Müde Bayern holen auch den deutschen Supercup

Daniel Trenner 30.09.2020

Ganz Deutschland fiebert jedes Jahr auf genau dieses Spiel zu. Das größte Spiel in Deutschland! Nein, nicht das DFB-Pokalfinale, selbstverständlich ist es der Supercup! Ein Wettbewerb, dessen historische Sieger, die meisten Experten nicht einmal aufsagen könnten.

Normalerweise nimmt man ihn als Gipfel der Vorbereitung gerne mit; im Jahr 2020 allerdings, nervt er nach zwei bereits absolvierten Bundesligaspielen mehr, als er wirklich nützt. So ist er dieses Jahr der ultimative Loser-Cup um den Titel der größten Krise: Wer würde nach der jeweiligen Niederlage am Wochenende ganze zwei Pflichtspiele am Stück verlieren?

Falls Ihr es verpasst habt

Die Aufstellung 

Wer darauf hoffte, Flick würde den Supercup komplett abschenken, fand sich von der Aufstellung enttäuscht, aber eine richtige A-Elf mochte der Trainer dann in diesem Spiel von dubioser Bedeutsamkeit, doch nicht aufstellen. Die Abwehr sah mit Lucas Hernández und Niklas Süle für den angeschlagenen David Alaba und dem geschonten Jérôme Boateng noch ziemlich nach Top-Elf aus, doch ab dem Mittelfeld wurde es wild. Der in manchen Medien nach Bilbao bereits transferierte Javi Martínez rückte für Leon Goretzka an die Seite Joshua Kimmichs, Thomas Müller musste in Ermangelung, beziehungsweise Schonung von Leroy Sané und Serge Gnabry auf den rechten Flügel, Tolisso ersetzte ihn im Zentrum. Einzig Kingsley Coman und Robert Lewandowski gaben ein gewohntes Bild ab. Zusammen mit den bereits genannten Stammspielern, wurde die Ersatzbank mit Nachwuchsspielern und Adrian Fein befüllt, insgesamt wirkte es fast wie ein Hilferuf nach Verstärkungen.

Auch der BVB konnte nicht aus dem Vollen schöpfen, wirkte aber wenigstens auf dem Papier breiter aufgestellt. Dortmund verzichtete im typischen 3-4-3 zum Teil auch aus Rotationsgründen auf Bürki, Sancho, Witsel, Bellingham und Reyna. So spielten vor Hitz die bei Bayern nur zu gut bekannten Mats Hummels und Emre Can neben Manuel Akanji, auf den Flügeln Meunier und Passlack. Im Mittelfeld durften die Kämpfer Dahoud und Delaney ran, den Dreiersturm bildeten Marco Reus, Julian Brandt und Erling Håland.

1. Halbzeit

Von Beginn an war es ein zwar nicht unbedingt körperbetontes, aber insbesondere im Mittelfeld umkämpftes Spiel. So mangelte es zwar am Anfang an Torchancen, nicht jedoch an Zweikämpfen. Etwas überraschend schoss Bayern dann allerdings direkt mit der ersten klaren Chance das Führungstor. Konterte im letztwöchigen Supercup noch der Gegner nach einer Ecke, gelang nun Bayern der Tempogegenstoß nach einem Eckball Dortmunds. Über Neuer, Davies und Coman kam der Ball auf Höhe des Mittelfeldkreises zu Müller, der mit ganz viel Auge punktgenau auf Lewandowski öffnete. Ein Querpass später tauchte Tolisso alleine vor Hitz auf und netzte im Nachschuss ein (18.).

Bayern übernahm nun endgültig das Heft des Handelns, ohne jedoch zu wirklich großen Chancen mehr zu kommen. Doch wer braucht schon eine Reihe Topchancen, wenn man eine perfekte Chancenverwertung hat? Direkt mit der nächsten Großchance erhöhten sie die Führung (32.): Bayern setzte sich in Folge eines Außenristpasses von Javi Martínez (!) am gegnerischen Strafraum fest, Davies spielte eine Halbfeldflanke, während Bayern Dortmunds Strafraum perfekt besetzte. Am Ende musste der kleine Felix Passlack gegen Thomas Müller ins Kopfballduell und verlor.

Unverhofft konnte der BVB kurz vor Ende der Halbzeit dann doch noch verkürzen. Er presste die Bayern bei einem Abstoß hoch und verleitete Pavard zum Fehler. Blitzschnell gelang der Ball von Reus über Håland zu Brandt, der im Strafraum keinerlei Probleme vor Neuer hatte (39.). Das markierte dann auch das Ende der ersten Hälfte.

2. Halbzeit 

Ähnlich turbulent ging es auch direkt weiter. Dortmund griff über links an und ließ Bayerns komplette Defensive sich nach rechts orientieren um so Thomas Meunier komplett zu vergessen. Alleine vor dem Tor schoss der Abwehrspieler jedoch nur die grauen Sitzschalen ab.

Kurz darauf nahm Flick den gefährlichen, aber nicht immer glücklichen Coman für Gnabry runter (53.). Die nächste Chance gehörte trotzdem Dortmund und diesmal saß sie auch. Nach einem Einwurf gab es kurzzeitig Chaos in Bayerns Hälfte, an dessen Ende Delaney perfekt durch die Mitte Bayerns Abwehr auseinander riss um Håland zu finden. Die norwegische Luca-Toni-Imitation ließ sich vor Neuer nicht zweimal bitten (55.).

Wenige Minuten später wiederholte sich die Szene fast, wieder tauchte Håland nach schwachem Mittelfeldpressing Bayerns alleine vor dem Bayern-Tor auf, diesmal blieb Neuer aber Sieger. Der BVB hatte nun endgültig klares Oberwasser, doch gerade als es bloß wie eine Frage der Zeit schien, bis es zum dritten Mal bei Bayern einschlug, wechselte Favre seinen gefährlichsten Spieler Håland aus, Reinier kam. Minuten später ging auch Reus vom Platz, Reyna kam in die Partie. Die Wechselspiele wurden nun endgültig ausgerufen und mit ihnen zerbrach auch Dortmunds Momentum ein wenig. Brandt ging noch für den BVB, während gleichzeitig Chris Richards für Benjamin Pavard in die Partie kam. Bei Niklas Süle war zu diesem Zeitpunkt deutlich die Luft raus, doch Flick verzichtete merkwürdigerweise auf einen Wechsel bei ihm.

Es sollte sich nicht rächen, mit dem gefühlt ersten Sprint eines Bayern-Spielers der gesamten zweiten Hälfte jagte Kimmich Delaney den Ball ab und kam nach Doppelpass mit Lewandowski zum Abschluss. Den ersten ließ Hitz nach vorne prallen, beim zweiten Mal überwand Kimmich den Keeper mit einem fallenden Picke-Lupfer, Thomas Müller hätte es nicht merkwürdiger hinbekommen (82.). Direkt danach war für Lewandowski und Martínez Schluss, Zirkzee und Musiala kamen. Mit Ausnahme eines gar nicht so schlechten direkten Freistoßes von Thomas Müller passierte nicht mehr viel, und so stand es auch am Ende 3:2. Etwas glücklich gewann Bayern nach dem europäischen damit auch den deutschen Supercup und darf sich nun nach neumodischer Fußballarithmetik offiziell Quintuplesieger schimpfen. Am Sonntagabend empfängt Bayern nun Hertha BSC.

Dinge, die auffielen

1. Konter gegen den BVB

Lange Jahre war es das Thema vor jedem Spitzenspiel mit dem BVB: Wie würde der FC Bayern mit den schnellen Kontern des BVBs zurecht kommen? In diesem Supercup drehte der FC Bayern den Spieß ein wenig um. Immer wieder brannte bei Eckball Dortmund der Baum, wohlgemerkt beim Gegner. Der BVB schlug die Ecken ziemlich genau in die Mitte des Fünfmeterraums, wo entweder Neuer oder ein Abwehrspieler mühelos klärten. Direkt nachdem der Ball festgemacht schien, schalteten die Bayern blitzschnell um. Vor dem 1:0 leitete Davies mit einem Dribbling gegen Meunier den Konter ein, in der 38. Minute war es hingegen Coman mit einer ganz ähnlichen Aktion. Am Ende des einen Gegenstoßes fiel das 1:0, beim anderen wurde nur knapp das vielleicht spielentscheidende 3:0 verhindert.

Offensichtlich war dies ein absolut geplantes Mittel, denn gerade Lewandowski, Müller, Coman und Tolisso legten den Schalter ganz untypisch für Bayerns sonstige Verteidigung von Eckbällen, direkt nach der klärenden Aktion um.

2. In der zweiten Hälfte ist der Ofen völlig aus

So temporeich und gut Teile der ersten Hälfte auch waren: Direkt mit dem Ende der Halbzeit war der Tank beim FC Bayern vollkommen leer. Gelaufen wurde nur noch so viel, um die Räume halbwegs passabel zu schließen, gesprintet wurde gleich fast gar nicht mehr und gepresst nur noch halbherzig. Irgendwann war es praktisch nur noch Standfußball. Bei zu vielen Spielern war die Luft raus. Die Innenverteidiger mussten permanent in Laufduelle und während Hernández wohl zum ersten Mal in seiner Bayern-Zeit derzeit vollkommene Fitness ausstrahlt und sich für nichts zu Schade war, bettelte Niklas Süle förmlich nach einer Auswechslung, viel mehr als den Raum zu verteidigen und den Ball zum nächsten Spieler zu schieben, schien irgendwann nicht mehr drin. Ähnlich ging es Pavard und in gewisser Weise sogar Joshua Kimmich. Das Duracell-Häschen des FC Bayerns sah man selten weniger sprinten. Kein Wunder, dass Thomas Delaney dann bei seinem Ballverlust vor dem 3:2 vollkommen verblüfft war.

Die konditionellen Probleme hatten auch taktische Auswirkungen. Bayerns Strategie unter Flick ist seit jeher hohes Angriffspressing mit der daraus resultierenden hohen Abwehrlinie. Nur wenn die halbe Mannschaft K.O. ist, presst sie auch nur halbherzig und für ein Spiel ohne Angriffspressing steht Bayern dann gute 15 Meter zu hoch. Die Szene wo Håland kurz nach seinem Ausgleichstor frei vor Neuer auftaucht, zeigt dies emblematisch. Bayern steht bei einem Abstoß von Hitz ungemein hoch, presst aber nur sehr lasch und ohne jeglichem Zugriff. Zwei one-touch-Aktionen später ist Håland freigespielt und es ist nur der abermaligen Weltklasse des früheren und zukünftigen Welttorhüters geschuldet, dass es nicht direkt 2:3 steht.

Die gesamte 2. Hälfte war ein Bewerbungsschreiben an den Vorstand wie sehr Hansi Flick noch Verstärkungen benötigt. Selbst wenn Javi Martínez im Mittelfeld eine auch mit Ball erstaunlich komplette Partie ablieferte, fehlen Bayern schlicht Spieler um den Kader zu entlasten. Dies war nun das gerade einmal vierte Spiel der Saison und Bayern läuft bereits komplett auf dem Zahnfleisch.

3. Chancenverwertung auf Champions-League-Niveau

Eine Geschichte des Spiels ist auch, dass Bayern wenigstens kurzzeitig an ihr Champions-League-Endturnier erinnern konnten. Dort war Bayern mit einer fast klinischen Präzision aufgefallen. Eine Präzision, die Bayern in den bisherigen Spielen der Saison noch vermissen ließen, gegen Dortmund war sie wieder da. Eigentlich hatte Bayern nur vier echte Großchancen in der Partie, gleich drei wurden zu Toren umgemünzt, eine herausragende Quote. Ist man bei der Chancenverwertung derartig gut, lässt sich auch verschmerzen, dass man Hitz viel mehr auch nicht vor Probleme stellen konnte. Insbesondere die zweite Hälfte sollte jedoch trotzdem zu Bedenken geben. Vor Kimmichs 3:2 in der 82. Minute schoss Bayern kein einziges Mal auf das Dortmunder Tor, das kann kaum so gewünscht sein. Heute wurde Bayerns Chancenmangel durch ihre Chancenverwertung noch ausgeglichen. Nachdem man allerdings bereits gegen Hoffenheim nicht viel mehr als Kimmichs Weitschuss zustande brachte, erscheint es fragwürdig, ob dies ein dauerhafter Zustand sein kann.

4. Alles Gute im Ruhestand Bibiana Steinhaus!

Bibiana Steinhaus war immer eine sehr gute Schiedsrichterin und hat insbesondere mit der Durchbrechung der Geschlechtermauer in der 1. Bundesliga Großes und Nachhaltiges geschafft. Dies war ihr letztes Spiel, wir wünschen viel Erfolg in der Schiedsrichterinnenrente und beim Videoschiedsen!

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