FC Bayern: Wie Jonas Urbig das Duell gegen den BVB mitentschieden hat
Es gab eine Zeit, in der der FC Bayern ohne Manuel Neuer nicht wieder zu erkennen war. Eine Zeit, in der es schon deshalb lohnenswert war, die Münchner hoch zu pressen, weil der Spielaufbau massiv darunter litt, keinen Torhüter mehr zu haben, der kontrolliert und präzise hinten herausspielen kann.
Aktuell scheint es so, als wäre diese Zeit vorbei. Denn Jonas Urbig zeigte beim Topspiel gegen Borussia Dortmund abermals, wie groß sein Talent mit dem Ball am Fuß ist – und hinterließ auch in anderen Bereichen des Spiels Eindruck.
Für den 22-Jährigen war es nicht das erste größere Spiel. In der vergangenen Saison ersetzte er Neuer im Champions-League-Achtelfinale gegen Bayer Leverkusen. Auch in dieser Saison musste er ein taktisch kompliziertes Spiel in Stuttgart bestreiten. Seine Souveränität und sein Mut ragten jeweils heraus.
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Jonas Urbig mit beeindruckender Leistung gegen Borussia Dortmund
Und deshalb ist es für die allermeisten wohl auch keine Überraschung mehr, dass Urbig gegen den BVB ebenfalls ablieferte. Auf der Linie war der ehemalige Kölner nicht so sehr gefordert. Das, was von Dortmund auf sein Tor kam, konnte er entweder sehr locker parieren oder eben gar nicht, weil er bei den Toren chancenlos war.
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Für Bayerns Grundkontrolle im Spiel war es jedoch enorm wichtig, wie Urbig mit dem Ball agierte. Selbst in den hohen Phasen des BVB-Pressings behielt er einen kühlen Kopf und verteilte die Bälle klug. Von schnellen Seitenverlagerungen über kurze Pässe bis hin zu seinen mittlerweile berüchtigten langen Schlägen nach vorn war wieder alles dabei.
Urbig spielte laut SofaScore 13 erfolgreiche lange Bälle gegen die Borussia, neun kamen nicht an. Von 28 Pässen in der eigenen Hälfte kamen 27 an. Miasanrot hat sich seine Pässe vom Wochenende via Wyscout nochmal angesehen. Auffällig dabei: Kein einziger seiner Fehlpässe stellte in irgendeiner Form ein besonderes Risiko dar. Viele von diesen Zuspielen hatten sogar eine gute Chance, erfolgreich zu sein.
Szenenanalyse: Urbigs Ruhe gegen den BVB
Besonders beispielhaft war eine Szene in der 75. Minute. Beim Spielstand von 2:1 für den FC Bayern spielte Urbig nahezu direkt hintereinander zwei sehr starke raumöffnende Pässe.

Zunächst sieht er Jamal Musiala im Zentrum und spielt einen flachen Pass exakt in der Schärfe, die perfekt ist, um den Ball noch kontrollieren zu können, gleichzeitig aber wenig Zeit verstreichen lässt. Denn Nico Schlotterbeck versuchte, Musiala zu pressen und auch die anderen BVB-Spieler in der Nähe orientierten sich nun ins Zentrum.
Das ist gleichzeitig der Hauptgrund, weshalb solche Pässe wichtig sind: Urbig öffnet mit einem solchen Pass die Flügel, zieht einen Innenverteidiger aus der BVB-Kette und sorgt damit bestenfalls für einen guten Angriff. Musiala macht aber den Schulterblick und weiß, dass aufdrehen keine gute Option wäre. Also geht der Ball nochmal zurück in die Bayern-Abwehr und schließlich erneut zu Urbig.

Der sieht mit guter Vororientierung, dass Michael Olise am rechten Flügel frei ist – auch weil Josip Stanišić einen sehr guten Diagonallauf macht und die Außenbahn damit öffnet. Urbig spielt einen hohen, aber scharfen Diagonalball auf Olise, der bekommt den Ball kontrolliert, dribbelt nach innen und wird gefoult.
Mit solchen Zuspielen sorgt der FC Bayern dafür, dass der Gegner viel Laufarbeit verrichten muss. Je häufiger hohes und aggressives Anlaufen nicht erfolgreich ist, desto mehr Ruhe hat man irgendwann im Aufbau. Urbig war hier mehrfach entscheidend, wenn es darum ging, den BVB hinten reinzudrücken.
Urbig ist beim FC Bayern integraler Bestandteil des Spielaufbaus
Er ist anders als andere Torhüter zuvor nicht nur eine Notfallanspielstation – also jemand, der hin und wieder als letzte Möglichkeit angespielt wird, um dann den Befreiungsschlag zu wählen. Er ist ganz natürlich in den Spielaufbau integriert, bietet sich klug an und verteilt die Bälle mit Präzision und Sorgfalt. Wie gut Urbig ist, erkennt man auch daran, wie sehr ihm die Mitspieler vertrauen.
Schon oft wurde deshalb in dieser Saison die Frage gestellt, wie sehr Neuer überhaupt noch vermisst wird, wenn er nicht zwischen den Pfosten steht. In Dortmund war die Antwort abermals: Gar nicht. Es gab keine Szene, die der einstige Welttorhüter besser hätte lösen können. Im Gegenteil gab es so manche Szene, die Urbig derart gut löste, dass man andersherum spekulieren könnte, ob das Neuer ebenso gelungen wäre.
Für den FC Bayern ist die Entwicklung des U-Nationalspielers wichtig. Denn sie verschaffte ihnen bisher Ruhe bei der Frage, ob Neuer noch ein Jahr dranhängt. „Bisher“ deshalb, weil es so langsam nicht mehr nur um Neuer geht. Oft genug hieß es, dass der 39-Jährige selbst darüber entscheiden werde, ob er bleibt oder nicht.
Jonas Urbig bringt Druck in die Neuer-Frage
Mittlerweile muss man sich in München aber fragen, ob es nicht doch die „harte“ Entscheidung braucht, die man einst bei Bastian Schweinsteiger oder jüngst bei Thomas Müller traf. Dass jetzt einfach der optimale Zeitpunkt da ist, um sich zu trennen und einen neuen Weg zu gehen. Bei Schweinsteigers Abgang stand Neuzugang Joshua Kimmich bereit. Bei Müllers Abgang wurde Jamal Musiala bereits über Jahre hinweg „eingearbeitet“.
Urbigs Entwicklung seit seinem Wechsel ist bemerkenswert. Zu Beginn hatte er noch merkliche Schwierigkeiten mit dem Spieltempo und vor allem damit, sich beim Neuer’schen Herauslaufen wohl zu fühlen. Mittlerweile macht er selbst das souverän. Gegen den BVB klärte er laut SofaScore viermal außerhalb des Strafraums. Einige Male davon verteidigte er damit Kontersituationen, die ohne seinen Lauf extrem gefährlich gewesen wären.
Urbig scheint mit jedem Einsatz stabiler und besser zu werden. Warum also nicht im Sommer dafür sorgen, dass er die Chance bekommt, sich Woche für Woche und Spiel für Spiel beweisen zu können?



