Vorschau: FSV Mainz 05 – FC Bayern München

Justin Trenner 26.10.2018

Wenn der Trainer in seiner Außendarstellung zufrieden ist, sollte das eigentlich ein gutes Zeichen sein. Kovač lobte seine Spieler, empfand den Auftritt in Athen als Fortschritt.

Es war tatsächlich einer. Athen hatte zu keiner Zeit des Spiels eine wirkliche Chance auf mehr als einen Punkt. Defensiv standen die Münchner sicher und in vielen Phasen der Partie wirkten sie konzentrierter als noch vor der Länderspielpause. Dass das allein nicht der Anspruch sein kann, ist völlig klar.

Umso irritierender scheint es für einige Beobachter zu sein, dass Kovač von ein, zwei Dingen spricht, die es zu verbessern gilt. Der Weg von der derzeitigen Leistung zu einer Spitzenmannschaft ist noch ziemlich weit. Und auch das Trainerteam hat einen Anteil daran.

Unsicherheiten im System auffangen

Es ist mühselig, immer wieder die guten alten Zeiten unter Guardiola heraufzubeschwören. Mitunter ist es sogar nervig. Die Mannschaft hat sich verändert, Schlüsselspieler sind noch viel weiter über ihrem Zenit als vor drei Jahren und die jüngere Generation braucht noch Zeit, um aus dem Schatten der älteren herauszutreten.

Deshalb ist die allgemeine Kritik an der Kaderpolitik auch in vielen Punkten berechtigt. Über die Außenbahnen geht im Moment zu wenig. Bayern möchte das System spielen, das sie seit fast einem Jahrzehnt spielen. Einzig gelingen möchte es nicht mehr – jedenfalls nicht in der notwendigen Dominanz. Dadurch entstehen Unsicherheiten. Selbst bei Superstars, die in ihren Karrieren alles erlebt haben.

Die Stärke eines Weltklassetrainers ist es, diese Unsicherheiten aufzufangen. Mit einem System, das einer Mannschaft Sicherheit gibt, wenn sie individuell aufgrund vieler Faktoren nicht mehr überlegen ist. Doch die Bayern spielen weiter ihren Stiefel. Wenn es nicht läuft, dann werden eben Dribblings und Flanken provoziert. Irgendwann wird sich die Klasse eines Robben, Ribéry oder Lewandowski schon durchsetzen. Mittlerweile passiert das aber deutlich seltener, als man annehmen könnte.

Spiel zwischen Anspruch und Erwartungen

Und so braucht es vor allem Ideen. Ideen, wie man die Abhängigkeit von den Flügelspielern auflösen kann. Ideen, wie man im Zentrum mehr Präsenz erlangt und so durch Kombinationen statt durch Eins-gegen-Eins-Situationen erfolgreich ist. Ideen, wie eine Struktur auf dem Platz entsteht, die dem Kollektiv Sicherheit gibt. Es braucht also ein Trainerteam, das die Schwächen eines alternden Kaders mit strategischen Anpassungen kaschieren kann.

Hier überladen, dort verlagern und dann sieh, was Robben und Ribéry mit dem Ball zusammen zaubern. Nicht, dass das damals einfach gewesen wäre. Schließlich war das ganze Positionsspiel auf diese Zielspieler ausgelegt. Aber jetzt sind die einstigen Nadeln nur noch stumpfe Zahnstocher. Die Frage, ob Niko Kovač und sein Team das System derart verändern können, dass das nicht mehr ins Gewicht fällt, steht seit Anfang der Saison im luftleeren Raum. Eine Antwort darauf gibt es immer noch nicht. Aber es gibt Tendenzen. Und es gibt das typische Spiel zwischen Erwartungen und Anspruch.

Anspruch des FC Bayern ist es, immer in allen Bereichen Top-Niveau zu haben. Die Realität und somit auch die Erwartungshaltung sind aber jeweils eine andere. Nicht nur im Fußball gibt es Zyklen. Auf eine erfolgreiche Phase folgt selten eine weitere erfolgreiche Phase. Große Mannschaften brauchen Zeit. Sie müssen wachsen und sich entwickeln. Möglicherweise ist das im Moment also nur ein normaler Prozess. Oder es ist das zu späte Erkennen der Notwendigkeit dieses Prozesses.

Wo bleibt die Entwicklung?

Auch Niko Kovač hat deshalb aber Zeit verdient. Von ihm zu erwarten, dass er auf Anhieb alle Probleme löst, mit denen große Trainer wie Carlo Ancelotti oder Jupp Heynckes ebenfalls nicht auf allerhöchstem Niveau fertig wurden, ist vielleicht zu viel verlangt. Denn oft wird im Rückblick vergessen, dass auch Heynckes mit dieser Mannschaft riesige Probleme hatte. Vielleicht bedeutet das, dass diese Mannschaft dieses ganz hohe Niveau gar nicht mehr erreichen wird. Dass es vorbei ist und diese Saison nur als Basis für die Zukunft dienen kann – positiv wie negativ.

Vielleicht bedeutet das aber auch, dass Kovač selbst noch in einer Lernphase ist und er auf der Suche nach Struktur noch fündig werden könnte. Dass er das System findet, das dieser unsicher gewordenen und alternden Mannschaft ein Gerüst gibt, mit dem sie wieder erfolgreich ist. Denn so alt sind Neuer, Müller, Boateng, Hummels, Martínez und Lewandowski jetzt auch nicht.

In den letzten Spielen sah es eher nicht danach aus, als gäbe es eine Entwicklung zu einer besseren Grundstruktur. Verändert wurden höchstens Details oder die personelle Besetzung der Positionen. Die eigentlichen Probleme im Spielaufbau und in der Besetzung des Zwischenlinienraums wurden dadurch nicht gelöst, eher noch verschlimmert. Eine Kritik, die sich das Trainerteam trotz der Kaderprobleme gefallen lassen muss.

Mainzer Abwehrriegel

Gerade gegen Mainz 05 wird es eine klare Steigerung geben müssen. Das mag ein Satz sein, der in einigen Variationen hier schon mehrfach fiel, doch es ist an der Zeit. Zwar fehlt es den Mainzern vorne an Durchschlagskraft, doch hinten stellen sie derzeit eine der besten Abwehrreihen der Liga. Nur acht Gegentore gab es für den FSV – vier davon am letzten Spieltag gegen Gladbach.

Zu Hause ist die Mannschaft von Sandro Schwarz zudem noch ungeschlagen. In verschiedensten Variationen eines Viererketten-Systems verschoben die Mainzer in vielen Partien sehr kompakt und laufstark. Mit der richtigen Mischung aus Aggressivität und taktischer Disziplin gelang es ihnen, wenige Großchancen zuzulassen. Bis zum Gladbach-Spiel standen die Mainzer bei 8,2 Expected Goals gegen sich – drittbester Wert der Liga.

Zwar lassen sie im Schnitt 14,8 Schüsse pro Spiel zu, aber der Expected-Goals-Wert zeigt, dass diese oft keine hohe Qualität haben. Durchschnittlich hatten die Mainzer aber bisher 49,2% Ballbesitz. Das ist ein Wert, den sie gegen den FC Bayern nicht erwarten können.

Die größte Herausforderung seit van Gaal

Dementsprechend wird die Partie für beide Mannschaften ein wichtiger Gradmesser. Mainz kann unter Beweis stellen, dass sie auch in längeren Phasen ohne Ball die mentale Stärke mitbringen, um den Gegner von gefährlichen Zonen fernzuhalten. Für Niko Kovač und den FC Bayern geht es hingegen darum, eine gut formierte und kompakte Defensive mit einer klaren Idee zu bespielen. Und mit klarer Idee ist nicht gemeint, dass Kimmich den Ball bekommt und so oft flankt, bis jemand ein Tor erzielt.

Sich über den positiven Trend der Ergebnisse zu freuen, ist eine Selbstverständlichkeit, die niemandem verboten werden kann. Allerdings wird diese Freude nicht lange anhalten, wenn die Probleme des FC Bayern, die über ein, zwei Dinge hinausgehen, sich nicht bald lösen. Denn so sehr man sich auch wünscht, dass das Trainerteam ein bisschen Zeit bekommt, so sehr weiß man auch, dass sich dieser Klub keinen Misserfolg erlauben will.

Umso bedauerlicher ist es aus der Perspektive eines Trainers, wenn du derjenige bist, der ein jahrelang erfolgreiches System so stark modifizieren muss wie kaum jemand zuvor. Am liebsten in Rekordzeit. Es ist die größte Herausforderung seit van Gaal. Und selbst der brauchte einiges an Glück, um das loszutreten, wovon der FC Bayern bis heute profitierte.

Das Thesen-Duell

Die Regeln findet ihr hier. Die Zahl für These 3 wurde diesmal von Fatbardh gewählt. Kurzfristige Änderungen sind bis zum Spieltag noch möglich.

Ergebnis des letzten Spieltags: Justin 4,6 : 4,8 Fatbardh

Zwischenstand insgesamt: Justin 35,2 : 31 Fatbardh

Justins Tipps

  1. Torschütze: Serge Gnabry
  2. Freie These: Bayern spielt zu Null!
  3. Über/Unter 2,5: Über!
  4. Aufstellung: Neuer – Kimmich, Boateng, Süle, Rafinha – Thiago – Goretzka, Müller – James, Lewandowski, Gnabry

Fatbardhs Tipps

  1. Torschütze: Thomas Müller
  2. Freie These: Bayern spielt nicht zu Null.
  3. Über/Unter 2,5: Über!
  4. Aufstellung: Neuer, Kimmich, Süle, Boateng, Alaba, Thiago, Sanches, James, Müller, Lewandowski, Gnabry

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