Giulia Gwinn ist Fußballerin des Jahres: Dann lasst es halt ganz – ein Kommentar
Giulia Gwinn ist Deutschlands beste Fußballerin. Das ergab eine Abstimmung, die vom kicker organisiert wird.
Die Außenverteidigerin des FC Bayern erhielt dabei die meisten Stimmen. Das Endergebnis zeigt jedoch abermals, wie oberflächlich und nebenläufig der Fußball der Frauen behandelt wird.
Was als Wertschätzung gemeint ist, verkommt damit zur Farce – und hilft dem Fußball der Frauen nicht weiter.
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Giulia Gwinn Fußballerin des Jahres? Die Abstimmung ist lieblos
Vorab: Das hier hat nichts mit Giulia Gwinn zu tun. Die 27-Jährige hat bisher eine fantastische Karriere hingelegt, ist eine verdiente Spielerin des FC Bayern und verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten. Sie ist eines der Gesichter des deutschen Fußballs.
Aber wenn man ihre vergangene Saison nüchtern einordnet, muss man auch festhalten: Es war nicht ihre. Einige Verletzungen bremsten sie aus, ihre Leistungen waren für ihre Verhältnisse wechselhaft und eher durchschnittlich.
Dass sie trotzdem diesen Award bekommt, der durch die Mitglieder des Verbandes deutscher Sportjournalisten (VDS) entschieden wird, zeigt vor allem eines: Der Fußball der Frauen ist bestenfalls Nebensache. Das Abstimmungsergebnis ist lieblos und hat mit der Realität wenig zu tun.
Man könnte an der Stelle entgegnen, dass das bei den Männern doch ebenfalls so sei. Immerhin haben dort Leon Goretzka (3) oder Florian Neuhaus (2) Stimmen bekommen. Manuel Neuer (4) bekam mehr Stimmen als Luis Díaz (3). Auch da passt vieles nicht zusammen.
Insgesamt wirkt das Bild dennoch stimmiger, die Ausreißer sind seltener. Gewonnen hat Harry Kane vor Michael Olise. Vincent Kompany wurde Trainer des Jahres.
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Selbst Gwinn distanziert sich leicht
106 Stimmen hat Gwinn bei den Frauen erhalten. Die meisten dürften sie nur deshalb gewählt haben, weil man sie halt kennt und sie omnipräsent ist. Ob sie auch mal ein Spiel von ihr gesehen haben? Vielleicht bei der Nationalelf, wo sie aber auch nicht außerordentlich erfolgreich war zuletzt – teils durch Formschwäche, teils durch Verletzungen.
Aber woher soll das Know-how auch kommen, wenn sich Journalist*innen im Alltag in Bezug auf die Frauen im Prinzip nur mit folgenden Themen befassen?
- Agentur-Artikel auf die Seite bringen, die nicht selbst geschrieben sind – Spielberichte zu Spielen, die selbst nicht geschaut wurden beispielsweise.
- Interviews, in denen es eher um Lifestyle und Aufregerthemen wie „Equal pay“ geht.
- Social-Media- und Boulevard-Content
Klara Bühl, die in der vergangenen Saison die komplette Liga zerspielt hat und auch in der Champions League lange glänzte, kam auf 94 Stimmen. Jule Brand, die bei Lyon gute Momente hatte, aber insgesamt doch zu kämpfen hatte, kam auf 82. Lena Oberdorf hat fast so viele Stimmen bekommen (6), wie sie Spiele sammelte (8).
Gwinn selbst zeigte sich im kicker-Interview fast schon beschämt: „Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht damit gerechnet, in diesem Jahr gewählt zu werden.“ Teamkollegin Bühl hätte ihre Stimme erhalten.
Die Abstimmung sollte neu gedacht werden
Es ist nett, dass der Versuch gestartet wird, einen solchen Award zu etablieren. Aber wenn von den insgesamt über 600 Stimmen nur ein Bruchteil überhaupt ein Interesse am Fußball der Frauen hat, dann kann man es auch gleich lassen. So wird die Veranstaltung nämlich zur Farce.
Das über den VDS zu machen, mag auf dem Papier sinnvoll erscheinen. Fachpersonal aus der Branche. Nur wird Jahr für Jahr an den Ergebnissen deutlich, dass es in diesem Bereich weniger Fachpersonal gibt als Menschen, die ihr Kreuz einfach da setzen, wo sie einen Namen schon mal gehört haben oder die Spielerin ganz nett finden. Anders sind solche Resultate nicht zu erklären.
Inhaltlich tiefer Content zu den Frauen wird in den meisten Fällen nicht bei den großen Fußballmedien des Landes gemacht, die den Männerbereich mit ihren Artikeln dominieren. Den findet man häufig bei kleineren Projekten, die mit Liebe zum Detail arbeiten. Will man dem Fußball der Frauen wirklich einen Gefallen tun mit solchen Awards, sollte man darüber nachdenken, wie es gelingen kann, dieses echte Fachpersonal zu vereinen.
Schon deshalb, weil diese Abstimmung nicht nur abschätzig gegenüber dem Fußball der Frauen ist, sondern auch die Glaubwürdigkeit der beteiligten Medien beschädigt. Das zeigen auch die Reaktionen vieler Fans, die die Kompetenz der Journalist*innen in Frage stellen. Wenn ein ernsthaftes Interesse darin besteht, den Fußball der Frauen wertzuschätzen, dann braucht es einen anderen Ansatz. Sonst kann man das aber auch einfach sein lassen. Sollte es vielleicht sogar sein lassen.


