichen durch Nick Woltemade. Zudem erzielte Jonathan Tah ein blitzsauberes Tor, aus absolut nicht nachvollziehbaren Gründen, wurde es jedoch wegen angeblichem Foulspiels am Torwarts aberkannt.
Das war’s. Mehr gab’s nicht. Es ging tatsächlich ins Elfmeterschießen, indem Havertz, Woltemade und am Ende Tah verschossen, nur Kimmich, Musiala und Amiri trafen. Obwohl Paraguay sogar zwei Matchbälle vergab, stand am Ende das erste WM-Ausscheiden einer deutschen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen zu Buche.
Deutschland – Paraguay: Dinge, die auffielen
Eine nicht vorhersehbare, bodenlose Leistung
Es werden jetzt natürlich im Nachhinein alle alles schon immer gewusst haben. Deutschland, einig Pessimistenland eben. Man spürte im Land ja schon vorher eine große Lust am Nörgeln. Wahrscheinlich bewertete man den Auftritt gegen Ecuador auch deshalb auch so.
Tatsächlich jedenfalls war diese Vorstellung nicht vorherzusehen, denn auch wenn die letzten Tage überall so getan wurde, dass es für die schwache Leistung im letzten Spiel keine nachvollziehbaren Gründe gab, war dem nicht so.
Man konnte das Ecuador-Spiel tatsächlich sehr gut erklären. Motivationsprobleme einer bereits qualifizierten Mannschaft gegen um ihr Leben kämpfende Underdogs sind gang und gäbe. Bei den Wechseln Kaderhygiene zu betreiben, hat Deutschland nicht alleine betrieben (Norwegen wechselte mal flott die ganze Mannschaft durch) und selbst eine defensivere, passive Ausrichtung einmal zu probieren war nachvollziehbar. Das ganze Ecuador-Spiel fällt aus dem Bewertungsrahmen und sollte gesondert angesehen werden.
Auf der Habenseite stand vor dem heutigen Abend also ein wenig aussagekräftiger Kantersieg gegen Curaçao und das Ziehen des Spiels gegen die Elfenbeinküste.
Nun wurde kräftig versucht, dieses Spiel madig zu reden, aber es bleibt summa summarum ein verdienter, wenn auch gewiss leicht glücklicher Erfolg. Deutschland mag nicht über den Großteil des Spiels die bessere Mannschaft gewesen sein, am Ende aber schon und das zählt. Expected Goals, Anzahl und Qualität der Torabschlüsse, das war schon richtig, richtig gut gegen einen starken Gegner.
Deutschlands Gruppe gehörte auch zu den besseren des Turniers, auch wenn die Namen klein wirken. Dieser völlige Leistungseinbruch also im dritten wichtigen Spiel macht deshalb vollkommen ratlos. Einfachste Pässe kamen nicht an, kaum Druck wurde aufgebaut, über 120 Minuten erspielte man sich abseits des zu Unrecht aberkannten Tors ganze drei Torchancen. Drei. 1,5 Expected Goals in 120 Minuten Fußball gegen einen völlig drittklassigen Gegner.
Denn die Wahrheit ist: Man ist hier nicht an einem übermächtigen Gegner gescheitert oder einer Mannschaft, die weit über ihren Möglichkeiten spielte. Nein, Paraguay hat einfach 120 Minuten lang den Bus geparkt und Deutschland ist nichts eingefallen außer 56 Flanken ins Zentrum zu donnern, von denen nur drei gefährlich wurden. Sogar die kreativlose Türkei, dessen Innenverteidiger ständig Weitschüsse probierten, hatten in 30 Minuten weniger Spielzeit mehr xGs (2,1).
Christoph Kramer sagte es schon richtig im ZDF: Du darfst gegen Paraguay niemals ins Elfmeterschießen gehen, du darfst nicht einmal die Verlängerung brauchen.
Das deutsche Spiel: Kein Tempo, keine Schärfe, keine Kreativität
Es war ein Graus, dieses Spiel anzuschauen, nichts war mehr von der deutschen Spielfreude übrig geblieben. Dabei galt Deutschland vor dem Turnier eigentlich als eines der stärksten Teams im Bespielen von tiefen Blocks. Hohes Pressing, schnelle Konter, das war die Achillesferse des deutschen Teams, aber eine massive Betonwand konnte unter Nagelsmann eigentlich in aller Regelmäßigkeit mit schnellen Kombinationen gebrochen werden. Insbesondere die Nations-League-Phase nach der EM konnte das bezeugen.
Nicht heute. Heute wurde der Ball schleppend von einem Spieler zum anderen gebracht, Aleksandar Pavlović spielte Fehlpässe, die man in drei Jahren Profifußball beim FC Bayern noch nie gesehen hatte. Felix Nmecha zeigte die womöglich schlechteste Leistung eines Mittelfeldspielers der deutschen WM-Geschichte, selbst der Kapitän Joshua Kimmich konnte, als er später ins Mittelfeld rückte, das Spiel nicht an sich reißen. Er zeigte zwar eine bessere Leistung als die anderen genannten, aber blieb weit unter seinem Niveau.
Was blieb als Lösung waren Flanken. Flanken auf den großen, aber nicht überragenden Kopfballspieler Kai Havertz, Flanken auf den großen, aber nicht überragenden Kopfballspieler Nick Woltemade, Flanken auf Leon Goretzka, vor allem jedoch Flanken auf tatsächlich niemanden. “Einfach mal rein, die Pille, vielleicht finden wir ja wen!” Über 50 mal konnte man diesen Gedankengang in Aktion sehen.
Es ist kaum in Worte zu fassen, wie unsäglich einfallslos der deutsche Ballvortrag war. Wo waren Deniz Undavs schleichende Bewegungen? Linienbrechende Pässe? Sprints in die Tiefe? Versuche die Innenverteidiger herauszuziehen? Scharfe Spielverlagerungen?
Alles war fort. An Einfallslosigkeit fühlte man sich erinnert an den eigentlichen deutschen WM-Tiefpunkt beim 0:2 in Russland gegen Korea.
Und der Bundestrainer hatte doch Recht: Deniz Undav verpufft
Wochenlang gefordert, endlich erhört: Die Freude war groß bei der Verkündung des ersten WM-Starteinsatzes Deniz Undavs. Die Bundesliga hat er schon kreuz- und kleingeschossen. Hatte in der gesamten Vorbereitung überzeugt, war stark gegen Curaçao, Matchwinner gegen Côte d’Ivoire, hatte sogar seine krasse Aktion gegen Ecuador, als er Sanés Eins-gegen-Eins mit dem Rücken vorlegte.
Kurzum: Undavs Berufung in die Anfangself war überfällig. Dass er von Beginn nicht ansatzweise die gleiche Wirkung entfalten konnte, wie von der Bank, konnte man schon in der sechsten Spielminute erahnen: Er kommt aus spitzem Winkel im Strafraum an den Ball und sucht sofort den Abschluss, dabei war der zentral hereinstürmende Pavlović völlig blank. Das war das fast sichere 1:0, auch wenn der Münchener Sechser nicht für das Toreschießen bekannt ist.
Alles was danach kam oder besser gesagt nicht kam, war genauso schlimm. Nie stellte er den Körper rein, nahm einen kreativen Laufweg, versuchte etwas. Bis zu seiner hochverdienten Auswechslung kam er insgesamt auf neun mickrige Ballkontakte.
Nagelsmanns mutlose Wechsel
Sechs mal griff der Bundestrainer ins Spielgeschehen ein, vier von ihnen sind nominell logisch, wenn auch manchmal zeitlich etwas erstaunlich. So hätte das Spiel eigentlich schon weit vor der 110. Minute um die Hereinnahme eines unorthodoxen Halbraumschleichers wie Nadiem Amiri gebettelt.
Zwei von den Wechseln waren aber von der Außen- und Innenwirkung fatal. Die Rede ist von den Innenverteidiger-Hereinnahmen. In der 79. Spielminute hatte Nagelsmann genug vom alleinigen Sechser Pavlović (Goretzka spielte die ganze Zeit höher auf der Zehn) und versetzte Joshua Kimmich ins Zentrum. Das Volk hatte das ja ohnehin schon vorher gefordert. Also, außer als der Bundestrainer eben dies vor 12 Monaten nach der Nations League getan hatte, dann fanden es noch alle schrecklich.
In jedem Fall rückte Kimmich nun bis zum Spielende ins Mittelfeld, doch obwohl Paraguay geschätzt drei Angriffe im gesamten Spiel versuchte, obwohl sie seit der zweiten Spielminute auf das Elfmeterschießen hinspielten, obwohl sie keine Gefahr ausstrahlten und obwohl man das Spiel doch eigentlich vor Ablauf der regulären Spielzeit gewinnen wollte, brachte er für die Position des Rechtsverteidigers nicht den flinken Jamie Leweling, sondern den Innenverteidiger Waldemar Anton.
Man kann natürlich argumentieren, dass man zu diesem Zeitpunkt noch nicht all-in gehen wollte, aber man wechselt hier ja keinen Mittelstürmer für einen Innenverteidiger und löst so die Viererkette auf. Man würde nur einen deutlich offensiveren Mann bringen. Wovor hatte man Angst? Paraguays Kontern? Welche Konter?
Soweit, so schlimm, den Vogel schoss er aber in der 110. Minute ab. Antonio Rüdiger war am Ende seiner Kräfte. Wen würde er jetzt also bringen? Endlich Jamie Leweling? Maxi Beier? David Raum für EM-2024-Flashbacks? Man hätte auch den jungen Ouédraogo verargumentieren können. Nur ein Innenverteidiger wäre unnötig, immerhin war Anton ja auf dem Feld.
Er brachte Malick Thiaw. Einen Innenverteidiger. Thiaw. Malick Thiaw.
Aus welchem Grund? Schon vor der Herausnahme Rüdigers war der Wahnsinn augenscheinlich, dass Deutschland ständig mit vier tiefen Spielern aufbaute gegen pressingverweigernde Paraguayer. Wieso ein Eins-zu-Eins-Wechsel, wenn Anton doch ohnehin schon auf dem Feld war?
Man muss so klar konstatieren: Julian Nagelsmann fehlte der Mut, mit allen Mitteln das Elfmeterschießen zu umgehen. Und das darf gegen dieses zwar gewiss tapfer kämpfende, aber doch sehr mittelmäßige Paraguay nicht sein und wurde natürlich auch prompt bestraft.



