Real Madrid – FC Bayern 1:0 (1:0)

Steffen Trenner 24.04.2014

Falls Ihr es verpasst habt: Bayern begann mit Lahm, Schweinsteiger und Kroos auf den drei zentralen Positionen wobei Lahm am ehesten die klare 6er Rolle inne hatte und Kroos und Schweinsteiger ein wenig mehr pendelten. Im Spielaufbau war häufig Kroos der zweite Aufbauspieler. Rafinha verteidigte Rechts über weite Strecken 1:1 gegen Christiano Ronaldo, der seinerseits stark nach innen zog und häufig Spielmacher-Aufgaben übernahm. Isco begann für den gesundheitlich angeschlagenen Bale.

Wer ein Anfangsfeuerwerk von Madrid erwartete, wurde enttäuscht. Bayern von Beginn an mit der gleichen Balldominanz wie gegen United, Augsburg oder Braunschweig. Madrid verlagerte sich durchaus etwas überraschend komplett aufs Kontern und wartete im tiefen Abwehr- bis Mittelfeldpressing ab. Guardiola nahm wie schon häufiger bewusst eine Asymetrie in seinem Team in Kauf. Alaba spielte als Linksverteidiger eine deutlich einrückendere und offensivere Rolle, als sein Gegenüber Rafinha, der eher zurückhaltend agierte. Dante musste so häufig einen weiten Raum decken, was gut funktionierte. Bayern nach 10-15 Minuten mit den ersten Torannäherungen, jedoch ohne zwingende Chance. Ganz anders Real, die mit dem ersten konstruktiven Angriff in der 19. Minute durch Benzema das 1:0 erzielten.

Wenig später hätte Ronaldo nach ähnlicher Vorarbeit beinahe noch erhöht (26.). Bayern erholte sich langsam vom Rückstand, Schussversuche wurden jedoch mehrfach im Strafraum geblockt. Nach der Pause ließ Real den Ball mehr laufen und versuchte ein wenig mehr Spielkontrolle zu erlangen. Immer wenn Madrid den offenen Schlagabtausch suchte, wurde es jedoch brenzlig für die Hausherren, weil Bayern die Räume für einige gut vorgetragene Konter nutzte. Spätestens ab der 60. Minute zog sich Madrid deshalb wieder zurück. Neuer parierte noch einmal einen Schuss von Ronaldo – danach spielte nur noch Bayern. Guardiola brachte Martinez für Rafinha (Lahm wechselte auf RV) und Müller und Götze für Schweinsteiger und Ribéry. Müller (81.), Götze (84.) und wieder Müller (91.) hatten die größten Bayern-Chancen des Spiels. Gerade deshalb wäre ein 1:1 sicher auch in Ordnung gewesen. So ist es eine richtig schwere Ausgangslage fürs Rückspiel. Unmöglich ist es gegen eindeutig gleichwertige Madrilenen jedoch allemal nicht.

3 Dinge, die auffielen:

1. Bayern löst fast alle Probleme

In den letzten Wochen hatten sich einige Probleme ins Bayern-Spiel eingeschlichen, die auch mir vor dem Spiel ein wenig Sorgen bereiteten. Den Großteil dieser Probleme bekam Bayern im Spiel gegen Real aber gelöst. Das Umschalten nach Ballgewinn klappte besser als zuletzt. 19 Ballrückeroberungen in Madrids Hälfte bewiesen das der Biss im Gegenpressing stimmte. Insgesamt gewann Bayern 23 Mal den Ball in der gegnerischen Hälfte. Alaba mit 5, Lahm mit und Kroos mit 4 waren dabei die auffälligsten Akteure. Auch die Schwierigkeiten durch Konter durch das Zentrum bekam Bayern insgesamt gut in den Griff. Klar: Das Gegentor fällt nach einem Konter und Christiano Ronaldo hätte nach einem weiteren Konter durchaus das 2:0 erzielen können. Aber trotzdem bleiben unter dem Strich über 90 Minuten drei richtig gefährliche Gegenstöße und vier echte Torchancen für das offensiv potenteste Team auf das die Münchener in dieser Saison getroffen sind. Das ist im Prinzip zu verkraften.

Das einzige größere Problem lag einmal mehr in der Offensive. Wie schon gegen Manchester United gelang es Bayern über weite Strecken des Spiels nicht trotz hohem Ballbesitz und sogar hohem Ballbesitz in Tornähe qualitativ hochwertige Abschlusssituationen zu kreieren. Knapp 40 Flanken von denen 10 einen Mitspieler fanden kamen dabei im Wesentlichen herum. 15 Ecken verpufften nahezu ergebnislos. Real wirkte mit zunehmender Spielzeit immer sicherer in seinem tiefen Pressing und dem massierten Bollwerk rund um den Strafraum. Das Doppeln auf den Flügeln funktionierte exzellent. Weil Mandzukic immer wieder auf den Flügel auswich, um das Kombinationsspiel zu unterstützen standen phasenweise bei Ballbesitz Bayern in Strafraumnähe 4:0 Madrilenen im Strafraum. Egal wie das Rückspiel und die weitere Saison verläuft. Es wird die Kernaufgabe für Guardiola seinen Spielern einen Plan an die Hand zu geben, wie gegen tiefstehende Gegner beim Stand von 0:0 Torabschlüsse generiert werden können.

Wie es funktionieren kann zeigte sich in der Schlussviertelstunde bei zwei der vier besten Bayern-Chancen in dieser Partie. In der 81. Minute kreuzten Müller und Götze vor dem Strafraum und zogen so die Innenverteidiger auseinander. Robben passte zu dem nach innen ziehenden Götze, der legte ab auf den kreuzenden Müller, dessen Schuss von Varane neben das Tor gelenkt wurde. Diese Beweglichkeit fehlte vor der Einwechslung der beiden Offensivspieler mit Schweinsteiger oder Kroos hinter Mandzukic. Man kann darüber diskutieren, ob die Einwechslung von Müller und Götze zu spät kam oder ob gerade die späte Einwechslung die müde gewordenen Madrilenen noch einmal richtig forderte. Beide waren jedenfalls auch an der zweiten richtig gefährlichen Szene beteiligt. Müller ging an der Grundlinie nach einer geblockten Flanke beherzt ins Gegenpressing, gewann den Ball, erwischte Real in einem Moment der Unordnung, bediente Götze, der jedoch an Casillas scheiterte.

Beide Szenen unterstrichen wie es gegen tiefstehende Gegner funktionieren kann. Flanken sind dabei übrigens kein grundsätzliches Übel. Sie sollten nur nicht der einzige Weg sein, um in den Strafraum zu kommen. Es bleibt die Königsaufgabe für Guardiola – im Rückspiel und darüber hinaus.

2. Boateng der falsche Sündenbock

Der Gegentreffer – das muss einfach einmal festgehalten werden war ein nahezu perfekter Konter von Real, der nur schwer zu verteidigen war. Allgemein wurde Boateng das Gegentor angekreidet, weil er Coentrao im Rücken ziehen ließ und die Flanke nicht verhindern konnte. Mir greift diese Erklärung viel zu kurz. Am Ende ist es eher Dante, der den entscheidenden Fehler macht. Der Blick ins Detail:

Der Konter entsteht im Strafraum von Madrid, wo Kroos (etwas lässig ausgeführte) Direktabnahme geblockt wurde. Lahm versucht beim Befreiungsschlag knapp 25 Meter vor dem Tor der Madrilenen direkt ins Gegenpressing zu gehen und nimmt mit einer Grätsche gegen Benzema ein hohes Risiko in Kauf. Weil Benzema den Ball verteidigen und ablegen kann, sind die aufgerückten Münchener für einen Moment aus der Balance. Weil Rafinha die Flanke zur Bayern-Chance geschlagen hatte und erst verzögert auf seine Position zurückkehrt, weicht Boateng nach einem Pass auf Ronaldo pflichtgemäß nach rechts Außen aus. Als Rafinha Ronaldo stellt, befindet sich Boateng im Rückwärtslaufen, um den aufrückenden Coentrao aufzunehmen. Ronaldo spielt umzingelt von drei Bayern einen perfekten, extrem schwer zu verteidigenden Pass in den Lauf von Coentrao, der Boateng im Rücken kreuzt. Boateng ist hier einen Schritt zu spät – warum Dante aber seine Position im Zentrum verlässt und mit einer wilden Grätsche versucht die Hereingabe von der rechten Strafraumkante zu verhindern, anstatt im Zentrum den einzigen möglichen Abnehmer einer Hereingabe zu decken, erschließt sich mir nicht. Coentrao war in keiner gefährlichen Schussposition. Weil Boateng ihm direkt im Nacken saß, war seine einzige Möglichkeit die Hereingabe. Dort steht Benzema 1:1 gegen Alaba, der den Pass um wenige Zentimeter verpasst. Ich sehe wenig, dass Boateng in dieser Szene hätte anders machen sollen. Er verteidigt den Lauf von Coentrao auf der Kante zum Abseits korrekt. Der Moment des Passes von Ronaldo in die Tiefe war optimal getimed. Seine einziger Fehler war, dass der Abstand zur Rafinha einen Tick zu groß war, um den Pass abzufangen.

Es ist leicht den Spieler zu kritisieren, der beim entscheidenden Pass in der Nähe steht. Richtig ist das deshalb nicht immer.

3. One-Two Punch gegen Real ein One Punch

Ich war bisher noch nicht bereit die Hinweise auf eine Formkrise bei Franck Ribéry zu akzeptieren. Insgesamt waren es nach seiner Verletzungspause zwei richtig schlechte Spiele. Gegen Dortmund und Braunschweig. In der Champions League war der Franzose nach seiner Verletzung zum Beispiel an 2 von 5 Toren beteiligt. Auch in der Bundesliga standen seit März ordentliche vier Torbeteiligungen zu Buche. Nach der Leistung gegen Real muss mit Blick aufs Rückspiel allerdings festgehalten werden, dass Ribéry zum ersten Mal in seiner siebenjährigen Bayern-Karriere in einem wichtigen Spiel aus Leistungsgründen auf der Bank sitzen könnte. Es war nicht so, dass der Franzose lustlos agierte, aber es gelang ihm so gut wie nichts. 65 Ballkontakte, die schlechteste Passquote aller Bayern-Starter, kein Torschuss, immerhin zwei Torschuss-Einleitungen, aber auch nur ein gewonnenes Dribbling. Der One-Two Punch auf den Flügeln, der Bayern mittlerweile seit über vier Jahren antreibt war gegen Real Madrid ein One Punch. Bestehend aus Arjen Robben.

Der Niederländer war einmal mehr der konstanteste Aktivposten der Münchener, hatte 90 Ballkontakte, 6 Torschüsse, 2 Torschussvorbereitungen, 3 erfolgreiche Dribblings. Er war an fast jeder gefährlichen Szene beteiligt auch wenn er sicher nicht immer die richtige Entscheidung traf. Guardiola steht beim Umgang mit Ribéry vor einer kniffeligen Aufgabe. Lässt er den sensiblen und zur Zeit etwas verunsichert wirkenden Ribéry draußen, um eine Reaktion hervorzurufen oder stärkt er dem ansonsten immer verlässlichen Franzosen den Rücken. Alternativen stünden bereit. Mario Götze hat mit einer insgesamt inspirierten Vorstellung Argumente für einen Einsatz gesammelt. Thomas Müller brennt sowieso. Der Moderator und Motivator Guardiola ist hier gefragt. Ich würde Ribéry am Samstag gegen Bremen die Chance von Anfang an geben, um ihm die Möglichkeit zu eröffnen Selbstvertrauen zu sammeln und seinen Rhythmus wieder zu finden. Klar ist: Es braucht im Rückspiel Spieler, die den Unterschied ausmachen können – wie es Ronaldo am Mittwoch-Abend mit seinem öffnenden Pass gemacht hat. Ribéry, Götze und Müller kämpfen nun um den Startelf-Einsatz.

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