Fünferpack-Kolumne: Von Flick, Sané und dem Pokal-Aus

Maurice Trenner 29.01.2021

Die Kolumne stellt dabei meine persönliche Meinung zu den behandelten Themen dar. Über eure Meinung, anregende Diskussionen sowie konstruktive Kritik in den Kommentaren würde ich mich sehr freuen.

1. Flick und die zentralen Mittelfeldspieler

Sie haben es wahrlich nicht leicht mit ihm. Mikaël Cuisance machte den Anfang und fand ein jähes Ende. Kurz darauf kam Adrian Fein mit einer guten Saison in Hamburg im Gepäck und durfte seine Koffer schneller packen als er Bundesliga-Dino sagen konnte. Last-Minute-Transfer Marc Roca spielte bisher erst 298 Minuten, davon sogar nur 20 Minuten in der Liga. Der Miasanrot-Jugendspieler des Jahres Angelo Stiller bekam lange Zeit nicht einmal eine Chance. Lediglich Tiago Dantas scheint es Hansi Flick angetan zu haben, doch der Portugiese ist physisch noch zu weit entfernt von der 1. Bundesliga. Nein, junge zentrale Mittelfeldspieler haben wahrlich einen schweren Stand bei Flick.

Das zentrale Mittelfeld ist das Herz einer jeden Mannschaft, die versucht mit Ball- und Feldkontrolle das Spiel zu dominieren. Im Spielaufbau sind sicheres Passspiel und kreative Momente gefragt, während es gegen den Ball auf Positionierung und Zweikampfstärke ankommt. Zudem sind eine hohe Laufbereitschaft, eine gute Übersicht und Schnelligkeit im Kopf von Vorteil. Dementsprechend vielfältig ist das Aufgabenprofil an einen zentralen Mittelfeldspieler. Im einen Moment ist er der Initiator, im nächsten der Stopper. Der Druck ist immens, sowohl physisch als auch mental.

Insofern ist es verständlich, dass Hansi Flick an diese Rolle hohe Ansprüche stellt und junge Spieler nicht überfordern, gar verheizen will. Zudem kann ein Außenstehender die Trainingsleistung nicht beurteilen, die der Spieler dem Trainer tagein, tagaus anbietet. Doch gerade in der Phase der Verletzung von Joshua Kimmich oder am Ende von Spielen fällt es schwer einen Grund zu finden, warum Flick nicht einmal einem Marc Roca eine Chance gibt.

Einer unter vielen: Marc Roca
(Photo by Handout/FC Bayern via Getty Images)

Der Spanier war schon länger auf dem Radar der Münchner. Ein Wunschspieler von Salihamidžić aus dem letzten Sommer, der während der Paniktage der letzten Transferperiode kurzfristig geholt wurde. Sprechen der Sportdirektor und der Trainer nicht über so einen Spieler, über seinen Fit im Team und über seine mögliche Rolle? Oder passt das vom Manager gezeigte Bild nicht zu dem Spieler der Roca ist? Interna, über die es müßig ist zu spekulieren.

In den wenigen Minuten, die Roca auf dem Platz seine Qualitäten zeigen durfte, wusste er durchaus zu gefallen. Seine gelb-rote Karte gegen Salzburg war sicherlich kein Empfehlungsschreiben, doch davor und danach war er souverän und ein Ruhepol im Spiel der Münchner. Beides Aussagen, die man so selten über Corentin Tolisso hört. Dennoch bekam der Franzose immer wieder den Vorzug, trotz all der Limitierungen, die in den drei Jahren nach dem 40-Millionen-Transfer offensichtlich wurden.

Anders ist es bei Angelo Stiller, der in der letzten Spielzeit das Gesicht des Aufschwungs der Münchner Amateure war. Dennoch bekam er nie wirklich eine Chance sich für höhere Aufgaben zu empfehlen, sondern war bei Flick kaum mehr als ein Lückenfüller im Training. Ohne das wichtige Training auf hohem Niveau stagniert die persönliche Entwicklung. Noch wichtiger aber, dass Stiller so auch nicht die (gruppen-) taktischen Facetten des Flick-Systems kennenlernen kann. Kein Wunder, dass der Trainer ihm dann ohne Vertrautheit mit dem System auch keine Chance in der ersten Mannschaft gibt.

Der nächste spannende Fall auf der Position wartet schon mit Jugendspieler Torben Rhein, der von vielen Seiten als eins der größten Talente des Bayern-Campus bezeichnet wird. Wird Flick bei ihm anders verfahren als noch mit Stiller? Der Transfer des nur wenig älteren und auf der gleichen Position eingesetzten Tiago Dantas setzt ihm hier einen handfesten Konkurrenten vor die Nase. Nicht die besten Voraussetzungen.

2. Mythos der kaufwütigen Bayern

Es ist ein Mythos so alt wie die Bundesliga selbst: Der große FC Bayern kauft die Liga leer. Mag dies in den 2000er-Jahren noch gestimmt haben, so ist der aktuelle Erfolg der Münchner nicht mehr mit diesem Ammenmärchen zu erklären. Höchste Zeit also, dieser Legende auf die Schliche zu kommen und sie ein für alle mal zu widerlegen.

Aus dem aktuellen Kader der Münchner sind lediglich acht Spieler von einem anderen Bundesliga-Team an die Isar gewechselt. Bei den Dortmundern, deren Chef Watzke dieses Fass gerne aufmacht, sind es immerhin zehn. Sieben davon kamen seit 2017 zum BVB, bei den Münchnern nur vier. Von den acht Spielern kamen Kimmich und Nübel zudem vor ihrem ersten Länderspiel zu den Bayern. Selbst Gnabry und Goretzka wurden in der Öffentlichkeit eher als Kaderfüller denn als Star-Verpflichtungen gesehen.

Drei Zugekaufte unter sich: Neuer, Götze und Lewandowski
(Photo by Federico Gambarini/Pool via Getty Images)

Sucht man die Liste der teuersten Abgänge der Bundesligisten, muss man bis auf Platz 17 scrollen, um den ersten Bayern-Transfer zu finden: Mario Götze. Davor liegen unter anderem der VfL Wolfsburg, Newcastle United und West Ham United. Könige der “Wegkäufer” sind derweil die Engländer: Manchester City mit zwei Spielern in der Top-10 für insgesamt 128 Millionen Euro und der FC Chelsea mit drei Spielern für insgesamt 197 Millionen Euro. Sortiert man die Liste nach Marktwert zum Zeitpunkt des Wechsels (laut transfermarkt.de) rücken noch Lewandowski und Goretzka in die Top-25. Allerdings auch Brandt, Hazard sowie Hummels und Götze beim Wechsel zurück in den Pott.

Bayern ist also wohl kaum als kaufwütig anzusehen. Die Kronjuwelen der Bundesliga zogen in den letzten Jahren den Wechsel ins Ausland vor. Dembélé, de Bruyne, Havertz – am Ende kamen sie alle nicht nach München. Der letzte wirkliche Superstar der Liga, der nach München wechselte, war Robert Lewandowski, und das an seinem Vertragsende. Die heutigen Stars des Vereins sind vielmehr gut gescoutete Spieler, die frühzeitig verpflichtet wurden oder aus dem Ausland zum Team kamen. 

3. Die Phasen eines Spiels

Die berühmte erste Viertelstunde, die Zeit direkt nach der Halbzeitansprache oder die berüchtigte Schlussoffensive – alle drei sind vielzitierte Phasen eines Spiels. Doch wie performt der FC Bayern in diesen Abschnitten in der aktuellen Saison? 

Die Statistik-Website Understat stellt ihre Daten für expected Goals, aber auch traditionelle Werte wie Tore und Torschüsse für 15-minütige Abschnitte bereit. Das Spiel wird somit in sechs Phasen unterteilt. Daraus lassen sich für die Münchner gleich mehrere interessante Schlüsse ziehen.

Die Anfangsphase der Partie, wenn beide Mannschaften sich oft abtasten, kann häufig ein Spiel entscheiden. Im letzten Jahr hatten die Bayern hier noch regelmäßig die Gegner überfallen und mit 19:4-Toren den Abschnitt für sich entschieden. Dieses Jahr hingegen steht man bisher bei 6:4-Toren. In keiner anderen Viertelstunde traf man so selten! Dabei fehlt vor allem die Präzision. Understat listet nämlich gleichzeitig den Höchstwert von 7,7 expected Goals. In keiner anderen Phase sollten die Münchner ihre Gegner so dominieren, liegt die xG-Differenz doch bei 5,19 Toren. Doch auf dem Platz sieht die Wahrheit anders aus.

Tore und Gegentore der Bayern in den einzelnen Phasen eines Spiels
(Grafik: Maurice, Daten: Understat)

Sorge bereitet auch die Phase vor dem Pausenpfiff. Zwar schießt man in dieser Viertelstunde so oft aufs Tor wie in keiner anderen Phase, allerdings kassiert man mit sieben Gegentoren auch so viele Treffer wie in keinem anderen Abschnitt. Es scheint fast so als würde der Gegner merken, dass er es dieses Mal nicht mit den übermächtigen Bayern zu tun hat und zusehends an Mut gewinnt. Siebzehn Tore fallen auf beiden Seiten in den 15 Minuten – ein weiterer Höchstwert.

Nach der Pause folgt – zumindest statistisch – die stärkste Zeit des Rekordmeisters. Elf Tore in der Viertelstunde nach Wiederanpfiff sind Bestwert. Die Tordifferenz von +7 erreicht man sonst nur noch in der Phase zwischen der 60. bis 75. Minute. Die neun Tore in diesem Abschnitt erzielt man zudem effizient mit elf Schüssen weniger als die zehn Tore in der Viertelstunde vor der Pause. In der halben Stunde nach der Halbzeit schießt Bayern somit 20:6 Tore und damit knapp 37% ihrer Treffer insgesamt. 

Eigene und gegnerische Schüsse des FC Bayern in den verschiedenen Spielabschnitten
(Grafik: Maurice, Daten: Understat)

Die Schlussviertelstunde ist dann auch so hektisch und offen, wie man sie am Fernseher wahrnimmt. Die Gegner kommen auf 38 Torschüsse, was mit einem Abstand von fünf Schüssen absoluter Höchstwert ist. Gleichzeitig kommen die Bayern mit nur 47 Schüssen ebenfalls auf einen vergleichsweise niedrigen Wert. Vor dem Schalke-Spiel waren es sogar noch weniger als 40. Auf beiden Seiten sind die Chancen zudem hochwertig, liegt der kombinierte xG-Wert beider Teams doch bei 12,8 Toren, was ebenfalls ein Höchstwert ist. Da scheint es fast ein Wunder, dass die Münchner diesen Abschnitt bisher mit 10:5-Toren gewinnen konnten.

4. Was bedeutet das Pokal-Aus?

Ich gebe es ganz offen zu: Ich bin ein Fan des Pokals. Diese Runden mit Endspiel-Charakter haben mir in den letzten Jahren viele innige und bemerkenswerte Momente beschert. Wer erinnert sich noch an graue Samstagnachmittage mit dem x-ten 3:0-Sieg über den SV Augsburg 05, oder so ähnlich. Im Pokal hingegen, da spielt Bayern 5:4 gegen Heidenheim, verschießt vier Elfmeter gegen Dortmund, zittert bis ins Elfmeterschießen gegen Burghausen oder spielt gegen den Verein aus meinem Geburtsort. 

Was bedeutet also das früheste Pokal-Aus seit 2000? Ich kann mich noch gut an das Ausscheiden damals im Dezember 2006 in Aachen erinnern. Der Hexenkessel Tivoli wurde damals zur Stolperfalle für die Bayern im letzten Magath-Jahr. Und nebenbei bemerkt auch zum Sprungbrett für den Torschützen zum 4:2-Endstand, Jan Schlaudraff. Die Elf war endgültig am Ende ihrer damaligen Zusammenstellung angekommen. Eine Mischung aus Missmanagement, fehlender taktischer Finesse und mangelnder spielerischen Frische sorgte im Jahr nach dem wiederholten Double für Frustration und führten ultimativ zum Ende von Magath sowie dem bitter nötigen Umbruch.

So sehen Verlierer aus: Der FC Bayern nach dem Pokal-Aus
(Photo by FABIAN BIMMER/POOL/AFP via Getty Images)

Die Vorzeichen heute sind ungleich anders, auch wenn die Münchner unter Flick momentan ebenfalls ein kleines spielerisches Tal durchschreiten. Der Kader heute ist beträchtlich besser besetzt als 2006. Man kann sogar argumentieren, dass die vier Pausen im weiteren Saisonverlauf der Mannschaft für die verbleibenden Ziele zu Gute kommen können. Der Pokal war für das Triple schon immer nur Pflicht und nie Kür.

Und dennoch wird am 13. Mai in Berlin zum ersten Mal seit 2017 und erst zum vierten Mal seit 2010 keine Münchner Mannschaft teilnehmen. Ob ich diese Saison überhaupt noch ein Pokalspiel schauen werde? Ich weiß es nicht. Eine schlimme Sache kann sich übrigens glücklicherweise nicht wiederholen. Denn während 2007 schlussendlich die Nürnberger den Pokal gewannen, sind die Clubberer dieses Jahr schon ausgeschieden. Ein Titel für Franken, das braucht wirklich keiner.

5. Die 200-Tage Bilanz von Sané

Wenige Transfers in den letzten Jahren waren an so viele Erwartungen geknüpft wie der von Leroy Sané im vergangenen Sommer. Der deutsche Flügelstürmer sollte der legitime Nachfolger des Münchner Duos Robbery als Weltklassespieler auf der offensiven Außenbahn sein. Wohlgemerkt nach einer Saison in der dem einen aktuellen Flügelspieler der Bayern das Siegtor im Champions-League-Finale gelungen war und der andere 23 Tore sowie 14 Vorlagen in allen Wettbewerben beigesteuert hatte. Wie sieht sie nun also aus die erste Bilanz von Leroy Sané.

Im direkten Vergleich mit seinen beiden Konkurrenten Coman und Gnabry sticht Sané rein statistisch nicht heraus. Mit sieben Toren ist er der erfolgreichste Torschütze der drei, seine insgesamt zwölf Scorerpunkte sind nur etwas weniger als Comans 15. Alle drei absolvierten etwa 20 Spiele, wobei Gnabry mit 24 Einsätzen die meisten hat. Nach Minuten hatte Sané, der erst zwei Mal volle 90 Minuten spielte, bisher die geringsten Spielanteile.

Bei den Advanced Stats zeigt sich ein ähnliches Bild. Egal ob Schüsse, Key Pässe, expected Goals oder expected Assists – auf 90 Minuten gerechnet liegt Sané immer auf Augenhöhe mit seinen beiden Mitstreitern. Mal liegt der eine, mal der andere vorne. Der Neuzugang konnte zumindest bisher den Angriff der Münchner nicht alleine auf ein neues Niveau heben. Dafür gibt es mit der kurzen Vorbereitung und seiner langen Verletzung allerdings auch gute Gründe.

Bisher hinkt das Traum-Duo Sanabry noch hinter den Erwartungen her
(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Auffällig ist jedoch, dass sich die Ungenauigkeiten beim Deutschen, die auch beim Zuschauen immer wieder auffallen, in der Statistik niederschlagen. 2,6 unsaubere Ballannahmen sind Höchstwert im Trio und eine mehr als Coman. 77% Passquote ist klar der schlechteste Wert unter den dreien und das bei nur 20 Ballaktionen pro 90 Minuten, was ebenfalls Tiefstwert ist. Das Spiel läuft teilweise an Sané vorbei, statt durch ihn. 

Der Eindruck verfestigt sich, dass Sané eher ein Spieler für eine Aktion als für eine Partie ist. Eine Aktion kann zwar auch ein Spiel entscheiden, doch die Erwartungen an einen Weltklasse-Spieler über 90 Minuten konnte Sané bisher noch nicht annähernd erfüllen. Dies ist allerdings auch Trainer und Spieler bewusst, die beide immer wieder betonen, dass es einen behutsamen Aufbau benötigt. Wer weiß, was ein hundertprozentig fitter Sané mit einer kompletten Vorbereitung zu leisten im Stande ist…

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