Vorschau: FC Bayern München – SC Freiburg

Justin Trenner 12.10.2017

Als Heynckes das letzte Mal gegen den SC Freiburg an der Seitenlinie stand, stellte er mit dem FC Bayern einen neuen Punkterekord auf. Dank eines Tores von Emre Can gewannen die Münchner mit 1:0 und bauten so ihr Konto auf 84 Zähler aus. Am Ende sollten es 91 Punkte sein. Freiburg schloss die Saison immerhin als Fünfter ab. Nun ist der Münchner Erfolgscoach zurück und im ersten Duell darf er sich gleich mit Christian Streich messen, der sich im Abstiegskampf befindet.

(Foto: Patrik Stollarz / AFP / Getty Images)

Bereits auf der ersten Pressekonferenz sprach Heynckes von Dingen wie taktischer Flexibilität oder Anpassung – von Dingen, die man in München lange nicht gehört hatte. Auf dem Trainingsplatz sind die Zonenmarkierungen zurückgekehrt. Sie erinnern stark an die Tage, in denen tagein, tagaus das Positionsspiel trainiert wurde. Der FC Bayern ist dahingehend mittlerweile eingerostet. Das Aufbauspiel ist solide, die Bewegungen im Mittelfeld eher wenig unterstützend und auch der Angriff hat sich als einzelner Mannschaftsteil abgespalten. Einheit sieht anders aus.

Die Aufgabe des Trainerteams ist also einerseits, der Mannschaft wieder ein taktisches Korsett zu verpassen. Klare Abläufe wurden bereits in der ersten Woche trainiert und die markierten Zonen deuten darauf hin, dass strukturelle Probleme schon erkannt wurden. Mit Peter Hermann kam der Trainer, der sich damit beschäftigen wird.

Jupp Heynckes hingegen ist der Meister des Managements. Er wird nämlich andererseits dafür sorgen müssen, dass das Team die taktischen Ideen der Trainer akzeptiert und sich unterordnet. Alle sollten wieder ein Ziel verfolgen und mannschaftlichen Zusammenhalt präsentieren. Am ehesten kehrt der Erfolg zurück, wenn sich jeder auf demselben Weg zum Ziel befindet und niemand einen Alleingang wagt.

Dortmund ist fünf Punkte enteilt und weitere Schwächen sollten sich besser nicht offenbaren. Der BVB hat sein härtestes Programm zwar noch vor sich, doch auch für die Bayern werden die nächsten Wochen heiß. Umso wichtiger, dass das Feuer an der Säbener Straße zurück ist. Die Einstellung in den ersten Trainingseinheiten war eine komplett andere, auch die Stimmung war spürbar besser. Das merkten die Verantwortlichen des Klubs und alle, die in der ersten Heynckes-Woche dabei waren.

Jupp Heynckes ist gewiss kein Rentner, der diesen Job macht, weil ihm nichts anderes übrig blieb. Er ist ein sehr guter Trainer, der während der letzten 4 Jahre nicht geschlafen hat. Und er brennt. Er brennt auf diese erste Partie am Samstag gegen den SC Freiburg. Das überträgt sich auch auf die Mannschaft, die mit einem Ehrgeiz bei der Sache war, den es unter Ancelotti höchstens zu Beginn gab.

Hätten wohl nicht mehr damit gerechnet, sich erneut an der Seitenlinie zu treffen: Jupp Heynckes und Christian Streich.
(Foto: Alex Grimm / Bongarts / Getty Images)

Spielvorschau: Hohe Intensität

Die Breisgauer werden den Rekordmeister aber direkt herausfordern. Traditionell weiß Christian Streich, wie er es den Münchnern besonders schwer macht. Sein SC steht für extrem hohe Intensität.

Laufbereitschaft, Fallen und Lösungsmöglichkeiten

Nicht selten trauten sich die Freiburger gegen den FCB ein höheres Mittelfeldpressing zu. Dabei ließ sich gerade in den letzten direkten Duellen ein 4-2-2-2 als Grundformation erkennen; vorne zwei Angreifer, die das Aufbauspiel der Bayern störten, aber stets die Balance und Verbindung zum eigenen Mittelfeld hielten. Dahinter dann zwei Halbraumspieler, die gemeinsam mit den beiden Sechsern und den Stürmern eine Art Sechseck bildeten.

Diese Formation gegen den Ball erfordert einerseits viel Laufbereitschaft, stellt andererseits aber auch einige Fallen für den Gegner auf. Wenn die Bayern sich dort durchs Zentrum kombinieren wollen, brauchen sie eine gute Raumaufteilung vor der Abwehr.

In Freiburg hatten sie zuletzt Probleme, weil Vidal sich ständig dem Druck entzog und Xabi Alonso in einer 3-1-Staffelung alleine blieb.

Denkbar ist auch, dass die Breisgauer auf eine flexible Fünferkette setzen. Dann werden sie das Zentrum dicht halten, um die Bayern zu Flanken zu zwingen. Zuletzt klappte dies bei anderen ja ganz gut.

Es wird darauf ankommen, wie der Rekordmeister die erste Pressinglinie des Sportclubs überspielen kann. Lösungen dafür gibt es viele: einrückende Außenverteidiger, Dreierkette, spielstarke Sechser, gute Besetzung im Achter- und Zehnerraum, um die gefährlichen Zonen zu überspielen – unter Heynckes und Hermann lässt sich noch nicht sagen, was davon realistisch ist und was nicht.

Fakt ist aber, dass das Gefühl zurückgekehrt ist, dass da ein Team an der Seitenlinie steht, das sich Gedanken macht. Vor allem über taktische Prozesse. Die braucht es auch, um den Flankenfokus zu entschärfen und das kreative Kurzpassspiel zu reaktivieren.

Die individuelle Klasse des FC Bayern ist zwar so stark, dass man die Spieler fast nur richtig positionieren muss, um gegen den durchschnittlichen Bundesligisten erfolgreich zu sein. Das zeigte sich beispielsweise auf Schalke.

Auf Schalke zeigten die Bayern eine gute Einstellung.
(Foto: Patrik Stollarz / AFP / Getty Images)

Das Ziel: Chancen herausspielen

Wenn dann aber noch jemand kommt, der die Basics des Positionsspiels zurückbringen kann, dann ist das Potenzial riesig. Das Ziel für die Partie gegen den SC Freiburg ist deshalb klar: Chancen herausspielen.

Wege durch die Halbräume zu finden, Passdreiecke zu bilden und endlich wieder kombinativ in den Strafraum des Gegners einzudringen, das sind die Aufgaben für die nächsten Wochen. Gegen Freiburg sollte es zumindest erste Ansätze davon zu sehen geben und die wird es brauchen.

Christian Streichs Team wird den Bayern alles abverlangen wollen. Sie sind an guten Tagen in der Lage, Lücken mit enormer Laufarbeit schnell zu schließen. Stottert die Ballzirkulation der Heynckes-Elf auch nur ein bisschen, weil es keine Anspielstationen gibt, wird das Pressing des SC zuschlagen.

Allerdings wird es sehr wahrscheinlich auch viele Lücken geben. Kein Team ist in der jungen Saison so anfällig in der Defensive wie der SC Freiburg. Fast 20 Torschüsse kassieren die Breisgauer pro Partie. Umso beeindruckender, dass sie dennoch drei Mal ohne Gegentor blieben. Unter anderem gegen den BVB, dem sie das Zentrum auch in Unterzahl sehr eng machten. Können sie in München diese Leistung aber nicht abrufen, droht ein dunkler Nachmittag gegen den FC Bayern, der aus der Krise herauskommen möchte.

Die Spieler stehen in der Verantwortung

Die Mannschaft des Meisters wurde zuletzt vielerorts kritisiert. Wie kann es sein, dass der Menschenflüsterer Ancelotti ausgerechnet auf menschlicher Ebene gescheitert sein soll? Ist die Qualität vielleicht einfach nicht höher?

Nun liegt die Verantwortung bei den Spielern, der Öffentlichkeit das Gegenteil zu beweisen. Sie haben einen neuen Trainer bekommen, der sich tagtäglich stundenlang mit den Baustellen des Vereins beschäftigen wird. Mitgebracht hat er einen Co-Trainer, der die Fähigkeiten mitbringt, um das taktische Korsett enger zu schnüren.

Die Bedingungen für einen frühen Wendepunkt in der Saison sind gelegt. Es gibt keine Alibis mehr und die Spieler werden jetzt unter Beweis stellen müssen, was sie drauf haben. Diagonalität im Passspiel, schnellere Seitenwechsel, eine höhere Genauigkeit in den eigenen Aktionen sind Basics, die schon gegen Freiburg erkennbar sein sollten. Gerade an der Passgenauigkeit hat das Trainerteam unter der Woche viel gearbeitet.

Es liegt nun an den Spielern, die Ideen der Trainer umzusetzen.
(Foto: Christof Stache / AFP / Getty Images)

Immer und immer wieder coachte Peter Hermann die Spieler und griff verbessernd ein. Seine Stimme hallte über den gesamten Platz, während Heynckes im Hintergrund still analysierte. Eine Intensität und Akribie war erkennbar, die es am Wochenende gegen hochmotivierte Freiburger braucht.

Jetzt gilt es, das Feuer vom Trainingsplatz auf den Rasen der Allianz Arena zu übertragen. Am besten mit ersten taktischen Ideen und mindestens einer Einstellung, die dem „Mia san mia“ des Klubs wieder gerecht wird.

Wissenswertes zum Spiel

  • In 17 Aufeinandertreffen in München gelang den Freiburgern kein einziger Sieg. 2 Unentschieden und 15 Niederlagen stehen auf dem Konto.
  • Alexander Schwolow (Torhüter der Gäste) zeigt in der Liga die meisten Paraden pro Spiel (4,3).
  • 6 Tore erzielten die Münchner in der Liga aus Standards und 10 aus dem Spiel heraus. Kein Team schlägt so viele Flanken pro Spiel wie die Bayern (7,4 von 25,4 kommen durchschnittlich an). Zu wenig spielerische Qualität.
  • Anpfiff ist am Samstag um 15:30 Uhr (Sky überträgt).

Expertentipp

Im Expertentipp tippt ein externer Experte den Spielausgang. Für den richtigen Tipp gibt es drei Punkte und für die richtige Tendenz (Sieg, Unentschieden, Niederlage) einen Punkt. Verglichen wird dies dann mit einem zweiten Expertentipp, der vom Autorenteam von Miasanrot.de kommt. Am Ende der Saison wird sich zeigen, ob die eingeladenen Experten mehr Punkte erreicht haben, als die Redaktion.

Marc Schwitzky lag mit seinem 1:1 zumindest tendenziell richtig. Deshalb steht es nun nur noch 11:8 für die Redaktion. Nun stellt sich Sven Metzger (Füchsletalk auf meinsportradio) dem Duell mit Bettina, die unsere Redaktion vertritt.

Sven: Jupp, Jupp und nochmals Jupp. War sonst noch was? Ach ja, der SCF kommt nach München. Und das mit schon in den letzten Wochen deutlich mehr defensiver Stabilität, sowie einem gegen Hoffenheim äußerst sehenswertem Angriffspressing und Offensivspiel. Ob das reicht, um in München endlich mal wieder was zu holen? Ich glaube nicht, und tippe deshalb auf ein 3:0 für die Bayern.

Bettina: Der Enthusiasmus, den Heynckes’ Rückkehr entfacht hat, ist überall spürbar und wird sich auch auf dem Feld zeigen. Ein mutig auftretendes Freiburg wird gegen den frischen Wind trotz allem keine Chance haben, und auch Sven Ulreich wird sich anstecken lassen und seinen Kasten sauber halten – 3:0.

Am Wochenende kann es passieren, dass die Spielanalyse am Abend nachgereicht werden muss. Sie wird aber definitiv erscheinen.

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