Der unterschätzte Brazzo – die Transferbilanz spricht für ihn!

Georg Trenner 14.11.2019

Die Beförderung

Der Beschluss des Aufsichtsrates zeugt von Weitsicht und Cleverness. Die geplante Bestellung per Juli 2020 lässt dem Verein und den beteiligten Personen ein gesichtswahrendes Hintertürchen offen, falls Kahn und Hainer langfristig doch anders planen, sorgt zunächst aber für klare Verhältnisse und ein geordnetes Feld zum Abgang von Hoeneß. Salihamidžićs bisherige Arbeit als Sportdirektor seit Sommer 2017 wird also vom Aufsichtsrat des FC Bayern positiv bewertet. 

Miasanrot-Autor Georg evaluiert diese bisherige Arbeit anhand Salihamidžićs Transferbilanz. Sein Wirken im Nachwuchsbereich ist damit ebenso wenig Gegenstand dieses Beitrags wie seine rhetorischen Fähigkeiten oder seine Mitwirkung daran, die sportliche Abteilung des FC Bayern zukunftsfähig zu strukturieren. Die Bewertung kann also nur eine unvollständige und subjektive sein. Unvollständig auch deshalb weil zu viel der Arbeit aus guten Gründen hinter verschlossenen Türen stattfindet (Vertragsdetails, Finanzen, Verhandlungen).

Analyse der Transfers des FC Bayern München unter Sportdirektor Hasan Salihamidžić

Bewertet werden alle Zu- und Abgänge des FC Bayern, seit Salihamidžić im Sommer 2017 das Amt als Sportdirektor antrat. Bewertet wird rein subjektiv, aber möglichst faktenbasiert und nachvollziehbar anhand von Schulnoten. In die Noten fließen Alter, Bedarf, Talent und natürlich die Ablösesummen der Spieler ein.

Zugänge

(Reihenfolge nach Ablösesumme; Ablösesummen von Transfermarkt.de)

Lucas Hernández, 80 Mio. €. Teuer. Preisklasse van Dijk. Er hat die Präsenz und das Talent dazu, in die Klasse aufzusteigen. Wenn er dieses Versprechen erfüllt, wird er in ein paar Jahren mit einer 1 benotet. Auch verletzungsbedingt konnten seine bisherigen Leistungen die Transfersumme noch nicht rechtfertigen. Bis dahin reicht es für eine 2.

Benjamin Pavard, 35 Mio. €. Einer dieser Bundesligatransfers, bei denen der FC Bayern seine Wettbewerbsvorteile auf dem Heimatmarkt ausspielt. Idealer Kaderspieler, der je nach Situation viel oder sporadisch spielt. Er bringt die Qualitäten mit, die man für diese Rolle braucht, der Preis war angemessen. Note 2.

Ein typischer Bayern-Transfer: Benjamin Pavard kam vom nationalen Rivalen VfB Stuttgart.
(Foto: Christof Stache/AFP via Getty Images)

Sandro Wagner, 13 Mio. €. Solider Backup. Ich mag ihn als Spielertyp. Für sein Alter und die geplante Rolle war er nicht billig, aber auch nicht zu teuer. Note 2.

Michaël Cuisance, 12 Mio. €. Nicht nur die gerade einmal 30 Bundesligaminuten im roten Dress zeigen deutlich, dass Cuisance noch einen weiten Weg vor sich hat, um eine ernsthafte Rolle im Bayernkader zu spielen. Dennoch bewerte ich den Transfer durchweg positiv, vor allem wegen des Ablaufs: Als sich in Gladbach eine Schlammschlacht anbahnte, fädelte Salihamidžić kurzerhand über Nacht diesen Überaschungstransfer ein und nutzte die Gunst der Stunde. Das zeigte, dass Hasan und sein Team extrem nah an den Vorgängen dran waren und ebenso schnell reagierten. Note 1 wegen der schnellen und stillen Exekution des Transfers.

Alphonso Davies, 10 Mio. €. Kreativer Transfer und Ergebnis der globalen Scouting-Anstrengungen des FC Bayern. Entwickelte er sich in der bisherigen Saison bereits positiv und mauserte sich zu einer echten Alternative als Linksverteidiger, war das herausragende Spiel gegen Borussia Dortmund vielleicht sein Durchbruch. Stand jetzt Brazzos Glücksgriff schlechthin. Note 1.

Philippe Coutinho, 8.5 Mio. € Leihgebühr. Ich bin kein Fan des Spielers und des Transfers an sich, da es scheint, als sei er als Sané-Kompensation am Bedarf vorbei verpflichtet worden, aber ich mag einige der Konsequenzen daraus: Coutinhos Anwesenheit stärkt die Verhandlungsposition bzw. Rückzugsposition des FC Bayern im Kampf um Havertz, die man dazu ein Jahr lang genau prüfen kann. Auch verstehe ich die Notwendigkeit und das Bedürfnis des Vereins, ein Zeichen an die Fans und Märkte zu senden. Da das Sportliche überwiegt, reicht es dennoch nur zu einer Note 3.

Ivan Perišić, 5 Mio. € Leihgebühr. Solider Rotationsspieler. Ist zur Stelle, wenn Gnabry und Coman eine Pause brauchen. Diese Rolle füllt er perfekt aus. Note 2.

Fiete Arp, 3 Mio. €. Gemessen an seiner beeindruckenden Vita als Jugendnationalspieler ist die Verpflichtung mehr als gerechtfertigt, auch wenn er sich noch schwer tut. Selbst wenn er sich beim FC Bayern nicht durchsetzen wird, sollte man die Kosten wieder einspielen können. Note 2.

Leon Goretzka, ablösefrei. Peter Neururer hat seit Jahren davon geschwärmt, wie gut dieser Junge werden würde. Er hat nicht unrecht. Einen Spieler wie Goretzka ablösefrei zu bekommen ist ein Jackpot. Kleiner Abzug in der B-Note, da es keinen Bedarf auf der Position gab (Stichwort Opportunitätskosten), aber dennoch klare Note 1.

SpielerzugängeAblöse in Millionen €Note
Lucas Hernandez802
Benjamin Pavard352
Sandro Wagner132
Michaël Cuisance121
Alphonso Davies101
Philippe Coutinho8,5 (Leihgebühr)3
Ivan Perišić5 (Leihgebühr)2
Fiete Arp32
Leon GoretzkaAblösefrei1
Durchschnittsnote1,8

Abgänge

(Reihenfolge nach Ablösesumme; Ablösesummen von Transfermarkt.de)

Mats Hummels, 30,5 Mio. €. Den vielleicht besten deutschen Innenverteidiger im Kalenderjahr 2019 abzugeben ist nicht Bayern-like, zumal ausgerechnet zum ärgsten Konkurrenten nach Dortmund. Es wäre legitim, den Transfer zu kritisieren und schlecht zu benoten. Ich tue es nicht. Im Gegenteil. Alternde Spieler verkauft man am besten kurz bevor ihre Leistung nachlässt, vor allem wenn der Kader auf der Position eine ausreichende Tiefe hat. Und die hat der Bayern-Kader: Süle, Hernández, Pavard, Boateng, Mai, dazu die “Dortmunder Innenverteidigung” Alaba und Martínez, die Alternativen im Kader sind vielfältig. Es mag weh tun, Hummels in schwarz-gelb glänzen zu sehen. Aus Kaderplanungssicht war der Transfer notwendig. Harte Entscheidungen gehören zum Geschäft. Wenn ein solcher Abgang nicht eine Zeit lang schmerzte, dann wäre das ein Zeichen für einen zu späten Verkauf. Note 1 für eine unpopuläre aber richtige Maßnahme. 

Renato Sanches, 20 Mio. €. Er hatte einige Chancen unter verschiedenen Trainern, aber das Mittelfeld war mit “Achtern” überfüllt, um ihm noch mehr Chancen zu geben. Letztlich musste man ihn oder Tolisso abgeben. Aufgrund der bisherigen Leistungen war es richtig, ihn abzugeben. Ablöse passt. Note 2 weil immer mitschwingt, dass mehr drin gewesen wäre.

Arturo Vidal, 18 Mio. €. Wenn eine Position überbesetzt ist, lässt man die alten oder schwächsten Spieler gehen. Vidal ist alt, das Mittelfeld ist voll. Lassen wir ihn ziehen. Eine vernünftige Entscheidung. Note 2, weil ich glaube, dass eine leicht höhere Ablösesumme möglich gewesen wäre.

Zwei junge Spieler, die sich beim FC Bayern nicht durchsetzen konnten: Juan Bernat und Renato Sanches.
(Foto: Alexandra Beier/Bongarts/Getty Images)

Sebastian Rudy, 16 Mio. €. Ein Spieler, der eine maßgeschneiderte Umgebung auf dem Platz braucht, um seine Leistung abzurufen. Diese fand er beim FC Bayern nicht. Ich sah in ihm auch nie einen polyvalenten Backup. Der Verkauf war deshalb richtig. Ablösefrei verpflichtet, für 16 Mio. verkauft, der Return on Invest gefällt. Note 1.

Juan Bernat, 5 Mio. €. Bernat musste raus aus der Alaba-Falle (bzw. Hoeneß-Falle), das war unausweichlich. Die Ablösesumme ist für einen Spieler seines Talents viel zu niedrig, wobei man das ob der Umstände wahrscheinlich nicht allein Hasan ankreiden kann. Trotz der Zwickmühle, ein Bernat-Verkauf für nur 5 Millionen kann nicht besser als mit einer 4 bewertet werden. 

Sandro Wagner, 5 Mio. €. Lewandowski braucht einen Backup, Lewandowski braucht keinen Backup, Lewandowski will einen Backup, Lewandowski will keinen … Was immer Sie wünschen, Sir Robert! Vielleicht etwas voreilig und unter Wert abgegeben. Note 3.

Marco Friedl, 3,5 Mio. €. Okay. Friedl wäre ein guter Backup für Alaba gewesen, bevor Davies sich für die Rolle empfahl, aber ich verstehe dass er sich einen Stammplatz erobern wollte und man ihm dort keine Steine in den Weg legte. Die Ablösesumme ist ausreichend für ein Eigengewächs mit Talent, das es aber wahrscheinlich nie nachhaltig beim FC Bayern geschafft hätte. Note 2.

Adrian Fein, 1 Mio. € an Leihgebühren. Die Leihen zahlen sich aus. Er entwickelt sich so gut, dass man ihn nächstes Jahr in der Münchner Mittelfeldrotation sehen will. Note 1.

Niklas Dorsch, Fabian Benko, Felix Götze, ablösefrei. Dorsch entwickelt sich gut in Heidenheim, die anderen beiden nicht so sehr. Der FC Bayern kann nicht alle Jugendspieler in die erste Herrenmannschaft befördern. Business as usual, obwohl ich es bevorzugen würde, hier und da eine Ablöse zu erhalten. Note 3.

Rafinha, Arjen Robben, Franck Ribéry, ablösefrei. Ihre Karriere im Rampenlicht ist fast vorbei. Rafinha war Zeit seiner Karriere auf und neben dem Platz unterschätzt. Über Robbery ist alles geschrieben. Dank je wel und merci beaucoup! Ohne Note.

SpielerabgängeAblöse in Millionen €Note
Mats Hummels30,51
Renato Sanches202
Arturo Vidal182
Sebastian Rudy161
Juan Bernat54
Sandro Wagner53
Marco Friedl3,52
Adrian Fein0,25 und 0,75 (Leihgebühr)1
Niklas Dorsch, Fabian Benko, Felix GötzeAblösefrei3
Rafinha, Franck Ribéry, Arjen RobbenAblösefreiOhne Note
Durchschnittsnote2,1

Fazit

Die Kaderplanung ist nicht alles, aber ohne gute Kaderplanung ist alles andere nichts wert. Und hier schneidet Hasan Salihamidžić bisher gut ab, besser als von vielen erwartet. 

Die Abgänge unter Salihamidžićs Führung als Sportdirektor waren durch die Bank nachvollziehbar. Die Zugänge waren solide bis gut, gespickt mit einigen Glücksgriffen und bisher ohne Fehlgriffe. 

Finanziert wurde der Kaderumbau mit einem Ausgabenüberschuss von nur 67,5 Mio. €, eine Summe, die im Vergleich der europäischen Superclubs nahezu bescheiden wirkt, zumal ehemalige Leistungsträger wie Ribéry und Robben keine Ablöse mehr einspielten. 

Ein weiteres Plus und Brazzos Weg zur Note 1: Der Kader ist so strukturiert, dass man im nächsten Transfersommer mit z. B. Sané, Havertz, Nübel und Fein jene I-Tüpfelchen setzen kann, um in Europa wieder ganz vorne dabei zu sein.

Wenn diese oder ähnliche Transfers kommen, dann kann Hasan Salihamidžić auch wie geplant am 1.7.2020. zum Sportvorstand aufrücken. 

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