Madrids Effizienz schlägt Bayern, aber alles ist noch drin

Wir haben vor der Partie schon ausführlich geschrieben und die Königlichen aus Madrid analysiert, im Podcast eine Expertenrunde gehabt und voller Vorfreude auf das erste Spiel im Halbfinale geschaut. Gestern Abend war es dann soweit und wir müssen leider feststellen, dass sich unsere Roten trotz großer Dominanz, Ballbesitz und einer erdrückend spielbeherrschenden Partie (zumindest über weite Strecken) nicht gegen das hocheffiziente und defensiv absolut souverän agierende Real Madrid durchsetzen konnte. Eine Träne muss dennoch über keine Bayernwange laufen – beim Rückspiel ist noch alles drin.

Bayern verliert in Madrid - Stadion Panorama

Bilder & Dank an fehlpass.com

Eine erste (kleine) Überraschung gab es, als Pep Guardiola doch mit Rafinha auf der Position des Rechtsverteidigers begann und eine Mittelfeldachse mit Schweinsteiger, Kroos und Lahm baute. Entgegen vieler Analysen der letzten Wochen, die Javi Martínez als wichtigen Baustein durch Ballgewinne in der Zentrale sahen, wählte unser Trainer in seinem 4-3-3 eine die Ballzirkulation fördernde Variante mit schwächen im Zug nach vorn auf das gegnerische Tor. Die Maxime »Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner keine Tore schießen« funktionierte über weite Strecken der Partie sehr gut, aber die unglaubliche Effizienz von Real Madrid und die Nutzung ihrer wenigen Chancen waren eben ausreichend, um das eine entscheidende Tor zur 0:1 Niederlage über Manuel Neuers Torlinie zu befördern. Die Fehler- bzw. Problemkette vor dem Gegentreffer ist etwas länger und beginnt definitiv nicht erst bei Jerome Boateng. Alles beginnt mit einem abgeblockten Schuss und der in der Folge entstehenden unkontrollierten Situation. Philipp Lahms Pressingversuch schlägt fehl, Arjen Robben zieht nicht konsequent mit in der Defensive (zugegeben sein Weg war weit), die Übergabe des Gegenspielers zwischen unseren Reihen klappt nicht und im Endeffekt sehen wir millimetergenaue Pässe und Benzemas Torabschluss in der 19. Minute. Große abzudeckende Räume, ein paar Meter zu wenig, oder in der Situation nicht optimal gegangen, und im Halbfinale der Königsklasse braucht es dann nicht viele solcher Möglichkeiten bis zum Tor. Besonders bitter ist aber, dass der FC Bayern zuvor die Möglichkeit auf den Führungstreffer hat und leider nicht verwandeln kann.

Die restliche Spielzeit mit der überschaubaren Anzahl an Chancen auf beiden Seiten lässt sich wohl mit den Begriffen Ballbesitzdominanz und Harmlosigkeit beschreiben. Obwohl unsere Roten wesentlich engagierter auftraten als während der letzten Bundesligawochenende und den absolut notwendigen Einsatz zeigten. Real Madrid, die trotz ihres Ausnahmefußballers Ronaldo kein Offensivfeuerwerk starteten, können stolz auf eine herausragende und stets auf den Punkt funktionierende Defensive sein. Unsere Roten fanden kein Mittel dagegen bzw. wägten oftmals Risiko zu Absicherung eher zurückhaltend ab.

In den meisten Fällen trugen wir unsere Angriffe aus der Zentrale in Richtung des gegnerischen Strafraums – Toni Kroos ist hier zu nennen. Er war in der ersten Spielhälfte einer der engagiertesten Spieler, der aber spätestens in der zweiten Hälfte abbaute und seinen Schwung verlor. Von den Eckbällen wollen wir lieber nicht sprechen. Der typische Bayernangriff gestaltete sich also wie folgt: Der Ball wird in der Mitte gehalten, wobei Mandzukic, der Stellenweise als Linksverteidiger aushalf, entweder allein auf der Stürmerposition wartete oder noch auf dem Weg nach vorn war, weil er zuvor weiter hinten eingebunden war. Danach ging es meist über die rechte Seite und Arjen Robben. Der Holländer machte wieder einmal ein hervorragendes Spiel und zeigte großen Willen – ihm fehlte das Glück im Abschluss oder die Anspielstation in der Mitte. Über links ging trotz des eigentlichen Traumduos Alaba und Ribéry wenig bzw. musste der junge Österreicher an diesem Abend gefühlt alles übernehmen. Sowohl offensiv als auch defensiv, denn Franck Ribéry fand kaum statt. An dieser Stelle soll aber nicht in die Kerbe geschlagen werden, die einige Journalisten und Fans auf der Suche nach einem Sündenbock in den letzten Wochen auftun. Seit seiner Verletzung fehlt es dem Franzosen an Spritzigkeit – der Grundlage seiner Offensivqualitäten, aber von einer Krise muss nicht geredet werden. Viel mehr steht der Fakt, dass auch Europas Fußballer des Jahres eine schwächere Phase durchmachen kann. Er wirkt verunsichert und ihm geht derzeit genau das ab, wovon Arjen Robben seit der magischen Wembleynacht lebt: das Selbstbewusstsein Dinge zu tun, die ihn auszeichnen. Rein statistisch gesehen war er wohl der schlechteste Bayernspieler auf dem Platz, seine Ideen fehlen der Mannschaft, seine Überraschungsmomente könnten Spiele entscheiden oder zum Positiven wenden, aber wir sollten ihm weder Qualität noch die Möglichkeit absprechen in entscheidenden Momenten das Zünglein an der Waage zu sein.

Die Frage für das Wochenende wird sein, ob Franck Ribéry gegen Bremen ‘geschont’ wird oder ob er Spielpraxis bekommt. Formgewinn über Spiele oder Training ist die Frage.  Gezielte Arbeit an seiner Spritzigkeit und Geschwindigkeit sollte folgen. Und das Vertrauen des Trainers, der Mannschaft und den Fans in ihn, denn obwohl Mario Götze eine Alternative für die linke Außenbahn ist, sollte man Ribéry im Rückspiel die Startelfposition geben.

Wenn der gerade erwähnte Mario Götze in der 84. Minute zum 1:1 getroffen hätte, wäre die Ausgangsituation für das Rückspiel in München besser gewesen. So steht der FC Bayern vor einer schwierigen, aber durchaus lösbaren Aufgabe vor heimischem Publikum. Dass der Weg nach Lissabon ein schwieriger sein würde, war vielen schon klar – nun dürfte es auch der letzte Bayernfan begriffen haben. Unmöglich ist mit dieser Mannschaft nichts – eine magische Europapokalnacht könnte folgen. Oder ein Sterben des Traums vom vierten Finaleinzug in fünf Jahren. Hoffen wir auf die erste Variante – immer vorwärts FCB!

Real Madrid – FC Bayern München 1:0 (1:0)
Real MadridCasillas – Carvajal, Pepe (73. Varane), Sergio Ramos, Coentrao – Xabi Alonso – Modric, Isco (82. Illarramendi) – Di María, Benzema, Ronaldo (73. Bale)
BankDiego López, Marcelo, Casemiro, Morata
FC Bayern MünchenNeuer – Rafinha (66. Martinez), Boateng, Dante, Alaba – Lahm – Robben, Schweinsteiger (74. Müller), Kroos, Ribéry (72. Götze) – Mandzukic
BankRaeder, Zingerle, Weiser, Pizarro
Tore1:0 Benzema (19.)
KartenGelb: Isco / –
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Leserkommentare
  1. Christopher

    Ich hatte mir von Mandzukic im Sturm mehr erhofft, aber leider war er kein Faktor. Mit Müller kam dann mehr Unberechenbarkeit ins Sturmzentrum. Müller hatte ja auch die zwei größten Chancen herausgearbeitet (Schuss von Götze) und seine eigene Einlage im Strafraum. Bin gespannt ob Mandzukic im Rückspiel nochmal starten darf.

    1. Als wir gestern die Aufstellung gelesen haben, war ich überrascht, dass Martinez auf der Bank saß und Mandzukic stürmen durfte. Um mich herum sah man das etwas anders, weil man da voll auf seine Qualitäten für Ballbehauptung baute und die Aggressivität schätze. Das “verpuffte” dann aber relativ flott. Sein Einsatz – in gewissen Spielsituationen ja sogar als Linksverteidiger – fand ich hingegen sehr gut. Das klappt defensiv dann gut, aber wieder fehlt eine Anspielstation weiter vorn. Die Balance zwischen Offensive und Defensive war mir vor dem Spiel nicht klar und ist mir auch mit Blick aufs Rückspiel noch etwas schleierhaft.. wie wird man das lösen?

      Oder die Münchner zeigen mehr von Thomas Müller.

      Mit seiner Einwechslung wurden die Bayern sofort gefährlich […] Wenn die Pep-Zone am Dienstag erfolgreich ausgeweitet werden soll, dann wohl nicht nur vielleicht mit dem Spieler, der beim Trainer zwar nicht in der allerhöchsten Gunst zu stehen scheint, der aber in den knapp zwanzig Minuten mehr Zudringlichkeit und Überraschungskraft als seine Mitspieler zusammen ausstrahlte.

      Das schrieb Oliver Fritsch für die ZEIT und obwohl ich sonst selten Texte von ihm mag, trifft es das ganz gut. Würdest du Müller im Rückspiel für Mandzukic bringen? Sehe große Chancen dafür, aber auf Ribéry würde ich, wie im Artikel auch geschrieben, weiterhin bauen. Den muss man jetzt in den wenigen verbleibenden Tagen bis zur Partie stärken!

  2. Peter

    Ich bin auch der Meinung dass Müller ordentlich Schwung und Gefährlichkeit ins Spiel der Bayern gebracht hat – hätte früher kommen können. Dennoch muss man sagen, dass die Rolle von Mandzukic eine undankbare war weil er, wie oben erwähnt, oft auch weit hinten aushelfen musste.
    Für’s Rückspiel würde ich mir wünschen dass Lahm als RV und stattdessen Martinez ins MF rückt (zurück zu alten Wurzeln). Dann noch ein frühes Tor des in der Startelf stehenden Müller wodurch Real gezwungen wird mehr für’s Spiel zu tun. Dann wäre angerichtet für eine grandiose CL-Nacht!

  3. Erzen

    Das Spiel wäre besser gelaufen, wenn man einfach an alte Spielmuster Fest hält. Ein Lahm gehört einfach hinten rechts. Ein Martínez mit Schweinsteiger auf die Doppel 6! Und wenn ein Kroos kein guten Tag erwischt und das war gestern so einer, dann ist er für Götze auszuwechseln. Auch unsere Spitze hätte viel eher durch Müller ersetzt werden müssen. Manchmal verstehe ich dieses Taktik bzw. Aufstellung nicht so recht, wenn man doch weiß, dass Madrid ein änliches Spiel nach vorne bestreitet, wie es auch der 0:3 bezwinger BVB tut. Ist es denn so schwer, rechtzeitig Fehler im System zu erkennen und sie frühzeitig im Spiel zu verändern? Ich glaube einfach, dass unser jetziges Team viel und vor allem noch effizienter wäre, wenn wir mir der Taktik von Jup auflaufen würden. Denn diese liegt dem Team einfach viel mehr und es muss sich nicht 90min lang damit befassen, den Ball in seinen Reihen zu halten und sich die Pille von links nach rechts und wieder zurück zu schießen, ohne annähernd Tor Gefahr auszustrahlen. Ich war anfangs guter Dinge aber nach 10min sinnloses hin und her, hab ich das Spiel nur noch mit einem Auge angesehen und gebetet. Wir können von Glück reden, dass es nur ein Gegentor war.

    Sorry für die vielen rechtschreib Fehler, aber ich bin wirklich etwas gereizt was das Spiel gestern angeht, nicht weil wir verloren haben, sondern wie wir verlieren.

  4. kitas

    also jetzt müller anstatt mandzu zu verlangen… das verstehe ich nicht. bei manU haben dann alle gesagt. seht ihr ohne mandzu gehts nicht und müller ist auf verlorenem posten.
    zur aufstellung: klar, am besten immer mit der final-aufstellung spielen. also lahm hinten, martinez /schweini und müller hinter mandzu, kroos draußen.
    ansonsten wieder mal eine gute analyse

  5. Felix

    Für mich gibt es 2,3 Punkte die angesprochen werden müssen:
    1. Die Systemfrage. Es gibt rund um den FC Bayern wenige Themen, die mir so auf den Keks gehen, wie die ewige Litanei vom Ballbesitz, der den Fußball zerstört. Natürlich, wir hatten den Ball viel und für den neutralen Betrachter ist das manchmal uninteressant – aber wenn das Team auf der anderen Seite des Feldes, egal ob Real, Manchester oder Reda-Wiedenbrück konsequent darauf aus ist, den Ball nicht zu haben, weil man damit nichts anfangen kann, ist DAS das Problem. Deshalb: Ruhe bewahren, was Pep’s Idee vom Fußball angeht. Die Entwicklung weg von der Doppelsechs habe ich anfangs ebenfalls kritisch gesehen. Mittlerweile bin ich überzeugter Verfechter des 4-1-4-1, wobei ich im ZM am liebsten Martinez sehe. Denn so blöd es klingen mag, und auch wenn es oft nicht danach ausschaut, gibt es uns mehr Freiheiten zu Rochaden im Positionsspiel im zentralen Mittelfeld, nicht nur, wie unter Jupp, auf den Außenbahnen.
    2. Personalien: Sehr gut gefallen hat mir gestern David Alaba. Denn ein Ribery, der ihn überhaupt nicht unterstützt, hat ihm in den letzten Wochen gefehlt – davon war aus meiner Sicht nichts zu sehen. Bis auf eine Unachtsamkeit nach der Halbzeit stand David hinten bombensicher und er war gefühlt öfters an der gegnerischen Grundlinie als Ribery. Genauso würde ich Arjen Robben herausheben, der wie so oft für die Überraschungsmomente zuständig war. Bei ihm gefällt mir die Einstellung einfach sehr gut – er geht Bällen nach, denen Kroos nachschaut. Nicht gefallen haben mir Toni Kroos und Philipp Lahm, die beide zu passiv waren und einfach für zu wenig Torgefahr sorgen. Wenn man mal Spieler für Spieler durchgeht, fällt auf: Wer (aus der Startelf) hätte das Tor den eigtl. schießen sollen?
    Lahm: Noch kein CL-Tor. Leider die Torungefährlichkeit in Person. Aber auch nicht sein Primärjob.
    Kroos: Ohne einen gefährlichen Abschluss. Viel zu wenig für einen eigentlichen Zehner.
    Schweinsteiger: Zu sehr auf Sicherheit bedacht. Nur nach Kopfbällen gefährlich.
    Ribery: Formkurve auf Mariannengrabenniveau.
    Robben: Wurde jedes mal getrippelt, wenn er an den Ball kam. Unglaublich schwer.
    Mandzukic: Wie Chris schon sagte, komplett abgemeldet, aber auch alleine gegen Pepe und Co.
    3. Real Madrid: Klar, sie ziehen ihr Spiel durch etc. und sind damit erfolgreich – aber dass Real Madrid damit zufrieden ist, kein einziges Mal länger als 10 Stationen den Ball zu haben im Bernabeu? Unglaublich. Hätte man mir das vor 10 Jahren erzählt, hätt ich meinen Gegenüber ausgelacht…

  6. Memphis_11

    Moin,

    insgesamt ein starker Bericht der die wichtigsten Punkte behandelt. Was mir etwas gefehlt hat war die Feststellung, dass Real auch nach dem 1:0 die deutlich besseren Chancen hatte. Unser Spiel war in meinen Augen keineswegs dominant, weil Real bei besserer Chancenverwertung 2 oder gar 3 Tore hätte erzielen müssen. Was das Rückspiel betrifft bin ich (wie schon vor dem Hinspiel) der Meinung, dass Ribery dringend eine Denkpause benötigt. Trotz allem Verständnis für den “Wohlfühlspieler” können wir uns solche Leistungen einzelner Spieler gegen Real nicht leisten. Ich würde mir im Rückspiel neben dem genannten Martinez also auch Müller und/oder Götze in der Startelf wünschen. Wozu haben wir “den besten Kader aller Zeiten”, wenn dann nicht knallhart nach Leistungsprinzip aufgestellt wird?

  7. jan!

    Schreibt doch noch immer die Zuschauerzahl (und Gästefans) unter die Berichte, würde mich freuen. Danke.

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