Spiel des Lebens #03: Mia san wieder wer!

Georg Trenner 27.12.2019

16. April 1996, Barcelona. Der FC Barcelona empfing den FC Bayern München zum Rückspiel im Halbfinale des UEFA-Cups. Um ins Finale einzuziehen, brauchte der FC Bayern ein hohes Unentschieden oder einen Auswärtssieg vor 115.000 Zuschauern im Camp Nou, wo der FC Barcelona in europäischen Wettbewerben seit 1992 kein Heimspiel verloren hatte. 

Die beiden europäischen Schwergewichte trafen in diesem Halbfinale zum ersten Mal überhaupt in einem Pflichtspiel aufeinander. 

Zur Besonderheit des Spiels

Der FC Bayern Mitte der Neunziger – ein fast ganz normaler Verein

Die Neunziger. Fußballschuhe waren schwarz. Spieler in der Startelf trugen Rückennummern von 1 bis 11. Und der FC Bayern München stand zwar für Hollywood, sportlich aber nicht für Weltspitze.

Die glanzvollen Siebziger waren lange vergessen. Der Aderlass nach Italien ab Ende der Achtzigerjahre hatte Spuren hinterlassen und die Bundesliga insgesamt, vor allem aber die Bayern erheblich geschwächt. 

Für bayerische Verhältnisse sportlich enttäuschende Jahre

In fünf Jahren wurde der FC Bayern nur einmal Deutscher Meister. Auf einen Sieg im DFB-Pokal warteten die Bayern seit 1986, während überraschende Niederlagen gegen Amateurteams wie Weinheim, Homburg und Vestenbergsgreuth die sportlich enttäuschende Phase komplettieren. 

Auch in Europa machten die Bayern nicht durch sportliche Erfolge auf sich aufmerksam. 1991/92 schied man nach einem 2:6 gegen Kopenhagen in der zweiten Runde des UEFA-Cups aus. Im Folgejahr war man nicht qualifiziert, bevor 1993/94 gegen Norwich City erneut in der zweiten Runde Schluss war. 

1994/95 spielten die Bayern erstmals in der noch jungen Champions League. Eine ausgeglichene Bilanz in der Gruppenphase reichte für den Einzug ins Viertelfinale, wo man sich mit zwei Unentschieden gegen Göteborg durchsetzte. Louis van Gaals Ajax Amsterdam war im Halbfinale dann aber mehrere Nummern zu groß und schickte die Münchner mit 5:2 nach Hause. Trotz des leichten Weges dahin bedeutete der Halbfinaleinzug einen ersten Achtungserfolg. 

Und dann kommt Barcelona

Zu Beginn der Saison 1995/96 hatte mit Otto Rehhagel der fünfte Trainer in vier Jahren den FC Bayern den übernommen. Im UEFA-Cup führte er die Bayern nach einer Auftaktniederlage mit sieben Siegen in Folge souverän ins Halbfinale. 

Dort sollte der FC Barcelona warten. Johan Cruyffs Team war Anfang der Neunziger eines der Top-Teams in Europa: Von 1991 bis 94 wurden sie viermal in Folge spanischer Meister und standen 1992 und 94 im Finale des Europapokals der Landesmeister, den sie 1992 auch gewannen. 

Doch im Frühjahr 1996 schien Peak-Cruyff vorbei zu sein. Der Kader war immer noch hochklassig besetzt, aber die Abgänge von Stars wie Laudrup, Stoitschkow und Koeman konnten nicht kompensiert werden. In La Liga waren ein vierter Platz 1995 und ein dritter Platz 1996 die Folge. Beim FC Bayern glaubte man an eine Chance aufs Weiterkommen. 

Falls Ihr es verpasst habt

Die Aufstellungen

Johan Cruyff schickte seine Elf im gewohnten 4-3-3 aufs Feld, musste aber unter anderem auf den verletzten Pep Guardiola verzichten. Vor Busquets verteidigten Ferrer, Nadal, Popescu und Sergi Barjuán. Bakero spielte zentral vor der Abwehr und Amor und Roger García auf den Halbpositionen. Luís Figo als Rechtsaußen, Jordi Cruyff als fluider Mittelstürmer und Kodro als nomineller Linksaußen komplettierten die Elf. 

Otto Rehhagel setzte auf ein 3-5-2/3-6-1. Vor Kahn verteidigten Babbel, Kreuzer und Helmer in einer Dreierkette. Der etatmäßige Libero Matthäus blieb leicht angeschlagen auf der Bank. Hamann, Sforza, Nerlinger und Ziege bildeten eine Viererkette im Mittelfeld. Letzterer kümmerte sich als Manndecker um Figo, wodurch er situativ auf die Linie der Dreierkette zurückfiel. Scholl agierte mit vielen Freiheiten hinter der Doppelspitze Klinsmann und Witeczek. Gegen den Ball verschoben die Bayern zu einer 2-1-Staffelung, Scholl auf halbrechts und Witeczek auf halblinks unterstützen die One-Man-Pressing-Army Klinsmann. 

Erste Halbzeit

Die Bayern begannen konzentriert und pressten aggressiv, sodass Barcelona sich kaum entfalten konnte. Nach Ballgewinnen gelang es den Münchnern nicht, aus den Umschaltmomenten Kapital zu schlagen, die Bälle landeten schnell wieder bei Barcelona. Es dauerte bis zur 16. Minute als Kodro, mit dem Babbel anfangs einige Probleme hatte, nach Vorarbeit von Figo und Cruyff die erste nennenswerte Chance des Spiels hatte. 

Die Mannschaften neutralisierten sich weitgehend. Barça spielte im Aufbau geduldig, im ersten und zweiten Drittel liefen fast alle Angriffe über Popescu und Bakero, denen die Bayern zugunsten von mehr Kompaktheit im letzten Drittel Platz ließen. Die erste Chance für die Gäste vergab in der 23. Minute Ziege, der nach einem von Kahn eingeleiteten Konter über das Tor lupfte.

Barça überlud regelmäßig die rechte Seite, so auch in der 39. Minute, als Figo und Ferrer über außen nach vorne kombinierten. Hamann fing die Flanke ab und über zwei Stationen gelangt der Ball zu Witeczek, der sich in den Zehnerraum fallen gelassen hatte und von dort den Pass in die Lücke im Rücken von Figo und Ferrer spielte. Passempfänger Mehmet Scholl zog von dort an der Strafraumlinie entlang nach innen an Nadal vorbei und schoss in Robben-Manier aufs Tor. Busquets konnte nur abklatschen und der aufgerückte Babbel schob zur Gästeführung ein. 

Barcelona war vom Gegentor geschockt und taumelte in die Halbzeitpause. 

Zweite Halbzeit

Die Bayernführung war trügerisch. Ein Tor hätte Barcelona zum Weiterkommen gereicht. Im Wissen darum blieben die Katalanen auch in der zweiten Halbzeit geduldig – oder einfallslos. Immer wieder zirkulierte der Ball über Bakero und Popescu, aber fast nie gelang es den Hausherren, sich in gefährliche Zonen zu kombinieren. Einzig Figo bekamen die Bayern nie vollständig unter Kontrolle. In der 56. Minute dribbelte er an Ziege vorbei und legte von der Grundlinie ab auf Bakero. Dessen Schuss über das Tor war die bis dahin größte Chance für Barcelona.

Die Bayern ließen weiterhin fast nichts zu. Ein geblockter Schuss von Nadal aus 35 Metern war bezeichnend für die Verzweiflung von Barcelona. 

Es dauerte bis zur 83. Minute, als der bemühte Figo eine weitere Einzelaktion initiierte. 40 Meter vor dem Tor ließ er Nerlinger, Ziege und Helmer stehen, bevor Kreuzer seinen Schuss blockte. Der Ball sprang zu Scholl, der direkt zu Witeczek weiterleitete. Barças Konterabsicherung war erneut lückenhaft, sodass Witeczek unbedrängt 30 Meter Richtung Tor marschieren konnte. Nadal zögerte zu lange, kam nicht mehr in den Zweikampf und fälschte Witeczeks Schuss nur noch ab. Der Schuss erwischte Busquets auf dem falschen Fuß und schlug zum 0:2 ein. 

Barcelona hätte nun zwei Tore zum Erreichen der Verlängerung und drei Tore zum Einzug ins Finale gebraucht. Dafür sollte es nicht mehr reichen. In der 88. Minute verkürzte der eingewechselte de la Peña per Freistoß vom Strafraumeck zum 1:2. Der für Hamann eingewechselte Strunz hatte unhaltbar abgefälscht.

Nach 92 Minuten beendete der souveräne Schiedsrichter Atanas Ouzounov die Partie und der FC Bayern zog erstmals in der Vereinsgeschichte ins Finale des UEFA-Cups.

Dinge, die auffielen

1. Lionel Scholli und Xabi Sforza

Viele Bayernspieler hätten ein Sonderlob verdient, aber zwei stachen besonders heraus. 

Mehmet Scholl brauchte einige Anlaufzeit, ehe er ins Spiel fand. Vor Babbels 1:0 war in der ersten Halbzeit nicht viel von ihm zu sehen. Dafür umso mehr in der zweiten Halbzeit. Scholl war ein permanenter Unruheherd. Er leitete nicht nur beide Tore ein, sondern bereite weitere Chancen vor und kam zu eigenen Abschlüssen. Lägen Opta-Daten für das Spiel vor, könnte man wahrscheinlich zehn gewonnene Dribblings, fünf kreierte Chancen, drei Torschussvorlagen und zwei eigene Torschüssen nachlesen.

Nicht wenigen der guten Aktionen von Scholl gingen eine Balleroberung und eine überlegte Verlagerung von Ciriaco Sforza hervor. Rehhagel verglich Sforzas Rolle gerne mit der eines “Quarterbacks” im American Football. Vor der Abwehr sollte er das Spiel lesen, Bälle erobern und das Spiel gestalten. Gegen Barcelona gelang ihm das herausragend. Anfangs kippte er in die Dreierkette ab, um das Pressing Barcelonas auszuhebeln. Danach war er Ruhepol für seine jungen Nebenmänner und wägte klug ab, wann er schnell umschaltete und wann er das Spiel beruhigte. 

2. Taktisch hohes Niveau nicht nur der Barça-Schule 

Dafür, dass das Spiel vor mehr als 20 Jahren stattfand, war der Fußball überraschend modern. Es ist beeindruckend, wie stark Cruyffs damalige Handschrift noch heute in Barcelona zu erkennen ist. Der Aufbau bestand aus zahllosen Passstafetten und viele Ballaktionen im Sechserraum.

Darüber hinaus zeigte Barça interessante Überladungen: Ferrer und Figo gaben Breite auf dem rechten Flügel, Kodro schob von Linksaußen ins Sturmzentrum, und Jordi Cruyff ließ sich als Falscher Neuner nach rechts oder in den Zehnerraum fallen. Durch diese asymmetrische Formation bot sich für Sergi viel Platz auf der linken Seite, die er meist allein besetzte und nicht minder offensiv interpretierte wie Dani Alves oder Jordi Alba 15 Jahre später. 

Es war dieses von Johan Cruyff formierte Barça, an dem sich Pep Guardiola später als Trainer orientieren sollte. Fünf Jahre vorher hatte Cruyff den damals 19-jährigen Guardiola erstmals in der spanischen Liga eingesetzt und ihn danach zu seinem verlängerten Arm auf dem Spielfeld gemacht.

Auch die Bayern spielten modern. Phasen von hohem Angriffspressing wechselten sich mit Phasen ab, in denen man Barça etwas Raum gewährte. Nach Ballgewinnen schalteten die Bayern teils sehr schnell um, waren aber andererseits abgeklärt genug, um minutenlange Ballbesitzphasen einzustreuen. Gerade die Abwehrkette griff fast nie zum Befreiungsschlag, sondern war stets um spielerische Lösungen bemüht. 

Es wären allerdings nicht die Neunziger, und Otto wäre nicht Rehhagel, wenn es neben diesen modernen Ansätzen nicht auch klassische Manndeckungen gegeben hätte, wie man sie heute nur noch sehr selten sieht. So rückte Ziege Figo nicht von der Seite, selbst als dieser auf die linke Seite auswich. 

3. Historischer Sieg kann Rehhagel nicht retten 

Otto Rehhagel kommentierte den Sieg mit den Worten: “Das ist ein historischer Sieg für Bayern und ein historischer Tag für mich.”

Eine vertretbare Bewertung des Spiels. Die letzte europäische Finalteilnahme lag neun Jahre zurück, der letzte internationale Titel sogar 20 Jahre. 

Der Finaleinzug konnte Rehhagels Anstellung in München allerdings nicht retten. Er stand bereits fast die ganze Saison über in der Kritik, und nach einer Heimniederlage gegen Hansa Rostock wurde er schließlich unmittelbar vor dem Finale freigestellt. So hatte etwa Mehmet Scholl im Kicker Monate vorher kritisiert: “Fakt ist, wir spielen seit acht Wochen und haben noch immer keine Taktik. Wir stehen doch nur so gut da, weil wir so gute Einzelspieler haben.”

Präsident Franz Beckenbauer übernahm als Interimstrainer und heftete sich den von ihm einst als “Pokal der Verlierer” titulierten UEFA-Pokal ans Revers. 

Bedeutung für den Verein und die weitere Entwicklung

Die beiden Finalspiele im UEFA-Cup gegen Girondins Bordeaux sollten zur Formsache werden. Gernot Rohrs Team um die späteren Weltmeister Zidane, Lizarazu und Dugarry war nur Staffage zur Krönung der Rot-Weißen. Im Hinspiel im ausverkauften Olympiastadion siegten die Münchner durch Tore von Thomas Helmer und Mehmet Scholl souverän mit 2:0. Scholl war es auch, der für die Führung im Rückspiel in Bordeaux traf. Kostadinow erhöhte auf 2:0, ehe Dutuel zum Anschlusstreffer für die Franzosen sorgte. Jürgen Klinsmann setzte den Schlusspunkt zum 3:1. Der Treffer war sein insgesamt fünfzehntes Tor in der UEFA-Cup-Saison, womit er einen neuen Rekord im Wettbewerb aufstellte. Wettbewerbsübergreifend war er der erste Spieler seit Rummenigge, der im Bayerntrikot mehr als 30 Tore in einer Saison erzielte.

Mit dem Triumph komplettierte der FC Bayern seinen Briefkopf: Der FC Bayern München war neben Ajax Amsterdam und Juventus Turin der dritte Verein in Europa, der die drei großen Pokalwettbewerbe gewinnen konnte.

Zu einem eminent wichtigen Zeitpunkt setzte der FC Bayern ein Ausrufezeichen und schaffte den Anschluss an die europäische Spitze. Das Bosman-Urteil und die Champions League sorgten danach für eine Beschleunigung der Internationalisierung und Kommerzialisierung im Fußball, bei der der FC Bayern vorne dabei war.

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  1. Hmm

    Nach Ballgewinnen schalteten die Bayern teils sehr schnell um, waren aber andererseits abgeklärt genug, um minutenlange Ballbesitzphasen einzustreuen. Gerade die Abwehrkette griff fast nie zum Befreiungsschlag, sondern war stets um spielerische Lösungen bemüht.

    So hatte etwa Mehmet Scholl im Kicker Monate vorher kritisiert: “Fakt ist, wir spielen seit acht Wochen und haben noch immer keine Taktik. Wir stehen doch nur so gut da, weil wir so gute Einzelspieler haben.”

    Antwortsymbol5 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. Rehagel hatte durchaus auch mal ganz gute Ideen, vor allem vor den wichtigen Spielen. Beim direkten Duell gegen den Titelkonkurrenten BVB am 25. Spieltag stellte er z.B. Scholl überraschend auf die rechte Außenbahn im 3-5-2. Andi Herzog, der in München nie an die Leistungen seiner Bremer Zeit anknüpfen konnte und dessen Bayernzeit man am ehesten mit dem Griff von Olli Kahn an sein Genick inklusive Durchschütteln beim Spiel in Stuttgart verbindet, stand überraschend in der Startelf und kriegte in der Zentrale keinen Fuß auf den Boden. Alle dachten mal wieder, was der Schmarrn von Rehagel soll, aber sein Schachzug ging auf. Er wollte einfach, dass Dortmunds Abräumer Steffen Freund sich nicht zu stark um Scholl annimmt, weil Freund damals so ziemlich jeden gegnerischen Spielmacher ausgeschaltet hat. So kümmerte sich Freund erst um Herzog und ging dann ebenfalls auf die Außenbahn zu Scholl. Auf ungewohntem Terrain war Freund aber lange nicht so effektiv. Übrigens: Bayern gewann das Spiel mit 1:0 durch ein Tor von Mehmet Scholl.
      Das ganze würde ich aber nicht als Taktik bezeichnen, sondern als Anpassungen im Spielsystem. Das war noch Heldenfußball pur. So sollte es bei Bayern ja eigentlich bleiben, bis van Gaal kam. Auch unter Hitzfeld gab es nie so etwas wie ein Spielsystem, mit dem man dauerhaft gespielt hätte.
      Die Aussagen von Scholl muss man auch ein bisschen unter dem Kontext verstehen, dass Scholl und Rehagel nie wirklich miteinander auskamen und Scholl in den ersten Wochen nicht die Rolle spielte, die er sich vorgestellt hatte. Sforza und Herzog kamen vor der Saison beide für ziemlich viel Geld aus Kaiserslautern bzw. Bremen und gerade Herzog hatte natürlich in seinem alten Trainer einen Fürsprecher, der ihn dann auch auf der Zehn (auch der Lieblingsposition von Mehmet Scholl) spielen ließ. Scholl hatte dementsprechend einen ziemlichen Hals, als er das Interview gab. Zu dem Zeitpunkt stand man nämlich eigentlich ganz gut da. Man hatte die ersten sieben Spiele gewonnen und beim BVB trotz guter Leistung verloren.

      1. “Sforza und Herzog kamen vor der Saison beide für ziemlich viel Geld aus Kaiserslautern bzw. Bremen und gerade Herzog hatte natürlich in seinem alten Trainer einen Fürsprecher, der ihn dann auch auf der Zehn …”

        Diesbezüglich empfehle ich die Episode des Podcasts “Phrasenmäher” , bei dem Andi Herzog kürzlich zu Gast war. Herzog berichtet dabei von seinen Bemühungen, den Vertrag mit Bayern wieder rückabzuwickeln, als bekannt wurde, dass sein verhasster Extrainer aus Bremer Zeiten die Nachfolge von Trappatoni übernehmen wird.

      2. @Done: Danke für die Info. Das hatte ich so nicht auf dem Schirm. Herzog kam ja zeitgleich mit Rehhagel aus Bremen, da lag das mit der “Bevorzugung” auf der Hand. Dass das Verhältnis der beiden unterkühlt war, war damals aber eher weniger bekannt. Mir war es hingegen einfach nicht schlüssig, warum Herzog immer spielen durfte (allein in der Hinrunde 15mal in der Startelf) obwohl er kaum Leistung brachte, während Mehmet Scholl im gleichen Zeitraum gar nicht mal so selten von der Bank kam und dann eigentlich fast immer eine Bereicherung fürs Spiel war. Vielleicht war die Abneigung von Herzog gegenüber Rehhagel dann doch größer als umgekehrt? Böse gesagt könnte es auch ein Versuch sein, das eigene Scheitern bei einem Topklub nachträglich anderen in die Schuhe zu schieben. Bei den Historikern nennt man das Geschichtskittung.

    2. Wow jetzt kommen von dir schon Beiträge mit einem Anteil von drei Buchstaben? Hauptsache die #1 oder was?

    3. Das Zitat von Scholl hatte ich eingebaut, um ein Beispiel zu geben, warum die Trennung von Rehhagel anscheinend unausweichlich war, da Rehhagel es sich bereits lange vorher mit dem Team verscherzt hatte. Die Erklärung schien mir nötig, da eine Trainerentlassung nach dem ersten Einzug in ein Europapokalfinale seit neun Jahren ansonsten doch arg unerklärlich gewesen wäre.
      (Zudem fand ich es ganz nett, dass ausgerechnet Scholl sich als großer Taktikverfechter gab.)

      Das heißt aber natürlich nicht, dass Rehhagel in diesem Spiel nicht ein gelungener Trick in die Taktikkiste gelungen sein kann.
      Oder die Jungs spielten das taktisch so gut trotz Rehhagel. ;-)

  2. Eine Ergänzung zum Bericht:
    Marcel Witeczek hatte in diesen beiden Spielen seinen absoluten Karrierehöhepunkt. Er war eigentlich immer ein braver, solider Arbeiter, der als Stürmer sehr mannschaftsdienlich spielte, aber nie die Torquote hatte, die man von einem Offensivmann erwarten sollte. Am Schluss standen für ihn 12 Tore in 124 Spielen für Bayern. Deshalb war er eigentlich auch nie Stammspieler. Bayern hatte damals einfach keinen 2. Stürmer, der dauerhaft neben Klinsmann überzeugt hätte. Papin und Kostadinov konnten ihr Potential nie wirklich ausschöpfen und so bekam halt auch Witeczek immer mal wieder seine Chance. Beim 2:2 im Hinspiel wurde er bei 0:1 Pausenrückstand eingewechselt und machte kurze Zeit später den Ausgleich. Im Rückspiel durfte er von Anfang an ran und machte das vorentscheidende 2:0. Insgesamt schaffte er in 4 Jahren bei Bayern 3 Tore im Europacup und 2 davon erzielte er gegen Barca im Halbfinale 1995/96.
    Übrigens: 1995/96 war die erste Saison, in der nicht mehr die Nummern 1-11 auf dem Trikot standen, sondern die Spieler erstmals feste Nummern hatten. Das Trikot mit der Nummer 18 (Klinsmann) bescherte dem FCB einen wahren Einnahmesegen. Damals gab es übrigens nur alle 2 Jahre ein neues Heimtrikot.
    Um diese Zeit begann Bayern auch wieder, in namhafte Spieler zu investieren. In den Jahren davor holte der BVB mit Möller, Reuter, Kohler und Sammer vier Nationalspieler aus Italien zurück in die Bundesliga. Bayern hatte das nur bei Matthäus hingekriegt und wohl auch nur, weil man ihn verletzt kaufte. Reuter, Kohler und Sammer hätte man wohl auch gerne gehabt, konnte sie sich aber nicht leisten. Erst durch die erfolgreiche CL-Saison 1994/95 als Trap und den Bayern auch deshalb die Grenzen von Ajax aufgezeigt wurden, weil zahlreiche Stammspieler in dieser Saison ausfielen (z.B. Matthäus und Kahn), holte man sich das nötige Kleingeld, um mal wieder so einzukaufen, wie man das von Bayern heute noch gewohnt ist. Es kamen Spieler, die bei anderen Bundesligaklubs überzeugt hatten (Herzog, Sforza, Strunz zurück aus Stuttgart) und mit Klinsmann sogar ein ganz großer Name aus dem Ausland zurück in die Liga.

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    1. Das mit den festen Rückennummern in der Bundesliga stimmt. Im UEFA-Cup waren aber noch 1 bis 11 vorgeschrieben. Im analysierten Spiel trug Klinsmann die Rückennummer 9.

      Ja, Witeczek hätte ich auch mehr hervorheben können. Wobei ich ehrlich gesagt der Meinung bin, dass die Tore seine Leistung leicht überstrahlen (bzw. sein Tor im Rückspiel, das Hinspiel habe ich mir nicht mehr komplett angeschaut).

      1. Ich finde, du hast Witeczek mit dem Foto aus dem Hinspiel im Schneegestöber von München eh schon sehr gewürdigt. Leistungstechnisch ist er sicherlich nicht über andere hervorzuheben. Scholl war damals wirklich klasse und auch Sforza hat eins seiner besten Spiele für Bayern gemacht.
        Bei Witeczek ist halt vor allem die schon fast märchenhaft anmutende Geschichte so bemerkenswert. Der Stürmer, der die wahrscheinlich schwächste Torquote aller Bayernstürmer der letzten 30 Jahre hatte, macht 2 der 4 Tore gegen Barcelona, während Topstar Klinsmann, der in diesem Wettbewerb ja mit einem Torrekord für Furore sorgte, in beiden Spielen leer ausging. Vor dem Spiel kannten wohl die wenigsten Menschen, die es mit dem FC Barcelona hielten, diesen Marcel Witeczek. Bayern hatte durchaus ein paar namhafte Spieler, vor denen selbst Barca Respekt hatte. Allen voran natürlich Klinsmann, Matthäus, Scholl, Kahn und Helmer. Auch Ziege war auf dem Weg zum Topstar und wechselte nicht umsonst 1 Jahr später zum damals noch sehr großen AC Mailand. Umso schöner und typisch für die Verrücktheit des Fußballs ist es doch dann, wenn ein Spieler, den so richtig niemand auf dem Schirm hat (nicht mal die eigenen Fans) in solchen Spielen Geschichte schreibt.
        So krass wie bei Schwarzenbeck 1974 mit seinem Last-Minute-Ausgleich gegen Atletico im Landesmeistercupfinale war die Geschichte Witeczek dann zwar nicht, aber trotzdem ist es wert, dass man nochmal genauer darüber spricht, vor allem im Rahmen dieser sehr schönen Rückblicksreihe.

      2. Ach, ich mochte Witeczek. Sicher kein Stammspieler, keiner für die erste Reihe, aber das Paradebeispiel eines guten, verlässlichen Kaderspielers.
        Schnell, beweglich, eine Arbeitsbiene, immer unterwegs, mannschaftsdienlich und polyvalent bevor es das Wort überhaupt gab.
        Bei ihm wusstest du immer was du bekamst. Selten eine große Leistung, aber sehr selten eine wirklich schlechte Leistung.
        Und über 4 Jahre kein böses Wort, keine Allüren, eben mannschaftsdienlich in jeder Hinsicht.

        Im aktuellen Kader würde uns der eine oder eine andere Witeczek auch gar nicht schlecht zu Gesicht stehen.

  3. Interessant und lustig, wenn man die heutige Taktik-Sprache über ein Spiel von 1996 legt.
    Zum Spiel: Lieber Georg, Respekt vor der Arbeit, die du dir gemacht hast, um über diesen grandiosen, emotionalen Erfolg in einer schwierigen Zeit der Vereinsgeschichte zu berichten. Zurecht taucht dieses Spiel in dieser Serie auf. Leider hast du es aber in meinen Augen nicht geschafft, Emotionen zu wecken, zu kühl, sachlich und analytisch betrachtest du dieses Spiel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dieses Spiel 1996 so wahrgenommen hast.
    Das Finale gegen Bordeaux war auch alles andere als Formsache, das 2-0 im Heimspiel war nicht so souverän, das hätte auch andersrum ausgehen können. Bordeaux hatte genauso viele und gute Torchancen wie wir. Heute würde man sagen, der expectedgoals-Wert war annähernd gleich.
    Vielleicht war die fast reine analytische Betrachtung dein Ziel, die ist auch gut gelungen. Gefühle blieben dabei aber auf der Strecke.
    Ansonsten schönes Format, freue mich schon auf die nächsten Folgen.

    Antwortsymbol2 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. Tja. Bei mir kommen schon Gefühle auf. Vor allem weil es das erste mal in Camp Nou war. Nach dem Spiel wurden wir mitten in der Nacht zum Flughafen gekarrt und durften dort warten bis die Flieger wieder gestartet sind. Aber es war lustig …
      Genau wie die Neuzeit-Analysen der alten Spiele. Ich freu mich schon auf die der CL-Spiele 2001. Ottmar parkt den Bus in Madrid und die individuelle Klasse von Oli Kahn reicht zum Titel :-)

    2. Lieber wohlfarth, ich weiß genau was du meinst.
      Es war eine Grundsatzentscheidung ob man eher den analytischen oder emotionalen Ansatz wählt. Ich habe mich für den ersteren entschieden, auch weil es viel Spaß machte, das ganze Spiel nochmal im Re-Live zu sehen (trotz miserabler Bildqualität und Kommentar auf Niederländisch^^) und dabei die entsprechenden Notizen zu machen.
      Für die Gefühle einfach mal bei Youtube vorbeischauen. ;-)

  4. „Etatmäßiger Libero Lothar Matthäus“ – DAS waren noch Zeiten.

    Damals war man mit Rehagel, Lerby, Ribbeck und Trapattoni auch taktisch komplett auf Schlingerkurs. Dieser Blog hätte getobt.

    Konstanz kam erst mit dem – defensiv orientierten – Gottmar zurück.

    Antwortsymbol1 AntwortKommentarantworten schließen
    1. Wobei man sagen muss, dass Hitzfeld anfangs sehr offensiv unterwegs war. Er stellte gleich vom Trapattonis Defensivkonzept auf ein offensies 3-4-3 um. Man hatte mit Matthäus einen sehr spielstarken Libero (auch wenn er die Rolle nicht mehr so gnadenlos offensiv interpretierte, wie noch ein paar Jahre vorher) und mit Effenberg einen auch eher offensiv orientierten zentralen Mittelfeldspieler. Das machte gemeinsam mit Außenstürmern wie Scholl und Basler und Elber in der Mitte eigentlich 5 kreative und offensivstarke Spieler in der Aufstellung.
      So richtig defensiv orientiert war eigentlich dann erst das letzte Saisondrittel der Spielzeit 2000/01, als Hitzfeld nach dem 0:3 in Lyon die zwischenzeitlich eingeführte Viererkette ad acta legte und ein sehr defensiv geprägtes 3-4-3 spielen ließ. Es liefen dann drei Innvenverteidiger auf mit Andersson als Abwehrchef, dazu mit Lizarazu und Sagnol zwei eigentliche Außenverteidiger auf den beiden Außenbahnen und mit Salihamidzic rechts offensiv auch noch ein Spieler, der neben seinen Offensivqualitäten auch nie die Defensivaufgaben vergaß. So wirklich kreativ waren in der Zeit eigentlich nur noch Effenberg im Zentrum, Scholl auf links und Elber in der Mitte. Der Rest hatte seine Stärken eher in der Defensive und in der Laufstärke. Egal, hat uns den CL Titel 2001 gebracht nach 25 Jahren Pause. Der Erfolg gab Hitzfeld recht und deshalb hat er heute noch einen Ehrenplatz in unserer Vereinsgeschichte. Vor allem für viele, die ihn nicht mehr als Trainer erlebt haben, muss er anhand seiner Zahlen wie der Großmeister der Konstanz erscheinen.
      Hitzfeld war aber eigentlich der Trainer in unserer Geschichte, der am wenigsten von einem konstanten Spielsystem hielt und eigentlich alle möglichen Optionen munter durchprobierte. Erfolg hatte er trotzdem, auch wenn manchmal Fortuna schon gewaltig nachhelfen musste (siehe die beiden Saisonfinals 2000 und 2001).

  5. Wow, der Bericht hört sich so an als hättest du das Spiel noch mal im Relive gesehen. Gibts das irgendwo, bekomm ich das irgendwo her?
    Tausche gerne gegen das 99er Finale oder nich besser das 2001er (die müssten noch auf irgendeiner Platte schlummern).

    Antwortsymbol3 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. Ich habe es als Relive bei Youtube gefunden. Ich weiß nicht ob man das verlinken kann/sollte, aber such einfach nach “barcelona bayern uefa cup” o.ä. Bei mir war es der dritte Treffer, mit der kleinen Einschränkung des niederländischen Kommentars, s.o. (Fand ich aber auch irgendwie interessant. Man erkennt durchaus die sprachliche Verwandtschaft zum Deutschen und versteht so einiges, zumal die Fußballsprache ohnehin universal ist.)

    2. Ich könnte es auf DVD anbieten. Mit dem BVB Trainer Hitzfeld als Co-Kommentator :-)

      1. Hitzfeld sagte so weit ich mich erinnern kann damals nicht nur einmal “die Bauern” statt “die Bayern”. Wenn man weiß, dass diese Bezeichnung in manchen Fangruppen (auch beim BVB) ein für uns gern benutzter Begriff ist, dann kann man schon hinterfragen, ob das nur ein Versprecher war. Ist einer der Hauptgründe, warum ich Hitzfeld als Trainer bei uns nur toleriert habe, ihn aber nie leiden konnte.

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