MUNICH, GERMANY - JUNE 10: Players from both sides clash during the DFB Cup semifinal match between FC Bayern Muenchen and Eintracht Frankfurt at Allianz Arena on June 10, 2020 in Munich, Germany. (Photo by Kai Pfaffenbach/Pool via Getty Images)

Vorschau: FC Bayern München – Borussia Mönchengladbach

Justin Trenner 12.06.2020

Eine Halbzeit lang knüpften die Bayern unter der Woche an ihre bisherigen Leistungen nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs an. Volle Kontrolle, viel Variabilität, maximaler Druck auf den Gegner – Flicks Fußball ist in Momenten wie diesen eine Augenweide. In einer solchen Verfassung muss sich die Mannschaft vor niemandem in Europa verstecken. Und das, obwohl sich auch in dieser so starken ersten Halbzeit der eine oder andere Fehler einschlich.

Nur fallen die weniger ins Gewicht, wenn die Mitspieler sich in Ballnähe eng positionieren, sofort ins Gegenpressing kommen und den Ball zurückerobern. Frankfurt lief nur hinterher, kam so gut wie gar nicht vor das Tor der Bayern und wenn dann doch mal Konter gefahren wurden, waren die Wege bis zu Manuel Neuer viel zu weit. Denn die Münchner schnürten die Gäste an deren Strafraum fest.

Im zweiten Durchgang veränderte sich das Bild komplett. Frankfurt schob druckvoller raus, erwischte die Bayern mehrfach auf dem falschen Fuß. Wiedermal ließ sich der Rekordmeister vom nun veränderten Spielrhythmus anstecken. Das Tempo diktierte nur die Eintracht. Hin und her ging es zu Beginn der zweiten Hälfte und nur die Mannschaft von Adi Hütter profitierte davon. Statt nach Balleroberungen den Ball und den Gegner laufen zu lassen, versuchten die Bayern immer wieder, den finalen Konter zum 2:0 zu starten. Das Resultat: Ballverluste, mehr Spielanteile für Frankfurt und Kontrollverlust.

Zu wenig Kaderbreite?

Flick kann man zumindest nicht den Vorwurf machen, dass er nicht reagiert hätte. Mit Lucas Hernández und Thiago wollte er mehr Kontrolle ins Spiel bringen, die wilde Spielphase beruhigen. Der Gedanke war gut. Auch wenn er dafür beide Flügelspieler opfern musste, war es nun wichtiger das Mittelfeldzentrum zu stabilisieren. Thiago, Kimmich, Goretzka und Müller sind dieser Aufgabe auf dem Papier gewachsen.

Die Realität deutete direkt nach dem Wechsel darauf hin, dass es gelingen würde. Bayern agierte nun etwas ruhiger, aber gleichzeitig auch weniger druckvoll nach vorn. Genau in diese Phase der nach und nach zurückkehrenden Kontrolle erzielte Frankfurt dann aber den Ausgleich und das Spiel ging von vorn los.

Am Ende erzählte Müller vor laufenden Kameras, dass die Müdigkeit eine Rolle gespielt hätte. Und das war auch sichtbar. Frankfurts höheres Pressing konnte selbst mit einem auf dem Papier besser aufgestellten Mittelfeld nicht so mühelos ausgehebelt werden, wie man es erwartet hatte. Die Freilaufbewegungen der Spieler harmonierten schlicht nicht mehr. Konkret bedeutet das, dass Pavard, wenn er auf rechts unter Druck stand, nicht mehr sofort eine Anspielstation im Halbraum vorfand. Frankfurt war so viel schneller im Zweikampf und am Ball. Wie schmerzhaft das gerade gegen die SGE sein kann, zeigten nicht nur Kohr und Hinteregger. Lässt man diese Mannschaft an sich heran, wird es unangenehm.

Müllers Aussagen deuten darauf hin, dass einfach die Frische fehlte, um die so wichtigen Wege zu gehen und den Gegner laufen zu lassen. Dass Frankfurt das Spiel dann offener gestalten konnte, verhinderte darüber hinaus Entspannungsphasen.

Doch ist es Flick vorzuwerfen, dass er nach der langen Pause zunächst darauf bedacht war, den Rhythmus wieder aufzunehmen und so in den vergangenen Wochen wenig wechselte? Nur bedingt. Schaut man sich an, welche Optionen er hatte, sind seine Entscheidungen nachvollziehbar. Gerade im Offensivbereich fehlen ihm die Alternativen, um problemlos auf zwei oder drei Positionen zu tauschen.

Anpasssungsfähigkeit gefragt

Selbst im vermeintlich breit aufgestellten Mittelfeld sieht es aktuell dünn aus. Mit Thiago komm ein weiterer Verletzter hinzu. Dass man Javi Martínez ohne Sorgen in ein so kampfbetontes Spiel wie am Mittwoch werfen kann, steht außer Frage. Der Baske zeigte abermals, dass auf ihn Verlass ist. Doch in der aktuellen Rollenverteilung im Mittelfeld ist er eben kein Startelfkandidat.

Flick braucht für die kommende Saison noch den einen oder anderen Spieler mehr, um seine Vorstellungen umsetzen zu können. Dass seine Mannschaft trotzdem so begeistert und gleichzeitig außerordentlich erfolgreich ist, spricht für ihn. Er kann sich anpassen, hat beispielsweise vor einiger Zeit Lewandowskis Ausfall kurzfristig kompensieren können und auch Thiagos Fehlen fiel weniger auf als in der Vergangenheit.

Gegen Gladbach wird diese Anpassungsfähigkeit erneut gefragt sein. Lewandowski und Müller sind gesperrt – oder anders: 85 direkte Torbeteiligungen in Pflichtspielen stehen nicht auf dem Platz. Umso wichtiger wird es sein, dass Serge Gnabry wohl rechtzeitig fit wird.

Bei sieben Punkten Vorsprung und nur vier verbleibenden Partien ist die Ausgangsposition aber entspannt. Es wäre dahingehend sogar ein Fingerzeig von Hansi Flick, würde er die Personalsituation nutzen, um jungen Talenten eine (weitere) Chance zu geben. Joshua Zirkzee steht ohnehin bereit, aber auch Spieler wie Oliver Batista-Meier müssen zwingend den nächsten Schritt gehen. Ein weiterer Spieler, der in der letzten Woche für Aufsehen sorgte, ist der 17-jährige Jamal Musiala. Der ehemalige Chelsea-Spieler erzielte für die Amateure einen Doppelpack und steht womöglich vor seinem Debüt im Profikader.

Bekommen die Talente ihre Chance?

Es ist nicht alles schlecht daran, dass die Bayern nicht jeden Ausfall problemlos kompensieren können. In der jüngeren Geschichte des FC Bayern war es trotzdem nicht selbstverständlich, dass Talente auch in solchen Ausnahmesituationen ihre Spielzeit kriegen. Lediglich bei Louis van Gaal konnte man fast schon sicher davon ausgehen, dass er den einen oder anderen mit seiner Startelf überraschen würde.

Die Zeit der Rotation ist jetzt gekommen – eigentlich sogar über die zwei Zwangswechsel hinaus. Man darf gespannt sein, wie die Startelf der Bayern am Wochenende aussieht. Wenn man in einem solchen Spiel nicht mal Cuisance und/oder Zirkzee von Anfang an bringt, dann wohl gar nicht mehr. Beide brauchen diese Einsätze dringend, sind sie doch gerade in einer sehr entscheidenden Entwicklungsphase. Flick wird darum wissen. Doch wie handelt er?

Das Spiel gegen Gladbach wird eine kleine Standortbestimmung. Und zwar dahingehend, wie gut die Bayern sein können, wenn ihnen das Herz der eigenen Offensive komplett genommen wird. Es ist aber nicht nur eine Standortbestimmung für die Mannschaft, sondern auch für den Trainer, der zurecht sehr gelobt wird. Doch auf dem höchsten Niveau braucht es jemanden, der mit solchen Umständen umgehen kann. Ob Flick das kann, wird sich nicht an diesem einen Spiel entscheiden lassen. Es wird sich nicht mal anhand der gesamten bisherigen Saison entscheiden lassen. Es ist ein Prozess. Und vor allem im Vergleich zum Hinspiel kann man nachher sicherlich den einen oder anderen Schluss ziehen, an welchem Punkt sich dieser Prozess gerade befindet.

Hinweis: Diese Vorschau ist unter Zeitdruck entstanden und stand lange auf der Kippe. Seht es mir bitte nach, dass es diesmal keine detaillierte Gegnervorschau gibt. Gerade das Spiel der flexiblen Gladbacher ist zu komplex, um es auf nur 2-3 Sätze herunterzubrechen und verlangt mehr Zeit, als ich aktuell aufbringen könnte. Lieber gar nicht analysieren, als falsch zu analysieren. Wer möchte, kann gern nochmal die Vorschau aus der Hinrunde lesen. Sie dürfte in vielen Punkten noch recht aktuell sein. Das Vorschautippspiel kommt bald zurück und wird auch ohne Dokumentation im Blog weitergeführt.

Die Bayern Amateure spielen am Sonntag um 17 Uhr auswärts gegen Waldhof Mannheim (Magenta Sport überträgt).

Die FC Bayern Frauen spielen Sonntag um 14 Uhr gegen Jena (kostenlos bei Magenta Sport).



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