Vorschau: FC Bayern München – Hertha BSC

Justin Trenner 19.09.2016

Die Berliner spielten eine hervorragende letzte Saison und kamen auch in diesem Sommer wieder gut in die Bundesliga. Mit Marc Schwitzky, Chefredakteur von Hertha BASE 1892, sprachen wir über den Erfolg in der Vergangenheit, die Aktualität und Zukunftspläne des Vereins.

Hallo Marc, stell dich unseren Lesern bitte kurz vor. Wie bist Du Hertha-Fan geworden und was verbindet dich mit der alten Dame?

Hallo Justin! Ich heiße Marc Schwitzky, bin 20 Jahre alt und lebe in Berlin. Ich studiere und betreibe nebenbei den Blog Hertha BASE 1892, auf dem ich mit meinen sechs Kompanen über das Geschehen bei der alten Dame berichte.

Ich bin wohl recht klassisch ein Herthaner geworden, denn es wurde mir von meinem Vater in die Wiege gelegt. Mit sechs Jahren ging es das erste Mal ins altehrwürdige Olympiastadion, in welchem wir an dem damaligen Spieltag 1860 München Richtung zweite Liga schossen, daran erinnere ich mich noch genau. Seitdem hat mich der Hertha-Virus voll gepackt. Große Spieler und Identifikationsfiguren wie Niko Kovac, Marcelinho, Arne Friedrich oder Josip Simunic waren natürlich auch ein Faktor.

Hertha hat eine erfolgreiche Saison hinter sich. Was waren deiner Meinung nach die wichtigsten Säulen für den Erfolg?

Zunächst sollte man das Trainerteam nennen: Pal Dardai und Rainer Widmayer leisten seit der Amtsübernahme von Jos Luhukay fantastische Arbeit. Sie brachten der Mannschaft wieder Fußball bei, so platt sich das anhören mag. Wir lernten mit Ballbesitz umzugehen, defensiv kompakt zu stehen und Konter effizient auszuspielen.

Auch Sportdirektor Michael Preetz verdient großes Lob! Er verpflichtete mit Darida, Weiser, Ibisevic und Stark eine absolute Achse des Erfolgs und hielt wichtige Spieler wie Skjelbred und Brooks.

Natürlich ist aber die Leistung der Mannschaft für den letztendlichen Erfolg entscheidend und diese spielte eine bärenstarke Saison. Man spürte Hunger und Spielfreude. Kalou und Ibisevic waren absolute Waffen im Sturm. Darida zog die Fäden im Mittelfeld und auch Skjelbred spielte eine unfassbare Saison, in der er zur Versicherung der Defensive wurde. Die gesamte Viererkette war unheimlich stabil und somit der Grundstein des Erfolgs. Zudem war der Torwartwechsel von Thomas Kraft auf Rune Jarstein ein echter Gewinn für die Mannschaft.

Die Berliner lebten sicherlich auch davon, dass sie etwas überperformt haben, also manchmal bessere Ergebnisse einfuhren als der Spielverlauf hergab. Würdest Du dem zustimmen und glaubst Du an eine Wiederholung des Erfolgs?

Der Saisonstart ist vielversprechend, aber natürlich noch kein Hinweis für die gesamte Spielzeit. An sich glaube ich, dass wir eine ähnliche Saison spielen können, denn das Team ist komplett zusammengeblieben, hat keinen einzigen Stammspieler verloren. Zudem werden die jungen Spieler wie Weiser, Brooks oder Stark immer erfahrener. Wir haben uns in der vergangenen Saison ein wunderbares Gerüst gebaut. Sind die 50 Punkte wieder möglich? Auf jeden Fall! Haben die Top-Teams der Liga wieder einen Kollektiveinbruch wie 2015/2016? Wohl sehr unwahrscheinlich. Wolfsburg, Schalke und co. werden nicht mehr so massiv wackeln, sodass Hertha dieses Jahr nicht so weit noch oben stoßen wird. Voraussichtlich.

Sinan Kurt kam als großes Talent zum FC Bayern und wurde dann nach Berlin verkauft. Wie schätzt Du seine Entwicklung ein und glaubst Du, dass er bei Hertha irgendwann seinen Durchbruch schaffen kann?

Kurt hat wirklich komplizierte Jahre hinter sich. Vom Jahrhunderttalent zum unbelehrbaren Schnösel in nur kurzer Zeit – In Berlin hat er die Ruhe, um sich nur auf den Fußball zu konzentrieren. Pal Dardai hat ein gutes Händchen für Talente und kann ihn sicherlich an den Männerfußball gewöhnen. Kurt hat die Vorbereitung voll ausgenutzt und sehr an seinem Körper gearbeitet. Leider schafft er momentan noch nicht den Sprung in den 18er Kader, er ist aber nah dran. Nach der Hinrunde wird man ihn weitaus besser einschätzen können. Bleibt er geduldig, wird ihm Dardai eine Chance geben, sich zu beweisen.

Sinan Kurt will bei Hertha BSC mittelfristig den Durchbruch schaffen.(Foto: Alex Grimm / Bongarts / Getty Images)
Sinan Kurt will bei Hertha BSC mittelfristig den Durchbruch schaffen.
(Foto: Alex Grimm / Bongarts / Getty Images)

Kommen wir zum Spiel in München. In welcher taktischen Ausrichtung erwartest Du die alte Dame?

Dardai hat in jedem Spiel einen anderen Matchplan, daher bin ich sehr gespannt, wie er diese Aufgabe angehen wird.

Hertha könnte mit einer 5er-Kette antreten. Wir haben mit Brooks und Langkamp bereits eine sehr starke IV, in die wir Lustenberger als Libero bringen können (hat einmal gegen den BVB sehr gut geklappt), der überall hilft. Rechts Pekarik, links Plattenhardt. Davor dann Stark/Skjelbred/Darida, Haraguchi & Weiser als schnelle Außen und Knipser Ibisevic vorne drin.

Wäre eine mutigere Spielweise mit höherem Pressing keine Option?

Ich wäre nicht schockiert, sollten wir doch nur mit Viererkette spielen, also ein normales 4-2-3-1. Dardai lässt gegen spielerisch starke Gegner auch gerne agieren und nicht nur reagieren. Er will Fußball sehen und das auch gegen die Großen! Mal schauen!

Wie geht das Spiel am Mittwoch aus und welche Ziele verfolgt der Verein kurz-, mittel- und langfristig?

Sollten wir einen Punkt gegen euch holen, wäre ich unglaublich zufrieden. Viel mehr kann man gegen diese Mannschaft einfach nicht erwarten. Solange wir nicht abgeschossen werden, können wir nicht klagen.

Dardai und Preetz möchten Mannschaft und Verein Schritt für Schritt weiterentwickeln. Jedes Jahr wird eine neue Komponente dazugeschraubt, spielerisch wie personell. Langfristig soll man dem Kreis der besten 8 Bundesligavereine angehören, zumindest nie den Anschluss an diese verlieren und auch in der Beliebtheitsskala nach oben wandern. Hertha BSC muss und will mehr Präsenz in der Stadt und darüber hinaus erlangen. Der Verein arbeitet an einer klaren Philosophie und probiert in dieser Richtung sehr viel (“We try. We fail. We win.”).


Unter dem anfangs stark kritisierten Michael Preetz und Trainer Pal Dardai ging es für die Berliner steil nach oben. Wie gefährlich kann Hertha den Bayern am Mittwoch werden?

Die Stärken von Hertha BSC

Die größten Qualitäten der Mannschaft liegen in der Effektivität. Mit 9,7 Abschlüssen pro Spiel hatten sie in der letzten Saison die wenigsten aller 18 Bundesligisten. Trotzdem erzielte die alte Dame 42 Tore und hatte mit 19,1% Chancenverwertung die drittbeste der Liga. Lediglich Gladbach (20,8%) und Borussia Dortmund (21,9%) waren besser. Auch in dieser Saison leben die Berliner bisher von ihrer Kaltschnäuzigkeit. Nach drei Spielen liegt die Quote bei 25%. Mit 10 Torschüssen pro Spiel sind sie zudem wieder im unteren Bereich der Tabelle. Gegen Schalke reichten zwei Schüsse auf das Tor des Gegners zu zwei Toren.

Will man diese Qualität personifizieren, so findet man gleich mehrere gefährliche Angreifer. Vedad Ibisevic (14) und Salomon Kalou (10) erzielten zusammen 24 Tore in der Saison 2015/16. Auch Julian Schieber scheint jetzt aber wieder eine Option zu werden. Gegen Freiburg besorgte er den Last-Minute-Sieg.

Doch wie erzielt die Mannschaft von Pal Dardai ihre Tore? Tatsächlich sehr ausgewogen. In der letzten Spielzeit waren es acht Standardtore, drei Elfmeter, ein Eigentor des Gegners und 30 Treffer aus dem Spiel heraus. Mit sieben Kontertoren zählten sie außerdem zum gehobenen Durchschnitt in dieser Kategorie. Speziell die defensive Außenbahn ist bei Hertha BSC außerordentlich gut besetzt.

Im letzten Jahr haben diese Positionen vor allem Weiser und Plattenhardt bekleidet, aber auch Peter Pekarik ist ein gerade defensiv starker Außenverteidiger. Alle drei zeichnet die Balance zwischen Offensive und Defensive aus. Weiser glänzte vergangene Spielzeit mit fünf Torvorlagen, zwei eigenen Treffern und als guter Aufbauspieler. Es ist ziemlich schwer gewesen den Ex-Münchner zu isolieren, weil er ein sehr gutes Spielverständnis besitzt. Am Sonntag war er mit einem Treffer und einer Vorlage der beste Spieler auf dem Platz.

Auch Marvin Plattenhardt (letzte Saison ebenfalls 2 Tore und 5 Vorlagen) ist da sehr clever, geht in seinen Aktionen aber etwas weniger Risiko. Pekarik ist eine defensivere Lösung, kann aber gerade deshalb gegen die Bayern eine Variante sein. Weiser würde dann eins vor rücken und im Mittelfeld agieren. Auf der offensiven Außenbahn ist der nächste Bayern-Gegner ebenfalls gut besetzt. Haraguchi ist in sehr guter Verfassung. In 3 Spielen war er an 2 Toren direkt beteiligt.

Übers Zentrum geht für gewöhnlich nicht viel, aber wenn, dann zuletzt über Darida der in spielmachender Rolle ein wichtiges Bindeglied für die Außen war. Außerdem war der 26-Jährige auch immer wieder aus dem Rückraum gefährlich. Gegen Schalke zog er sich jedoch einen Außenbandriss zu, womit er nicht nur gegen die Bayern ausfallen wird. Valentin Stocker gilt als wahrscheinlichste Alternative.

Die Schwächen von Hertha BSC

Die größte Schwachstelle ist die Struktur im Spiel mit dem Ball. Zwar können sie das Spiel gegen sehr viele Bundesligisten kontrollieren, aber es fehlt die Vertikalität. Kein Team in der Bundesliga praktiziert die berühmte “U-Form” in Ballbesitz so stark wie die Berliner. Es fehlt oft der Zugriff auf den Achter- und Zehnerraum. Hier stockt die Ballzirkulation und tendenziell verliert Hertha da auch die meisten Bälle. Von den Innenverteidigern geht es in der Regel zu den Außen und dann nach vorne. Die Mannschaft von Dardai ist sehr abhängig von ihrem Flügelspiel.

Brooks, der vermutlich ausfallen wird, und Langkamp sind normalerweise die Spielmacher im Zentrum. Sie haben ihre stärksten Verbindungen zu den Außenverteidigern. Das führt zu einer gewissen Vorhersehbarkeit der Angriffe sowie einer Abhängigkeit von Dribblings und Flanken. Auch deshalb hat die alte Dame für gewöhnlich wenige Abschlüsse pro Spiel. Schaffen sie es aber in Führung zu gehen, wird es für den Gegner sehr unangenehm. Die Struktur der Berliner erzeugt zwar keine Durchschlagskraft, macht es der anderen Mannschaft aber extrem schwer an den Ball zu kommen.

Worauf kommt es für die Bayern an?

Zu aller erst ist das eigene Spiel wichtig. Die Münchner müssen Automatismen finden und werden in Hertha einen Gegner haben, der sehr gut und hartnäckig verteidigen kann. Lösungen im Zentrum zu kreieren oder auf den Flügeln für mehr Variabilität zu sorgen dürfte hier weiter oberste Priorität haben. Das Spiel gegen Ingolstadt, aber auch die anderen Spiele offenbarten große Probleme mit und gegen den Ball. Die Halbräume sind nicht ausreichend besetzt und so fehlt es den Flügelspielern an Unterstützung. Darüber hinaus ist es auch nicht förderlich, dass alle drei zentralen Mittelfeldakteure so tief positioniert sind. Dadurch sind nicht genügend Positionen zwischen den Linien des Gegners besetzt.

Die Grafik zeigt die Verbindungen der Münchner aus dem Ingolstadt-Spiel. Die Problematik ist klar erkennbar. Ribéry war sehr zentral unterwegs, weil die drei Akteure im Mittelfeld tief standen. Dadurch gab es in der Offensive kaum Verbindungen, was wiederum zu einer großen Abhängigkeit von Einzelaktionen und wenigen Torabschlüssen führte. Im letzten Drittel gibt es derzeit weder Struktur noch eine klare Idee. Daran muss Carlo Ancelotti in den nächsten Wochen und Monaten arbeiten. Man kann sich schließlich nicht immer auf die individuelle Klasse verlassen.

Der FC Bayern tut gut daran, die Hertha nicht zu unterschätzen. Die Berliner stehen nicht umsonst auf Platz zwei. Spätestens der Heimsieg gegen Schalke am Sonntag zeigte, dass diese Mannschaft eine hohe Qualität hat und von Ballbesitz bis zum schnellen Umschaltspiel viele Facetten des Fußballs beherrscht. Kommt das Team von Dardai vor das Tor von Manuel Neuer, ist es mit ziemlicher Sicherheit ein Tor. Auch aufgrund der eigenen Schwächen, aber vor allem weil Hertha guten Fußball spielt, hat diese Begegnung den Ausdruck Spitzenspiel verdient.

Statistiken zum Spiel

Die letzten fünf Spiele gegen

Bilanz

  • 68 Pflichtspiele, 40 Bayern-Siege, 11 Hertha-Siege, 17 Unentschieden
  • 239 Tore, 160 für den FCB, 79 für den BSC
  • Aktuelle Serie: 10 Siege in Folge für Bayern
In Berlin startete die Profikarriere von Jérôme Boateng. (Foto: Andreas Rentz / Bongarts / Getty Images)
In Berlin startete die Profikarriere von Jérôme Boateng.
(Foto: Andreas Rentz / Bongarts / Getty Images)

Fun Facts

  • Der FC Bayern erspielte sich zum Auftakt gegen Bremen 27 Torabschlüsse. Auf Schalke waren es nur noch 18 und gegen Ingolstadt 10.
  • Robert Lewandowski hat in dieser Saison mit Ausnahme des Supercups in jedem Pflichtspiel getroffen.
  • Hertha hat seit vier Spielen nicht mehr gegen die Münchner getroffen.
  • Am 14.02.2009 hat die alte Dame das letzte Mal gegen den Rekordmeister gewonnen. Damals gab es einen 2:1-Erfolg im Olympiastadion. Die Berliner übernahmen die Tabellenführung, aber Meister wurde der zu diesem Zeitpunkt sieben Punkte zurückliegende VfL Wolfsburg.
  • Auch diesmal hat Hertha die Chance die Tabellenführung zu übernehmen. Beide Teams haben bisher alle drei Spiele gewonnen.
  • Die Münchner haben die letzten neun Heimspiele gegen ihren nächsten Gegner gewonnen und sind seit 21 Duellen mit dem Hauptstadt-Klub zu Hause ungeschlagen. Den letzten Sieg der Berliner in München gab es am 29.10.1977 (0:2).
  • Mit Bayern (29,7% Chancenverwertung) und Hertha (25% Chancenverwertung) treffen zwei der derzeit effektivsten Teams aufeinander.
  • Jérôme Boateng ist in Berlin aufgewachsen und schaffte bei Hertha seinen Durchbruch. Gegen Ingolstadt feierte er sein Comeback und ist so wieder eine Option für die Mannschaft.
  • Pal Dardai hat als Trainer alle drei Duelle mit den Bayern verloren. Beim letzten Sieg seines Vereins gegen den Rekordmeister stand er jedoch noch selbst auf dem Platz.

Fünf Thesen zum Spiel

  1. Hertha schießt mindestens ein Tor.
  2. Die Bayern treffen maximal zwei Mal.
  3. 9, 4, 4, 8, 4 und 10. So viele Torabschlüsse hatten die Berliner jeweils in den letzten sechs Bundesliga-Partien gegen die Bayern. Am Mittwoch werden sie mindestens zehn Torabschlüsse haben.
  4. Lewandowski wird an zwei Toren direkt beteiligt sein.
  5. Pal Dardai setzt erstmals auf eine Viererkette in einem Duell mit den Münchnern.

Drei Ingolstadt-Thesen waren richtig. Insgesamt waren damit bisher 14 von 25 richtig.

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